Aktuelle Zeit: 19. Juni 2019, 21:41


Programmbeschwerde: Magazin „rundum gesund“

Hier veröffentlichen wir externe Programmbeschwerden mit freundlicher Genehmigung der Beschwerdeführer. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die in den Beschwerden thematisierten Anliegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Beschwerdeführer liegen und diese nicht automatisch die Meinung der Forenbetreiber wiederspiegeln.
  • Autor
  • Nachricht
Offline
Benutzeravatar

Maren

  • Beiträge: 6179
  • Registriert: 31. Januar 2014, 21:01
  • Wohnort: Leipzig

Programmbeschwerde: Magazin „rundum gesund“

Beitrag8. Mai 2019, 21:03

E-Mail: info@SWR.de

Programmbeschwerde

Beschwerde über den Moderator des Magazins „rundum gesund“ Dennis Wilms wegen der Verletzung von Programmgrundsätzen des § 6 Abs. 3 des SWR-Staatsvertrages, speziell gegen diese Norm:

„Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen, auch beim Einsatz virtueller Elemente, zu entsprechen. Sie sind gewissenhaft zu recherchieren und müssen wahrheitsgetreu und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen.“

Es handelt sich dabei um die Ausgabe zum Thema Blutdruck vom 15.4.2019 | 20.15 Uhr | 44:35 min.
https://www.swr.de/unternehmen/kommunik ... 9-104.html
Moderator: Dennis Wilms

Vorbemerkung: Mehrere E-Mails mit meiner Kritik an Herrn Wilms sowie an Frau Krüger von der Pressestelle blieben bisher unbeantwortet.

Als Experte wurde der „Science-Slammer“ und TV-affine Nichtmediziner (Student) und Kabarettist von Borstel befragt. In Wilms Sendung zum Thema „Rücken“ durfte Prof. Dietrich Grönemeier als Experte fungieren, den der Spiegel „Professor Hokus Pokus“ nannte: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49298906.html

Begründung:

Als Einstieg in das Thema präsentiert Herr Wilms einen Patienten mit einer nicht repräsentativen Ursache von Hypertonie, nämlich mit einem Tumor der Nebenniere. Dies gehört zu den seltenen sekundären Ursachen, während die primären Auslöser von Bluthochdruck mit 90 % quotiert sind.

Ein Beispiel, von dem die meisten Zuschauer informell nicht profitieren. Herr von Borstel hat dies als Seltenheit danach korrigiert.

Dann verkündet der „Experte“, von dem Moderator unwidersprochen den Mythos von der familiären Prädisposition als eine von diversen Ursachen. Es ist inzwischen populärwissenschaftliches Allgemeingut, dass aufgrund der jungen Wissenschaft der Epigenetik durch entsprechende Lebensweise verhindert werden kann, dass bestimmte Gene überhaupt angeschaltet werden. Genetische Dispositionen sind längst kein Schicksal mehr.

Herr Wilms hat sich hier nicht vorher informiert und nimmt in Kauf, dass sensible Zuschauer in Angst versetzt werden.

Bei der Verifizierung der Funktion und den Störungen des Blutdrucks anhand des Models im Studio handelte es sich um eine Banalisierung und Infantilisierung von Binsenweisheiten, die auch dem durchschnittlich informierten Zuschauer bereits bekannt sein dürften. Herrn Wilms hätte als preisgekrönter Journalist wissen müssen, dass zuerst Organe mit Kapillargefäßen und entsprechend dünnen Gefäßwänden wie Nieren, Nasenhöhlen und Gehirn dem Hochdruck zum Opfer fallen.

Bei der Erörterung der Blutdrucknormwerte wird vorangestellt, dass ein mmHG von 120/80 der „klassische“ sei. Das ist natürlich eine verhängnisvolle Aussage. Mit der Cochrane-Studie wurde dieser Wert in den USA bestimmt und über Nacht 35 Mio bisher gesunde Menschen zu Hypertonikern gemacht.

Keine Anmerkung, geschweige denn ein Widerspruch dazu von Herrn Wilms.

Die Geschichte der Blutdrucknormen ist Meisterstück an Verbraucherirritation. In den 50er und 60er Jahren hieß es 100 plus Lebensalter. In dem Bestseller "Bitte Pillen" - Ausgabe von 1986 wird ein gesunder Blutdruck mit 160/95 angegeben. Dieser Ratgeber wurde unter Mitarbeit von weltweit renommierten Medizinern, darunter auch verantwortungsbewusste Kardiologen, zusammengestellt. Danach kam dann der Normwert von 140/90, 140/80 und jetzt 130/80 in Deutschland.

Quelle: SWR „Odysso“
https://www.swr.de/odysso/blutdruck-sin ... 4/1unagx4/

Eines Tages sind die Hypertonienormen so weit herabgesetzt, dass alle Menschen behandlungsbedürftig sind. (Vgl. Jörg Blech: „Die Krankmacher“, „Bewegung ist alles“!). Herr Wilms hätte als aufmerksamer Moderator doch einmal nur nachfragen müssen, wieso angesichts einer derart menschenfürsorglichen Prävention durch Herabsetzung der Normwerte Herz- und Kreislaufkrankheiten weltweit immer noch Nr. 1 und 2 der Todesursachen sind.

Der überflüssige, weil abseitige Dialog zwischen den beiden Protagonisten über die „Präeklampsie“ bei nur 5 % der Schwangeren hat mit Sicherheit die meisten Zuschauer überfordert, weil es sie nicht betrifft.

Bei der Vorstellung unterschiedlicher Blutdruckmessgeräte wurde jeweils der Name des Herstellers genannt. Wegen dieses Produktplacements ist Herr Wilms für das Sendeformat nicht mehr tragbar,

Fazit: Mit den als verantwortlicher Journalist und Moderator eines medizinwissenschaftlichen Sendeformats verbundenen Desinformationen hat Herr Wilms auf verantwortungslose Art gegen journalistische Standards wie Sorgfaltspflicht, Recherche und Wahrheitsgebot, wie in § 6 Abs. 3 formuliert, verstoßen.

Mit freundlichen Grüßen

xxxxxx*

*Der Einsender der Beschwerde ist uns und dem SWR bekannt.
Offline
Benutzeravatar

Maren

  • Beiträge: 6179
  • Registriert: 31. Januar 2014, 21:01
  • Wohnort: Leipzig

Re: Programmbeschwerde: Magazin „rundum gesund“

Beitrag12. Mai 2019, 11:12

Sehr geehrter Herr XXXX,

wie zu erwarten, sind Sie auf einige meiner Kritikpunkte gar nicht eingegangen. Den Dilletantismus Ihres Herrn Wilms, der im Gegensatz zu anderen Moderatoren von TV-Gesundheitsmagazinen kein Mediziner ist, erwähnen Sie überhaupt nicht. Ich habe selten eine derart inkompetente und miserable journalistische Leistung gesehen. Von Medizinkritik und qualitativ guter Information keine Spur. Weiss Herr Wilms überhaupt, was Epigenetik bedeutet? Stattdessen ein Dialog zwischen Mainstream und Exotik.

Zum Produktplacement ebenfalls kein Wort.

Ich bin mal gespannt, was die für 2021 geplanten und in der Pipeline befindlichen neuen Leitlinien an Überraschungen bringen. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ ... l-009.html Eine weitere Herabsetzung der Normen oder endlich eine Abstufung nach Altersklassen? Hat Herr Wilms das auch nicht gewußt?

Meine Anmerkungen finden Sie unten in fett gedruckter und kursiver Schrift.

Ich gehe davon aus, dass meine Beschwerde einschließlich unserer Korrespondenz dem Beschwerdegremium vorgelegt wird. Sollte dies nicht geschen, bitte ich um Benachrichtigung.

Mit freundlichen Grüßen
XXXXXX


Antwort des SWR mit Einschüben (hervorgehoben) des Beschwerdeführers:

Betreff: Ihre Zuschrift zu rundum gesund Blutdruck[/b]

Sehr geehrter Herr XXXX,

vielen Dank für Ihre Zuschrift zu unserer Sendung rundum gesund, konkret zu der Ausgabe mit dem Themenschwerpunkt Bluthochdruck.

Tatsächlich hat sich unser Studiogast Johannes Hinrich von Borstel so ausgedrückt, dass man ihn missverstehen könnte, in dem er überhaupt von einer „alten Einheit“ sprach.

Herr von Borstel behauptet jedoch nicht, dass 120/80 eine alte Einheit sei, sondern dass mm Quecksilbersäule eine alte Einheit sind. 120/80 ist ein Grenzwert. Ihnen ist da eine Verwechslung von Maßeinheit mit Grenzwert unterlaufen. Ich gestehe zu, daß mm Quecksilbersäule etwas altbacken klingt, weil längst niemand mehr Quecksilbersäulen zum Messen einsetzt. Allerdings ist das immer noch die aktuelle Maßeinheit, die auch heute noch verwendet wird.

Sie irren. Ich habe die Maßeinheit nicht kritisirt, sondern die Norm. Zit.: "Der klassische Blutdruck liegt bei 120 zu 80 mm Quecksilbersäule." Das war die direkte Antwort auf die Frage von Herrn Wilms: "Was ist ein normaler Brlutdruck.?" Ab Min. 23:40. Die Maßeinheit erklärt der Befragte erst im Anschluss.


Sie können sich die Sendung gerne noch einmal daraufhin in der ARD/SWR-Mediathek ansehen: https://www.ardmediathek.de/swr/player/ ... /blutdruck

Ich habe mir das Video vor Abfasung meiner Beschwerde mehrfach angesehen. Heute meine ich sogar, dass es wegen seiner propagandistischen Wirkung aus der Mediathek genommen werden sollte. (Es bleibt ja auf Youtube.)


Aktuell definieren die European Society of Cardiology (ESC) und die European Society of Hypertension (ESH) die Grenze der Krankheit Bluthochdruck, der Hypertonie, bei 140/90. Ab einem „hochnormalen“ BP (130–85 mmHg) soll laut ESC eine Therapie zumindest erwogen werden.

Der alte Grenzwert „Alter plus hundert“ wurde verlassen, weil Studien zeigten, dass er mit einem erhöhten Risiko für Infarkt und Schlaganfall einhergeht, u.a. die bekannte Framingham-Studie.

US-Experten sind in der Tat rigoroser. Sie diagnostizieren bereits ab einem diastolischen Wert von 120 eine sogenannte Prähypertonie – auch darauf kommen Sie ja zu sprechen. Wichtig zu wissen: Die Diagnose Prähypertonie wurde in Europa aber so nicht übernommen!

Die von Ihnen zitierten US-amerikanischen Studien, denen zufolge „bei Menschen jenseits des 60. Lebensjahres ein Blutdruck von 160/90 keine Verkürzung der Lebenserwartung bedeute“, sind überholt. Möglicherweise haben Sie die in Ihrem Bestseller von 1986 gefunden?

Ich korrigiere mich und sage, dass laut Sprint-Studie der Normwert für über 60-Jährige in den USA bei 150/90 liegt. Das gilt auch in Deutschland. Beleg/Quelle: http://www.gbe-bund.de/gbe10/abrechnung ... ring=11731


Das Gegenteil ist der Fall: Laut der sogenannten Sprint-Studie aus dem Jahr 2015 ist es für Menschen über 50 sogar empfehlenswert, einen Zielwert von 120 mm Hg systolisch anzustreben. Dadurch lässt sich das Risiko für einen Infarkt, einen Schlaganfall und auch für ein frühzeitiges Sterben deutlich senken.

Hier in Europa zögert man aber, diesen Grenzwert zu empfehlen, weil die vielen Medikamente, die man ggf. dazu schlucken muss, ebenfalls ihre Nebenwirkungen haben. Die Hirndurchblutung kann im Alter manchmal kritisch sein.

Falsch: Siehe den Link oben! Medikamentöse Senkung des Blutdruck bei alten Menschen auf syst. 120 ist die Hauptursache für Stürze mit Oberschenkelhalsbrüchen aufgrund der stark herabgesetzten Grobmotorik. Insofern prinzipiell wegen des Risiko/Nutzen-Verhältnisses nicht indiziert.


Für Menschen jenseits der 65 empfiehlt die ESC stattdessen, einen Zielwert von 130–139 mmHg anzustreben. Angeraten wird der Beginn einer Therapie ab 140–159 mmHg – allerdings immer abhängig vom Vorliegen anderer kardiovaskulärer Risikofaktoren.

Sicherlich haben bei der Definition dieser Grenzwerte auch die Interessen der Pharmaindustrie eine Rolle gespielt. Aber die lebhaften Diskussionen um die Sprint-Studie und ihre Bedeutung demonstrieren, dass ein Großteil der Mediziner deren Interessen nicht mehr blind folgen will. Und dass sich das auch in den Leitlinien widerspiegelt. Zudem ist mit den meisten Blutdruckmedikamenten auch nicht mehr viel Geld zu verdienen, weil der Patentschutz abgelaufen ist.

Dieser Schutzbehauptung von Ihnen widersspricht die Plattform "leitlinienwatch.de":
https://www.leitlinienwatch.de/


Unbestritten haben ACE-Hemmer bei manchen Menschen Nebenwirkungen. Vor allem um den Reizhusten zu vermeiden, wurden die verwandten Angiotensin-Rezeptorblocker auf den Markt gebracht, die weniger Nebenwirkungen haben. Es gibt aber noch andere Medikamente, die wie die ACE-Hemmer zur ersten Wahl bei der Hypertonietherapie zählen, z.B. ausschwemmende Diuretika. Auch im Rahmen einer Zweierkombination, die in Frage kommt, wenn die Einfachtherapie nicht ausreichend wirkt, gibt es noch reichlich Alternativen – über die Wahl entscheiden unter anderem die Begleiterkrankungen.

Die ACE-Hemmer haben u.a. in der AASK-Studie bewiesen, dass sie im Vergleich zu Konkurrenzprodukten nicht nur ähnlich gut den Blutdruck senken, sondern auch erfolgreicher als diese das Leben verlängern.

Weitere Informationen zum Thema Bluthochdruck finden Sie bei der Deutschen Hochdruckliga e.V., einer als gemeinnützig anerkannten, wissenschaftlichen, medizinischen Fachgesellschaft und Betroffenen-Organisation: https://www.hochdruckliga.de/bluthochdruck.html

Das Video über die krititische "odysso"-Ausgabe Ihres Haussenders zum Thema Blutdruck zeigt, dass es sich aufgrund von Interessenkonflikten einiger Experten keineswegs um eine industrieunabhängige Institution handelt. https://youtu.be/gR4oyQUmatI?t=328


Was die genetische Prädisposition angeht: Sie führt nicht zwangsläufig zur Ausbildung einer Hypertonie. Das behaupten wir in der Sendung deswegen auch nicht. Trotz bestehender erblicher Veranlagung kann der Blutdruck durch die Veränderung von Lebensstilfaktoren gesenkt werden. Laut Robert-Koch-Institut wird der Blutdruck zu 30–40 Prozent von genetischen und zu 60–70 Prozent von Umweltfaktoren beeinflusst. Das heißt, eine genetische Prädisposition führt nicht zwangsläufig zu einem Bluthochdruck, aber sie trägt maßgeblich dazu bei. Und zwar ist inzwischen erwiesen: Es gibt eine epigenetische Steuerung der Gene, aber das heißt nicht, dass deshalb jedes Gen abgeschaltet werden kann oder seine Anschaltung verhindert werden kann und die Aktivität aller Gene deshalb zu 100 Prozent durch Umweltfaktoren bestimmt würde. Epigenetische Veränderungen, die dazu führen würden, dass die Produktion von Adrenalin – ein blutdrucksteigerndes Hormon - ausgeschaltet wird, würden z.B. unweigerlich zum Tod führen.

Die Epigenetik stützt sich unter anderem auf die Forschung über Biografien eineiiger Zwillinge. Dabei hat sich gezeigt, dass diese trotz übereinstimmender genetischer Ausstattung unterschiedliche Krankheitsrisiken bzw. Krankheiten entwickelten.
Kardiologen der oldschool fragen immer noch danach, ob Eltern von Patienten vor ihrem 60. Lebensjahr einen Herzinfarkt hatten. Sie fragen nicht, ob das Infarktriiko durch falsche Lebensweise erworben wurde oder ob die Großeltern dieses Risiko bereis weitergegeben haben. Das ist das überholte Dogma des genetisch präpositionierten Schicksals.


Mit freundlichen Grüßen

Südwestrundfunk
Programmdirektion Information
Familie und Service
76530 Baden-Baden

XXXXX* Die Namen des Beschwerdeführers als auch der des Mitarbeiters des SWR sind uns bekannt.

Zurück zu Sammlung externer Beschwerden

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google [Bot] und 5 Gäste