Je suis Chapel Hill

Bei einem Dreifachmord in der US-amerikanischen Universitätsstadt Chapel Hill wurden bereits am Dienstag, den 10.02.2015 drei Studenten auf offener Straße erschossen – ja geradezu hingerichtet. Die jungen Muslime waren zwischen 19 und 23 Jahre alt und wurden mit Kopfschüssen niedergestreckt. Der feige Mord an diesen jungen Leuten sorgt in den sozialen Medien weltweit für Aufsehen. Ihre Verdienste, ihre herausragende Bildung und ihr soziales Engagement wurden gewürdigt und auf Twitter wurden im Sekundentakt Beiträge mit den Hashtags #ChapelHillShooting und #MuslimLivesMatter gepostet.

„Stell dir vor, ein Moslem tötet in den USA drei Studenten christlichen Glaubens. Wie würde die Welt reagieren?“, vermisst ein User den öffentlichen Aufschrei nach dem Dreifachmord.

Ein anderer schreibt: „für #ARD und #ZDF taugt der #Muslim anscheinend nur als Terrorist #MuslimLivesMatter #ChapeHillShooting“.

„Wäre der Mörder ein Moslem gewesen, hätten wir jetzt wieder eine Terrorismus Debatte #ChapelHillShooting #MuslimLivesMatter“

Religionswissenschaftler Michael Blume kritisierte in einem Blogeintrag auf „Scilogs“, dass weder die Tagesschau noch die Tagesthemen über die Tat berichtet hätten. „Hätte ich nicht Twitter und Facebook genutzt, so hätten mich diese verstörenden Meldungen aus den USA überhaupt nicht erreicht“, schreibt Blume.

Karikatur

Viele Medien berichteten umgehend über dieses Verbrechen – nicht so Flagschiff und „Marktführer“ der deutschen Nachrichtengebung „Tagesschau“, die sich nach Protesten ob dieser Nachrichtenverweigerung zu folgender Rechtfertigung genötigt sah:

Zitiert von der Facebookseite:
Der Mord an drei jungen Menschen im US-Bundesstaat North Carolina hat viele Menschen bewegt. Vor allem in den sozialen Netzwerken wird heute die Frage gestellt, warum verschiedene Medien, auch wir, nicht früher darüber berichtet haben. Gestern war bekanntlich ein sehr nachrichtenstarker, für die Stabilität Europas bedeutender Tag: Der Gipfel von Minsk beherrschte alle Nachrichten, hinzu kam der Konflikt um die griechischen Schulden. Auch das Urteil gegen den Kapitän des gesunkenen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia interessierte sehr viele. Die Nachrichtensendungen waren geprägt von vielen Live-Schalten, weshalb so manche Planung verändert werden musste. So konnten wir letztlich entgegen der Planung in den Tagesthemen nur einen kurzen Bericht senden zum Staatsakt für den verstorbenen früheren Bundespräsidenten Weizsäcker. Auch dieses Thema hatte hohe Bedeutung. „Als sei die alte Bundesrepublik gestorben“, überschrieb etwa die Welt ihren gestrigen Artikel. Solche Entscheidungen schmerzen, sie sind der Dynamik einer aktuellen Nachrichtensendung geschuldet. Zurück zur Schießerei in Chapel Hill: Die erste Meldung erreichte die Redaktion am Morgen. Meldungen über Schießereien in den USA erreichen uns – leider – fast täglich. Im Laufe des gestrigen Tages gab es zahlreiche Spekulationen darüber, ob die Morde möglicherweise einen religiösen oder rassistischen Hintergrund haben könnten. Die Ehefrau des Todesschützen zum Beispiel erklärte gestern in Interviews, dass die Morde nicht religiös oder rassistisch motiviert waren, sondern dass es um einen bereits lange andauernden Parkplatz-Streit ging. Vor dem Hintergrund dieser Bewertung und angesichts der dominierenden anderen Nachrichten zur Zukunft Europas ist dieses Ereignis zunächst unberücksichtigt geblieben. Die stetig steigende Zahl an Reaktionen auf die Tat – nicht nur in den sozialen Netzwerken, aber auch die Tatsache, dass tausende Menschen in den USA zum Gedenken an die Opfer auf die Straße gegangen sind, hat uns dazu bewogen, heute in der Hauptausgabe der Tagesschau um 20 Uhr, auf tagesschau.de und im ARD-Nachtmagazin über das Thema zu berichten.

Man braucht sicherlich nicht lange fachsimpeln, warum dieses Hassverbrechen an den drei jungen Leuten es nicht auf Anhieb in die öffentlich-rechtliche Nachrichtengebung schaffte. Es genügt, sich die entsprechenden Sendungen anzuschauen, die seit dem Tag des Verbrechens gelaufen sind und hat schon rein emotional mehrere Ideen um sich redundanten Inhalt aus den Berichten wegzudenken und Platz für wirklich wichtige Meldungen zu machen.

Mein persönliches Statement dazu:
Zeitgenossen, die Menschenleben ungleich wichten, sind einfach nur ganz gewöhnliche Rassisten. Und dabei ist es völlig unerheblich, ob sie in Parlamenten, an Stammtischen oder in Redaktionsstuben sitzen. Alle, die sich erst kürzlich kollektiv hinter dem Slogan „Je suis Charlie“ verschanzten und von einem allumfassenden Angriff auf die Pressefreiheit fabulierten, sollten zunächst ihre eigene Verantwortung hinterfragen, wenn sich Ereignisse nicht in gewohnter Weise zur Instrumentalisierung eignen.


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