Publikumskonferenz im Visier

Publikumskonferenz im Visier

Die Kritik der Publikumskonferenz an Programm und Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der Nachweis der teils offensichtlichen Manipulationsversuche und der Desinformation scheint auch Journalisten des privaten Blätterwaldes zu tangieren. Auch sie sehen ihre Glaubwürdigkeit durch Kritiker aus dem gemeinen Fußvolk gefährdet, die eigentlich nur zu konsumieren, zu abonnieren und zu finanzieren haben und ansonsten vielleicht – wenn sie Glück haben – einen wohlmeinenden Kommentar unter die entsprechenden Artikel der Berufsschreiber setzen dürfen. Kritik an der Berichterstattung wird als Zersetzung, Trollerei und Mobbing neuer Wutbürger und Bescheidwisser disqualifiziert und es wird lauthals ein Angriff auf die Pressefreiheit im Abendland beschworen.

Ins Gespräch kommen wollen die Hüter der Meinungshoheit mit Kritikern natürlich nicht, man schreibt und schwadroniert lieber über sie, reagiert sich in Interviews und Blogs ab, ist innerhalb von Podien unter sich und versucht sich zu überbieten mit neuen Wortkreationen, Expertenmeinungen, Professorenschwurbel, verteilt eifrig diffamierende Etiketten und übt sich in völlig abwegigen Deutungsversuchen über die jeweiligen Motivationen der Kritiker.

Dabei sind alle Varianten möglich, nur ein Eigenverschulden der Medienschaffenden nicht.

Annäherung an Kritiker empfände die langjährige ARD-Redakteurin Sonja Mikich auf Anfrage als „völlig unangemessene Belohnung für Renitenz und Nerverei.“ Die Chefredakteurin des WDR fühlt sich belästigt von der Arbeit der Publikumskonferenz.

WELT-Journalist Eigendorf warf Stefan Niggemeier vor, dass er die Publikumskonferenz „geadelt“ hätte, nur weil dieser unsere Form der Kritik als „vergleichsweise seriös“ beschrieb.
Spätestens hier frage ich mich: Was bilden diese Leute sich eigentlich ein?

Der Fluch der Naivität

Eine Freundin meinte zu mir, als ich beiläufig erwähnte, mich für ein Interview mit einer Journalistin von der WELT zu treffen: „Du lernst es wohl nie, wa!?“ und ein Mitstreiter attestierte mir zumindest Mut wegen dieses Unterfangens.

Nachdem der wohl unterirdischste Artikel anlässlich der Berichterstattung zur sogenannten Lanz-Petition just von diesem Blatt kam, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, da nie wieder vorzusprechen. Die Dame von DIE WELT verstand es allerdings, mich am Telefon davon zu überzeugen, dass sie wohl ein völlig anderes journalistisches Genre bediene und mit Boulevard nichts am Hut habe.

Frau Ileana Grabitz, Jahrgang 1973 und stellvertretende Ressortleiterin im Investigativteam der “WELT” traf mich am 13.11.2014 in Leipzig, um mit mir über die Ständige Publikumskonferenz zu sprechen – wie alles begann, was uns bewegt und wie das alles so abläuft mit den Beschwerden und der Arbeitsteilung. Fast zwei Stunden Gespräch, das Handy als Aufnahmegerät (meins auch) und natürlich wurden auch private Fragen gestellt. So ganz ohne Privates geht es schließlich auch bei Investigativ-Journalisten nicht. Wobei – was ist schon dabei? Ich antworte so ziemlich auf alle Fragen, wenn sie denn gestellt werden.

Da lange Zeit nach dem Gespräch noch immer kein Resultat in lesbarer Form aus dem Gespräch hervorging, dachte ich zunächst, dass das Material wohl doch nicht so spannend für ein Investigativteam war. Schließlich schreibt man da über brisante Themen wie NSU, Lebensmittel aus China, Dschihadisten, Geheimdienste, Ivan Rodionov und die Stiftung Warentest. Da passt die Publikumskonferenz irgendwie nicht rein.
Vor ein paar Tagen fiel ich dann aus allen Wolken, als ich erfuhr, dass ein Investigativ-Journalist des Investigativteams der WELT zu meiner Person recherchiert.

Das WELT-Investigativteam – Streng vertraulich!

Im Klartext: Dirk Banse, Jahrgang 1967, hatte im November letzten Jahres, also ungefähr zum Zeitpunkt des Interviews, beim Beauftragten für das Informationsfreiheitsgesetz beim BStU einen Antrag auf Herausgabe eines Behördenvorganges gestellt, in dem der SPD-Landesverband Sachsen im Jahr 1997 seine übliche Stasi-Überprüfung für Mandatsträger abfragte.

Dirk Banse, Absolvent der Leipziger Sektion Journalismus – auch unter dem Namen „Rotes Kloster“ bekannt, recherchiert vor allem Fälle, in denen Geheimdienste oder ein krimineller Hintergrund eine Rolle spielen. Wer im Roten Kloster studieren wollte, musste schon eine deutlich positive Einstellung zum Sozialismus nachweisen. Ich weiß nicht, was dort sonst noch an Inhalten vermittelt wurde, aber offenbar waren die nützlich für eine einschlägig investigative Laufbahn.

Ich könnte sowas nicht. Der Behördenvorgang, der eine Stasi-Überprüfung aus dem Jahr 1997 zum Inhalt hatte, ergab daher auch keine Hinweise auf eine hauptamtliche oder inoffizielle Tätigkeit für das MfS. Auch die zuvor und danach immer wieder erfolgten Überprüfungen, denen ich als Mandatsträgerin der SPD zuzustimmen hatte und die später auch anlässlich einer Bewerbung beim Bundesverwaltungsamt erforderlich waren, sind nicht besonders ergiebig.
Also, nicht ergiebig in dem Sinne, dass mir aus den Inhalten von Investigativ-Journalisten der Springer-Presse irgendetwas Bestimmtes angehängt werden könnte. Dass dieses lange Interview mit Investigativ-Journalistin Grabitz wirklich nichts Verwertbares zu Tage brachte, was man in guter alter Springer-Manier zur Demontage missliebiger Personen verwenden könnte, ist sicher ärgerlich.
Falls sich doch in nächster Zeit in den Untiefen meiner Biografie Ungeheuerlichkeiten fänden, die mich zu einem Rücktritt von meinem „Vorstandsposten“ bei der Ständigen Publikumskonferenz zwängen, so rückte eine andere Person nach. Soviel sei schon mal versprochen.

Chef-Investigativ-Journalist Jörg Eigendorf aus besagtem Investigativteam der WELT schrieb in einem Beitrag folgendes:

„Viele Verbindungen und Netzwerke aus Zeiten des Ostblocks sind noch lebendig. Die Identifikation mit der neuen Bundesrepublik nach 1990 ist in Teilen der Bevölkerung gering geblieben. Es ist zudem verdrängt worden, dass die alte Bundesrepublik einer der Hauptplätze für ostdeutsche und russische Spionage war. Nirgends hat es so viele Quellen gegeben, die heute noch kompromittiert werden können – ohne dass es erkennbar wäre.“

Besser kann man die Intention gar nicht in Worte fassen, die einen echten Investigativ-Journalisten mit eindeutigem Auftrag beflügelt, seinem natürlichen Deutungsdrang eindeutige Indizien beizufügen.

Man könnte es allerdings auch Verschwörungstheorie nennen.

Anstatt dem Pfusch, der teilweise aus den Redaktionen schwappt, ehrlich und selbstkritisch zu begegnen, aufzuarbeiten und ggf. zu ändern, wird die Schuld am aktuellen Desaster bei den Kritikern gesucht. Wer nicht einverstanden damit ist, was die meinungsbildende Berufsgruppe teilweise an Inhalten produziert und sich ernsthaft aus der Deckung traut um Medienkritik zu üben, ist also nicht nur wahlweise Putin-Troll, Russlandversteher, Nazi, Altstalinist, Verschwörungstheoretiker – sondern muss zusätzlich zwingend über KGB-Nähe verfügen und hauptamtlich oder inoffiziell für den MfS tätig gewesen sein.

Mein Fazit aus dieser Geschichte lässt sich leicht ziehen: Man kann ihnen nicht trauen.
Hätte mich Investigativ-Journalistin Ileana Grabitz im Zwei-Stunden-Informations-Gespräch direkt gefragt, sie hätte eine Antwort bekommen. Inklusive Bescheid.

Dass im Axel-Springer-Imperium offenbar einige Leute Probleme mit der Meinungsfreiheit ihrer Rezipienten haben, (Ja, auch Medienkritik wird vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt!) sollte zu denken geben. Spätestens auf dem Weg zum Zeitungskiosk.

„Einige der wichtigen Medienhäuser haben aufgehört, sich gegenseitig zu kritisieren –auch dann nicht, wenn einzelne Kampagnen veranstalteten oder Vendetta-Journalismus an Kritikern üben.“ (Giovanni di Lorenzo: Aus der Rolle gefallen. In: Die Zeit 29.9.2005)

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Banse,

Sie recherchieren seit November 2014 zu meiner Person und wollten in einen Behördenvorgang Einsicht nehmen, der meine Überprüfung auf hauptamtliche oder inoffizielle Tätigkeit für das MfS aus dem Jahr 1997 zum Inhalt hat.
Antragsteller dieser Überprüfung war seinerzeit der SPD-Landesverband Sachsen. Ich habe als Betroffene diesem Begehren meine Zustimmung verweigert und werde das auch künftig bei offiziellen Anfragen so handhaben – zumindest wenn das Begehren von Mitarbeitern der Springer-Presse und explizit aus Ihrem Team initiiert wird, da hier sowohl eindeutige Absichten als auch persönliche Interessen unterstellt werden können.

Das bedeutet nicht, dass ich ein grundsätzliches Problem damit habe, zu meiner Vergangenheit Stellung zu nehmen oder derartige Bescheide zu thematisieren, aber ich will direkt gefragt werden.
Während meines zweistündigen Gespräches mit Frau Grabitz im November vergangenen Jahres war dazu ausreichend Gelegenheit.
Im Anhang sende ich Ihnen den aktuellsten Bescheid von 2009 zu meiner Entlastung. Bescheid vom BstU
Falls Sie noch weitergehende Fragen oder Anliegen haben, die sich gut für die öffentliche Demontage meiner Person – und damit der Publikumskonferenz – eignen, so lassen Sie mich das gerne wissen.

Mit freundlichen Grüßen

Maren Müller

 

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