Über den Selbstversuch „Beziehung zwischen Journalisten und Kritikern“

Achtung! Der Beitrag kann Spuren von Satire, Rechtfertigungen und Geständnissen enthalten.

Das vergangene Jahr stand medienpolitisch ganz im Zeichen von Sendereihen und Veranstaltungen, die sich wie das sprichwörtliche Perpetuum Mobile um das Verhältnis von Medien und Publikum drehten. Zahlreiche Vertreter der schreibenden und sendenden Zunft besprachen das Thema unter striktem Ausschluss echter Kritiker und unter Zuhilfenahme omnipotenter Medien-Wissenschaftler, die zwar mit der Verachtung der Bessergebildeten argumentieren, aber dann doch zur simplifizierenden Schubladisierung von Kritikern ausholen.

Nur ein paar Beispiele aus dem Katalog der Abhandlungen von oben herab:

Wie viel Medienschelte verträgt Pressefreiheit?
Streitraum: Misstrauen und Öffentlichkeit”
„Lügenpresse“ ist Unwort des Jahres
Wie glaubwürdig sind unsere Medien?

Da ich mich als Vertreterin einer kritischen Rezipienteninitiative natürlich sehr für diese Themen interessiere und bei einigen Podien auch schon als Podiumsgast zugelassen wurde, schrillen bei mir sämtliche Alarmglocken, wenn diverse Medienvertreter der eher staatstragenden Medien und ihr wissenschaftlicher Beistand inflationär mit dem Kampfbegriff „Verschwörungstheoretiker“ hantieren.

Taugte die Verschwörungskeule in der Vergangenheit lediglich für Anhänger der Chemtrailtheorie oder der BDR-GmbH, für Klimaskeptiker, Impfgegner oder andere Personenkreise mit abweichenden Weltbildern und Angsttheorien, wird heute die Schublade weiter geöffnet.

Das Hinterfragen und kritisieren einseitiger Positionen, das Anprangern offensichtlicher Fälschungen oder die Missbilligung klar erkennbarer politisch intendierter Ereigniskonstruktionen innerhalb der Nachrichtengebung, wird von Vertretern einer zunehmend verzweifelten Zunft inzwischen auf die gleiche Stufe gestellt wie komplett abwegige Thesen vereinzelter Randgruppen.

Dabei ist diese Taktik so durchschaubar wie infam, wenn diese Vorwürfe ausgerechnet aus einem Umfeld kolportiert werden, welches sich seit seinem Bestehen anmaßt, komplexreduzierend die Mär von Gut und Böse zu verbreiten und dabei bestimmen will, welches Unrecht als legitim gelten darf und welches nicht.

Insbesondere Formate öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten taten sich in der Vergangenheit schwer mit differenzierter Berichterstattung, was dieses Thema anbelangt. Ein paar ärgerliche Beiträge, in deren Vorgeschichten zwar ausführliche Gespräche stattfanden und viel Zeit aufgewendet wurde, jedoch die Resultate weit vom entsprechenden Input entfernt waren, veranlassten mich zur Vorsicht. Leider wartet bei dieser Art des Misstrauens bereits die nächste Falle in dergestalt auf, dass man sofort in die Nähe von PEGIDA und Co. gerückt wird, wenn man nicht mit „den Medien“ sprechen will. Obwohl….

Im letzten Jahr habe ich weit mehr Gesprächsangebote ausgeschlagen als angenommen. Die Sortierung zwischen vermeintlichen Fallen und ehrlichen Absichten ist gewöhnungsbedürftig und es kommt vor, dass dabei gelegentlich potentiellen Gesprächspartnern Unrecht getan wird.

Ob es im Falle der renommierten Sendereihe PANORAMA besser gewesen wäre, auf den Dreh zu verzichten, wird sich zeigen.

Die Offerte:

„ Wir wollen uns im Juni im ARD – Magazin Panorama im Rahmen eines Debattenbeitrages mit der Frage beschäftigen, wie Politik und Medien mit den veränderten gesellschaftlichen Diskussionsprozessen durch die Netzöffentlichkeit – manche sprechen ja auch von der fünften Gewalt – umgehen sollen. Dabei wir wollen wir versuchen, durchaus ein Stück Nachdenklichkeit in die Diskussion hineinzutragen.“

Das erwähnte Stück Nachdenklichkeit interessiert mich sehr, daher ließ ich nach einigem hin und her ausnahmsweise die Neugier gewinnen. PANORAMA ist schließlich nicht irgendein Format und wurde bislang auch noch nicht von Beschwerden belästigt – zumindest nicht von uns.

Der nette Kollege von PANORAMA, den ich bereits ein paar Wochen vorher bei einer Veranstaltung in Berlin traf, verstand es meine Bedenken zu zerstreuen und so trafen wir uns am 26.05.2015 in Leipzig zum verabredeten Interview und Dreh.

Leider ist mein Mitschnitt des Interviews akustisch so gut wie nicht zu gebrauchen. Mein Freund Yannis V. hatte mich zwar im Vorfeld vor unpopulären Maßnahmen wie dieser gewarnt, aber ich wollte einfach das Gespräch vernünftig und aussagekräftig nachbereiten.

Im Vorfeld des Drehs wurde mir vor Ort auf Nachfrage mitgeteilt, dass im Beitrag drei Kritiker vorgestellt würden. Ein „ganz normaler Mann“ aus dem Spektrum von PEGIDA, ein „echter Verschwörungstheoretiker“ und ich als Vertreterin der Publikumskonferenz. Auf meine sarkastische Bemerkung hin, dass man mich doch auch gerne in der Schublade der Verschwörungstheoretiker hätte, antwortete der PANORAMA-Mann:

„Sie verorten wir eher in der Mitte.“

Ich bin sehr gespannt darauf, ob meine Auskunft darüber, dass ich gesinnungstechnisch in der Anti-PEGIDA-Bewegung zu verorten bin, Eingang in den Sendeverlauf findet.
Auch auf das eingangs erwähnte „Stück Nachdenklichkeit in der Diskussion“ bin ich mehr als neugierig.

Es gab eine ganze Reihe von Fragen, die mich wieder aus dem Tritt brachten, obwohl ich gut vorbereitet war.
Das Problem mit Personen, die nicht durch Omnipräsenz in Talkrunden in ihrer Rhetorik gestählt sind und somit schlagfertig wohldurchdachte Ansagen unter die Leute bringen können, ist, dass sie leicht überrumpelbar sind. Je mehr man auf der Hut ist, umso größer ist die Gefahr und man verschwendet zu viel Energie auf Aussprache, Wirkung und Taktik, anstatt sich auf Inhalte zu konzentrieren. Allerdings sind diese Überlegungen schon aus dem Grund bedenklich, da sie das gegenseitige Misstrauen bereits sehr anschaulich beschreiben.
Die kognitiven Dissonanzen sind in diesen Tagen sehr präsent.

Nach allerlei allgemeinen Fragen und Geplänkel zur Entstehungsgeschichte des Vereins, nach Arbeitsteilung, Mitgliederzahlen, Arbeitsaufwand und Selbstverständnis, kamen die Einschläge näher.

So kam erwartungsgemäß die gefürchtete Frage auf, warum ich dem russischen „Propagandakanal“ RT deutsch – in dessen Sendungen regelmäßig „Verschwörungstheoretiker“ (Ulfkotte wurde genannt) auftreten würden – Interviews und Informationen gäbe und ob ich mich in „dieser Gesellschaft“ wohlfühlen würde.

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Da war ich zunächst baff, zumal RT meine Wortmeldungen und PMs stets wahrheitsgemäß und vollständig ohne Hinzudichtung oder Zensur ausgestrahlt hat, was man von den deutschen Qualitätsmedien nicht immer behaupten kann. Die vermeintlich „schlechte Gesellschaft“ bei RT besteht u. a. aus der halben Linksfraktion im Bundestag, der großartigen Daniela Dahn, dem CDU-Urgestein Willy Wimmer, dem couragierten Publizisten Jürgen Todenhöfer, dem Medienwissenschaftler Uwe Krüger, dem Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie Prof. Dr. Reinhard Merkel, dem Piraten Bruno Kramm und Albrecht Müller von den Nachdenkseiten, um nur einige zu nennen.

Gegen diese Gesellschaft ist imho nichts einzuwenden.

Wegen des Auftrittes bei RT haben mich bereits berühmte TV-Kritiker nebst hauseigenen Foristen übel gescholten, aber auf der anderen Seite auch viele Mitstreiter und Freunde beglückwünscht. Es kommt eben ganz darauf an, von welcher Seite aus man die Gesellschaft betrachtet. Die Gesellschaft, in die sich Korrespondenten und Journalisten öffentlich-rechtlicher Sender mitunter begeben, ist wesentlich gruseliger, wenn man z. B. an das besondere Verständnis für parlamentarische Rechtsausleger oder die mit Nazi-Devotionalien übersäten Banderafaschisten und deren geschichtsklittende Befehlshaber denkt.

Wer dem Publikum in einem pluralen System einen gesunden Menschenverstand zubilligt, mit dessen Hilfe es in Lage zur freien Meinungsbildung ist, kann den kleinen Sender RT deutsch nicht ernsthaft als Bedrohung ansehen, sondern einfach nur als Ergänzung zum vorhandenen Angebot, welches bekanntermaßen durchgängig durch antirussisches Ressentiment glänzt. RT hat seine Berechtigung in Deutschland genau so wie die Deutsche Welle in Russland und wird von mir, allem Geschrei zum Trotz, täglich vor der obligatorischen Tagesschau rezipiert. Über dämliche Inhalte und halbseidene Gäste rege ich mich bei beiden Sendungen gleichermaßen auf.

Natürlich braucht ein junger Verein wie die Publikumskonferenz Öffentlichkeit zur Mitglieder- und Unterstützergewinnung – und zwar in dergestalt, das idealerweise ein objektives Bild von unserer Arbeit gezeichnet werden sollte und unzutreffende Fremdzuschreibung unterbleibt. Dass das durchaus funktionieren kann, haben wir nach den Auftritten bei RT und auch nach einem entsprechenden Interview bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten in Form von sehr viel Zuspruch per Mail, Förder- und Mitgliedsanträgen sowie Spenden registriert. Diffamierende Berichte innerhalb deutscher Qualitätsmedien generieren diese Erfolgserlebnisse nicht.

Da es dem Verein Ständige Publikumskonferenz – wie bereits 100-fach erklärt, jedoch kaum angemessen berichtet – nicht um die Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten oder um einen Boykott an der Beitragsfront geht, sondern um klare Reformen innerhalb der Sender und Gremien im Sinne der Anspruchsberechtigten und des gesetzlichen Programmauftrages, ist diese Form der Öffentlichkeitsarbeit legitim.
Sowohl die zahlreichen Abonnenten von RT deutsch und auch die Nutzer der DWN sind ebenfalls Anspruchsberechtigte der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten in Deutschland und somit naturgemäß interessiert an der Verbesserung des Angebotes und der Kontrolle.

Eine weitere Frage stellte der PANORAMA-Mann sinngemäß immer wieder und spätestens beim dritten Mal hatte ich verstanden, worum es dem Fragesteller ging:

„Sie werfen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk einseitige und tendenziöse Berichterstattung vor.
Was, glauben sie, ist der Hintergrund dafür?“
„Warum, glauben Sie, machen die Kollegen das?“
„Warum, denken Sie, machen die Mitarbeiter diese Nachrichten so?“
„Sind es wirklich geopolitische/bündnispolitische Erwägungen die dahinter stecken?“
„Was, glauben Sie, steckt für eine Politik hinter dieser Berichterstattung?“
„Glauben sie an einen Geheimdienst, der dahinter stehen könnte?“

Als Verschwörungstheorie bezeichnet man im weitesten Sinne jeden Versuch, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken von Personen zu einem illegalen oder illegitimen Zweck.

Es war offensichtlich, dass eine bestimmte Antwort gebraucht wurde, die sich in die geplante Dramaturgie einfügt. Nach ausgiebigen Herumgeeire und dem wahrscheinlich erfolglosen Versuch nicht die gewünschte Antwort zu geben, machte ich den Vorschlag doch mal Herrn Gniffke danach zu fragen, der innerhalb der geplanten Sendung, neben oben schon erwähnten omnipräsenten Professor, auch eine tragende Rolle spielen wird.

Kritiker können immer nur vermuten, welche Intentionen hinter einer wie auch immer gearteten Berichterstattung oder Nachrichtengebung stecken. Die einen können ihre Vermutung aus Gründen ihres Status laut und völlig unbehelligt äußern, ohne in der Verschwörungsecke zu landen, die anderen können sich geharnischte Kritik leisten, weil sie aufgrund ihrer großartigen Arbeit über jeden Zweifel erhaben sind und die Nächsten tun das einfach Kraft ihres Amtes.

Bei der Nachbereitung des Gespräches und der Nachdenklichkeit über ähnliche Erlebnisse, fiel mir wie Schuppen von den Augen, wie wenig die jeweils Publikationsprivilegierten außerhalb ihres Verantwortungsbereiches wissen. Es scheint, als lebten sie in einem autonomen Raum, in den nichts eindringt, was nicht unmittelbar mit der jeweils aktuellen eigenen Aufgabe zu tun hat, bei der das Resultat immer im Voraus feststeht. Die offensichtliche Ahnungslosigkeit über welt- und geopolitische Zusammenhänge und den Einfluss der eigenen Verantwortung auf Meinungsbildung und demokratische Prozesse ist einigermaßen verstörend. Die offenbarte (oder gespielte?) Verständnislosigkeit der jeweiligen Gesprächspartner, wenn man explizite Themen oder Probleme anspricht, die für einen selbst glasklar auf der Hand liegen, ist frappierend. Diese Art selbstreferentieller Orientierung, die sich ausschließlich der eigenen Weltsicht verpflichtet fühlt, blendet plurale Meinungsbilder nicht nur aus, sondern unterbindet sie ganz im Interesse der eigenen oder der jeweils institutionellen Wirklichkeitsvorstellung.
Zur Sicherung von Meinungsvielfalt trägt diese Haltung jedenfalls nicht bei.

Mir scheint, dass man sich im Allgemeinen zu wenig Zeit dafür nimmt, um das Gegenüber anzuhören und zu verstehen. So wie in Talkshows immer eine gewisse gehetzte Atmosphäre zu verzeichnen ist, welche Diskutanten immer schneller und lauter sprechen lässt, und man als entnervter Zaunsgast am Ende der Runde das zutiefst unbefriedigende Gefühl hat, noch weniger klug zu sein als vorher. Das Nichtzuhören und Nichtverstehen sind meiner Meinung nach zwei Hauptgründe für die Etikettierung und Schubladisierung von Kritikern. Diese kränkenden Anmaßungen seitens eines Personenkreises, welcher selbst keineswegs befreit von menschlicher Irrtumsanfälligkeit ist, werden den schwelenden Konflikt nicht befrieden, soviel ist sicher.
Wenn von einer bestimmten Seite inzwischen schon zwischenmenschlich und sozial elementar wichtige Begrifflichkeiten wie „verstehen“ diskreditiert werden, als handele es sich dabei um negativ konnotierte und verräterische Gedankenkonstrukte, dann besteht kein Interesse an einem friedlichen Austausch oder gar Zusammenleben.

Die Betriebsanleitung der 4 Gewalten für die Instrumentalisierung des abwertenden Kampfbegriffes „Verschwörungstheoretiker“ wurde, zur Unterdrückung missliebiger Ansichten, über die Jahre bereits mehrfach überarbeitet, ohne jedoch die inbegriffenen Fallstricke auszuräumen. Unerwünschte Nebenwirkungen nehmen zu und äußern sich in akutem Sinken von Zivilcourage, einer zunehmenden Hemmschwelle für Äußerungen unbequemer Meinungen und wirken als indirekte Zensur. Machtmissbrauch wird damit erleichtert und demokratische Prinzipien werden untergraben. DDR reloaded.

Da das Hauptaugenmerk der Ständigen Publikumskonferenz auf die Erhaltung und Durchsetzung demokratischer Prinzipien gerichtet ist, zu denen auch das Recht auf freie Meinungsäußerung, freie Meinungsbildung und Rezipientenfreiheit gehört, werden wir uns auch weiterhin – und wenn es sein muss, auch verstärkt – kritisch mit den Inhalten und Arbeitsweisen öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten befassen.

Wer dabei innerhalb unserer Themen oder explizit bei mir als der Vorsitzenden dieser nervigen Organisation Verschwörungstheorien vermutet oder entdeckt haben will, der sollte sich schleunigst das Moos vom Aluhut klopfen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Aluhut

Geplantes Update nach der Sendung. Ich hoffe, ich irre mich.


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