Über den Selbstversuch “Beziehung zwischen Journalisten und Kritikern” Part II

Fortsetzung – Über den Selbstversuch “Beziehung zwischen Journalisten und Kritikern”

Das nominierte Unwort des Jahres 2014 war ein von den Einsendern selten genannter Begriff, dessen inflationärer Gebrauch sich aber in der Folgezeit als nützliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den deutschen Qualitätsjournalismus herausstellen sollte. Es fühlten sich einfach alle angesprochen, selbst Jene die überhaupt nicht gemeint waren.

Nur weil eine überschaubare Anzahl von Leuten, mit Pappschildern und monokulturellem Weltbild ausgerüstet, einen stark verallgemeinernden Kampfbegriff nutzt, fielen der medialen Ausschlachtung dieser Banalität unzählige Arbeitsstunden zum Opfer, die im Interesse einer sachgemäßen Informationspolitik mit sinnvollen Inhalten hätten gefüllt werden können. Zum Beispiel hätte man der Frage nachgehen können, aus welchen Quellen PEGIDA ursprünglich ihr krudes Islam-Bild bezog. Beruht das „Wissen“ der PEGIDAner um die angebliche Bedrohung des Abendlandes durch den Islam etwa auf göttlicher Eingebung, oder eigenem Erleben oder haben diese Bürger die entsprechenden Infos etwa den Medien entnommen?

Ich habe diesen Begriff nie genutzt, weil er unzulässig verallgemeinert. Es wäre fatal „meine“ bevorzugten Medien und Journalisten durch die Nutzung dieses künstlich aufgeblähten Kampfbegriffes in eine Schmutz-Kampagne zu integrieren, die lediglich als Instrument gegen jegliche Medienkritik abzielt.

Über den Selbstversuch “Beziehung zwischen Journalisten und Kritikern”

Ich erinnere an die Offerte:

Ben

Klingt doch vernünftig, oder?

Zunächst fiel meine Antwort so aus:

Lieber Herr Bolz,
ich habe mich nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen nicht für die Sendung Panorama als Interviewpartnerin zur Verfügung zu stehen.
Der Grund dafür ist schlicht und ergreifend, dass ich dem Format (ebenso wie ZAPP) nicht vertraue und fürchte, in einer Weise dargestellt zu werden, die nicht der Realität entspricht.
Ich hab sehr viel Humor, aber der hat spätestens dann seine Grenzen, wenn ich bzw. mein Verein in die Nähe von „Lügenpresse“-Schreihälsen, PEGIDA und/oder Verschwörungstheoretikern gesteckt werde. Genau dieses Schema wird innerhalb öffentlich-rechtlicher Formate immer wieder genutzt, wenn es um das Thema Medienkritik geht.
Ich bevorzuge Live-Auftritte innerhalb von Podiumsdiskussionen oder alternativer Medienangebote, die eine ungeschnittene und objektive Darstellung erlauben, sowie Widerspruch, Verteidigung und Diskussion ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen
Maren Müller

Im weiteren Verlauf der Diskussion habe ich mich natürlich – warum auch immer, aber ich glaube ich weiß es – umentschieden und bedaure zutiefst, dass ich damals noch nicht wusste, dass ursprünglich auch ein anderer Mensch mit dem Namen Müller angefragt war.

Wer ahnungslos und hoffnungsfroh diese Offerte zur Kenntnis nimmt und sie anschließend mit dem Inhalt der Sendung vergleicht, sieht erhebliche Diskrepanzen. Sämtliche, beim „Gesprächsversuch“ und in der anschließenden Nachbereitung gelieferten Informationen, unsere inhaltlichen Themen betreffend, wurden ausgespart. Konstruiert wurde lediglich die Story mit bekanntem Ausgang.

Ich könnte jetzt seitenlange Abhandlungen darüber schreiben, dass ich von einem vermeintlich seriösen öffentlich-rechtlichen Polit-Magazin in BILD-Zeitungsmanier reingelegt wurde, aber das spare ich mir an dieser Stelle. Erstens täte ich der BILD-Zeitung unrecht, denn ich kann mich gut an sehr faire Journalisten erinnern, die mich tatsächlich um Erlaubnis fragten, bevor sie einen entsprechend problematischen Beitrag zur Veröffentlichung brachten. Zweitens wurde ich von einem Mitarbeiter des NDR im Vorfeld gewarnt und wer den Blogbeitrag gelesen hat, den ich bereits Tage vor der Ausstrahlung der Sendung verfasst und einen Tag vorher online gestellt hatte, weiß, dass mir das Risiko bewusst war.

Zur Sendung:

Bereits Titel und Ankündigungstext ließen kaum Zweifel darüber aufkommen, dass PANORAMA schnurstraks und offensichtlich die trüben Gewässer der Verunglimpfung ansteuert. „Gesprächsversuch“ nennt PANORAMA die bereitwillige Einlassung auf einen Disput zur Medienkritik vor der von mir stets gefürchteten Fernsehkamera.
Diese Formulierung ist wertend und billig, sie unterstellt wider besseres Wissen, dass Kritiker Kommunikation ablehnen. Die Vermischung seriöser Medienkritik mit fremdenfeindlichen Hass-Kommentatoren angesichts der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, sowie die simplifizierende Diffamierung aller Kritiker als Verschwörungstheoretiker grenzen an Rufmord. Dass Herrn Bolz meine Bedenken durchaus bekannt waren, ist ein Indiz für die Skrupellosigkeit der Redaktion.

Anja Reschke: „(…) Auch sachliche Kritik ist wichtig. Es hat sich etwas verändert zwischen Medien und Publikum. Es geht oft nicht mehr um die Sache, es geht plötzlich ums Ganze. (…) Gelogen, betrogen, einseitig, gleichgeschaltet – diese Vorwürfe nehmen zu, gegenüber der gesamten Presse. (…) Was ist passiert? Machen die Medien so viel mehr falsch als früher, oder hat sich beim Publikum was verändert? Ben Bolz und Thomas Berbner haben sich diesem „Phänomen“ genähert.“

„Auch sachliche Kritik ist wichtig.“

Natürlich ist sachliche Kritik wichtig. Hätte sich Frau Reschke gelegentlich die Mühe gemacht, einige unserer Programmbeschwerden zu lesen, wäre ihr die Sachlichkeit der Kritik ins Auge gefallen. „Um‘s Ganze“ geht es lediglich den um ihre Deutungshoheit besorgten (beitragsfinanzierten) Journalisten. Denn dort, wo vermehrt Desinformation und Mangel auffällt, muss verändert, verbessert, eingestanden werden. Das fällt schwer.

„Was also ist passiert? Was hat sich verändert?“

Dieser Frage ging bereits, vor fast einem Jahr, eine honorige Runde bei einer Veranstaltung der Otto-Brenner-Stiftung nach, in deren Verlauf die Verantwortlichen der jeweiligen Formate alle möglichen Deutungsmuster verfolgten, nur kein Eigenverschulden.

Zitat Sendungsbeschreibung: „Bei Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Medien werden die Kommentarspalten regelrecht geflutet. Leser und Zuschauer melden sich massenhaft zu Wort.“

Claus Hinrich Casdorff erklärte noch 1972: „Jawohl, wir wollen diese Gesellschaft verändern. Wir wollen unsere Zuschauer ermutigen, die Zustände zu ändern.“

Käme heute ein Journalist innerhalb der öffentlich-rechtlichen Anstalten auf die Idee eine solche Ansage zu formulieren, stünde umgehend der Betriebsarzt mit dem Pulsmesser auf der Matte.

DAS ist unter anderem passiert, Frau Reschke.

Heute muss das Publikum nicht mehr warten, bis ein vertrautes TV-Gesicht aller 3 Wochen eine Story als ultimative Tatsache verkauft. Die Zeiten, in denen die politischen Magazine noch als die Grundpfeiler des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrages galten, sind längst vorbei. Der politische Bedeutungsverlust der Magazine geht seit Jahren einher mit der Boulevardisierung der Formate und der Banalisierung in der Themengebung.
Während früher das politische Establishment vor den Urgesteinen hinter den Mikrofonen der „Politik-Magazine“ zittern musste, herrscht heute biedere Anpassung und Hofberichterstattung. Ausgeteilt wird derzeit mit Vorliebe nach allen Seiten – nur nicht nach oben – und die Verteidigungsreflexe der Macher gegenüber der Kritik aus dem Publikum treiben seltene Blüten. Den offensichtlichen Bruch innerhalb des investigativen Werdeganges kann man anschaulich anhand der Chronik erkennen.

Gab es einst bei Formaten wie „Panorama“, „Monitor“, „Kontraste“ etc. regelmäßig um die 8 Mio. Zuschauer, so sind heute lediglich die Hälfte der Fernsehzuschauer noch interessiert an den Magazinen.
Aus dem Jahr 1964 sind von sieben Sendungen die Einschaltquoten überliefert: 49, 72, 59, 53, 48, 44 und 54 Prozent aller Fernsehhaushalte sahen sich demnach „Panorama“ an.

DAS hat sich unter anderem verändert, Frau Reschke.

Es folgt ein kurzer Verschwörungswerbeblock: Parallel zum Qualitätsverfall der deutschen Politmagazine sank die Wahlbeteiligung der Bevölkerung. Während sich an der Bundestagswahl im Jahre 1972 noch um die 90 % der Wähler beteiligten, kann heute von großem Glück gesprochen werden, wenn sich die Hälfte der Wahlberechtigten an den Wahlurnen einfindet. Vielleicht geht diese vermutete Kausalität etwas zu weit, aber wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland auch nur annähernd seine gesetzlichen Aufgaben jenseits von Quotendruck und banalen Inhalten erfüllen würde, hätten wir keine derart signifikant sinkende Wahlbeteiligung. Einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung zu Folge legen die politischen Magazine in Deutschland ihren Fokus gerne auf Gesundheitsthemen. Diese Prioritätensetzung legt nahe, dass die Redaktionen vermehrt Rücksicht auf die vermeintlichen Interessen ihrer meist älteren Zuschauer nehmen. Diese Klientel geht aber laut Statistik voller Begeisterung zur Wahl. Wo also bleibt die Themensetzung in Zukunftsfragen?

„Gelogen, einseitig, gleichgeschaltet – diese Vorwürfe nehmen zu, gegenüber der gesamten Presse.“

Und das ist jetzt völlig aus der Luft gegriffen? Eigentlich braucht es hier lediglich ein paar Links und folgenden Satz eines Foristen, der gerne an Herrn Gniffke weitergeleitet werden darf.

Aus welchem Grund soll ich Journalisten vertrauen, die Berichte von einem Bloggerteam namens Bellingcat ungeprüft, unreflektiert und unkritisch im Stundentakt in den Nachrichten als solche verbreiten? Und das noch als Expertise labeln?

Link 1: Die antirussische Ente vom verbotenen Oktoberfest
Link 2: Bellingcat und der Abschuss der MH17 über der Ost-Ukraine
Link 3: Waterboarding für den gemeingefährlichen Irren! Deutsche Journalisten über Claus Weselsky
Link 4: Volksverhetzung trägt Früchte
Diese Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Wenn das Publikum das Vertrauen in die Medien als Mittler zwischen Politik und Bürgerschaft verliert, liegen Ursachen und Wirkung dicht beieinander. Die stetig steigende Anzahl kritischer Rezipienten belegt diesen Eindruck. Wenn als Kriterien für einst seriöse Formate nur noch Quote, Skandalisierung und Unterhaltungswert gelten und nicht mehr die Neugier auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen wecken oder gar den natürlichen Drang eines Journalisten nach echter Aufklärung, dann braucht es auch die politischen Magazine nicht mehr.

Gab es früher ergebnisoffene Recherche, so ist heute vermehrt zu registrieren, dass offenbar vom gewünschten Resultat her gedacht und Beiträge entsprechend konstruiert und passend gemacht werden. Dann allerdings ist man definitiv im fiktionalen Bereich angelangt.
Die wahrheitsgetreue Berichterstattung über Sachverhalte, ohne Aussparung wesentlicher Informationen, steht nicht mehr im Vordergrund, sondern vorgefertigte redaktionelle Meinungen, die dem Publikum zur Beeinflussung seiner öffentlichen Meinung als Tatsachen verkauft werden.

Das kann ich anhand meines „Selbstversuches“ zum wiederholten Mal beweisen. Dies soll auf keinen Fall meinen dilettantischen und der aktuellen Medienkritik nicht unbedingt zuträglichen Auftritt innerhalb dieser Sendung rechtfertigen. Jedoch hat mich der unglaubliche Zuspruch in den letzten Tagen ermuntert nicht aufzugeben – und Übung macht ja bekanntlich den Meister.
Dass sich die Sendung PANORAMA mit dieser dreisten Story ein Eigentor geschossen hat, beweisen um die 370 zumeist kritischen Zuschauerkommentare.
Dafür ein herzliches Dankeschön.

Update: Walter van Rossum antwortet.
Update: Stellungnahme zur Berichterstattung über eine Veranstaltung der RLS NRW von Karl-Heinz Heinmann, Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW.

otto


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