Valium fürs Volk

Berthold Seliger hat ein Anliegen – die Abschaffung des beitragsfinanzierten Fernsehens. Und er möchte natürlich sein Buch verkaufen.

Wohl als clevere Begleitmusik und Werbung für sein in Bälde erscheinendes Buch startete Seliger im Sommer diesen Jahres die Petition: „Für die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens“ auf der Kampagnenplattform Campact. Die Petition wurde von einem kleinen unbedeutenden Verein, der sich für die Verbesserung des öffentlich-rechtlichen Angebotes stark macht, als unangemessen gemeldet und verschwand alsbald von der Plattform.

Ein paar (meiner Meinung nach) sehr sinnvolle Ad-Hoc-Forderungen Seligers sind:

1.) Die HAUSHALTSABGABE (also die Zwangsgebühr, die jeder Haushalt bezahlen muss) wird umgehend zurückgenommen.

2.) WERBUNG und Sponsoring werden bei ARD und ZDF verboten.

3.) Das DEPUBLIZIERUNGSGEBOT wird aufgehoben, alle Inhalte, die mit den Gebühren der Fernsehzuschauer finanziert wurden, sind im Netz kostenlos und dauerhaft zur Verfügung zu stellen.

4.) PRIVATISIERUNGSVERBOT: Sämtliche Verträge mit privaten Produktionsfirmen und Produktionsgesellschaften werden zum nächstmöglichen Zeitpunkt gekündigt. Die entsprechenden Inhalte werden bis zur Abschaffung des Staatsfernsehens von den Sendern selbst hergestellt oder im Falle offensichtlicher Irrelevanz ersatzlos aus dem Programm genommen.

5.) TRANSPARENZGEBOT: ARD und ZDF werden verpflichtet, umgehend, jedoch spätestens binnen Jahresfrist sämtliche Produktionskosten sämtlicher veröffentlichten und zur Veröffentlichung vorgesehener Inhalte offenzulegen.

6.) STAATSFERNE: Bis zur Abschaffung des Staatsfernsehens dürfen amtierende wie ehemalige Politiker, Parteifunktionäre und ehemalige oder aktuelle Beamte oder Angestellte staatlicher Institutionen (wie zum Beispiel Ministerien) maximal 25 Prozent aller Sitze in Rundfunkräten, Fernsehräten und Verwaltungsräten der Sendeanstalten sowie in der KEF einnehmen. Die Einnahme von Vorsitzenden-Positionen ist für den oben genannten Personenkreis grundsätzlich ausgeschlossen. Darüber hinaus ist mindestens die Hälfte der Sitze der Rundfunkräten mit Frauen zu besetzen sowie eine ihrem Bevölkerungsanteil entsprechende Zahl der Sitze mit Migranten. Mindestens ein Viertel aller Sitze in den Rundfunkräten, aber auch in der KEF ist mit Kreativen zu besetzen – also mit Künstlern, Regisseuren, Autoren, Schauspielern und so weiter.

In seinem unterhaltsamen Live-Programm I HAVE A STREAM zeigte Seliger am 5. Oktober in Leipzig anhand vieler Beispiele auf, wie sich die Legitimation des „Staatsfernsehens“ immer mehr in Luft auflöst.

Laut Berthold Seliger erfüllt das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Gesetzesauftrag, die „demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen“, längst nicht mehr. Inhalte werden privatisiert, die Strukturen sind dem Parteienstaat unterworfen.

Die Fernsehrealität ist: Unterhaltung. Quotenterror. Zwangsweise eingetriebene Haushaltsbeiträge. Fehlende Transparenz. Staatsfernsehen.

Seliger kommt zu dem Schluss, dass das „Staatsfernsehen“ nicht nur ein Verdummungsapparat ist, der zerstreut und ablenkt, sondern geradezu eine Ideologiemaschine, die Zustimmung zu den herrschenden Verhältnissen organisiert:

„Deutsches Staatsfernsehen ist Valium fürs Volk.“

Zum absoluten Fremdschämen geriet dann in der Tat Seligers Rezitation eines Tagesprogramms der ARD, welches er einer Programmzeitschrift entnommen hatte. Nichts ist so entlarvend wie die Realität und allen, die es nicht glauben, sei ein Selbstversuch einer 12-stündigen Programmbeobachtung quer durch alle Programme von ARD und ZDF angeraten oder – gern auch im Kreis der Familie oder anlässlich einer Party – eine Lesung der Anreißtexte.

Beispiel: Sturm der Liebe (Folge 2321) David und Beatrice sind erschüttert über Alinas Schwangerschaft, denn mit einem Baby sind Davids Chancen auf eine Hochzeit mit Luisa gleich null. Als Beatrice und David wegen Davids Nachlässigkeit in Streit geraten, geht der Topf mit einer Weinrebe, die Luisa David geschenkt hat, zu Bruch. Daraufhin beobachtet Luisa, wie Norman im Auftrag von Beatrice die Pflanze auf dem Kompost entsorgen will. Als sie David darauf anspricht, behauptet er, dass die Pflanze bei ihm einen Ehrenplatz bekommen hätte. Daraufhin macht Luisa ihm eine harsche Ansage.

Fünf der sechs größten Talkshows von ARD und ZDF werden, so Seliger, von privaten Produktionsfirmen hergestellt und entziehen sich so finanziell dem Zugriff der Sendeanstalten und mithin der Kontrolle durch die Gremien und damit der BeitragszahlerInnen.

Laut eines Berichtes der Finanzkommission KEF ist zum Beispiel die Talkshow Günther Jauch (ARD) zweieinhalbmal so teuer wie die Talkshow Maybrit Illner im ZDF. Gründe für die erheblichen Kosten-Unterschiede lägen laut Angaben aus dem NDR darin, dass Jauch eine Auftragsproduktion sei, außerhalb der Sendestudios gedreht und live am späten Sonntagabend gesendet werde.

Das Problem ist, dass Sie anspruchsvolle Inhalte mit der Lupe und oft im Spätprogramm suchen müssen. Aufgrund des Kultur- und Bildungsauftrags müssten sie aber die Regel sein. Um viertel nach acht erleben wir jedoch das ganze Degeto-Horror-Programm mit Nonnen und Ärzten, das ganze kitschig-kuschelige Durchhalte-Fernsehen.

Das gleiche intransparente Bild wie bei den oben genannten Auftragsproduktionen in der Talk-Schiene biete sich bei den 151 Tochtergesellschaften von ARD und ZDF, darunter die Kitschfabrik Degeto, auf deren Konto gut 80 % der TV- und Kinofilme im Programm des „Ersten“ gingen. Das ZDF, gesetzlich der Bildung und Kultur verpflichtet, zahle dem Groschen-Roman-Verlag Bastei hohe Summen für das Recht, deren unterirdische Inhalte verfilmen zu dürfen.

Neben einem historischen Abriss zur Entstehungsgeschichte des Rundfunks und dessen öffentlich-rechtlicher Variante wartete Seliger auch mit viel Zahlenwerk auf.

In keinem anderen europäischen Land erreicht das Staatsfernsehen so wenige Zuschauer pro Million Euro wie in Deutschland: 4131. Im Vergleich dazu Schweden 8768, Großbritannien 7429 und selbst Dänemark liegt mit 4263 noch darüber und hat zudem mindestens vier hervorragende Fernsehserien produziert: „Borgen“, „Die Erbschaft“, „Kommissarin Lund“, „Die Brücke“. In Deutschland ist es nach wie vor bei „Im Angesicht des Verbrechens“ und „KDD –Kriminaldauerdienst“ geblieben.

Dagegen gäbe es im „Staatsfernsehen“ vor allem Wiederholungen, viel mit Tieren, sehr viel mit Adel, mit Ärzten als Retter aus jeglicher Not und kauzigen oder kaputten Kommissaren. 46 neue „Tatort“- und „Polizeiruf“- Krimis werden laut Seliger in 2015 produziert, 33 Krimifilme außer der Reihe und 42 neue Krimiserienepisoden nach Schema F.

Auch die obszönen Bezüge jener Personen, die sich trotz teils fragwürdiger Qualifikationen über Jahrzehnte an den Spitzen öffentlich-rechtlicher Anstalten halten können und von Insidern schon mal als „Schweigegeld“ bezeichnet werden, kamen natürlich zur Sprache.

2014, mit dem neuen System von Abgaben, dem sogenannten „Haushaltsbeitrag“, lagen die Jahreseinnahmen bei 8,32 Milliarden Euro. Davon werden 34 Prozent für Personalkosten verwendet.

Tom Buhrow, WDR-Intendant, hat ein Jahresgehalt von 367.232 Euro. Es ist höher als das der Kanzlerin.

Lutz Marmor, NDR-Intendant, 305.417 Euro plus 27.000 Euro aus Nebenverdiensten, u.a. aus Mandaten bei zwei Banken und einer Versicherung.

Ulrich Wilhelm, BR-Intendant, 309.720 Euro, verzichtet komplett auf Nebenverdienste, u.a. auf die ihm eigentlich zustehenden Bezüge von Tochterfirmen wie Europool oder Bavaria Filmkunst.

Karola Wille, MDR-Intendantin, 247.801 Euro plus 21.888 Euro aus Nebenverdienste.

Jan Metzger, Radio Bremen-Intendant, 246.000 Euro.

Dagmar Reim, RBB-Intendantin, 228.000 Euro, plus 12.000 Euro aus Nebenverdiensten.

Auch die Dauerdudelei und Beschallung mit Volksmusik und Schlagerevents nahm Seliger aufs Korn. Angesichts des Mitschnittes eines Konzertes mit Andrea Berg, welches zwar für die Gegner des Genres erhebliches Fremdschämpotential bot, gab Seliger ein – angesichts der jubelnden Konzertbesucher – problematisches Statement ab: Er meinte in deren Gesichtern und Gesten zu sehen, dass diese Konzertbesucher ein ziemlich trauriges Alltagsleben hätten. Diese Meinung halte ich – obwohl ich auch lieber Rockkonzerte besuche – für ziemlich gewagt, denn die Schlager- und Volksmusikliebhaber sind nun nicht gerade Minderheiten. Inzwischen sind schon regelrechte Protestbewegungen entstanden, die innerhalb der Angebote der öffentlich-rechtlicher Radiosender mehr Schlager fordern. Hier sollte man fair bleiben und „jedem Tierchen sein Pläsierchen“ gönnen.

Mir fehlte im Vortrag der Bezug auf die – für meine Begriffe – wichtigste Funktion öffentlich-rechtlicher Anstalten; die Information. Die teils schwer defizitären Nachrichtensendungen, die mehr Schaden am Rezipientenhirn anrichten als jede Kitschserie oder Volksmusiksendung, hatte Seliger wohl einfach mal zu Gunsten unterhaltsamerer Themen weggelassen. Auf meine Nachfrage hin versicherte er, dass er dieses Thema im Buch ausführlich behandelt hätte.

Noch habe ich das Buch nicht gelesen, muss es aber schon aus dem Grund nachholen, da Berthold Seliger die Publikumskonferenz darin erwähnt hat. Mir bleibt nur zu hoffen, dass sich die Erwähnung nicht auf die gemeldete Petition bezieht.

Selten habe ich so gelacht und mich danach selten so geschämt wie bei der inneren Rezitation des Tagesprogramms der ARD vom 6. Januar dieses Jahres. Abgeschrieben hat es Berthold Seliger für sein Buch „I Have a Stream“, einen Zornesschrei über die Öffentlich-Rechtlichen Sender. Interessant ist, dass Seliger seine Radikalkritik, die in der Forderung nach Abschaffung des Systems kulminiert, von einer dezidiert linken Warte formuliert. Für Seliger ist dieser Apparat dazu da, eine angeblich neoliberale Agenda der deutschen Politik zu kaschieren. (…)
Seliger dekliniert es durch alle Bereiche: Die Information mit ihren leeren Ritualen, ihren Kompetenzmienen und millionenschweren Talkshow-Unternehmern, die Musik, die den letzten Sinn unter all den Schlagern und Volksmusikstars begräbt, die Nonnen-, Krankenhaus- und Tierarzt-Serien mit ihrer reaktionären Familienideologie, die Preisgabe des kulturellen Auftrags, die Hunderte von Millionen Euro, die in den Sport gesteckt werden, um den Altersdurchschnitt der Zuschauerschaft künstlich zu senken, ohne je zu thematisieren, dass wir Zahler es ja sind, die die FIFA mit unserer „Demokratieabgabe“ schmieren. Dahinter kann nur eine Verschwörung stecken!
Wer nur ansatzweise über ästhetische Sensibilität verfügt, wird Seliger zustimmen. So kann das mit dem Fernsehen in Deutschland nicht weitergehen. Und die Notwendigkeit des Systems lässt sich angesichts des Medienwandels nicht mehr mit dem Argument verteidigen, dass eine von den acht Milliarden Euro, die es jährlich frisst, für sinnvolle Zwecke ausgegeben werden. Thierry Chervel, “Perlentaucher”

Buchtipp: I Have A Stream. Für die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens.
Juni 2015. Edition Tiamat, Critica Diabolis 227.
304 Seiten. EUR 16.- / EBook EUR 11,99
Erhältlich in allen guten Buchhandlungen oder als EBook (in allen gängigen Formaten: Kindle, iTunes etc.)
Berthold Seliger ist Autor und Konzertagent und lebt in Berlin.


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