Mehr Nachrichten? Bessere Nachrichten!

Bildquelle: World Wide Wagner

Im Rahmen der Veranstaltung der Reihe „Mainzer-Medien-Disput“ zum Thema „Krisenjournalismus und der deutsche Blick auf das Ausland“ wurde den Gästen ein Blick in die heiklen Arbeitsbedingungen von Korrespondenten in Kriegs- und Krisengebieten versprochen. Den thematischen Aufschlag machte der Chefredakteur von ARD-aktuell, Dr. Kai Gniffke.
Das Medienblog World Wide Wagner hat die Ausführungen des Chefs von ARD aktuell über einen Audio-Mitschnitt dokumentiert.

Wir beziehen uns auf diesen Redebeitrag anlässlich des Projektes „Mehr Nachrichten“, welches vor einiger Zeit im Forum angekündigt wurde und in den nächsten Wochen als kompakter Vorschlag an die neue Vorsitzende der ARD, Frau Prof. Wille (MDR), herangetragen werden soll.

„Ein Terroranschlag und die Berichterstattung darüber sind kein Rattenrennen und sie sind kein Schönheitswettbewerb“, meinte Kai Gniffke über die Ereignisse des 13.11.2015 und verteidigte, wie die ARD mit dem Terroranschlägen von Paris umgegangen ist. „Ich nehme alle Kritik auf, wo man gerade in der ersten Stunde noch besser hätte sein können, aber ich glaube, es ist uns gelungen, authentisch, kompetent und vor alle Dingen jederzeit angemessen darüber zu informieren“.

Die sechs Thesen, die Herr Dr. Gniffke in seinem thematischen Aufschlag in den Raum stellte, überzeugen allerdings keineswegs und halten, insbesondere was die Krisen- und Kriegsberichterstattung anbelangt, dem Praxistest nicht stand.

Dr. Gniffke – Erstens: die Trennung von Innen- und Außenpolitik ist obsolet. Was ist zum Beispiel EU-Politik? Ist das Innenpolitik oder Außenpolitik? Was ist Terrorgefahr oder Terrorabwehr? Ist das Innen- oder Außenpolitik? Das ist in den meisten Fällen beides. Bei ARD aktuell gibt es keine Quotierung. Wir müssen am Tag soviel Inland oder soviel Ausland haben, sondern wir gucken, was sind aus unserer Sicht heute die sieben, acht, neun, zehn wichtigsten Ereignisse des Tages und wo die stattfinden, ist gerade egal.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Ansicht vertreten, dass die Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik obsolet geworden sei und „…dass der berühmte chinesische oder afrikanische Sack Reis, der umfällt, auch bei uns umfällt.“ Diese Aussage zielt offensichtlich auf das und die Folgen von dem, was WIR in anderen Ländern anrichten, aber nicht auf die Nachrichten, welche die Nachrichtenredaktion der Tagesschau/Tagesthemen unter der Leitung von Herrn Gniffke „anrichtet“.

Natürlich ist EU-Politik, wenn man den Gedanken der Europäischen Union ernst nimmt, Innenpolitik und der Wirtschaftsraum des Euro ist ein Binnenmarkt. Wie aber kommt es dann, dass in der Berichterstattung der ARD über die Lage in Griechenland oder in anderen krisengeplagten Mitgliedsstaaten plötzlich auf der einen Seite Europa (WIR) und auf der anderen Seite der unwillige und nicht „wettbewerbsfähige“ Delinquent steht, der von deutschen Korrespondenten vor laufender Kamera beschimpft und verunglimpft werden darf? Was an der derzeitigen Nachrichtengebung obsolet werden müsste, sind klassische und fast zwanghaft anmutende Schwarz-Weiß-Schemata und alberne Freund-Feind-Storys.

Was aus Sicht der Tagesschauredaktion „die sieben, acht, neun, zehn wichtigsten Ereignisse des Tages“ sind, wirft gelegentlich die Frage auf, wie das Flaggschiff der deutschen Nachrichtengebung Relevanz definiert. Chefredakteur und Intendant (NDR) begründen die Unterdrückung einer 30-Sekunden-Nachricht über schwerste Kriegsverbrechen der Saudis schon mal mit Platzmangel, haben aber kein Problem damit, randläufige Aktivitäten aufzubauschen und diese zur Ablenkung von eigentlich skandalösen Vorkommnissen gestartete Nebelkerze im nachhinein noch nicht mal zu korrigieren. Wenn über den Krieg in Syrien in einer Weise berichtet wird, die keine aufrichtig um Objektivität bemühten Hinweise auf die Kriegsursachen und keine wahrhaftige Analyse über beteiligte Parteien und deren Interessen zulässt, so ist die journalistische Vorstellungen der Redaktion Gniffke über Publikumsinteressen bzw. Berichtenswertes überholungsbedürftig.

Innerhalb der klassischen Nachrichten sollte schon eine Trennung von Innen- und Außenpolitik gemacht werden und zwar ähnlich gut strukturiert wie in den seriösen Tageszeitungen. Wenn innenpolitisch relevante Themen überwiegen, dann sollten die Nachrichten diesen Sachverhalt auch abbilden. Die Gründe dafür, dass eine wichtige Bundestagsdebatte als nachrichtlich relevanter einzuordnen ist als Zuckerbergs Milliarden, Schnee in New-York oder drei lärmende Putin-Kritiker auf dem Roten Platz, bedürfen sicherlich keiner gesonderten Erläuterung. Die Hauptsendungen mit den höchsten Einschaltquoten sollten ausschließlich Informationen mit klarem Nachrichtenwert bereit halten. Das Kriterium der gesamtgesellschaftlichen Relevanz im Sinne einer freien Meinungsbildung sollte für eine Redaktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an klare und messbare Regeln gebunden sein.

Dr. Gniffke – Zweitens: nicht die Zahl der Krisen nimmt zu, aber ihre Erreichbarkeit wird größer. Die Zahl der bewaffneten Konflikte weltweit bleibt mehr oder weniger seit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren etwa gleich. Daran hat sich nicht viel geändert. Insofern sollten wir auch nicht den Eindruck verbreiten, es wird alles immer viel schlimmer. Was wir haben, ist Globalisierung. Und Globalisierung bedeutete am Anfang, die Waren werden weltweit getauscht. Mit dem Internet wurden dann die Informationen weltweit getauscht. Im Moment werden auch die Menschen getauscht. Die Wanderungsbewegungen – das ist auch Globalisierung. Jetzt kommen die Menschen. Und seit spätestens 2000 kommt eben auch der Terror. Er kommt hierher. Deshalb ist der wahrnehmbarer und die mediale Vermittlung ist viel einfacher und deshalb entsteht auch der Eindruck, dass er plötzlich bei uns angekommen ist. Es gehört zu den Besonderheiten des asymmetrischen Krieges, dass es eine Globalisierung von Kriegen gibt ohne Weltkrieg.

Abgesehen davon, dass Herr Gniffke hier quasi den umstrittenen Begriff des Bevölkerungsaustausches im Munde führt, ist die Globalisierung mit ihren Waren- und Wanderungsbewegungen nun wirklich nicht gegenwartszentriert. Die der Globalisierung geschuldeten Wanderungsbewegungen haben sich, wie wir alle wissen, seit einigen Jahren in Folge der westlichen Geo-, Angriffs- und Expansionspolitik in extrem tragische Flüchtlingsbewegungen gewandelt. Seit dem zweiten Weltkrieg hat es keine derart dramatischen Fluchtbewegungen gegeben – derzeit sind weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht.
Der Terror aber kommt nicht spätestens seit 2000 hierher, sondern er ist im Verhältnis zur restlichen Welt so gering wie nie – auch wenn uns Politik und Medien im Rahmen der alltäglichen Panikmache und Feindbild-Konstruktionen etwas anderes vermitteln wollen und sich dann wundern, wenn plötzlich Bewegungen wie PEGIDA aufmarschieren.

Vor vierzig Jahren war es noch Europa, das weltweit am meisten Terrortote zu beklagen hatte. So fanden im Jahr 1979 in Europa 301 Menschen bei 1019 blutigen Attentaten den Tod – die meisten im Nordirlandkonflikt. Im selben Jahr wurden in Nahost und dem Maghreb nur halb so viele Terroranschläge (455) verübt, was Bände über den damals herrschenden, relativ sicheren Zustand dieser Regionen spricht, bevor sich die „Wertemeinschaft“ erdreistete in diesen Ländern militärische Operation mit überregionalen Folgen zu starten. Um die 60 Prozent der Länder weltweit mussten im Jahr 2014 nicht einen einzigen Terrortoten beklagen. Westeuropa, die USA, Kanada und Australien waren seit 2000 (trotz 9/11) in Summe nur zu 2,6 % vom weltweiten Terror betroffen.

Das mediale Aufbauschen der vermeintlichen Terrorgefahr durch unangemessenen Berichterstattung (z. B. Silvester in München) hat nicht nur den Charakter der sensationsheischenden Panikmache, sondern grenzt an vorsätzlicher Realitätsverzerrung. Der Leiter des australischen Instituts für Ökonomie und Frieden, Steve Killelea, hat in einer Analyse den 32.000 Terrortoten aus dem Jahr 2014 die 437.000 Menschen gegenübergestellt, die im gleichen Jahr ermordet wurden. Es starben also 13-mal mehr Menschen nach Gewaltverbrechen als bei einem Terroranschlag. Trotzdem käme kein Mensch auf die Idee, Mord und Totschlag als Alltagsgeschehen zu akzeptieren.

Die Nachrichten der Tagesschau sind nicht dazu da, Panik zu schüren und die Menschen in Angst, Schrecken und Fremdenfeindlichkeit zu versetzen, auch wenn die „mediale Vermittlung“ von Ereignissen heute viel einfacher geworden ist.

Dr. Gniffke – Drittens: Komplexität erfordert Kompetenz vor Ort. Oder laufen lassen kann jeder. Gerade in Krisenfällen schaffen Bilder, die man einfach laufen lässt, Live-Bilder schaffen häufig die Illusion von Berichterstattung. CNN zeigt zum Beispiel jetzt in der aktuellen Krise am Anfang so genannte Loops, also immer wiederkehrende Bilder von Blaulichtgeflacker in Paris und redete dann über Terror, der zwar herzlich wenig mit dem, was dort geschehen ist, zu tun hatte, aber es schaffte einfach die Illusion von Berichterstattung. Ich glaube, es ist eine journalistische Tugend zu sagen, was wir wissen und was wir nicht wissen und nicht auf dicke Hose zu machen. Und ich weiß nicht, was wir gemacht werden hätten, wenn es nicht die Möglichkeit bei uns im Ersten gegeben hätte, in das Stadion zurückzugehen. Vielleicht hätten wir auch dann Livebilder genommen und einfach laufen lassen. Wir hatten das Glück, dass wir es nicht tun mussten. Es braucht Korrespondenten vor Ort, die das Land, dieses Berichtsgebiet kennen, die dort leben und die da nicht erst seit gestern leben und schon gar nicht gerade erstmal eingeflogen sind. Das macht den Unterschied und man braucht einen Korrespondenten eben nicht nur am Ort des Geschehens, sondern man braucht sie auch dann im Orient, man und braucht sie sonst wo, wo man Einordnung kriegen kann, was ist eigentlich IS. Man braucht Menschen, die sich auskennen und zwar sofort, ohne sich erstmal vorher bei Wikipedia eingelesen zu haben.

„Die ARD betreibt insgesamt 30 Auslandsstudios. Aus diesen Studios berichten laut dem Senderverbund 45 Korrespondenten für das Fernsehen und weitere 60 für den Hörfunk. Die Kosten für die Auslandsberichterstattung im Jahr 2012 betrugen nach Angaben der ARD in ihrem Internet-Angebot 67 Mio. Euro, davon entfielen rund 48 Mio. Euro auf das Fernsehen und zirka 19 Mio. auf den Hörfunk.“

„Kompetenz vor Ort“ wäre also ausreichend vorhanden.

Die traurige Berühmtheit, welche Archiv-Bildern aus themenfremden Zusammenhängen zuteil wurde, ist sattsam bekannt, sodass sich hier eine erneute Befassung mit dem Thema erübrigt. Anders sieht es mit diversen Kronzeugen für aktuelles Weltgeschehen aus. Herr Gniffke stuft zwar in schöner Regelmäßigkeit international anerkannte Medien als unseriöse Quellen ein, nutzt aber konsequent für die Hauptnachrichtensendungen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens Informationen der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“. Der Disclaimer „Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.“ macht die Sache nicht besser – im Gegenteil. Wann hört dieser Unfug endlich auf?

Dass es Menschen braucht, die sich vor Ort auskennen ist unstrittig. Aber welche Agenda verfolgen die Experten, deren Ansichten und Berichte von der ARD zur Meinungsbildung der Bevölkerung verbreitet werden?

Eine kleine Auswahl:

1. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte
Die SOHR wird von Rami Abdulrahman (auch „Rami Abdul Rahman“ oder „Rami Abdelrahman“ geschrieben), einem syrischstämmigen sunnitischen Muslim von seinem Reihenhaus in Coventry in England aus betrieben. Abdulrahman ist der einzige feste Mitarbeiter der Organisation und war laut dem russischen Staatsfernsehen RT das letzte Mal im Jahr 2000 persönlich in Syrien.

2.) Adopt a Revolution
Der Verein verfolgt ausschließlich politische Zwecke, indem er die politische Opposition Syriens in Gestalt der Revolutionsaktivisten finanziell unterstützt.

3.) Kristin Helberg
Recherchen zu Folge kann Frau Helberg seit Jahren nicht mehr legal nach Syrien einreisen. Ihre aktive Zeit als offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin in Syrien beschränkte sich laut Vita lediglich auf die Jahre von 2001 bis 2008 – also zu einer Zeit, als sowohl Deutschland als auch die EU noch sehr engagiert in Entwicklungsprojekte in Syrien eingebunden waren. Kristin Helberg unterstützt aktiv oppositionelle Gruppen in Syrien und forderte, dass der Westen möglichst viele Einheiten der Islamischen Front mit der Lieferung moderner Waffen an sich binden möge.

4.) Markus Kaim (SWP)
Befasst sich mit Grundfragen der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, transatlantischen Sicherheitsbeziehungen – NATO; Sicherheits- und Verteidigungspolitik ausgewählter NATO-Partner und die Rolle der Vereinten Nationen bei der internationalen Konfliktregelung. Aktuell arbeitet er zu politischen Rahmenbedingungen multinationaler Militäreinsätze. „Bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) hat sich seit Januar eine Gruppe von bis zu 50 syrischen Oppositionellen aller Couleur geheim getroffen, um Pläne für die Zeit nach Assad zu schmieden. Das geheime Projekt mit dem Namen „Day After“ wird von der SWP in Partnerschaft mit dem United States Institute of Peace (USIP) organisiert.“

Sylke Tempel, Chefredakteurin der Zeitschrift “Internationale Politik” Lupenreines Propagandablatt der transatlantischen DGAP. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V. ist ein Netzwerk und eine Denkfabrik für Außenpolitik und betreibt Forschungseinrichtungen für Fragen der internationalen Politik sowie der Außen- und Sicherheitspolitik. Die 1955 in Zusammenarbeit mit dem Council on Foreign Relations und Chatham House gegründete DGAP zählt heute über 2500 Mitglieder, darunter führende Persönlichkeiten aus dem Bank- und Finanzwesen, der Wirtschaft, Politik, den Medien und der Wissenschaft. Verein und Zweck: Der Verein versucht, aktiv die außenpolitische Meinungsbildung auf allen Ebenen zu beeinflussen.

5.) Pawel Felgenhauer
Biologe, Militäranalytiker, Buchautor, verfügt angeblich über Insiderquellen des russischen Militärs, vehementer Kritiker der politischen und militärischen Führung Russlands, Experte für alles, was mit „Putins Russland“ zusammenhängt.

6.) Gerald Knaus
Leitet die gemeinnützige Denkfabrik „Europäische Stabilitätsinitiative“ (ESI). “Die Finanzierung der ESI gewährleisten unter anderem die Robert Bosch Stiftung, die Rockefeller-Stiftung, die ERSTE Stiftung, die Regierung Schwedens und der German Marshall Fund.”

7.) Bellingcat?
Recherchenetzwerk um den früheren Finanz- und Verwaltungsfachmann Eliot Higgins.
Bellingcats Analysen anlässlich des Abschusses der MH17 wurde vom Erfinder der Methode eindeutig misstraut. Da Bellingcats Analysen hervorragend zur gewünschten Fassung der Schuldfrage um den Abschuss der MH17 zu passen schienen, wird er in bestimmten Medien besonders hofiert und erhielt 2015 absurderweise den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis (Sonderpreis) für seine unerschütterliche Zuversicht, im Kampf um die Wahrheit (…).

Die Reihe ließe sich um eine Vielzahl von Experten fortsetzen, die eine eindeutige Agenda verfolgen und ergänzen um die stets parteiischen Korrespondenten aus dem eigenem Haus, die sich selten der Verpflichtung zur objektiven und unparteiischen Berichterstattung hingeben. Objektive und unparteiische Berichterstattung bedeutet, dass eben nicht nur Stimmen zu Wort kommen, die westliche Narrative bedienen – egal ob es sich nun um erbitterte Regimekritiker, um Think-Tank-lastige „Experten“ oder einfach nur um eigene Korrespondenten mit Tunnelblick handelt.

Dr. Gniffke – Viertens: wir achten im Ausland vor allen Dingen auf die dramatischen Themen und Ereignisse. Eine Gesundheitsreform in Burundi oder eine Steuerreform in Venezuela sind nicht so interessant für uns. Auslandsthemen, die wir wahrnehmen, gehen meistens um Krieg und Frieden, um Leben und Tod und deshalb könnte man ja irgendwann auf die Idee kommen, dann machen wir doch mehr Ausland, um die Sendung sexyer zu machen. Dieser Versuchung sollten wir nicht erliegen, weil natürlich, wenn man das immer auf die Spitze treibt, stumpfen die Menschen irgendwann ab und vor allen Dingen, die Menschen verlieren das Vertrauen darin, dass sie tatsächlich oder dass wir tatsächlich journalistisch bewerten, was wichtig ist. Und wenn man von der Tagesschau kommt, hat man gut reden. Aber es ist tatsächlich so, wir achten nicht auf die Quote. Über Quote redet man nicht. Man hat sie.

An dieser Stelle sei in stiller Andacht an die „Berichterstattung“ zum ersten russischen Hilfskonvoi im August 2014 erinnert. Über eine Woche lang hatte man den Eindruck, dass alle (!) Nachrichtenredaktionen der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten kollektiv den Verstand verloren haben. Innerhalb dieser hochnotpeinlichen Dauer-Skandalisierung des Hilfskonvois wurden der russischen Seite, im steten Einklang mit Protagonisten Kiewes, ausschließlich niedere Motive unterstellt. Miosga, Atai und Lielischkies liefen zur Hochform auf und beendeten die menschenverachtende Posse erst nach zehn Tagen irrelevantem Geschwurbel über eine humanitäre Aktion die nach Lesart der ARD keine sein durfte. DAS war in der Tat unsexy.

Es gibt eine ganze Reihe von Beanstandungen, die sich mit der Unterdrückung brisanter Informationen, insbesondere bei Auslandsthemen, befassen. Diese Beanstandungen sind offensichtlich berechtigt, wenn man verschiedene Nachrichtenquellen heranzieht. So findet unablässig eine Ungleichgewichtung von Menschenleben, Themen und Werturteilen je nach Herkunftsland oder bündnispolitischem Kontext statt.

So verbreiten westliche Medien unverdrossen weiterhin das Propagandamärchen, Assad und sein „Regime“ trügen die alleinige Verantwortung für zig Tausend Tote, Millionen Flüchtlinge und für die Verheerung des fortschrittlichen säkularen Staates Syrien. Jeder, der sich auch nur halbwegs über den Syrienkonflikt im historischen Kontext und über die zahlreichen geostrategischen Interessen üblich verdächtiger Dritter in der Konfliktregion informiert, weiß, dass die entsprechenden Nachrichten permanent mit Lügen, Auslassungen und Verharmlosung von oppositionellem Terror einhergehen.

Und selbstverständlich wird bei der Tagesschau über Quote geredet – bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird anhand von Einschaltquoten und Klickzahlen betont, dass die Tagesschau in der Akzeptanz des Publikums zugelegt habe. Die Quote ist allerdings kein Messinstrument für Akzeptanz oder gar für Qualität. Die politische Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erwächst nicht aus der Quote, sondern aus dem Auftrag. Wer in den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Quote („Man hat sie!“) als omnipräsenten Erfolgsindikator, Zuschauerindikator, Legitimationsindikator und Akzeptanzindikator wahrnimmt, unterwirft sich reiner Marktlogik, ohne auf die Informationsbedürfnisse der Öffentlichkeit einzugehen.

Dr. Gniffke – Fünftens: Verifizieren geht über Probieren. Wir haben zahllose Quellen mittlerweile. Bilder sind von jedem Winkel der Erde in fast … ohne Zeitverzug verfügbar. Gleichzeitig nimmt bei allen Akteuren die Neigung zu Inszenierung und zu Manipulation zu. Und insofern müssen wir gucken, was ist das da eigentlich an Material auf dem Markt. Deshalb haben wir bei ARD aktuell eine kleine Verifikationseinheit geschaffen. Das sind quasi Forensiker, die das Material untersuchen und gucken, was spricht dafür, was spricht dagegen, dass es authentisch ist, dass es richtig ist, dass es nicht manipuliert ist. Das ist eine Art Indizienprozess, der jedes Mal durchgeführt wird, an dessen Ende dann oft der Satz steht: in dubio nicht senden. Also, wenn es Zweifel gibt an der Echtheit, verwenden wir es nicht.

Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Quellen öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten von seriöser Herkunft, verifizierbar, manipulationsfrei und nicht wild zusammen gefrickelt zu sein haben. Leider sah das Herr Gniffke in der Vergangenheit mitunter etwas anders.
Auch die Verwendung von Quellen der dubiosen SOHR (siehe Punkt Drittens) widerspricht dem hier beschworenen „in dubio nicht senden“ in eklatantem Maße.

Es geht bei der Quellenrecherche aber nicht nur um Bilder, sondern auch um Inhalte, um Personen, die diese Inhalte verbreiten, um Moderatoren, die falsche Inhalte unwidersprochen passieren lassen oder selbst verkünden. Immer wieder werden in den Hauptnachrichtensendungen wider besseres Wissen längst widerlegte Storys über Kriegsursachen, vermeintliche Aggressoren und Beweise für Aggressionen verkündet. Immer wieder ist zu konstatieren, dass z. B. Politiker aus dem In- und Ausland vor laufender Kamera halbgare Gerüchte verbreiten, ohne dafür vom Senderpersonal postwendend korrigiert oder zur Rede gestellt werden. Es braucht keine Forensiker in Nachrichtenstudios, sondern Leute mit einer angemessenen politischen Bildung, Respekt vor dem gesetzlichen Auftrag und dem unbedingten Willen, „den Mächtigen unbequem“ zu sein.

Dr. Gniffke – Sechstens und letzter Punkt: Besser geht’s immer. Wir werden unseren Weg fortsetzen, weniger Themen zu behandeln in unseren Angeboten, die aber dann ausführlicher. Wir wollen nicht an der Oberfläche bleiben. Analyse statt schlichtes name dropping: hier ein Oppositionspolitiker aus dem Kosovo oder da den Namen Aung San Suu Kyi richtig ausgesprochen, das reicht nicht, sondern wir müssen auch den Menschen nochmal sagen, warum soll mich der Konflikt eigentlich hier oder dort interessieren. Ein bisschen landeskundliche Einordnung tut gar nicht weh. Das können wir auch von uns aus hier leisten, um dann vor allen Dingen auch dann die Korrespondentinnen und Korrespondenten in die Lage zu versetzen und ihnen Zeit zu geben zur Recherche. Denn Recherche ist bekanntermaßen der Anfang von allem. Wir werden ihnen künftig weniger Leistungen abverlangen in den klassischen Ausspielwegen. Wir werden sie nicht mehr so häufig bitten, nochmal einen neuen Beitrag zu machen und nochmal einen neuen Beitrag zum gleichen Thema und noch eine Live-Schalte, weil es kommen natürlich auch die Dinge auf sie zu, auf die Korrespondentinnen und Korrespondenten zu, die mit sozialen Medien zu tun haben. Auch das ist ein Weg, auf dem wir Menschen mit Informationen zu versorgen haben. Und wenn wir die Qualität halten und sogar steigern wollen, müssen wir den Korrespondentinnen und Korrespondenten die Luft und die Zeit geben, weiterhin zu recherchieren. Vielen Dank!

Das Beste wie immer zum Schluss. Der Chef des Flaggschiffs der deutschen Nachrichtengebung Dr. Gniffke will die Reduktion von Nachrichten, die er bereits im Jahr 2011 ankündigte, weiter vorantreiben und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Beschwerden zu Nachrichtenunterdrückungen über brisante Ereignisse sprichwörtlich durch die Decke gehen. Wann schafft sich die Tagessschau ganz ab?

Dass „ein bisschen landeskundliche Einordnung“ nicht weh tut, ist eine Binsenweisheit und ein Fall für Auslandsjournal, für Dokumentationen oder Reportagen. Eine viertel- oder halbstündige Nachrichtensendung kann ausufernde Hintergrundberichte und landeskundliche Einordnungen nicht leisten, zumal die KorrespondentInnen in der schnelllebigen Zeit der News den Anschluss verlieren dürften. Es wäre schon viel gewonnen, wenn innerhalb der Tagesschau/Tagesthemen weniger Meinung in Form von teils unsäglichen Kommentaren, weniger Verdachtsberichterstattungen, weniger Spekulationen und Belanglosigkeiten sowie weniger Feindpropaganda über den Sender gingen.

Auftrag der Medien ist es, die Wirklichkeit abzubilden und einzuordnen. Die Einordnung muss ihre Grundlage im Grundrechtskatalog des Grundgesetzes haben: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.” (Art. 1 GG)

Die Nachrichtengebung der Tagesschau/Tagesthemen unter Gniffke ordnet die Wirklichkeit nicht ein. Sie schreibt dem Publikum Scheinwirklichkeiten vor und versucht die öffentliche Meinung ausschließlich im Sinne westlicher Interessen zu beeinflussen. Es wird in der Regel nicht objektiv darüber berichtet „was ist“, sondern es wird konstruiert, manipuliert, Wichtiges ausgelassen und es werden Tatsachen und Verlautbarungen verdreht. Ein „weiter so“ wie bisher, oder eine Einschränkung der Informationsvielfalt zu Lasten der freien Meinungsbildung der Bevölkerung ist nicht akzeptabel.

„Die ARD muss in diesen Zeiten erklären, was ist, Werte vermitteln, Meinungen widerspiegeln und einem offenen und freien Meinungs- und Willensbildungsprozess und damit auch dem sozialen Zusammenhalt und der Stabilität unseres Gemeinwesens dienen.“ Karola Wille (Vorsitzende ARD)


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