Zwischen Feindbild und Wetterbericht

Beitragsbild: Syrien vor dem Krieg

Eine bekannte Publizistin bemerkte auf Facebook lakonisch, dass innerhalb der Nachrichtenberichterstattung der Tagesschau die einzige Information mit Wahrheitsgehalt inzwischen der Wetterbericht sei.

Im Prinzip könnten wir uns künftig die ganze Diskussion, die Beschwerden und das Klagen um die Berichterstattung des Flaggschiffes der deutschen Nachrichtengebung „Tagesschau/Tagesthemen“ sparen. Unzählige Beanstandungen innerhalb von Publikationen, Kritiken, Zuschauerbeschwerden, Kommentaren und Sachbüchern legen ein beredtes Zeugnis darüber ab, dass ein Großteil des Publikums nicht mehr gewillt ist, sich der kriegsforcierenden Feindbildvermittlung zu unterwerfen, die von den öffentlich-rechtlichen Medien vollkommen distanzlos und stets im Sinne der NATO-Diktion verbreitet wird.

Es ist glasklar, wer in diesem Spiel die Guten und die Bösen sind, obwohl eine derartig plumpe schwarz-weiß-Malerei in keiner Journalistenschule der Welt gelehrt wird. Dazu muss der Karrierist zur „Weiterbildung“ in die USA oder in diversen transatlantischen Think-Tanks den Duft der Macht schnuppern, an der man so gerne teilhaben möchte, wenn auch nur als willfährige Marionette marktradikaler kolonialistischer Kreise ohne die geringsten Skrupel. Wie können Journalisten, Redakteure und Korrespondenten die hehren Werte, die den Pressekodex prägen, sehenden Auges und wider besseres Wissen derart verraten?

Kraft ihrer Konditionierung ist den meisten Beteiligten an der Mainstream-Medienfront natürlich klar, dass der Russe noch immer vor der Tür steht und droht. Egal, ob er im Rahmen humanitärer Hilfe dringend benötigte Güter nach Donezk oder Syrien liefert, ob er den IS bekämpft und im Gegensatz zur US-Koalition sogar trifft, ob er die historische Stätte Palmyra von Minen säubert und als Zeichen der Dankbarkeit an alle, die gegen den Terror kämpfen, ein Konzert organisiert – all diese Aktivitäten sind grundsätzlich mit Argwohn zu betrachten.

Es ist auch vollkommen irrelevant, wenn vom russischen Verteidigungsministerium Nachweise dafür erbracht werden, welche Ziele genau angegriffen und sogar getroffen wurden oder sich überhaupt kein Kampfflugzeug der russischen Luftwaffe im Luftraum von Angriffen betroffener Gebiete befand – der Russe bombt, laut diverser NachrichtenableserInnen, permanent vorsätzlich Zivilisten und zivile Einrichtungen. Und niemals macht der Russe etwas ohne Eigennutz, ohne Propaganda, Inszenierung oder Hintergedanken.

Ganz anders sieht das natürlich bei den Friedensengeln der US-geführten NATO, deren kopfabschneidenden Verbündeten und ferngesteuerten Oppositionen aus: Jeder völkerrechtswidrige Angriffskrieg durch die westliche Wertegemeinschaft ist ein Akt der Demokratie und der Menschenrechte. Legen die USA ferne Länder in Schutt und Asche, verheeren und kontaminieren fremdes Territorium, töten illegal und feige mittels Drohnen, foltern in Guantanamo, spionieren, intrigieren, betrügen und übervorteilen selbst Verbündete, dann geschieht das natürlich immer im Namen der Demokratie. Kein noch so widerwärtiges und auf Kriegslügen basierendes US-Kriegsverbrechen wurde jemals angemessen geahndet. Keinerlei Sanktionen im Gegenzug für Millionen gemeuchelte Muslime seit 9/11, die auf das Konto des US-Regimes gehen, kein international anerkanntes Urteil wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und vor allem kaum kritische Würdigung, angesichts der nicht enden wollenden Zumutungen für die Weltgemeinschaft, seitens der Medien.

Im Gegenteil – ob US-Wahl, ob Obama-Besuch oder Jubelmeldungen über eine angebliche Erholung des US-Arbeitsmarktes – die ekelerregenden höfischen Gesten gegenüber US-amerikanischen Machteliten werden von Propagandisten ungeniert und mit vor Rührung feuchten Augen über alle Kanäle geschwemmt. Dieser publizistische Devotismus erinnert fatal an die Berichterstattung der unsouveränen DDR-Medien, insbesondere, wenn es um „den großen Bruder“ ging und über die sich die Westmedien seinerzeit oft lustig machten.

Eine Programmbeschwerde der ehemaligen Mitarbeiter des NDR, Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer, widmete sich Ende Januar einer weiteren redaktionellen Blindleistung im Sinne westlicher Hegemonialinteressen, deren Muster nunmehr seit 5 Jahren eher die Regel denn die Ausnahme ist und das Publikum mit gezieltem Verschweigen von Fakten in die Irre führt.

Es ging im beanstandeten Beitrag um die syrische Stadt Kafranbel mit seiner „Vereinigung der Revolutionären Büros“ der als Hort des Neuaufbaus der Demokratie beschrieben wurde. Suggeriert wurde die totale Eigenständigkeit einer idealdemokratischen Bewegung in einer Umgebung des militanten islamistischen Terrors. In Wort und Bild versuchte ARD-Korrespondent Volker Schwenck dem Publikum weiszumachen, die „Revolutionäre“ seien neutral und unabhängig, frei sogar von westlichen Einflüssen.Wie diese Polit-Idylle in einer von den Kopf-Abschneider-Islamisten der Al-Nusra-Front beherrschten Umgebung – ohne Kollaboration – möglich sein soll, erfuhr das Publikum nicht.

Der Gründer und heutige Direktor der „Vereinigung der revolutionären Büros“, Raed Fares, kommt mit ARD-mundgerechter Public Relation zu Wort:

„…. Revolution heißt … Veränderung. Wir wollen die Gesellschaft verändern und ich glaube, inzwischen haben wir auch das Vertrauen der Leute….Wer ein Gewehr trägt, kann die Revolution beschützen, aber nur das zivile, das friedliche Engagement verändert die Gesellschaft – und zwar von innen.“

Was im Schwenck-Beitrag verschwiegen wurde: Fares pflegte einerseits Kontakte zu Teaparty-Kreisen in den USA, sammelte dort viel Geld ein und ließ sich auf der anderen Seite in vertrauter Pose mit islamistisch-orientierten Mördern ablichten. Fares trat in Washingtoner Think-Tank Atlantic Council auf und beteuerte, politisch autonom zu agieren und keiner islamistischen Gruppe anzugehören.

Widersprüche? Ach, woher denn!

Die märchenähnliche Geschichte des Volker Schwenck aus der heilen syrischen Terroristenwelt, mit Vorzeige-Demokraten, einer zahmen Al-Nusra Front und bösen Russenbombern wird von ARD-aktuell als Bild der Wirklichkeit verkauft. Die Beschwerdeführer sehen nach ihrem derzeitigen Wissensstand diesen nachrichtlichen Beitrag als Falschinformation und als Terroristen verharmlosend an.

Aber die gewohnte Richtung stimmt.

Die Antwort des Fernsehdirektors des für den Beitrag zuständigen SWR auf die Beanstandung fiel erwartungsgemäß ernüchternd aus. Es stünde den Beschwerdeführern frei, den Bericht anzuzweifeln, doch der SWR halte die Informationen für zuverlässig. Reisen von Aktivisten ins Ausland auf der Suche nach Unterstützung oder Fotos im Internet seien seiner Ansicht nach kein stichhaltiger Gegenbeweis.

Als Initiative mit Faible für Quellenrecherche, bei der mindestens zwei gleich lautende und vor allem plausible Quellen das Maß der seriösen Berichterstattung prägen sollte, wundern wir uns schon lange nicht mehr über „Nachrichten“ wie diese:

Bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager in einem von Rebellen kontrollierten Gebiet im Norden Syriens sind mindestens 28 Menschen getötet worden. Dies teilten Aktivisten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die Angaben können von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Auch nach diesem Vorfall kommt die ARD nicht ohne unterschwellige Vorverurteilungen aus. Dass sowohl die Militärführung in Damaskus als auch das russische Verteidigungsministerium die Vorwürfe von sich weisen – geschenkt. Das Lager liegt schließlich in einer Region, die bisher im Wesentlichen Ziel von Angriffen der Luftwaffe Syriens und ihres engen Verbündeten Russlands war. Und die „Guten“ von der US-geführten internationalen Koalition sind ja normalerweise weiter im Osten des Landes gegen den IS im Einsatz. Und Syriens Rebellen besitzen keine Luftwaffe. Noch Fragen?

Es steht den Redakteuren und Korrespondenten von ard-aktuell natürlich frei, Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in UK für bare Münze und als nachrichtlich relevant anzusehen, doch das Publikum hält Informationen, die nicht unabhängig nachprüfbar sind, nachwievor für unzuverlässig. Anrufe von Aktivisten ins Ausland zwecks Verbreitung vager, einseitiger Informationen oder Fotos und Videoschnipsel im Internet aus themenfremden Zusammenhängen, sind nach unserer Ansicht keine stichhaltigen und nachrichtentauglichen Informationen.

Quid pro quo.


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