Der ESC 2016 – Das Festival des politischen Liedes

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Bildquellen und Hintergrundinformationen zu Medschlis: Olga Katsaros

Scheitern mit Ansage

Bereits die Schmierenkomödie um die (Nicht-)nominierung des hiesigen Ausnahmekünstlers Xavier Naidoo machte deutlich, dass der deutsche Beitrag das vierte Jahr in Folge, unter der Federführung des NDR mit seinem Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, in einem Desaster münden würde. Nicht nur die gänzlich sinnbefreite, in primitivem Rufmord mündende Posse, die vom NDR losgetreten wurde und von großen Teilen der Mainstreampresse dankbar aufgegriffen wurde, wirft ein Schlaglicht auf den kulturlosen Umgang, der hierzulande mit Künstlern gepflegt wird, die sich aktiv für Frieden und Toleranz einsetzen. Die involvierten Laiendarsteller der öffentlich-rechtlichen Unterhaltungssparte sorgten auch in diesem Jahr dafür, dass die Karriere einer jungen Künstlerin nicht über die Maßen an Fahrt aufnimmt. Hätte die ARD im Vorfeld des ESC2016 nur halb soviel Reklame für die eigene Kandidatin gemacht, wie für den unsäglich ohrpeinverursachenden und geschichtsrevisionistischen Beitrag der Ukraine, hätte man vielleicht ergebnistechnisch noch was reißen können. Ein finanziell und personell üppig ausgestatteter Sender, der es nicht fertig bringt, die mangelnde Präsenz der eigenen Kandidatin durch kontinuierliche und entsprechend wirksame Platzierungen in verschiedenen Formaten und Unterhaltungssendungen der ARD-Familie unterzubringen, der hat seinen Auftrag verfehlt. Bei PRO7 waren Kandidaten und ESC wesentlich besser aufgehoben.

Von den Verlieren zu den Siegern des Stellvertreterkrieges auf der Gesangesbühne:

Überspitzt lässt sich konstatieren, dass die Jurys der NATO-Mitgliedsstaaten Belgien, Deutschland, Estland, Italien, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und UK den russischen Favoriten Sergey Lazarev mit Null Punkten bewerteten und den bündnispolitisch kompatiblen politischen Song der Ukraine mit Bestnoten bedachten. Natürlich achten die Jurys ausschließlich auf Musik und Show als Kriterien. Daher vergab auch die deutsche Jury Bestnoten an Israel (interessant auf welche Art Musik BossHoss so abfährt) und an Russland Null Punkte. Die deutschen Zuschauer hingegen wählten Russlands Sergey Lazarev zu ihrem Favoriten und gaben Israel Null Punkte.

Das russische und das ukrainische Publikum gaben sich sogar gegenseitig Bestnoten. Was ist da los vor den heimischen Flimmerkisten? Wirkt die Propaganda nicht mehr so wie sie sollte? Ist man sich am Ende sogar „insgeheim“ freundschaftlich gesinnt und will entgegen geopolitischer Interessen Anderer Annäherung und Versöhnung? Fragen über Fragen.

In der Berichterstattung über den Ausgang des ESC wurde nur mäßig auf die stark abweichenden Voten von Jury und Publikum hingewiesen – auch der Umstand, dass der russische Kandidat nach dem Votum des Publikums, als klarer Sieger aus dem Wettbewerb hervorging, blieb weitestgehend unerwähnt. Ebenso karg wie die Hinweise auf die offensichtlichen Dissonanzen zwischen Jury und Publikum waren aufklärende Worte zu Intention und Person der Preisträgerin, sowie zum Inhalt ihres Vortrages – von den aufgeweichten Regeln des ESC zu Gunsten der politischen Botschaft in Richtung Russland mal ganz abgesehen.

„No lyrics, speeches, gestures of a political or similar nature shall be permitted during the ESC.“

Dass Jamalas Song weniger auf die Vergangenheit abzielt, sondern viel mehr eine Reaktion auf die Wiedereingliederung der Halbinsel Krim an Russland ist, liegt wohl auf der Hand. Jamala äußerte sich offen, dass ihr Lied auch „2014“ hätte heißen können, doch dann hätte sie am Wettbewerb nicht teilnehmen können.

Wie auch immer, man muss schon ganz schön wirr im Kopf sein, wenn man die Ereignisse die im Jahr 2014 zur „Heimholung“ der Halbinsel Krim führten, mit der Vertreibung der Krim-Tataren, die zweifellos auch eine Vorgeschichte hat, in Verbindung bringt. Und das gilt sowohl für das gesprochene als auch für das gesungene Wort.

Das Siegerlied

Jamalas Lied „1944“ ist nach eigenen Angaben der Künstlerin eine Verarbeitung ihrer persönlicher Geschichte. 1944, ein Jahr vor dem Sieg über Nazi-Deutschland, fand die Vertreibung der Krimtataren statt. Der Grund für die Deportation der Krim-Tataren liegt in deren Kollaboration mit den Nazis und den dokumentierten Grausamkeiten, die gegen Bewohner der Krim und anderer Teile der Sowjetunion begangen wurden.

„Die Krim“, so befahl Hitler schon drei Wochen nach dem Angriff auf die Sowjet-Union, „muss von allen Fremden geräumt und deutsch besiedelt werden.“ Doch davor mussten die Tataren zuerst die Russen, Juden, das sogenannte Kommunistenpack, eliminieren. Feldmarschall von Kleist befahl am 17. Februar 1943: „Die besetzten Nachfahren der „Goldenen Horde“ Dschingis-Khans, die jahrhundertelang Russland beherrschten, seien „als Bundesgenossen zu behandeln“. Hitler witzelte: „Bald bin ich der Oberhäuptling der Tataren. Araber und Marokkaner nehmen bereits meinen Namen in ihre Gebete auf. Bei den Tataren werde ich Khan werden.“ Sechs rein krimtatarische Bataillone kämpften gegen Sowjet-Partisanen.

Nicht nur der Song, sondern Jamala selbst, ist ein politisches Statement. Ihre öffentlichen Auftritte mit Mustafa Dschemilew, dem Gründer des Medschlis, einer Organisation, die ausschließlich auf anti-russische Tätigkeit eingestellt ist, sind deutliche politische Aussagen. Das Oberste Gericht der Krim hat die Vereinigung „Medschlis des Krimtatarischen Volkes“ als extremistische Organisation eingestuft und ihre Tätigkeit auf russischem Territorium verboten. Dschemilew leugnet den Genozid an den Armeniern, organisierte 2015 die Krim-Blockade, wobei ihm dabei die Nazis von „Asow“ und dem Rechten Sektor halfen, bat die NATO und Erdogan um die See-Blockade der Krim und die Schließung des Bosporus für russische Schiffe.

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Die Vertretungen des Medschlis und deren komplizierte Finanzierung werden durch verschiedenste Organisationen, unter anderem durch UNPO, einer Vereinigung, die ihre Koordinierungsbüros im estnischen Tartu sowie im US-amerikanischen Washington, D.C. unterhält, durch FUEN und viele mehr geregelt. IRI und USAID beschäftigten sich auch ausgiebig mit der Krim und den Krimtataren.

1954, als die Oblast Krim an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR) übertragen wurde, war es der Erste Sekretär der KPdU Kiritschenko, der es durchgesetzt hat, dass es den Krimtataren weiterhin verboten war, auf die Halbinsel zurückzukehren. Erst 1989 durften die Krimtataren heimkehren. Doch auch nach ihrer Rückkehr beklagte sich die tatarische Minderheit über Diskriminierung. „Mehr als ein Drittel der Siedlungen, in denen Krimtataren leben, wird nicht mit Wasser versorgt. In 25 Siedlungen gibt es keinen Strom. Nur etwa fünf bis acht Prozent dieser Siedlungen werden mit Erdgas versorgt und haben gute Verkehrswege… Etwa 30.000 Familien der Krimtataren – das sind rund 110.000 Menschen – haben keine eigene Wohnung. Von diesen Familien wohnen etwa 8.000 in Wohnheimen und Wohnungen, die sie bei anderen Leuten anmieten. Die übrigen leben in eigenen Häusern, wobei es sich jedoch meist um nicht fertig gestellte Neubauten oder heruntergekommene Altbauten handelt.“

Jazenjuk, 2012: „Na und, dass die Krimtataren Moslems sind. Für sie gelten gleiche Gesetze. Sie versuchen, das Volk zu terrorisieren. Sie besetzen Territorien, die ihnen nicht gehören. So etwas hatten wir früher nicht. Wir werden diesen Versuchen des Terrors entschieden entgegentreten“.

Erst seitdem die Krim wieder zu Russland gehört, entwickelten Kiew und die westlichen Bündnispartner ein außergewöhnlich intensives Interesse für das Volk der Krim-Tataren. Natürlich geht es wie immer bei dieser Art der Fürsorge um Demokratie und Menschenrechte. Was kümmert die westlichen Wertebewahrer das Selbstbestimmungsrecht der Völker? Wenn über 50.000 Krim-Tataren feiern, wie am 3. Mai das traditionelle Frühlingsfest „Hidirlez“, finden sich weder besorgte Menschenrechtler und die üblich verdächtigen EU-Politiker vor Ort, noch entsprechende Meldungen in den Nachrichten einschlägiger Medien.

#ESC2017 im Maidan-Land

Ein ukrainischer politischer Beamter hatte im Vorfeld bereits angekündigt, dass der ESC 2017 von der Ukraine auf der Krim ausgerichtet werde. Natürlich fragt man die Einwohner der Krim nicht, was sie davon halten. Denn nicht Russland wird den #ESC im kommenden Jahr ausrichten sondern eine zutiefst innerlich zerrissene und bankrotte Ukraine. Es tobt ein Bürgerkrieg, politisch missliebige Bürger werden verfolgt, misshandelt und getötet, Verbrechen wie diese werden nicht aufklärt, die Korruption blüht und wird „Dank“ der korrupten Regierungsmitglieder nicht hinreichend bekämpft, alte und neue Verbrecher werden als Volkshelden gefeiert, Homosexuelle von wütenden Mobs durch die Straßen getrieben und alles was russisch ist – von der Sprache, über Filme, Bücher, Symbole und russische Lieder auf öffentlichen Plätzen – wird als unerwünscht erklärt oder verboten.

Ein besorgter Forist stellte in der Meta-Tagesschau anlässlich dieser Aussichten die richtigen Fragen:

Nachdem also nun einer meiner erwähnten Fälle eingetreten ist würde ich mich freuen, wenn die ARD mal berichten könnte, wie das dann 2017 funktionieren wird, insbesondere was die repressive Gesetzgebung der Ukraine ggü. Russland anbelangt:

Dürfen russische Fans einreisen?
Russische Fähnchen schwenken?
Darf ein russisches Lied mit einem russischen Interpreten überhaupt antreten?
Darf das russische Lied gesendet werden?
Darf das russische Lied dann Punkte bekommen?
Darf Russland zugeschaltet werden?
Dürfen russische Medien übertragen?

Und eher allgemein noch die Frage, ob die Ukraine denn den ESC ausrichten wird und wer dann die Ausrichtung zahlt.


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