Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd

Was bisher geschah:
Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen

Allgemeiner Teil: Die Kunst, Geschichten zu erzählen

„Parajournalismus sieht aus wie Journalismus, aber der Schein trügt: Er ist eine Mischung, die auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzt: Die sachliche Autorität von Journalismus ausnutzend sowie den stimmungsvollen Freibrief von Fiktion.“ Dwight Macdonald, 1965

Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd

„Wir müssen uns den Leser als Hund vorstellen. Ein Hund, der eigentlich spielen möchte, dem ich aber jetzt mit etwas Ernsthaftem komme.“

Diese Allegorie zitieren die Journalisten Danilo Rößger und Rike Uhlenkamp in ihrem Artikel „Die dramaturgische Trickkiste“. [1] Das Zitat stammt aus dem Netzwerk-Recherche-Workshop „Dramaturgie 2.0“ von 2014. Es bringt ein zentrales Anliegen des modernen Erzähljournalismus zum Ausdruck: angesichts sinkender Auflagenzahlen, Zeitungssterben, aber auch Quotendruck im Fernsehen die Aufmerksamkeit des Rezipienten zu erregen und zu behalten:

„Wie lenken Sie die Aufmerksamkeit des Publikums dauerhaft auf Ihre Botschaft?“, fragt Marie Lampert den Leser ihres Bestsellers, „Storytelling für Journalisten“.

„Storytelling heißt eine Sprache finden, die gleichzeitig Hirn und Herz anspricht. Autoren müssen die Grammatik des Gehirns und der Gefühle lernen. Darin besteht die Herausforderung. […] Meister der Erzählung beherrschen diese Kunst. Bob Dylan sagt: ‚It makes you feel and think at the same time.‘ Dylans Satz bezieht sich auf den Schreibstil von Barack Obama“. [2]

Die Psychologin weiß: „Es geht um die Kunst des Verführens. Mit einem Mittel, das seit jeher verfängt. Es heißt ganz schlicht: Ich erzähl dir eine Geschichte. Die meisten Menschen mögen Geschichten. Sie verbinden damit gute Erinnerungen. Mit dem Gestus des Geschichtenerzählers fängt man sie ein.“ [3]

Als Gegenkonzept zum klassischen Informationsjournalismus, der in Deutschland auch angesichts der historischen Lehren über die emotionale Verführbarkeit des Menschen auf rational-nüchterne Informationsverarbeitung zielt, setzt der moderne Erzähljournalismus (narrativer Journalismus) auf Emotionalisierung und Unterhaltung durch eine spannende Dramaturgie: Aus der Perspektive einer Erzählerfigur wird das Nachrichten-Ereignis als dramaturgisch gestaltete Handlung erzählt, sei es linear-chronologisch oder in Form der Rückblende, Gondelbahnstruktur oder auch des Oxymoron-Plots. Diese und andere narrative Techniken sind dabei laut Lampert „das Trojanische Pferd“ [4], durch das die Kernaussage im Innern eingeschleust wird.

Den grundsätzlichen Unterschied zwischen Dramaturgie und Information erklärt der Kommunikationstrainer René Borbonus folgendermaßen:

„Eine journalistische Nachricht ist nach einer umgekehrten Pyramide aufgebaut: Das Wichtigste kommt zuerst, und so viel davon wie möglich steht im ersten Satz. Nach hinten wird die Nachricht immer dünner, die Informationen immer unwichtiger. Die Dramaturgie einer Geschichte funktioniert ganz anders. Sie arbeitet vom ersten bis zum letzten Satz auf ihre Quintessenz hin: die Pointe, die Auflösung – die Botschaft. Nichts auf dem Weg ist unwichtig, alle Details greifen ineinander. Das Ziel der Dramaturgie einer Geschichte ist das Gegenteil von Information: Sie erzeugt ein Vakuum, das wir Spannung nennen.“ [5]

Präsentiert wird die Geschichte von einer „nicht immer expliziten, aber durch Perspektivierung und Positionierung charakterisierbaren Textperson als Erzähler“. [6]

Die Konstruktion einer fiktiven Textperson, die gleich einem literarischen Erzähler dem Rezipienten das Geschehen als Narration vermittelt, wird als „Filmtext-Werkzeug“ zusammen mit der Erzählsatz-Methode Gregor Heussens auch an der ARD.ZDF Medienakademie gelehrt: Ein und dasselbe Geschehen kann aus der Sichtweise verschiedener Textpersonen (z.B. „Der Spötter“, „der Freund“, „der plädierende Strafverteidiger“, der „Staatsanwalt“, „der neutrale Beobachter“) erzählt werden, wobei die neutrale Perspektive nur eine unter vielen ist. Je nach Erzählertyp ergeben sich daraus unterschiedliche dramaturgische Entscheidungen hinsichtlich Auswahl und Anordnung von Fakten, der Wortwahl, der Stimme usw.
Die Erzählerfigur kann – sowohl im journalistischen Beitrag („Reporter im On“) als auch im Schaltgespräch – sichtbar in der Person des Korrespondenten auftreten, sie kann aber auch nur durch den gesprochenen Off-Text im Filmbeitrag wahrnehmbar sein.
Die Auswahl der jeweiligen Textperson hängt dabei ab von den emotionalen (z.B. Ärger über einen Politiker, Bewunderung, Mitgefühl) und den argumentativen Zielen (z.B. Kriterien für Urteilsbildung vermitteln), die der Journalist mit seinem Beitrag verfolgt. [7]

In der Literaturwissenschaft wird die Einstellung des Erzählers zu den Figuren und der Handlung auch als Erzählhaltung bezeichnet. Die folgenden Beispiele zeigen verschiedene Erzählhaltungen, wie sie auch in der Literatur vorkommen. Grob lassen sich 3 Unterscheidungen treffen: Der Erzähler steht der Figur/Handlung affirmativ, neutral oder kritisch gegenüber.

Ein Beispiel für eine affirmative Position in Form einer empathisch-nahen, identifikatorischen Erzählhaltung:

„Es ist eine Rede, die ihm wahnsinnig schwerfällt, sagt Wolfgang Schäuble, der doch selten um ein Wort verlegen ist, sei es mahnend, werbend oder tosend. Heute muss er von allem etwas liefern. Athen habe viel Vertrauen zerstört, so der Bundesfinanzminister, dennoch bittet er die Abgeordneten um eine Verlängerung der Griechenland-Hilfen. Keine neuen Milliarden, nur mehr Zeit: 4 Monate, um Reformen umzusetzen.“
(Korrespondentin Julia Krittian zur Bundestagsentscheidung über die Verlängerung der Kreditvereinbarung mit Griechenland, Tagesthemen vom 27.02.2015)

Hier ein Beispiel für eine kritische Position in Form einer ironisch-spöttischen Erzählhaltung:

„Bühne frei für Yanis Varoufakis. Er ist zurück. Gewohnt galant flötet er in Kameras und Mikrofone, dass es eine „Ehre“ und ein „großes Privileg“ sei, an diesem Tag im Herzen von Europa zu sein – in Berlin. „Griechenlands linker Ex-Finanzminister als Leitwolf einer neuen paneuropäischen Bewegung, abgekürzt DiEM25. Soll heißen „Demokratie in Europa, Bewegung 2025“. Geburtsort: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, in direkter Nachbarschaft zum Karl-Liebknecht-Haus. Dort ist die Zentrale der Partei DIE LINKE. Hausherrin Katja Kipping macht auch mit, und sie weiß, „dass viele in der Linken das mit großem Interesse verfolgen“. […]. Das Programm liest sich wie ein Waschzettel für Allgemeines, gegen alles Etablierte in Europa, und Katja Kipping hat einen Anknüpfungspunkt gefunden: Die Linke teile „auf jeden Fall“ das Ziel einer Demokratisierung Europas. [..]“
(Korrespondentin Marita Knipper auf tagesschau.de, 09.02.2016)

Der moderne Erzähljournalismus hat Schnittmengen mit dem umstrittenen New Journalism in den USA der 60er/70er Jahre, der sich literarischer Techniken (Metaphern, Symbolhaftigkeit, Ironie, Stimmung und Atmosphäre usw.) bediente. Den Normen des objective reporting setzte der New Journalism die Radikalität der subjektiven Perspektive entgegen. Kritiker bezeichneten diese journalistische Strömung als „Parajournalismus“ (Dwight Macdonald). Aufgrund ihres sozialpolitischen Engagements wurden die Vertreter des New Journalism auch als Aktivisten oder „Journalisten als Missionare“ (John Hohenberg) angesehen. [8]

Als Kommunikationsstrategie ist Storytelling eine Methode, die in den USA im Bereich Marketing und Unternehmensführung entwickelt wurde. Statt sich bei der Werbung für das Unternehmen auf Zahlen und Fakten zu konzentrieren, sollte die zu vermittelnde Botschaft in Form einer möglichst spannenden Geschichte vermittelt werden. Storytelling setzt sich seit Ende der 90er Jahre als Kommunikationsstrategie durch: in Politik, Militär und Wirtschaft. [9]

Der französische Narrationsforscher Christian Salmon hat in seinem Buch „Storytelling – die Maschine, um Geschichten zu erfinden und die Gehirne zu formatieren“ die Entwicklung und Bedeutung dieser Kommunikationsstrategie anhand von zahlreichen Beispielen aus Politik, Wirtschaft und Militär untersucht: Erzählen ist laut Salmon eine Methode geworden, die Öffentlichkeit, Wähler, Kunden zu verführen, zu überzeugen und zu beeinflussen [10].

„Wir leben in einer großen Lüge.“ [11]

„Statt in einen neuen Orwellschen Albtraum könnte diese ’neue narrative Weltordnung‘, so Salmon, aber auch zu einer ungeahnten Form individueller Geschichtenverweigerung führen.“ [12]

„Storytelling kann Information sein oder reinen Propagandazwecken dienen“, urteilt Jürg Altwegg, „es ist eine Kommunikationstechnik, kann aber genauso – man muss wohl auch Michel Foucault wieder lesen – als Instrument der sozialen Kontrolle und Machtausübung verstanden werden.“ [13]

2006 endet die Expertentagung der Bertelsmann Stiftung zu strategischer Regierungskommunikation mit der Empfehlung, u. a. nach dem Vorbild der USA, Großbritanniens, aber auch Dänemarks unter Anders Fogh Rasmussen verstärkt auf sog. Spin-Doktoren zu setzen und damit einen professionellen Mitarbeiterstab aufzubauen, der geschult ist in „Kommunikationsstrategien“. Ausdrücklich hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang „methodisches Know-How“ auf den Feldern „Storytelling“ und dem „sprachlichen Framing“. [14]

Dabei beruft man sich auf die Forschungsarbeiten des US-amerikanischen Linguisten George Lakoff über politische Kommunikationsstrategien zur Veränderung mentaler Konzepte der Bevölkerung. Statt im irrtümlichen Glauben an eine vernunftbasierte Rationalität des Wählers auf Faktenvermittlung zu setzen, müsse politische Kommunikation stärker die unbewussten, emotionserzeugenden Wahrnehmungs- und Beurteilungsmuster der Wähler fokussieren. Ein wichtiges Mittel sei dabei laut Lakoff das Erzählen von Geschichten: „Tell a story. Find stories where your frame is built into the story. Build up a stock of effective stories.“ [15]

Ausdrücklich warnt die Bertelsmann-Expertenkommission aber auch vor der „Missbrauchsanfälligkeit“ solcher „nicht unumstritten[er]“ Methoden im Hinblick auf „Desinformation oder Propaganda“.

Umstritten sind diese Methoden nicht nur, weil sie in besonderem Maße die Gefahr der Realitätsverzerrung bergen. Sie zielen zusätzlich auf das Unbewusste des Menschen und liegen damit grundsätzlich außerhalb seines kritischen Bewusstseins:

„Als Goethe seinem Publikum vor über 200 Jahren durch Mephisto ausrichten ließ, dass es zum größten Teil vom Unbewussten gesteuert werde, konnte er nicht mit dem Beifall der Wissenschaftler rechnen. Aber sein Satz ‚Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben‘ verdichtet genau das, was die Neurowissenschaftler heute mit modernsten technischen Hilfsmitteln experimentell beweisen: Unser Verhalten wird zum größten Teil vom Unbewussten beeinflusst, das seinerseits für seine Entscheidung die im autobiographischen Gedächtnis gespeicherten Geschichten zurate zieht.“ [16]

Dass im Erzählen von Geschichten „immer auch die Interpretation der dargestellten Fakten“ enthalten ist, dass durch Geschichten auch „Wertevorstellungen und Weltbilder“ vermittelt werden, dass sich dadurch „Zielkonflikte“ [17] von journalistischem Informieren einerseits und dem Erzählen von Geschichten andererseits ergeben, sind kritische Einwände, die in der Euphorie über den modernen Trend im Journalismus untergehen:

„Aber taugt das, was für Märchen gilt, auch für journalistische Texte, in denen es doch in erster Linie um Informationsvermittlung geht? Unbedingt. Weil die meisten Menschen sich für Menschen mehr interessieren als für Daten und Fakten, weil sie sich Bilder, auch Metaphern besser einprägen als abstrakte Sachverhalte, weil sie das Kino im Kopf lieben. Man nehme einen Helden, einen Ort und eine Handlung – dieses Rezept des Aristoteles passt bis heute auch für journalistische Geschichten, und zwar nicht nur für die klassische Reportage. Storytelling funktioniert in Nachrichten, Berichten und sogar im Interview […].“ [18]

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[1] Danilo Rößger, Rike Uhlenkamp: Die dramaturgische Trickkiste, in: Message-Podium 1-2014.
[2] Marie Lampert, Rolf Wespe: Storytelling für Journalisten, Konstanz und München 2013, S. 11.
[3] Marie Lampert: Storytelling. Über die Kunst, Leser mit spannenden Geschichten einzufangen, in: Medium-Magazin 11/2007.
[4] Marie Lampert, Rolf Wespe: a.a.O., S. 194.
[5] René Borbonus: Hollywood. Storytelling, in: Einblicke, Ausblicke 2014, S. 22-23, hier S. 23.
[6] Sebastian Köhler: Die Nachrichtenerzähler. Zur Theorie und Praxis nachhaltiger Narrativität im TV-Journalismus, Baden-Baden 2009, S. 12.
[7] Einen Überblick ermöglicht das von Gregor Heussens Internetseite herunterladbare Dokument: „Angebot und Exposé“.
[8] Vgl. James E. Murphy: The New Journalism: A Critical Persepective. Journalism Monographs Nr. 34, Mai 1974, S. 3 ff.
[9] Joseph Hanimann: Recht hat, wer eine Geschichte erzählt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2007.
[10] Christian Salmon: Une machine à fabriquer des histoires, in: Le Monde diplomatique, Nov. 2006, S. 18-19.
[11] Juan Cruz: Entrevista. Christian Salmon. „Vivimos en la gran mentira“, in: El Pais, 19.10.2008.
[12] Joseph Hanimann: a.a.O.
[13] Jürg Altwegg: Politische Rhetorik. Die Märchen der Macht, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2009.
[14] Bertelsmann Stiftung: Diskussionspapier zum Expertendialog: DiskussionpapierReformkommunikation. Veränderungsprozesse erfolgreich vermitteln, 16.11.2006, S. 8 ff.
[15] George Lakoff: Don’t think of an elephant. Know your values and frame the debate, White River Junction 2014, S. 161.
[16] Werner T. Fuchs: Warum das Gehirn Geschichten liebt. Mit Storytelling Menschen gewinnen und überzeugen, Freiburg 2015, S. 51.
[17] Karl N. Renner: Storytelling im Fernsehjournalismus – Ein Zukunftskonzept mit offenen Fragen, Berlin 2008.
[18] Ulrike Schnellbach: Wie in Tausendundeiner Nacht, in: DJV-Blickpunkt 3/2012.

Fortsetzung folgt am 09.08.2016


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