Kapitel 5 – The Hidden Persuaders

„Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015“ – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten

Allgemeiner Teil: Die Kunst, Geschichten zu erzählen

Kapitel 5 – The Hidden Persuaders – Techniken der verdeckten Argumentation

5.1 Verdeckte Argumentation durch die Erzählhaltung des Journalisten (Erzählerfigur): affirmativ-nah oder kritisch-distanziert

a) affirmativ-nah/identifikatorisch-empathisch: zur Bestätigung eines politischen Akteurs oder einer bestimmten politisch-gesellschaftlichen Position.

Beispiele aus den Tagesthemen vom 27.02.2015:

Caren Miosga: „Griechenland wird weiter Geld aus Europa bekommen. Dafür hat der Deutsche Bundestag heute mit überwältigender Mehrheit gestimmt. Aber – zwei Herzen, ach, in meiner Brust: Wolfgang Schäuble musste heute im Bundestag für ein verlängertes Hilfsprogramm werben, obwohl er sich über den mangelnden Reformwillen seines griechischen Kollegen mehrfach geärgert hat.“

Julia Krittian: „Es ist eine Rede, die ihm wahnsinnig schwerfällt, sagt Wolfgang Schäuble, der doch selten um ein Wort verlegen ist, sei es mahnend, werbend oder tosend. Heute muss er von allem etwas liefern. Athen habe viel Vertrauen zerstört, so der Bundesfinanzminister, dennoch bittet er die Abgeordneten um eine Verlängerung der Griechenland-Hilfen. Keine neuen Milliarden, nur mehr Zeit: 4 Monate, um Reformen umzusetzen.“

b) kritisch-distanziert: z. B. in Form von spöttischer Ironie, der „Waffe der Parteilichkeit“ (Heinrich Lausberg), die die Demonstration der eigenen Überlegenheit bezweckt sowie die Solidarisierung zwischen Sprecher und Hörer gegen einen verlachenswerten Dritten. Die kritisch-distanzierte Erzählhaltung dient der Abwehr/Abwertung einer Position oder einer Person. Nicht selten ist sie eingebunden in die Rapid-Response-Strategie (urspr. Wahlkampftechnik: schnelle Zurückweisung der Kritik des politischen Gegners, meist durch Konterattacke und Reframing, s.u.)

Beispiele:

Bettina Scharkus, Tagesthemen 29.01.2015: „Drinnen wurde der linkspopulistische Grieche kräftig von den Ministern ins Gebet genommen, u.a. in einem Vier-Augen-Gespräch mit Walter Steinmeier. Am Abend klang der frischgebackene Außenminister dann auch ganz anders.“

Marita Knipper, tagesschau.de. 09.02.2016: „Bühne frei für Yanis Varoufakis. Er ist zurück. Gewohnt galant flötet er in Kameras und Mikrofone, dass es eine „Ehre“ und ein „großes Privileg“ sei, an diesem Tag im Herzen von Europa zu sein – in Berlin. Griechenlands linker Ex-Finanzminister als Leitwolf einer neuen paneuropäischen Bewegung.“

5.2 Verdeckte Argumentation durch die Anwendung rhetorischer Strategien

Der Journalist kann sich je nach Argumentationsziel populärer Scheinargumentationen (=logischer Fehlschlüsse) bedienen.

„Derartige Strategien finden sich oftmals in Kombination mit einer Diffamierung der Position des politischen Gegners, um ihn zu diskreditieren.“ [61]

Sie dienen dazu, von einer sachlich-rationalen Auseinandersetzung mit dem Streitgegenstand abzulenken. Diese rhetorischen Ablenkungsmanöver werden unter dem Begriff Red Herring zusammengefasst (benannt nach stark riechenden Heringen, die Spürhunde auf die falsche Fährte lenken sollen).

5.2.1 Strohmann

Die These des Kontrahenten wird verzerrt, übertrieben oder falsch dargestellt, um ihr die Glaubwürdigkeit zu entziehen und sie umso leichter widerlegen zu können. Man argumentiert gegen einen Strohmann. Häufig verwendetes Mittel zur Verzerrung der Aussage: Contextomy: Zitate werden aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang gelöst und in einen fremden eingebettet, wodurch ihr Sinn unkenntlich bzw. verfälscht wird (s.u. Reframing).

Beispiel aus den Tagesthemen vom 05.02.2015:

Thomas Roth: „Ruppige Absagen von Seiten des Griechen gab’s ja im Vorfeld schon genug: Keine Zusammenarbeit mehr mit der Troika z.B. – Schuldenschnitt? Ja bitte, aber man kann ihn gern auch anders nennen. [ironisch-spöttischer Tonfall].“

Das hatte Varoufakis tatsächlich gesagt: Varoufakis äußerte, dass es die europäischen Regierungen seien, die den Begriff Schuldenschnitt mit Rücksicht auf ihre Wähler vermeiden würden, obwohl sie sich über dessen Notwendigkeit bewusst seien und inhaltlich bereits über einen solchen verhandeln würden. Auch der ARD gegenüber hatte er dies am 04.02.2015 in einem Interview (auf tagesschau.de veröffentlicht) ausführlich erläutert:

„Was uns vorgeschlagen wurde, was uns unsere Partner in den Gesprächen sagen, ist: Bittet uns nicht um einen Schuldenschnitt! Wir geben euch eine Laufzeitverlängerung und Zinssenkungen. Wissen Sie, was das heißt? Das ist ein Schuldenschnitt: Ein Schuldenschnitt, der den Wert der eigentlichen Rückzahlung drückt, die wir erbringen müssen. Als Finanzminister von Griechenland ist es meine moralische Pflicht, die Verluste unserer Partner zu minimieren und nicht vorzugeben, dass es keine Verluste geben würde, wenn der Nominalwert erhalten bliebe.
Nun, wenn unsere europäischen Partner in der Eurogruppe und anderswo das Wort ‚Schuldenschnitt‘ nicht mögen, dann sollte ich das respektieren.“
[62]

Trotz dieser deutlichen Erklärung des griechischen Finanzministers wird die ARD auch im weiteren Verlauf ihrer Berichterstattung Griechenlands Aussagen zu Umschuldungs- bzw. Restrukturierungsmaßnahmen als unlauteren rhetorischen Trick Griechenlands darstellen, einen Schuldenschnitt durch die Hintertür zu erwirken.

5.2.2 Autoritätsargument (ad verecundiam) /Berufung auf „opportune Zeugen“

Die Legitimität eines Standpunkts soll durch Berufung auf eine Autorität bewiesen werden. Wenn die Expertenauswahl interessengeleitet und unter Ausblendung der Gegenargumentation erfolgt, handelt es sich um ein Scheinargument. Mit dem Ausdruck „opportune Zeugen“ bezeichnet der Medienwissenschaftler Lutz M. Hagen die parteiische Auswahl von zitierten Einschätzungen/Meinungen, durch die mediale Beiträge mit bestimmten Tendenzen versehen werden, ohne dass der Journalist selbst Position beziehen muss. [63]
In der Werbung wird hierfür der Begriff „Testimonials“ verwendet: Experten, Prominente oder auch Laien, die Zeugnis ablegen für ein bestimmtes Produkt.

Beispiel aus der Tagesschau vom 27.02.2015:

Peter Dalheimer: „Finanzminister Varoufakis hatte heute die Debatte über die Reformunwilligkeit seiner Regierung befeuert: Er habe die Reformvorschläge bewusst unbestimmt formuliert, um die notwendige Zustimmung nicht zu gefährden.“
George Tzogopoulos (Politikwissenschaftler): „Die griechische Regierung spricht offenbar mit gespaltener Zunge – sie erzählt nach innen anderes als nach außen.“

5.2.3 Bandwagon-Argument (ad populum, auch „Mitläufer- oder Gewinnereffekt“ genannt)

Die Legitimität eines Standpunkts soll durch Berufung auf eine relevante Mehrheit von Personen, z.B. unter Berufung auf die „öffentliche Meinung“ bewiesen werden. Der Bandwagon-Effekt kann als Sonderform des Autoritätsarguments betrachtet werden. Man beruft sich auf die Autorität der vielen, unabhängig davon, ob der vertretene Standpunkt tatsächlich oder nur vermeintlich der Standpunkt der Mehrheit ist.

Beispiele:

Caren Miosga, Tagesthemen 29.01.2015: „Athen hatte nämlich überraschend verkündet, es mache nicht mit, wenn die EU Russland neue Sanktionen androht. Brüssel reagierte irritiert. […] Dann würde die griechische Regierung mal eben die gemeinsame europäische Außenpolitik in Frage stellen.“

Bettina Scharkus, Tagesthemen 29.01.2015: „Bisher zeigte sich Europa gegenüber Russland erstaunlich geschlossen, bis die neue griechische Regierung querschoss.“

Rolf-Dieter Krause, Tagesthemen 16.02.2015: „Die griechische Regierung agiert so, als würde sie sich ernsthaft einbilden, dass 18 andere Länder – denn da sind alle einig, auch Zypern und alle anderen Länder am Mittelmeer – als würden 18 Länder über das Stöckchen springen, das die griechische Regierung ihnen hinhält.“

5.2.4 Gefühlsappell (Appell an Gefühle wie Bewunderung, Mitleid, Neid, Furcht, Hass, Spott, Hoffnung)

Beispiel für eine an Humor und Spott appellierende Darstellung: Tagesthemen vom 04.02.2015:

Flying

Beispiel für eine an Neid (ad invidiam) und Hass (ad odium) appellierende Rhetorik:

Rolf-Dieter Krause, Tagesthemen 17.02.2015: „So arrogant redet einer [Bezug: „der Grieche“] daher, der es offenkundig für das gottgegebene Recht seines Landes hält, auf Kosten anderer zu leben. Wieso sollten eigentlich die Aldi-Kassiererin und der Realschullehrer, also die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen, mit ihren Steuern dafür einstehen, dass Griechenlands aufgeblähter Beamtenapparat noch weiter vergrößert wird? – Das ist es, was Athen will.“

5.2.5 Innuendo: indirekte Form der ad- hominem-Strategie durch Anspielung oder Andeutung (‚Insinuieren‘ oder durch ‚die Blume reden‘)

Am populärsten zur Denunziation politischer Gegner ist die ad-hominem-Argumentation. Von der inhaltlichen Argumentation des politischen Kontrahenten wird abgelenkt durch einen Angriff auf seine Glaubwürdigkeit (z.B. Verhalten, Motive, Charakter). Die ad-hominem-Argumentation ist die in der ARD-Griechenlandberichterstattung am häufigsten verwandte: Von Varoufakis‘ ökonomischer Argumentation, dass das Troikaprogramm rezessionsverursachend sei, wird permanent abgelenkt (Red Herring) durch Angriffe auf seine Vertrauenswürdigkeit.

Beispiel eines direkten ad-hominem-Angriffs:

Angela Ulrich, tagesschau.de 08.07.2015: „Die griechische Regierung handelt wie ein unberechenbarer Teenager. Sie provoziert, bricht Spielregeln und hat dazu noch ein freches Grinsen im Gesicht.“

bricht Spielregeln

Im Unterschied zur direkten ad-hominem-Argumentation bezweckt die Verwendung von Innuendo laut dem kanadischen Kommunikationswissenschaftler Douglas Walton immer, eine Anschuldigung zu verbreiten und sich gleichzeitig der Verantwortung dafür durch Umgehung der Beweislast zu entziehen. Die Wirkkraft von Innuendo besteht in der Suggestivkraft: Wo Rauch ist, dort ist auch Feuer, sagt der Volksmund, oder auch: Semper aliquid haeret (Etwas bleibt immer hängen). [64]

Wer Innuendo verwendet, der hält sich immer eine Hintertür offen, einen rhetorischen Fluchtweg („escape route“): Im Fall von Kritik kann er jede Verantwortung abstreiten.

Folgende 3 Varianten von Innuendo führt Douglas Walton an:

Erstens: Innuendo durch die bewusste Nutzung von nicht ausdrücklich (explizit) formulierten, sich aber aus dem Kontext ergebenden (impliziten) Schlussfolgerungen.

Die linguistische Pragmatik bezeichnet diese mitgemeinten Aussagen als Implikaturen. Die bewusste Nutzung von Implikaturen ermöglicht es dem Sprecher, im Fall von Kritik abzustreiten, die Aussagen jemals gemacht zu haben (rhetorischer Fluchtweg). Innuendo ähnelt der in der Antike als oratio figurata bezeichneten rhetorischen Figur:

„[…] die Figur nämlich, bei der wir in einer Art von Argwohn das verstanden wissen wollen, was wir nicht sagen, […], etwas Verstecktes und dem Spürsinn des Hörers zum Suchen Überlassenes“. Quintilian [65]

Zum Beispiel Caren Miosga zur griechischen Reformliste: „Heute nun – ausgerechnet zum Beginn der orthodoxen Fastenzeit [Rosenmontagsfeier in Griechenland] – war Abgabetermin. Doch seit dem Abend hören wir: Die Regierung schafft es erst morgen früh, diese außergewöhnlich schwere Hausaufgabe fertigzustellen.“

Zweitens: Innuendo durch die Berufung auf andere, auch anonyme Quellen

Die Verbreitung von nicht belegbaren Beschuldigungen unter Berufung auf andere kann entweder mithilfe „opportuner Zeugen“ (Lutz M. Hagen) erfolgen, wodurch die Beweislast und damit Verantwortung auch für die Wirkung der verbreiteten Anschuldigungen umgangen werden können (s.o. Autoritätsargument).

Oder man beschuldigt den politischen Kontrahenten durch Berufung auf anonyme Quellen und erzielt damit laut Walton „das Verschieben der Beweislast“. Resultat: Weder die Quelle des Gerüchts noch sein Verbreiter müssen die Verantwortung für ihre Beschuldigungen und deren Wirkung übernehmen. Der Sprecher kann im Fall von Kritik darauf verweisen, dass er nur die Aussage Dritter wiedergibt (rhetorischer Fluchtweg).

Beispiel aus der Tagesschau vom 27.02.2015

Innuendo durch Berufung auf „opportune Zeugen“:

Peter Dalheimer: „Finanzminister Varoufakis hatte heute die Debatte über die Reformunwilligkeit seiner Regierung befeuert: Er habe die Reformvorschläge bewusst unbestimmt formuliert, um die notwendige Zustimmung nicht zu gefährden.“
George Tzogopoulos (Politikwissenschaftler): „Die griechische Regierung spricht offenbar mit gespaltener Zunge – sie erzählt nach innen anderes als nach außen.“

Innuendo durch Berufung auf anonyme Quellen:

Rolf-Dieter Krause, Tagesthemen 11.02.2015: „Man hat erfahren können, dass die griechische Regierung weder in der Vorbereitungssitzung noch in der heutigen Sitzung ein Papier vorgelegt habe, und nach den europäischen Gepflogenheiten ist erst ein Vorschlag, der auf dem Papier steht, auch wirklich verhandlungsfähig.“

Claus-Erich Boetzkes, Tagesschau 12. 02.2015: „Und mit Griechenland gab es erneut Ärger. Von einem richtigen Halbstarken-Verhalten ist bereits die Rede.“

Bettina Scharkus, Tagesthemen 12.02.2015: „Der Finanzminister aus Athen wollte ein gemeinsam entwickeltes Papier plötzlich dann doch nicht mehr unterschreiben […]. Eine Krisendiplomatie, die manch einer hinter vorgehaltener Hand so beschreibt: als ziemlich chaotisch und unprofessionell.“

Im Zusammenhang mit dieser zweiten Form von Innuendo werden häufig sog. Wieselwörter (engl. weasel words) eingesetzt [66]: Wie man Wieseln nachsagt, in der Lage zu sein, ein Ei auf eine Weise auszusaugen, dass die Schale äußerlich intakt bleibt, so „saugen“ diese Wörter die Substanz aus einer Nachricht: Die leere, weil unbewiesene Behauptung/Beschuldigung erscheint aber – oberflächlich betrachtet – als substantielle, bedeutungsvolle Nachricht. Wieselwörter entlasten den Sprecher davon, seine Behauptung belegen zu müssen, und ermöglichen es ihm, sich ggf. schnell von der getroffenen Aussage zu distanzieren:

Gern verwendete Wieselwörter sind: Viele kritisieren…. so mancher weist darauf hin…. Beobachter, unabhängige Beobachter meinen…. Kritiker warnen…. aus gut informierten Kreisen ist zu hören…. vertrauliche Quellen…. offizielle Stellen…. Bürgerrechtler berichten…. Aktivisten oder Menschenrechtler werfen vor…. hinter vorgehaltener Hand ist die Rede von…. wir hören…. erfahren…. es heißt…. Medienberichten, Gerüchten, Insidern zufolge…. soll…. könnte…. möglicherweise…. offenbar…. wohl usw.

Drittens: Innuendo durch Verbreitung einer Anschuldigung, von der man sich gleichzeitig ausdrücklich distanziert:

Thomas Roth, Tagesthemen 16.02.2015: „Rolf Dieter, was ja auffällt, wenn man das so beobachtet, was der griechische Finanzminister allenthalben äußert, dann fällt ja die Ruppigkeit in dieser Sprache auf, ich will nicht sagen Arroganz. Erregt das nicht enormen Unmut in Brüssel?“

Kai Gniffke: „Wir wollen es uns nicht zu einfach machen und alles als gesteuerte Kampagnen und Spielwiese für Verschwörungstheoretiker abtun.“ (ARD-Chefredakteur zur Medienkritik an der Tagesschau, tagesschau-Blog 29.09.2014, inzwischen von der ARD aus dem Netz entfernt)

„Solche rhetorischen Selbstkommentare und Kniffe gehören zum Alltag wie zur historischen Überlieferung der Rhetorik und ihrer Gedankenführung. […] Ein typisches, im Alltag oft unverdächtiges Beispiel ist: ‚Um nicht zu sagen: F‘. Natürlich sagt man damit ‚F‘, man sagt es aber indirekt. […]. Auf jeden Fall: Man stellt es ‚in den Raum‘. Und man kann unter Umständen die Verantwortung durch ein solches Manöver von sich weisen“. [67]

5.3 Verdeckte Argumentation durch interessengeleitetes Framing

a) interessengeleitete Falschinformation

b) interessengeleitete Selektion und Dekontextualisierung: Auslassung von wesentlichen Fakten, durch die wichtige Sinnzusammenhänge verlorengehen.

„Eine Halbwahrheit ist eine ganze Lüge.“ (Jüdisches Sprichwort).

c) interessengeleitete Rekontextualisierung (Reframing): Einbetten von Fakten in einen fremden Sinnzusammenhang, „der sie als etwas anderes erscheinen lässt als das, was sie tatsächlich sind.“ Rainer Mausfeld [68]

Besonders schwerwiegend ist Reframing dort, wo es speziell die journalistischen Authentizitätsnachweise (O-Töne sowie Bildaufnahmen) betrifft, da diese aus Sicht des Rezipienten den Status von „Wahrheitsbelegen“ haben.

Erstens: Reframing durch Verstöße gegen das Gebot der Zitattreue

  • Falsche Wiedergabe/Übersetzung

Beispiel aus der Tagesschau vom 27.02.2015:

Peter Dalheimer: „Finanzminister Varoufakis hatte heute die Debatte über die Reformunwilligkeit seiner Regierung befeuert: Er habe die Reformvorschläge bewusst unbestimmt formuliert, um die notwendige Zustimmung nicht zu gefährden.“

Das hatte Varoufakis tatsächlich gesagt: Varoufakis sprach in Bezug auf die gemeinsame Eurogruppenvereinbarung vom 20.02.2015 über die Anwendung einer Verhandlungstechnik aus dem Bereich des Konfliktmanagements („Constructive Ambiguity“).

  • contextomy

Zitate werden aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang gelöst und in einen fremden eingebettet, wodurch ihr Sinn unkenntlich bzw. verfälscht wird.

Der Begriff „contextomy“ geht auf den amerikanischen Journalisten Milton Mayer (They thought they were free: The Germans 1933-45) zurück. Er bezeichnete damit die Vorgehensweise Julius Streichers, Talmudzitate aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang herauszureißen und seiner Leserschaft als Beleg für Ritualmord, Gier usw. zu präsentieren, um antisemitische Ressentiments zu schüren. An der Universität von Texas, Austin, forscht der Kommunikationswissenschaftler Matthew McGlone zu modernen Verwendungsformen und Wirkungen von contextomy, auch innerhalb von Kampagnen. Seinen Studien zufolge dauere der durch contextomy hervorgerufene falsche Eindruck selbst dann noch an, wenn der Rezipient über den ursprünglichen Sinnzusammenhang aufgeklärt worden ist.

Beispiel aus den Tagesthemen vom 05.02.2015:

Thomas Roth: „Ruppige Absagen von Seiten des Griechen gab’s ja im Vorfeld schon genug: Keine Zusammenarbeit mehr mit der Troika z.B. – Schuldenschnitt? Ja bitte, aber man kann ihn gern auch anders nennen. [ironisch-spöttischer Tonfall].“

Das hatte Varoufakis tatsächlich gesagt: Varoufakis äußerte, dass es die europäischen Regierungen seien, die den Begriff Schuldenschnitt mit Rücksicht auf ihre Wähler vermeiden würden, obwohl sie sich über dessen Notwendigkeit bewusst seien und inhaltlich bereits über einen solchen verhandeln würden.

„Was uns vorgeschlagen wurde, was uns unsere Partner in den Gesprächen sagen, ist: Bittet uns nicht um einen Schuldenschnitt! Wir geben euch eine Laufzeitverlängerung und Zinssenkungen. Wissen Sie, was das heißt? Das ist ein Schuldenschnitt: Ein Schuldenschnitt, der den Wert der eigentlichen Rückzahlung drückt, die wir erbringen müssen. Als Finanzminister von Griechenland ist es meine moralische Pflicht, die Verluste unserer Partner zu minimieren und nicht vorzugeben, dass es keine Verluste geben würde, wenn der Nominalwert erhalten bliebe. Nun, wenn unsere europäischen Partner in der Eurogruppe und anderswo das Wort ‚Schuldenschnitt‘ nicht mögen, dann sollte ich das respektieren.“

  • Verzerrung durch der Sprecherabsicht zuwiderlaufendes Wortmaterial: Bei der indirekten Wiedergabe darf „nicht entgegen der Intention des Redners eigenes Wortmaterial unterlegt werden“ [69]:

Beispiel aus den Tagesthemen vom 30.01.2015:

Ellen Trapp: „Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure von EU, EZB und IWF mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen.“

Das hatte Varoufakis gesagt: „Unsere Regierung wird mit größtem Engagement mit der Eurozone, der EU und dem IWF zusammenarbeiten, aber mit der Troika, die ein Programm umsetzten will, dessen Idee wir als antieuropäisch betrachten und die auch das europäische Parlament nicht für demokratisch legitimiert hält, wollen wir nicht zusammenarbeiten.“

  • Verzerrung durch falsche Akzentuierung (innerhalb der Wiedergabe oder Einordnung einer Aussage): Als „Fallacy of Misleading Accent“ bezeichnet der Philosoph T. Edward Damer die Strategie, jemanden zu einer unberechtigten Schlussfolgerung zu verleiten, „indem man eine unsachgemäße oder unübliche Betonung/Gewichtung auf ein Wort, eine Phrase oder einen einzelnen Aspekt eines Themas oder einer Behauptung“[70] legt.

Beispiel aus den Tagesthemen vom 30.01.2015:

Ellen Trapp: „Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure von EU, EZB und IWF mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen.“

Durch die irreführende Akzentuierung wird der Eindruck erweckt, dass Griechenland sich der Kontrolle seines Reformwillens entziehen wolle. Von Varoufakis‘ Kritik an der Troika als „antidemokratisch“ und seinem Hinweis auf den Untersuchungsbericht des EU-Parlaments aus dem Jahr 2014 wird damit sofort abgelenkt (Red Herring) durch einen Gegenangriff (Rapid Response), der nicht nur die Reformwilligkeit Griechenlands, sondern erneut die Vertrauenswürdigkeit des griechischen Finanzministers in Zweifel zieht (ad hominem).

Zweitens: Reframing durch Bildmanipulation [71]

  • Bildmanipulation durch Interpretationsfälschung oder nicht gekennzeichnete Symbolbilder
  • Bildmanipulation durch Kontextfälschung
  • Bildmanipulation durch Materialfälschung
  • Bildmanipulation durch Inszenierung

5.4 Verdeckte Argumentation durch semantische, visuelle und auditive Frame-Trigger:
Schlüsselwörter, Schlüsselbilder und Schlüsselmusik:

  • Beispiel für die Aktivierung des Trickster-Frames durch ein semantisches Netzwerk (Schlüsselwörter):
  • Mira Barthelmann, Tagesthemen 28.01.2015: „Der neue griechische Finanzminister, Autor mehrerer Bücher über die Spieltheorie, lässt die Würfel jeden Tag neu fallen: Kürzlich noch bezeichnete er die Sparpolitik und den Umgang Europas mit Griechenland als finanzielles Waterboarding – heute spricht er von Griechenlands ‚europäischen Partnern‘ und bedauert, dass so viele Milliarden an EU-Hilfszahlungen in schwarzen Löchern verschwunden seien. Yanis Varoufakis weiß, dass in einem Monat das letzte Hilfspaket aus Brüssel ausläuft. […] Wie weit wird Varoufakis gehen? Ist der Spieltheoretiker ein Player? Sein Einsatz, die 10.000 Staatsbediensteten wieder in den Dienst zu stellen, ist hoch. […] Die neue Regierung von Athen […] darf zur Lösung der Schuldenkrise keine Zeit mehr verspielen.

  • Beispiel für die Aktivierung des Strenger-Vater-Moral-Frames durch semantische Trigger:
  • Bettina Scharkus, Tagesthemen 29.01.2015: „Drinnen wurde der linkspopulistische Grieche kräftig von den Ministern ins Gebet genommen, u.a. in einem Vier-Augen-Gespräch mit Walter Steinmeier. Am Abend klang der frischgebackene Außenminister dann auch ganz anders.“

  • Beispiel für die Aktivierung des Trickster-Frames durch auditive Trigger:
  • Verwendung des Soundtracks „Flying Through The Air“ des Bud Spencer/Terence Hill-Films „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle (Tagesthemen, 04.02.2015) zur musikalischen Untermalung der Antrittsbesuche von Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis.

  • Beispiel für die Aktivierung des Trickster-Frames durch visuelle Trigger:
  • Tsipras provoziert die EU

    Beispiel für ein rein affektives visuelles Framing: Insgesamt vier Mal wird in den Tagesthemen vom 19.03.2015 folgendes Fotopaar kurz eingeblendet (Himmelsymbolik)

    Ach Athen„Ach, Athen“
    Ach Berlin„Ach,Berlin“

    Darstellungseffekte zur jeweiligen Image-Konstruktion:

    „Selbst kleinste Veränderungen in der Darstellung, z.B. das Zeigen oder Nichtzeigen von Nervosität, Zoomen auf einen Sprecher, das Einschneiden von positiven oder negativen Publikumsreaktionen kreieren beim Publikum verschiedene Eindrücke einer Person […]. Die Möglichkeiten des Fernsehens, mit Hilfe von Darstellungstechniken Images von Politikern zu beeinflussen, sind praktisch unbegrenzt.“ [72].
     

    Schaubild: The Hidden Persuaders – Techniken der verdeckten Argumentation

    Schaubild

    PDF: The Hidden Persuaders

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    [61] Christian Schicha: Inszenierte Berichterstattung in der politischen Bildung. Interpretationsangebote für die visuelle und rhetorische Analyse politischer Informationsangebote, in: Medienimpulse 1/2002, S. 14-24, hier S. 15.
    [62] Yanis Varoufakis im Interview mit der ARD am 04.02.2015 (Englisch).
    [63] Lutz M. Hagen: Die opportunen Zeugen, in: Publizistik, Jg. 37 (1992), H. 4, S. 444-460.
    [64] Douglas Walton: Fallacies Arising from Ambiguity, Dordrecht 1996, S. 186 ff.
    [65] Quintilian: Inst. orat., IX, 2, 65 f., übersetzt von Helmut Rahn [Hg.]: Marcus Fabius Quintilianus: Ausbildung des Redners, Bd. 2, Darmstadt 1975, S. 298 f.
    [66] Patrick Smith: Weasel words and Journalism. It’s either true or it isn’t. MediaBriefing [Weblog] 14.02.2011.
    [67] Erhard Schüttpelz: Figuren der Rede: Zur Theorie der rhetorischen Figur. Philologische Studien und Quellen, H. 136, Berlin 1996, S. 497.
    [68] Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? a.a.O.
    [69] Josef Kurz, Daniel Müller u.a.: Stilistik für Journalisten, Wiesbaden 2000, S. 190.
    [70] T. Edward Damer: Attacking Faulty Reasoning, Boston 2013, S. 135.
    [71] Die Unterteilung der Bildmanipulationen in Material-, Kontext- und Interpretationsfälschungen stammt von dem Soziologen Clemens Albrecht. Clemens Albrecht: Wörter lügen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der Wende zum Bild, in: Wolf-Andreas Liebert, Thomas Metten [Hg.]: Mit Bildern lügen, Köln 2007, S. 29-49.
    [72] Wolfgang Donsbach: Mit kleinen Schritten voran. Zum Stand der Medienwirkungsforschung zu Beginn der neunziger Jahre, in: Otfried Jarren [Hg.]: Medien und Journalismus. Eine Einführung, Bd. 2, Opladen 1995, S. 52-75, hier S. 64.

    Fortsetzung folgt am 14.08.2016

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