Greek Myths 1-3

Kapitel 1 – Das ernste Spiel (I) – linker Ministerpräsident provoziert die Götter

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders

„Lügenfernsehen. So manche scheinbar wahre Fernseh-Geschichte ist in Wirklichkeit frei erfunden, wie zahlreiche Beispiele zeigen.“
Anja Reschke (ARD) über das Privatfernsehen, 2011

Analytischer Teil: Es war einmal…

1 Die Geschichte vom ernsten Spiel (Teil I) – linker Ministerpräsident macht Ernst und provoziert die Götter

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„Storytelling heißt, ein Gefühl für starke Symbole zu entwickeln, für die Zeichensprache, mit der unser Unbewusstes das Komplexe reduziert.“
(Werner Fuchs: Warum das Gehirn Geschichten liebt: Mit Storytelling Menschen gewinnen und überzeugen) [73]

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Tagesthemen vom 28.01.2015 [74]

Die ersten Ankündigungen der neuen griechischen Regierung werden in der Erzählstruktur der sog. Oxymoron-Technik dargestellt, d. h. durch die Kontrastierung zweier sich widersprechender Begriffe. Erzählt wird die Geschichte vom „ernsten Spiel“ der neuen griechischen Regierung am Beispiel ihrer Ankündigung, angeblich 10.000 Bedienstete des öffentlichen Sektors wieder einstellen zu wollen.

Der erste Teil des Filmbeitrags zeigt die Ankündigungen der Syriza-Regierung als ernste Provokation: Sie will „Putzfrauen“ wieder in den Staatsdienst einstellen. Die Finanzierung bleibe allerdings „ein Rätsel“.
Mit der durch den Begriff „Rätsel“ geschaffenen Leerstelle leitet die Korrespondentin über zum zweiten Teil des Beitrags (s. Geschichte 2), in dem das „Rätsel“ um die Finanzierung gelöst wird: Der neue griechische Finanzminister wird als Spieler vorgestellt im Milliardenpoker mit den europäischen Kreditgebern.

Caren Miosga (WDR): „Was Zeichen von oben angeht, da soll man ja eigentlich vorsichtig sein.
Blitz Miosga
Aber was war denn dieser Blitz, der am Tag nach der Wahl im Zentrum von Athen in der Nähe des Parlaments einschlug, anderes als ein Symbol aus dem Himmel? Nun macht es täglich Rumms in Griechenland, denn der linke Ministerpräsident macht wohl Ernst mit seinen Wahlversprechen. Privatisierungen stoppen, entlassene Beamte wieder einstellen, sich nicht mehr den Geldgebern aus der EU unterwerfen. Und obwohl man sich äußerlich in Brüssel noch gelassen gibt, […] liegt auch dort ein Gewitter in der Luft.

Mira Barthelmann (WDR)/Off: Despina Kostopoulou protestiert seit 8 Monaten tagtäglich vor dem Athener Finanzministerium.
Putzfrau
Sie ist Putzfrau. Eine ehemalige Staatsangestellte. Vor 1,5 Jahren wurde sie entlassen. Im Wahlkampf hatte das Links-Bündnis Syriza versprochen, sie und ihre Kolleginnen wieder einzustellen […].
Und es sieht ganz danach aus, als ob Alexis Tsipras Ernst macht. Er will 10.000 Staatsbedienstete wieder einstellen.
Sein 4-Punkte-Programm: eine lange Liste voller Verheißungen.
Doch wie die neue Regierung sie finanzieren will, bleibt auch heute ein Rätsel.

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: Blitzeinschlag in Athen
Schlüsselworte: Blitzeinschlag in Athen als Symbol des Himmels (Assoziationen: Zorn des Göttervaters Zeus, Bedrohlichkeit), Rumms, Ernst machen, drohendes Gewitter in Brüssel, Wahlversprechen, Verheißungen, Putzfrau vs. Beamte/ehemalige Staatsangestellte, Rätsel

Falschinformationen:

a) Zur angeblich rätselhaften Finanzierung:

Auf der der ARD bekannten Pressekonferenz, die derselbe Tagesthemen-Beitrag in einem anderen Ausschnitt zeigt (s. Geschichte 2), kündigt Yanis Varoufakis Ausgabenkürzungen in seinem eigenen Ministerium an, um die Wiedereinstellung der Reinigungskräfte zu ermöglichen.

„He said, change in this direction will begin at the ministry itself, where one of the first moves will aim to save funds by reducing spending on advisors, associates and others, which will allow the ministry to rehire laid-off cleaning staff.“ [75]

b) Zur angeblichen Gesamtzahl der wieder Einzustellenden:

Nicht 10.000, sondern bis zu 3.500 Personen (Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes, darunter auch die im Beitrag gezeigten Reinigungskräfte) sollten wieder eingestellt werden, kündigte Verwaltungsminister Giorgos Katroungalos am 29. Januar 2015 in einem Interview mit Skai-TV an. [76] Am 28. Januar 2015 war noch gar keine Zahl genannt worden.

Mit Bekanntgabe der Gesamtzahl der Wiedereinstellungen legte Giorgos Katroungalos zugleich die weitere Finanzierung offen:

So werde sich die noch von der Vorgängerregierung für den Haushalt 2015 bereits beschlossene Zahl der Neueinstellungen um die eben genannte Zahl verringern. (Die Zahl der Neueinstellungen war mit der Troika abgesprochen: für je 5 Ausgeschiedene 1 Neueinstellung)

c) Zur Behauptung, dass es angeblich ein Rätsel bleibe, wie die griechische Regierung ihr 4-Punkte-Programm „finanzieren will“: Die Finanzierungspläne des 4-Punkte-Programms (Thessaloniki-Programm der Syriza) waren seit September 2014 kein „Rätsel“: Mehreinnahmen u.a. durch Wirtschaftswachstum (infolge von Investitionen), Bekämpfung von Steuerhinterziehung, Einführung einer Vermögenssteuer, Anpassung der Steuerkurve. [77]

Dekontextualisierung/Auslassung:

Dem Zuschauer fehlt der Kontext zum Verständnis der angekündigten Wiedereinstellung der Reinigungskräfte: Die neue griechische Regierung folgte hiermit einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 2014, wonach die Bediensteten gesetzeswidrig entlassen worden waren. In seinem Urteil hatte das Gericht u. a. auch kritisiert, dass die anstelle der als Sparmaßnahme entlassenen Reinigungskräfte in Anspruch genommenen privaten Anbieter sehr viel teurer waren. [78] Auf dieses Gerichtsurteil bezieht sich Despina Kostopoulou am Ende des Beitrags: „Wir haben unser Recht bekommen“ (s. Geschichte 2).

Rekontextualisierung/Reframing

Mit dem Hinweis auf das drohende Donnerwetter der Geldgeber, denen sich die neue griechische Regierung „nicht mehr unterwerfen“ will, ruft die Moderatorin den Erwachsenen-Teenager-Frame (vgl. Lakoff: Strenger-Vater-Familien-Frame) auf. Dass die neue griechische Regierung „Ernst macht“ (gleicher Wortlaut in Anmoderation und Off-Kommentar) mit ihren Wahlversprechen, wird im Kontext des symbolisch gedeuteten Blitzeinschlags („Rumms“), des drohenden „Gewitter[s]“ in Brüssel und der angeblich rätselhaften Finanzierung der Reformen („Verheißungen“) als ernste Provokation gegenüber den „Geldgeber[n]“ dargestellt.

Sprachlich wird diese Provokation auch durch die Kontrastierung der Begriffe ‚Putzfrau‘ auf der einen Seite sowie ‚Beamte’/’Staatsangestellte’/’Staatsbedienstete‘ auf der anderen Seite verdeutlicht. Hierdurch wird an das Vorwissen der Zuschauer vom „aufgeblähten Beamtenapparat“ in Griechenland angeknüpft. Die in Deutschland als „Staatsangestellte“ tätigen Reinigungskräfte werden üblicherweise Angestellte im öffentlichen Dienst genannt. Dagegen spricht Caren Miosga in ihrer Anmoderation sogar ausschließlich von der Wiedereinstellung von „Beamte[n]“. Provokativ setzt der Beitrag dann mit der „Putzfrau“ Despina Kostopoulou ein.

Auch in den Tagesthemen des darauffolgenden Tages wird die Moderatorin im Interview mit Martin Schulz behaupten, es gehe um „Tausende, Zehntausende [sic] neue [sic] Beamte“, und dabei im selben Atemzug die Summe der angekündigten Wiedereinstellungen sachwidrig ein weiteres Mal um ein Vielfaches erhöhen.

Eine Korrektur all dieser Falschmeldungen fand nicht statt.

Der vollständige kommunikative Sinn erschließt sich bereits an dieser Stelle durch die Berücksichtigung des situativen, hier politisch-wirtschaftlichen Kontextes des Beitrags (hochverschuldetes Griechenland braucht Milliarden). Die Implikatur bzw. der Sub-Text lautet:

Deutsche Steuerzahler sollen für Wahlgeschenke, konkret: für einen aufgeblähten Beamtenapparat, aufkommen.
Explizit wird dies nur einen Tag später ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause (WDR) in seinem Kommentar formulieren:

Krause 29.01.2015
„Arbeiter und Angestellte in Europa sollen also dafür einstehen, dass in Griechenland ein eh schon aufgeblähter Beamtenapparat noch weiter aufgebläht wird.“

Und zwei Wochen später noch einmal (Tagesthemen vom 17.02.2015):
Krause 17.02.2015
„Wieso eigentlich sollten die Aldi-Kassiererin und der Realschullehrer, also die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen, mit ihren Steuern dafür einstehen, dass Griechenlands aufgeblähter Beamtenapparat noch weiter vergrößert wird? – Das ist es, was Athen will.“

Die Rhetorik des ARD-Korrespondenten entspricht der Rhetorik der Bundesregierung. Als Beispiel sei der Vizekanzler zitiert:

„Wir werden nicht die überzogenen Wahlversprechen einer zum Teil kommunistischen Regierung durch die deutschen Arbeitnehmer und ihre Familien bezahlen lassen.“
(Sigmar Gabriel am 14.06.2015)

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[73] Werner T. Fuchs: Warum das Gehirn Geschichten liebt. Mit Storytelling Menschen gewinnen und überzeugen, Freiburg 2015, S. 49.
[74] Tagesthemen 28.01.2015.
[75] Ana-mpa (griechische Nachrichtenagentur), 28.01.2015.
[76] Ekathimerini: Tsipras won’t act unilaterally, 29.01.2015.
[77] Syriza: Thessaloniki-Programm, September 2014.
[78] Wassilis Aswestopoulos: Der Aufstand der Putzfrauen, in: Telepolis, 18.06.2014.

Kapitel 2 – Das ernste Spiel (II) – das Spiel des Tricksters

Varou4

Analytischer Teil: Es war einmal…

2 Die Geschichte vom ernsten Spiel (Teil II) – das Spiel des Tricksters um Milliarden beginnt…

Fortsetzung der Tagesthemen vom 28. Januar 2015

Der zweite Teil des Beitrags gibt dem Zuschauer die notwendigen Informationen, um die mit dem Begriff (Finanzierungs-)“Rätsel“ geschaffene Leerstelle zu füllen. Die durch contextomy erzeugte Widersprüchlichkeit in den Aussagen des griechischen Finanzministers wird ihn als taktischen, unehrlichen Spieler im Kampf um Milliarden entlarven (Strohmann, ad hominem/Innuendo). Der O-Ton aus der Pressekonferenz dient dabei als „Wahrheitsbeweis“ bzw. Authentizitätsnachweis.

Der Nachweis von Scheinwidersprüchen in den Aussagen eines Kontrahenten ist ein gängiges Mittel, seine Glaubwürdigkeit zu untergraben.

„Bei einer Behauptung des Gegners müssen wir suchen, ob sie nicht etwa irgendwie, nötigenfalls auch nur scheinbar im Widerspruch steht mit irgendetwas anderem, was er früher gesagt oder zugegeben hat […] oder mit seinem eigenen Tun und Lassen. […]. Es wird sich doch irgendwie eine Schikane herausklauben lassen.“ (Schopenhauer, Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, Kunstgriff 16, Schikane herausklauben) [79]

Mira Barthelmann/Off: […] Doch wie die neue Regierung sie finanzieren will, bleibt auch heute ein Rätsel.
Varou1
Der neue Finanzminister, Autor mehrerer Bücher über die Spieltheorie, lässt die Würfel jeden Tag neu fallen: Kürzlich noch bezeichnete er die Sparpolitik und den Umgang Europas mit Griechenland als finanzielles Waterboarding –
Varou2
Heute spricht er von Griechenlands ‚europäischen Partnern‘ und bedauert, dass so viele Milliarden an EU-Hilfszahlungen in schwarzen Löchern verschwunden seien. Yanis Varoufakis weiß, dass in einem Monat das letzte Hilfspaket aus Brüssel ausläuft.
Varou3
Yanis Varoufakis/On: Ich hatte vorausgesagt, dass die harschen Töne aus dem Ausland, diese Drohkulisse, die Verunsicherung des griechischen Durchschnittswählers […] der Vernunft, der Bereitschaft zur Zusammenarbeit weichen würde.
Off: Wie weit wird Varoufakis gehen?
Ist der Spieltheoretiker ein Player?[…]

Fakten und Analyse:

Schlüsselbilder: Yanis Varoufakis im Blitzlichtgewitter, Athen bei Nacht (Rückbezug zum Hintergrundbild der Moderation)
Schlüsselwörter: Spieltheorie, lässt Würfel jeden Tag neu fallen, Spieltheoretiker, Player, sein Einsatz … ist hoch, verspielen

Dekontextualisierung:

Der zum Verständnis von Varoufakis‘ Aussage über „schwarze Löcher“ unbedingt notwendige Kontext wird ausgespart:

Die von Yanis Varoufakis auch in den folgenden Monaten regelmäßig verwendete Metapher „schwarze Löcher“ spiegelt seine Kritik wider, die Kredite seien hauptsächlich zur Bankenrettung, in den Finanzsektor geflossen und größtenteils nicht in Griechenland als Hilfe zum Wirtschaftsaufbau verwendet worden. Varoufakis‘ Kritik an den „schwarzen Löchern“ ist also Teil seiner Kritik an dem seiner Auffassung nach zerstörerischen, weil rezessionsverursachenden Troikaprogramm, das zu einem Schuldenkreislauf führe.

Rekontextualisierung/Reframing:

Varoufakis‘ Kritik an den „schwarzen Löchern“ wird von der ARD in einen falschen Kontext gestellt (contextomy), und zwar derart, dass der „Autor mehrerer Bücher zur Spieltheorie“, nachdem er „kürzlich noch“ der EU den Vorwurf des finanziellen Waterboardings gemacht hatte, „heute“ nun angeblich im Widerspruch dazu („lässt Würfel jeden Tag neu fallen“) „bedauert“, dass „so viele Milliarden der EU-Hilfszahlungen“ in Griechenland „verschwunden“ seien.

Aus dem gegebenen Kontext heraus kann der Zuschauer Varoufakis‘ Aussage über die „schwarzen Löcher“ nur auf Griechenland beziehen (gezielte Nutzung von Implikaturen) und als bedauerndes (Schuld-)Eingeständnis des griechischen Finanzministers interpretieren, das im Gegensatz steht zu seinem kürzlich vorgebrachten harschen Vorwurf gegen das Troikaprogramm („finanzielles Waterboarding“).

Das Motiv für die angebliche Verhaltensänderung des „Autor[s] mehrerer Bücher zur Spieltheorie“ gegenüber den „europäischen Partnern“ ist im Kontext der am selben Tag angekündigten angeblich unfinanzierten „Verheißungen“ (s. Geschichte 1) für den Zuschauer leicht als Strategie in einem Spiel um Milliarden deutbar.

„Varoufakis weiß, dass in einem Monat das letzte Hilfspaket aus Brüssel ausläuft“, so lautet die Deutungshilfe der Korrespondentin im Duktus eines allwissenden Erzählers.

Der nun folgende O-Ton aus der Pressekonferenz entlarvt Yanis Varoufakis endgültig als unehrlich:

„Ich hatte vorausgesagt, dass die harschen Töne aus dem Ausland, diese Drohkulisse, die Verunsicherung des griechischen Durchschnittswählers […] der Vernunft, der Bereitschaft zur Zusammenarbeit weichen würde.“

Der Zuschauer kann die „harschen Töne“ der Vergangenheit, die Varoufakis hier dem „Ausland“ zuschreibt, mangels kontextueller Einordnung nur auf Varoufakis‘ eigene „harsche Töne“
(rück-)beziehen: („finanzielles Waterboarding“). Seine Worte fallen wie ein Bumerang auf ihn selbst zurück.

Die logische Schlussfolgerung aus den (scheinbar) widersprüchlichen Aussagen des griechischen Finanzministers formuliert die Korrespondentin am Ende des Beitrags in Form einer Frage an die Zuschauer “ […] Ist der Spieltheoretiker ein Player?“. Dabei zeigt sie den griechischen Finanzminister inmitten eines Blitzlichtgewitters von Pressefotografen (Symbolbild).

Die Schlusssequenz vereint beide Teile des Oxymorons: den „Ernst“ der angeblich unfinanzierten Wiedereinstellung von angeblich 10.000 Staatsbediensteten mit dem angeblichen taktischen „Spiel“ des griechischen Finanzministers:

Mira Barthelmann/Off: Wie weit wird Varoufakis gehen? Ist der Spieltheoretiker ein Player?
Sein Einsatz, die 10.000 Staatsbediensteten wieder in den Dienst zu stellen, er ist hoch.
Varou4
Despina Kostopoulou fühlt sich nach all den Monaten des Protests jedenfalls bestätigt. Despina Kostopoulou/On: Wir haben unser Recht bekommen […].
Despina
Mira Barthelmann/Off: Die neue Regierung von Athen […] darf auf dem Weg zur Lösung der Schuldenkrise keine Zeit mehr verspielen.
Athen

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[79] Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, Zürich 1985, S.44.

Kapitel 3 – Das ernste Spiel (III) – ein Profi fürs Zocken

Krause Mund offen

Analytischer Teil: Es war einmal…

3 Die Geschichte vom ernsten Spiel (Teil III) – der Trickster – ein Profi fürs Zocken auf allerhöchstem Niveau

Fortsetzung der Tagesthemen vom 28. Januar 2015

Im anschließenden Schaltgespräch liefert dann Korrespondent Rolf-Dieter Krause (WDR) explizit die Antwort auf die in der Schlusssequenz des vorangegangenen Beitrags gestellte Frage: „Ist der Spieltheoretiker ein Player?“: Varoufakis wird als „Profi für’s Zocken auf allerhöchstem Niveau“ dargestellt.

Mira Barthelmann (BR)/Off: Wie weit wird Varoufakis gehen? Ist der Spieltheoretiker ein Player? Sein Einsatz, die 10.000 Staatsbediensteten wieder in den Dienst zu stellen, ist hoch. […] Die neue Regierung darf zur Lösung der Schuldenkrise keine Zeit mehr verspielen. [Anm.: Die neue Regierung ist seit einem Tag im Amt, Vereidigung der Minister am 27.Januar 2015].

Caren Miosga (WDR) im Schaltgespräch: „[…] Rolf-Dieter Krause, ist man denn in Brüssel immer noch so gelassen […]?“
Krause
Rolf-Dieter Krause (WDR): „Naja, die Gelassenheit ist ein bisschen verflogen, in der Tat. Gerade dieser Finanzminister, der eben als Spieltheoretiker sozusagen ein Profi fürs Zocken auf allerhöchstem Niveau ist – sowohl in der Wirtschaft wie der Politik – der hat viele nachdenklich gemacht. Und es sieht so aus, als ob die neue Regierung wirklich mit einem sehr hohen Einsatz zockt. Sie deutet ja an, z.B. durch ihre Kritik an möglichen weiteren Sanktionen und ihren Widerstand dagegen – und das geht nur einstimmig -, dass sie ja vielleicht auch noch einen Plan B hat […] mit Russland zusammenzuspielen„.

Fakten und Analyse:

Schlüsselwörter: Spieltheoretiker, Profi fürs Zocken auf allerhöchstem Niveau, zockt mit hohem Einsatz, mit Russland zusammenspielen

Falschinformation:

“ […] Spieltheorie ist nicht etwa eine Anleitung fürs Spielcasino, sondern ein vor allem auf der Mathematik basierendes, auch in der Ökonomie verbreitetes Erkenntnisinstrument, bei dem komplexe Entscheidungssituationen mathematisch abgebildet werden. Der deutsche Spieltheoretiker Reinhard Selten hat für seine Leistungen auf dem Gebiet der Spieltheorie sogar den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Mit „Zocken“ – wie Krause meint – hat das nun wirklich nichts zu tun […].“ [80] (Wolfgang Lieb)

Bedeutungsreframing:

Hier wird eine Technik des negative campaigning angewandt: die Umkehrung von Stärken des politischen Kontrahenten in Schwächen – in diesem Fall durch eine semantische Umdeutung (Bedeutungsreframing): Die Stärke des griechischen Finanzministers, ein international anerkannter Wirtschaftswissenschaftler zu sein, dessen Expertise zu Ursachen und Lösungen der griechischen bzw. europäischen Wirtschaftskrise unter Experten auf weit mehr Beachtung stoßen dürfte als diejenige des Juristen Wolfgang Schäuble, wird argumentativ gegen ihn gerichtet. Yanis Varoufakis‘ Fachkompetenz wird unter semantischer Umdeutung des Begriffs „Spieltheorie“ umgemünzt in einen Mangel an Vertrauenswürdigkeit: „Zocker auf höchstem Niveau“ (ad hominem), den der Korrespondent in der oben zitierten Äußerung generalisierend auf die gesamte neue griechische Regierung überträgt („Und es sieht so aus, als ob die neue griechische Regierung wirklich mit einem sehr hohen Einsatz zockt. Sie deutet ja an, […] vielleicht mit Russland zusammenzuspielen“).

Dass diese Umdeutung nicht zufällig vom Korrespondenten geäußert wird, zeigt die feine semantische Abstimmung zwischen Schaltgespräch und vorangegangenem Beitrag von Mira Barthelmann (s. o.), in dem die Umdeutung begrifflich vorbereitet worden war: „Autor mehrerer Bücher zur Spieltheorie“, „lässt Würfel jeden Tag neu fallen“, Spieltheoretiker als „Player“, „hoher Einsatz“ sowie „verspielen“. Diese hohe framespezifische Metaphern-Dichte aus dem Wortfeld „Spielen“ zielt darauf ab, dass der Beitrag überwiegend auf der Gefühlsebene rezipiert wird.

Die diesbezügliche Beschwerde der Publikumskonferenz hat WDR-Intendant Tom Buhrow mit der Begründung abgelehnt, bei dem Ausdruck „Zocker auf allerhöchstem Niveau“ handele es sich nicht um Polemik, sondern um eine „pointierte Beschreibung“ der ersten Amtshandlungen von Yanis Varoufakis. Es sei „nicht Anliegen“ des Korrespondenten, „innerhalb der Tagesthemen eine wissenschaftliche Abhandlung zur Spieltheorie zu liefern.“ [81]

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[80] Wolfgang Lieb: Rubrik: Das Letzte, in: Nachdenkseiten, Hinweise des Tages, 29.01.2015.
[81] Tom Buhrow: Antwort auf die Programmbeschwerde der Publikumskonferenz zu den Tagesthemen vom 28.01.2015.

Fortsetzung folgt am 15.08.2016

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