Greek Myths 4-6

Kapitel 4 – Kotzias einsam in Brüssel

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3

Analytischer Teil: Es war einmal…

4 Die Geschichte von Nikos Kotzias einsam in Europa – Außenministertreffen in Brüssel

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„Durch derart dramaturgisch aufgebaute Geschichten kann auch im Journalismus ein Lernprozess beim Rezipienten ausgelöst werden.“ [82]
(Simon Sturm: Digitales Storytelling: Eine Einführung in neue Formen des Qualitätsjournalismus)

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Tagesthemen vom 29.01.2015 [83]

Den politischen Kontrahenten als isoliert darzustellen, ist ein Mittel, sich den sog. Bandwagoneffekt zunutze zu machen: die Neigung der meisten Menschen, sich u.a. aus Isolationsfurcht der Mehrheit bzw. den „Siegern“ anzuschließen.

Die Geschichte vom angeblich isolierten griechischen Außenminister wird im folgenden Filmbeitrag von Korrespondentin Bettina Scharkus (WDR) linear im Mini-Format der „Heldenreise“ inklusive des aristotelischen Dreiaktschemas erzählt:

1. Akt (Exposition samt Charakterisierung des Helden, Vorstellung des Konflikts),

2. Akt (steigende Handlung sowie Höhe- und Wendepunkt, hier inkl. Aufeinandertreffen der Kontrahenten) sowie

3. Akt (Konsequenz oder Auflösung, im vorliegenden Fall in Form der Läuterung des Helden und des Zuschauers, Katharsis).

Caren Miosga (WDR): „Es ist nicht nur die griechische Abkehr vom Sparkurs, der die Europäer sorgt, nun dürfte es auch einen außenpolitischen Schlagabtausch gegeben haben […]: Athen hatte nämlich überraschend verkündet, es mache nicht mit, wenn die EU Russland neue Sanktionen androht. Brüssel reagierte irritiert. Gehört das jetzt zum Geldpoker mit der EU oder steckt dahinter tatsächlich ein russlandfreundlicher Kurs? Dann würde die neue griechische Regierung mal eben die gemeinsame europäische Außenpolitik in Frage stellen […].“
1. Akt
Nikos Kotzias/On: Ich muss jetzt verhandeln, haben Sie eine gute Zeit.
Bettina Scharkus/Off: … ruft ein sichtlich aufgeräumter Nikos Kotzias den Reportern vor dem Treffen zu.
Aufgeräumter
Schlechte Stimmung dagegen bei den anderen Außenministern: Bisher zeigte sich Europa gegenüber Russland erstaunlich geschlossen, bis die neue Regierung aus Athen querschoss.
Schlechte Stimmung2
Frank-Walter Steinmeier/On: Es ist Ihnen nicht verborgen geblieben, dass durch die neue Haltung der griechischen Regierung die Debatte heute auch nicht einfacher geworden ist.
Steini3
2. Akt
Bettina Scharkus/Off: Drinnen wurde der linkspopulistische Grieche dann kräftig von den Ministern ins Gebet genommen, u. a. in einem Vier-Augen-Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier.
ins gebet
3. Akt
Am Abend klang der frischgebackene Außenminister dann auch ganz anders:
Nikos Kotzias/On: […] Wir Griechen waren dabei mit im Mainstream, wir sind nicht der böse Junge gewesen.
böse Junge5

Der Mainstream, so erklärt die Korrespondentin, bestehe darin, dass die Sanktionen erst einmal nur „vorsichtig verschärft“ würden (weitere Einreiseverbote und Kontosperrungen für Einzelpersonen und Einrichtungen).

Das Fazit der Korrespondentin:

Bettina Scharkus/Off: Am Ende steht heute ein Minimalkonsens. Kein großer Wurf, immerhin: Trotz der schrillen Töne von Alexis Tsipras‘ neuer Regierung – Europa hat auch heute mit einer Stimme gesprochen.
Europa6

Fakten und Analyse:

Schlüsselbilder: Gesichtsausdruck als Reflexion des Konflikts: lachender („sichtlich aufgeräumt“) vs. ernst dreinblickender Außenpolitiker („schlechte Stimmung dagegen bei den anderen Außenministern“), letzte Kameraeinstellung: wehende EU-Flagge unter bewölktem Himmel

Schlüsselwörter: Schlagabtausch, Geldpoker, russlandfreundlich, frischgebackener Außenminister, querschoss, schlechte Stimmung, linkspopulistischer Grieche, kräftig ins Gebet genommen (Assoziationen: Unartigkeit, rügen, ermahnen, disziplinieren, zur Vernunft bringen…)

Falschinformationen:

a) In der am 27. Januar 2015 verbreiteten EU-Erklärung zu neuen Russland-Sanktionen waren aufgrund von Kämpfen in Mariupol (Ukraine) neue Wirtschaftssanktionen gegen Russland angedroht worden (s. Anmoderation Caren Miosga). Beim zwei Tage später stattfindenden Außenministertreffen wurden – wie Bettina Scharkus berichtet – dann aber doch keine neuen Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Die Entscheidung hierüber wurde vertagt. Stattdessen wurden lediglich Sanktionen gegen weitere Einzelpersonen und Einrichtungen ausgeweitet.

Der Grund: Anders als die Tagesthemen behaupten, war die EU in der Frage der Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht einig. Diejenigen, die dagegen waren (inklusive Griechenland), haben sich schließlich gegen v. a. Großbritannien und die baltischen Staaten durchgesetzt. Von einem ins Gebet genommenen und deswegen von seiner Position abgewichenen Nikos Kotzias kann also keine Rede sein.

b) „Die gemeinsame europäische Außenpolitik“ hatte vor Griechenland schon Deutschland „mal eben“ (Caren Miosga) in Frage gestellt. Die Positionen des deutschen Außenministers vom Dezember 2014 und des deutschen Vizekanzlers von Anfang Januar 2015 stimmen jedenfalls mit den „schrillen Tönen“ (Bettina Scharkus), wie sie der griechische Außenminister geäußert haben soll, „erstaunlich“ überein:

„Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rückt von der Sanktionspolitik des Westens gegenüber Russland ab. In einem Interview mit dem ‚Spiegel‘ warnte er vor den Folgen der Strafmaßnahmen. Auf die Frage, ob er besorgt sei, dass Russland destabilisiert werde, falls Europa die Sanktionen nicht lockere, erklärte der Minister: ‚Die Sorge habe ich.‘ Wer Russland wirtschaftlich in die Knie zwingen wolle, werde damit nicht mehr Sicherheit in Europa schaffen. ‚Ich kann davor nur warnen‘, bekräftigte Steinmeier.“ [84]

„Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat den Westen vor einer weiteren Schwächung Russlands durch noch schärfere Sanktionen gewarnt.
’Wer das will, provoziert eine noch viel gefährlichere Lage für uns alle in Europa‘, sagte der Vizekanzler und SPD-Vorsitzende der Zeitung ‚Bild am Sonntag‘. ‚Diejenigen, die Russland jetzt wirtschaftlich und politisch noch mehr destabilisieren wollen, verfolgen ganz andere Interessen‘, warnte er.“
[85]

c) Im Vorfeld des Außenministertreffens hatten Österreich, Italien und die Slowakei Bedenken geäußert:

„Neben Griechenland haben jedoch auch andere EU-Regierungen wie Österreich, Italien oder die Slowakei Vorbehalte. ’Sanktionen und die Verschärfung von Sanktionen sind nur, im besten Fall, Notfalllösungen, die aber niemals einen Friedensplan ersetzen können‘, sagte der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann. Außenminister Sebastian Kurz sprach sich dafür aus, weitere Personen oder Einrichtungen mit Sanktionen zu belegen, statt wirtschaftliche Strafmaßnahmen gegen Russland zu verhängen.“ [86]

Dekontextualisierung/Auslassung:

„Andere Länder wie etwa Italien und Österreich“ (Reuters) hatten der Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen ebenfalls nicht zugestimmt bzw. für eine Verschiebung der Entscheidung gestimmt.

„While the Greeks did call for the decision on tighter sanctions to be delayed, they were not alone: other countries such as Italy and Austria also favored a delay, diplomats said, while Britain and the Baltic states wanted a clearer commitment to imposing new sanctions quickly.“ [87]

Rekontextualisierung/Reframing:

a) Dem Zuschauer wird das Außenministertreffen durch den Erwachsenen-Teenager-Frame vermittelt: Durch die Eingangsszene des Beitrags wird der „sichtlich aufgeräumte []“ neue griechische Außenminister als infantil charakterisiert. Diese Charakterisierung wird mit dem Begriff „querschießen“ fortgeführt und liefert die Legitimation dafür, dass der „frischgebackene“ Außenminister von seinen Kollegen später angeblich „kräftig ins Gebet genommen“ wird.

Dass bei allen übrigen Außenministern „schlechte Stimmung“ geherrscht haben soll, illustriert der Film anhand einer Momentaufnahme des Gesichtsausdrucks des irischen Außenministers Charles Flanagan.
Schlechte Stimmung2
Off: „Schlechte Stimmung dagegen bei den anderen Außenministern…“

Das Etablieren narrativer Zusammenhänge durch eine metaphorische Text-Bild-Beziehung innerhalb journalistischen Erzählens erläutert Karl N. Renner folgendermaßen:

„Bei der metaphorischen Vorgehensweise wird ein illustrierendes Bild benutzt, um das sprachlich beschriebene Geschehen im Sinne des narrativen Musters zu interpretieren, das durch das Symbolbild induziert wird“. [88]

„Derartige Beziehungen zwischen Sprache und Bild lassen sich auch beim Off-Kommentar journalistischer Filmbeiträge beobachten. Dort bilden sie das Einfallstor für Manipulationen aller Art.“ [89]

b) Dass die griechische Delegation nicht isoliert gewesen war, äußert der griechische Außenminister nach der Abstimmung gegenüber Journalisten, wenn er sagt: „Wir waren dabei mit im Mainstream. Wir sind nicht die bösen Jungs, wie Sie gesagt haben.“ [90] [Nikos Kotzias greift hier den ihm gegenüber verwendeten Erwachsenen-Teenager-Frame auf.]

Die Tagesthemen aber setzen den O-Ton in einen sachwidrigen Kontext (contextomy), so dass der Zuschauer annehmen muss, Nikos Kotzias‘ Aussage sei ein „Wahrheitsbeweis“, also ein Authentizitätsnachweis dafür, dass er, nachdem er „kräftig ins Gebet genommen“ worden sei, von seinem ursprünglichen Standpunkt abgewichen sei („klang der frischgebackene Außenminister ganz anders“): „Wir Griechen waren dabei im Mainstream, wir sind nicht der böse Junge gewesen.“

Funktion des Beitrags:

a) Der Beitrag ist ein aussagekräftiges Beispiel für Aufmerksamkeitsmanagement durch Ablenkung (Red Herring): Die Tatsache, dass sich die EU auf die Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht einigen konnte, wird von der Korrespondentin als Minimalkonsens bezeichnet, der den Beleg dafür liefere, dass die EU trotz der „schrillen Töne“ der neuen griechischen Regierung „auch heute mit einer Stimme gesprochen“ habe.

Die letzte Kameraeinstellung zeigt dementsprechend als Symbolbild die wehende EU-Flagge, über der sich die Sonne durch eine Wolkendecke kämpft. Tatsächlich lautete die ursprüngliche Behauptung aber, dass sich die EU mit Ausnahme von Griechenland über die Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland einig sei (vgl. Anmoderation Caren Miosga). Diese Behauptung wurde durch das Außenministertreffen aber widerlegt.

Die Dramaturgie des Tagesthemen-Beitrags folgt der politischen Inszenierung. Der deutsche Außenminister hatte in seinem oben zitierten Statement die Aufmerksamkeit gekonnt auf die Außenseiterrolle Griechenlands gelenkt und damit von der Frage abgelenkt, ob er selbst bzw. Deutschland überhaupt die Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland befürwortet.

b) Der Beitrag ist auch ein anschauliches Beispiel für die Funktionsweise narrativer Persuasion. Die Aussage, dass der griechische Außenminister von seinen Kollegen „kräftig ins Gebet genommen wurde“ und daraufhin seine Meinung ändert, läuft zwar dem journalistischen Faktizitätsanspruch zuwider, ist aber dramaturgisch gesehen zwingende Voraussetzung für die bezweckte Läuterung (Katharsis):

„Unter Katharsis ist nicht die des Helden gemeint, sondern die des Zuschauers. […]. Auch beim Drama lernt der Zuschauer aus den Fehlern des Helden nämlich“, [91] erklärt der Storytelling-Trainer der ARD.ZDF Medienakademie Christian Friedl in seinem Ratgeber „Hollywood im journalistischen Alltag“.

Die Lernpsychologie bezeichnet diesen Vorgang als Lernen am Modell oder Beobachtungslernen (Albert Bandura). In diesem Fall lernt der Zuschauer: „Quertreiber waren und sind in der EU-Außenpolitik und -wirkung nicht erwünscht.“ (Bandwagon-Argument, s. o.). Mit dieser Moral von der Geschicht‘ beendet Korrespondentin Mira Barthelmann ihren sich in denselben Tagesthemen anschließenden Beitrag über die Reaktion der EU auf die griechisch-russischen Beziehungen.

Anhand des Minidramas über das Außenministertreffen lernt der Zuschauer gleichzeitig eine als erfolgreich dargestellte Lösungsmöglichkeit für den aktuellen Konflikt mit Griechenland: Griechenland muss diszipliniert werden („kräftig ins Gebet genommen“). Das verdeutlicht dann auch Korrespondent Rolf-Dieter Krause dem Zuschauer in seinem abschließenden Kommentar derselben Tagesthemen:

kühl und hart
Dass aus Europa kein großes Griechenland wird, das müsse man Griechenland „jetzt ganz schnell klarmachen. Freundlich, aber bestimmt und notfalls auch ganz kühl und hart.“

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[82] Simon Sturm: Digitales Storytelling. Eine Einführung in neue Formen des Qualitätsjournalismus, Wiesbaden 2013, S. 35.
[83] Tagesthemen vom 29.01.2015. In der Mediathek gelöscht, auf YouTube verfügbar.
[84] N-tv: Steinmeier warnt vor Folgen der Sanktionen, 19.12.2014.
[85] Frankfurter Allgemeine Zeitung: Gabriel warnt vor Destabilisierung Russlands, 04.01.2015.
[86] Reuters (Nachrichtenagentur): EU-Außenminister ringen mit Athen um Russland-Politik, 29.01.2015.
[87] Reuters (Nachrichtenagentur): EU wins Greek backing to extend Russia sanctions, delay decision on new steps, 29.01.2015.
[88] Karl N. Renner: Journalistische Wirklichkeitserzählungen und fotografische Bilder, in: DIEGESIS 2, H. 2/ 2013.
[89] Ebd.
[90] Euronews: EU extends Russian Sanctions, 29.01.2015.
[91] Christian Friedl: Hollywood im journalistischen Alltag, Wiesbaden, 2013, S. 204

Kapitel 5 Ein Jungenstreich-Troika adé

Grinse

Analytischer Teil: Es war einmal…

5 Die Geschichte eines Jungenstreichs: Der Trickster lacht sich ins Fäustchen – Troikakontrolle adé

Tagesschau vom 30.01.2015 [92]

Im folgenden Beitrag wird besonders gut deutlich, wie Bild und Off-Text zu einem narrativen Zusammenhang gefügt werden, der Wirklichkeit neu konstruiert.

Schauplatz: Athen.
Datum: 30.01.2015
Die Kontrahenten: der Chef der Eurogruppe Jeroen Dijsselbloem und Yanis Varoufakis, der neue griechische Finanzminister.

Der Konflikt (1. Akt): Griechenland plant heimlich einen Streich („ausgeheckt“), den der Chef der Eurogruppe in Erfahrung bringen will.
Der Höhepunkt des Mini-Dramas (2. Akt): Ein „Affront“: Griechenland lehnt die Zusammenarbeit mit der Troika ab.

Die Konsequenz (3. Akt) formuliert die Korrespondentin am Ende des Beitrags in Form eines Problems/Ausblicks: „Ohne Troika – keine neue Kredittranche“.

Es folgt die Analyse des Höhepunkts („der Affront“).

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„Die Stunde der Wahrheit schlägt im Schnitt“
Ausschreibung zum Seminar „Cut, Content + Energy: Dramaturgie durch Montage“, ARD.ZDF Medienakademie [93]

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Ende des 1. Aktes
Mira Barthelmann (BR)/Off: […] Der Chef der Eurogruppe war vor allem gespannt auf die Zukunftspläne, die derzeit im griechischen Finanzministerium ausgeheckt werden.
2. Akt
Das Zusammentreffen mit Yanis Varoufakis endete mit einem Affront:
Yanis Varoufakis/On: Unsere Regierung wird mit größtem Engagement mit der Eurozone, der EU und dem IWF zusammenarbeiten, aber mit der Troika, die ein Programm umsetzen will, dessen Idee wir als antieuropäisch betrachten, die auch das europäische Parlament für nicht demokratisch legitimiert hält, wollen wir nicht zusammenarbeiten.
ausgeheckt
Mira Barthelmann/Off: Die Troika – entsandt von der EZB, IWF und der EU-Kommission: Sie kontrolliert in Griechenland seit 2010 den Reformwillen und die Einhaltung der Sparvorgaben in Griechenland. […].

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: Sich angeblich ins Fäustchen lachender Varoufakis
Schlüsselwörter: ausgeheckt (Assoziationen: heimlich, im Verborgenen, frech, listig, einen Streich/Unerwünschtes vorbereiten), Affront, Troika kontrolliert

Dekontextualisierung/ Auslassung:

Dem Zuschauer wird ein zum Verständnis von Yanis Varoufakis‘ Aussage unbedingt notwendiger Kontext aus dem Jahr 2014 vorenthalten:

„EU-Parlament will Troika abschaffen – Sparen statt Wachstum, zu viel Diktat, zu wenig Transparenz: Das EU-Parlament übte scharfe Kritik an der Geldgeber-Troika […] Das Dreier-Gremium soll abgeschafft werden.“ [94]

In dem im Jahr 2014 verabschiedeten Untersuchungsbericht kritisiert das EU-Parlament die unzureichende juristische und demokratische Legitimation der Troika. Weiterhin wurde u.a. kritisiert, dass das Gremium einseitig auf Sparmaßnahmen gesetzt und damit Wirtschaftsimpulse vernachlässigt habe. Der Bericht plädiert für eine Abschaffung der Troika.

Retextualisierung/Reframing:

Stattdessen wird Varoufakis‘ Aussage folgendermaßen eingeordnet:

a) Die Absage an die Zusammenarbeit mit der Troika sei im Finanzministerium „ausgeheckt“ worden.
b) Die Ablehnung der Zusammenarbeit mit der Troika wird als „Affront“ bezeichnet.
c) Die Troika wird als reines Kontrollgremium charakterisiert: „Die Troika kontrolliert […] den Reformwillen und die Einhaltung der Sparvorgaben in Griechenland.“
d) Die Videoaufnahme von der Pressekonferenz dokumentiert einen sich unmittelbar nach seiner Aussage ins Fäustchen lachenden Yanis Varoufakis.

„Die hierzulande weitgehend unkritische Darstellung der Troika-Institutionen als solche, die einfach nur die Einhaltung von bereits ausgehandelten Verträgen überwachen, sorgt dafür, dass jeder ihr Widersprechende automatisch als Vertragsbrecher wahrgenommen werden muss.“ [95]
(Michalis Pantelouris, siehe zur weiteren Einordnung auch die Dokumentation „Macht ohne Kontrolle“ von Harald Schumann [96]).

Als „fallacy of Misleading Accent“ bezeichnet der Philosoph T. Edward Damer die Strategie, jemanden zu einer unberechtigten Schlussfolgerung zu verleiten, „indem man eine unsachgemäße oder unübliche Betonung/Gewichtung auf ein Wort, eine Phrase oder einen einzelnen Aspekt eines Themas oder einer Behauptung“ [97] legt.

Durch die Dramaturgie des Beitrags wird der Eindruck erweckt, dass Griechenland sich durch einen Trick bzw. Jungenstreich der Kontrolle seines Reformwillens entziehen wolle (irreführende Akzentuierung). Von Varoufakis‘ Kritik an der Troika als „antidemokratisch“ und seinem Hinweis auf den Untersuchungsbericht des EU-Parlaments wird damit sofort abgelenkt (Red Herring) durch einen Gegenangriff (Rapid Response), der nicht nur die Reformwilligkeit Griechenlands, sondern erneut die Vertrauenswürdigkeit des griechischen Finanzministers in Zweifel zieht (ad hominem/innuendo).

Die Rekontextualisierung erfolgt dabei vor allem durch die Verwendung der Begriffe „aushecken“ und „Affront“ sowie den manipulativen Einsatz einer Montagetechnik, die dem Zuschauer vorspiegelt, Yanis Varoufakis habe sich unmittelbar nach Bekanntgabe seines ausgeheckten Troika-Streiches in der Pressekonferenz öffentlich ins Fäustchen gelacht. Durch eine solche sinnstiftende Montage wird ein Ursache-(Troika-Absage) Folge- (triumphierendes Grinsen) Zusammenhang konstruiert (Kausalschnitt).

Yanis Varoufakis/On: Aber mit der Troika […]
ausgehecktwollen wir nicht zusammenarbeiten.

„Die Stunde der Wahrheit schlägt im Schnitt“, heißt es in der Seminarausschreibung der ARD.ZDF Medienakademie zum Thema „Dramaturgie durch Montage“ und „[…] jedes Detail beeinflusst das Zusammenspiel von Information und Emotion.“

Das ungeschnittene Ausgangsmaterial beweist: Yanis Varoufakis lacht nicht nach seiner Troika-Aussage. Deutlich ist zu sehen, dass er danach auf eine Stellungnahme von Jeroen Dijsselbloem wartet, sich wundert, dass diese ausbleibt, mit einer Geste freundlich bedeutet, sich zu äußern, und dann, als er sich bewusst wird, dass Jeroen Dijsselbloem ja – nicht griechisch sprechend – erst noch das Ende der Übersetzung abwarten muss, erst dann lacht Varoufakis, offenbar verlegen über die eigene Ungeduld. [98]
Varoufilm

Visuelle Manipulation ist sehr wirkmächtig, da Bilder – abgesehen von ihrer Emotionalisierungsfunktion – in besonderem Maße auch als Authentizitätsnachweise gelten („Augenzeugenillusion“) und damit dem Glaubwürdigkeitsanspruch – vor allem von Fernsehjournalismus – dienen.

Bildern wird „wie keinem anderen Medium eine verlässliche und nachhaltige Dokumentationsleistung zugeschrieben. Sie zeigen uns detailgetreu Szenen aus aller Welt, bringen uns sozusagen Eindrücke der Welt ins Wohnzimmer. Journalistische Bilder werden dabei als ‚Zeugen‘ einer Situation, als ‚wahr‘ und ‚objektiv‘ gesehen. Teilweise wird ihnen – im Sinne von ‚Sehen ist glauben‘ – sogar mehr Glauben geschenkt als dem gedruckten journalistischen Bericht“. [99]

Dieses Beispiel zeigt anschaulich, durch welche dramaturgischen Mittel im Storytelling nicht-fiktionale Figuren „gezeichnet“ werden können. Eine bloße Momentaufnahme eines lachenden Gesichtsausdrucks, dramaturgisch instrumentalisiert als mimischer Ausdruck der Provokation, wird zum augenfälligen Beweis der vermeintlichen Chuzpe der Syriza-Regierung.

Wie das Motorrad, die Lederjacke oder die fehlende Krawatte wird das „Trickster-Grinsen“ zu einem, auch visuell dargestellten, Leitmotiv der Berichterstattung über die neue griechische Regierung. Diese medial vermittelten Wahrnehmungs- und Beurteilungskategorien stellen innerhalb des Erwachsenen-Teenager-Frames ein wesentliches Element des medial vermittelten Images der Syriza-Regierung dar:

„Die griechische Regierung handelt wie ein unberechenbarer Teenager. Sie provoziert, bricht Spielregeln und hat dazu noch ein freches Grinsen“ – so ARD-Korrespondentin Angela Ulrich einige Monate später in einem Kommentar. [100]
bricht Spielregeln
Bereits im Beitrag zum Außenministertreffen wurde im Rahmen des Erwachsenen-Teenager-Frames der „querschießende“ Außenminister als gut gelaunt charakterisiert.
Aufgeräumter
Hier ein weiteres Beispiel für die Funktionsweise dieser indirekten Form der Charakterisierung:
Tsipras provoziert die EU

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[92] Tagesschau 30.01.2015.
[93] Ausschreibung zum Seminar „Cut, Content + Energy: Dramaturgie durch Montage“, ARD.ZDF Medienakademie.
[94] Süddeutsche Zeitung: EU-Parlament will Troika abschaffen, 13.03.2014.
[95] Michalis Pantelouris: Vom Mythos der technischen Institution. Michalis Pantelouris [Weblog], 05.04.2015.
[96] Harald Schumann: Troika. Macht ohne Kontrolle, in: Der Tagesspiegel, 24.02.2015.
[97] T. Edward Damer: a.a.O., S. 135.
[98] Yanis Varoufakis: Pressekonferenz vom 30.01.2015.
[99] Katharina Lobinger: Welche Rolle spielen Bilder in der Medienberichterstattung? In: Fragen. Antworten, 50 Jahre DGPUK, 2013, S. 18-19.
[100] Angela Ulrich: Rettet Griechenland, auch wenn es weh tut. Artikel-Version des Kommentars vom 08.07.2015. Von der ARD gelöscht.

Kapitel 6 – Die Geschichte vom Jungenstreich geht weiter

Lachen1

Analytischer Teil: Es war einmal…

6 Die Geschichte vom Jungenstreich geht weiter: Wer zuletzt lacht, lacht am besten – und hat die Lacher auf seiner Seite

Tagesthemen vom 30.01.2015 [101]

In den Tagesthemen wird dem griechischen Finanzminister explizit die Motivation in den Mund gelegt, sich einer Kontrolle des Reformwillens durch die Troika entziehen zu wollen (irreführende Akzentuierung).

Dabei wird auch die journalistische Schreibregel verletzt, dass der indirekten Rede „wie im Grunde jeder indirekten Wiedergabe nicht entgegen der Intention des Redners eigenes Wortmaterial unterlegt werden“ [102] darf:

Ellen Trapp/Off: Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure von EU, EZB und IWF mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen […].

Die Korrespondentin übernimmt die Rolle eines allwissenden Erzählers, der seine Figuren kommentiert und über deren Gedanken- bzw. Gefühlswelt Auskunft gibt.

An der ironisch-spöttischen Erzählhaltung gegenüber Yanis Varoufakis wird die Darstellung der eigenen Dominanz durch die Herabwürdigung des politischen Gegners deutlich.

„Das ist der griechische Finanzminister – ganz schön cool [Anm.: ironisch-spöttisch] unterwegs, kurz bevor er sich mit dem Chef der Eurogruppe trifft […].
Motorad
Zum Lachen ist nur einem zumute.
Lachen1
Der andere findet in Athen gar nichts mehr witzig.
Lachen4
Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure […] mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen […].“
cool V
Yanis Varoufakis/On: Unsere Regierung wird mit größtem Engagement mit der Eurozone, der EU und dem IWF zusammenarbeiten, aber mit der Troika, die ein Programm umsetzen will, dessen Idee wir als antieuropäisch betrachten, die auch das europäische Parlament für nicht demokratisch legitimiert hält, wollen wir nicht zusammenarbeiten.

Fakten und Analyse

Schlüsselbilder: Motorrad fahrender Finanzminister, lachender Gesichtsausdruck von Yanis Varoufakis und Lächeln von Jeroen Dijsselbloem
Schlüsselwörter: ganz schön cool, gibt sich wieder cool, Kontrolleure, überwachen

Dekontextualisierung/Auslassung

Wie zuvor in der Tagesschau, unterbleibt auch in den Tagesthemen eine Einordnung der argumentativen Aussage von Yanis Varoufakis. Dem Zuschauer wird ein zum Verständnis seiner Aussage notwendiger Kontext vorenthalten:
In einem 2014 verabschiedeten Untersuchungsbericht kritisiert das EU-Parlament die unzureichende juristische und demokratische Legitimation der Troika. Weiterhin wurde u.a. kritisiert, dass das Gremium einseitig auf Sparmaßnahmen gesetzt und damit Wirtschaftsimpulse vernachlässigt habe. Der Bericht plädiert für eine Abschaffung der Troika.

Rekontextualisierung/Reframing

a) Wie die Tagesschau durch den Begriff „aushecken“ und die visuelle Hervorhebung eines sich angeblich amüsierenden Yanis Varoufakis Assoziationen zum frechen Streichespielen Minderjähriger aktiviert hatte,
(re-)kontextualisiert auch Korrespondentin Ellen Trapp durch das Zusammenspiel von Off-Text und Bild-Erzählen die Entscheidung des griechischen Finanzministers als freches Teenagerverhalten, in dem sich auch das Trickster-Motiv erneut widerspiegelt.

Der Erwachsenen-Teenager-Frame wird v.a. durch die zweimalige Verwendung des Begriffs ‚cool‘ aktiviert („ganz schön cool“ und „gibt sich cool“), das Zeigen einer ca. 14 Sekunden lang andauernden Videosequenz, die den griechischen Finanzminister beim Motorradfahren zeigt (visuelles Framing),
sowie durch die Varoufakis in den Mund gelegte Absicht, sich der Kontrolle seiner Pflichten entziehen zu wollen („keine Kontrolleure“, „überwachen dürfen“).

Erneut wird eine Momentaufnahme eines lachenden Gesichtsausdrucks dramaturgisch als mimischer Ausdruck der Provokation rekontextualisiert (visuelles Framing). Die Übergänge zwischen Symbolbild und dokumentarischem Bild sind dabei fließend.

b) Mit Yanis Varoufakis‘ Absage an die Zusammenarbeit mit der Troika endet in Wirklichkeit die Pressekonferenz, wie die ungeschnittene Aufnahme der Pressekonferenz beweist [103].

Doch die Dramaturgie der Tagesthemen sieht ein anderes Ende vor: eine überraschende Pointe. Durch Videomontage führen die Tagesthemen die Geschichte weiter, so dass der Chef der Eurogruppe das letzte Wort zu haben scheint.

Während der Film die Fortsetzung der Pressekonferenz vorspiegelt, informiert die Korrespondentin über den griechischen Wunsch nach einer Schuldenkonferenz. Jeroen Dijsselbloems dann im O-Ton gezeigte Ablehnung einer Schuldenkonferenz erscheint wie ein schlagfertiger Konter auf Varoufakis‘ Absage an die Troika: eine Art Zurechtweisung des übermütigen Teenagers.

Tatsächlich hatte Jeroen Dijsselbloem diese Aussage als Antwort auf die Frage eines Journalisten aber VOR Varoufakis‘ Äußerung getroffen. Dijsselbloem spricht hier nicht Yanis Varoufakis an, sondern eben diesen Journalisten.

Ellen Trapp/Off: ‚Nein‘ sagen kann aber auch der Eurogruppen-Chef.
Dijsselbloem2
Jeroen Dijsselbloem/On: Zum Wunsch einer Schuldenkonferenz müssen Sie erkennen, dass diese Konferenz bereits existiert. Sie heißt Eurogruppe.

Aber Jeroen Dijsselbloem lacht nicht nur dank der Tagesthemen-Dramaturgie zuletzt, er scheint mit seiner Pointe auch die Lacher auf seiner Seite zu haben: Da die ARD die Übersetzung seiner Aussage frühzeitig enden lässt, kann der Zuschauer kurz Beifallgelächter aus dem „Publikum“ der Journalisten hören.

„Selbst kleinste Veränderungen in der Darstellung, z.B. das Zeigen oder Nichtzeigen von Nervosität, Zoomen auf einen Sprecher, das Einschneiden von positiven oder negativen Publikumsreaktionen kreieren beim Publikum verschiedene Eindrücke einer Person […]. Die Möglichkeiten des Fernsehens, mit Hilfe von Darstellungstechniken Images von Politikern zu beeinflussen, sind praktisch unbegrenzt.“ [104]

Ob die Tonspur an dieser Stelle nachbearbeitet worden ist, bleibt unklar. Fest steht: Weder in der Aufnahme von ZDF-heute [105] noch in der ungeschnittenen Aufnahme der Pressekonferenz sind akustische Signale von derartiger Lautstärke unmittelbar nach Jeroen Dijsselbloems Aussage zu hören.

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[101] Tagesthemen 30.01.2015.
[102] Josef Kurz, Daniel Müller u.a. [Hg.]: a.a.O.
[103] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 30.01.2015.
[104] Wolfgang Donsbach: a.a.O.
[105] ZDF-heute vom 30.01.2015.

Fortsetzung folgt am 16.08.2016

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