Greek Myths 7-9

Kapitel 7 – Zwei griechische Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3
Greek Myths 4-6

Analytischer Teil: Es war einmal…

7 Die Geschichte von zwei griechischen Himmelhunden auf dem Weg zur Hölle – Antrittsbesuche von Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis

„Zum Lachen sind die Leute gleich bereit.“
(Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten) [106]

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Tagesthemen vom 04.02.2015 [107]

Die Tagesthemen vom 04.02.2015 stellen die griechischen Pläne als Versuch der Schuldenprellerei dar. Die Anschuldigung wird nicht explizit ausgesprochen, sondern als Schlussfolgerung aus dem Kontext nahegelegt (Innuendo).

Der Journalist Brooks Jackson (ehemals AP, Wall Street Journal, CNN) rät in seinem Buch „Finding Facts in a world of disinformation“:

„Wenn du siehst oder hörst, dass etwas stark angedeutet, aber nicht geradeheraus ausgesprochen wird, frag dich: Weshalb müssen sie es derart zwischen die Zeilen legen, warum kommen sie damit nicht heraus und sagen es? Oft gibt es einen guten Grund: Wovon der Sprecher dich überzeugen will, ist nicht wahr.“ [108]

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Roth7
Moderator Thomas Roth (WDR), nachdem er den Zuschauer an die „ziemlich hemdsärmelig und ruppig“ auftretenden Griechen erinnert hat, die „ziemlich cool“ (ironisch-spöttisch) der Troika eine „Abfuhr erteilt“ haben:
„Die EU-Länder wollen ihre geliehenen Milliarden nämlich wiedersehen, aber die Griechen werben auf ihrer fliegenden Eurotour für die etwas andere Art, mit den Schulden umzugehen.“

Die musikalisch untermalte Cartoon-Darstellung der „fliegenden Eurotour“ im Beitrag von Korrespondent Christian Feld (NDR) greift das zentrale Motiv der Helden-„Reise“ auf und bildet im Korrespondentenbeitrag die Basiserzählung, von der ausgehend episodenhaft die einzelnen Stationen der Antrittsbesuche des griechischen Ministerpräsidenten und des griechischen Finanzministers erzählt werden (Gondelbahn-Erzählstruktur). Die Erzählhaltung im Korrespondentenbeitrag ist der satirischen Cartoon-Darstellung entsprechend ironisch-spöttisch.

Fakten und Analyse:

Symbolbild: Gesichtsfoto-Cartoon-Montage
Schlüsselwörter: hemdsärmelig, ruppig, ziemlich cool (ironisiert), fliegende Eurotour (ironisiert)
Soundtrack: Bud Spencer/Terence Hill-Film „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“/“Flying Through the Air“

Kontextualisierung/Framing:

Der Zuschauer kann die Leerstelle (Unbestimmtheitsstelle) in der Anspielung Thomas Roths („die etwas andere Art, mit den Schulden umzugehen“) durch folgende Kontexthinweise ohne Probleme füllen:

a) die Ironie sowohl in der Anspielung: „für die etwas andere Art, mit den Schulden umzugehen“ als auch im Begriff „fliegende Eurotour“,

b) den durch die adversative Konjunktion „aber“ formulierten Gegensatz zu dem Wunsch der Kreditgeber, ihre Milliarden „wiedersehen“ zu wollen,

c) die vorangegangenen Attributierungen „hemdsärmelig“, „ruppig“, „cool“ (ironisch-spöttisch),

d) den im Beitrag satirisch verwendeten Soundtrack („Flying Through the Air“) des Bud Spencer/Terence Hill-Films „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ und

e) die satirische Gesichtsfoto-Cartoon-Montage.

Neben der erneuten Aktivierung des Erwachsenen-Teenager-Frames („hemdsärmelig“, „ruppig“, „cool“) werden Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis zudem durch die Dramaturgie des Beitrags als unseriöse Schuldenpreller und damit ein weiteres Mal als vertrauensunwürdig dargestellt (ad hominem), ohne dass die Tagesthemen dies direkt aussprechen müssen (Innuendo, gezielte Nutzung von Implikaturen).

Auch in der auditiven Anspielung auf das chronisch pleite Trickbetrüger-Paar Terence Hill/Bud Spencer wird ein weiteres Mal das Trickster-Motiv verarbeitet.

Die Verwendung von Innuendo „ist ein Mittel, eine Person, eine Gruppe oder eine Idee anzugreifen, wenn es wenige oder gar keine Belege gibt, um eine direkte Behauptung oder Anschuldigung zu rechtfertigen. Die Kraft der Suggestion dient somit dazu, einen Mangel an Beweisen zu kompensieren.“ [109]

Durch die klamaukhafte Darstellungsform werden der griechische Ministerpräsident und sein Finanzminister der Lächerlichkeit preisgegeben. Es ist jene Form des aggressiven Humors (Spott), der durch die Herabwürdigung des Gegners die eigene Dominanz betont und der – sozialpsychologisch gesehen – die Solidarisierung zwischen Sprecher und Zuhörer bzw. Zuschauer gegen einen verlachenswerten Dritten zum Ziel hat.

Rekontextualisierung/ Reframing

Damit ist Humor in dem hier aufgezeigten Kommunikationskontext einer politischen Informationssendung auch eine Form des Red Herrings: „eine sehr effektive Ablenkungstaktik. Er kann das Publikum schnell auf die eigene Seite ziehen, auch wenn es dafür keine logische Begründung gibt.“ [110]

Eine logische Begründung für den Vorwurf der Schuldenprellerei wird in dem der Anmoderation folgenden Beitrag von Christian Feld nicht angeführt. Die zitierte Bitte von Alexis Tsipras nach neu zu verhandelnden Rahmenbedingungen des Kreditprogramms sowie die zitierte Bitte von Yanis Varoufakis: „Gebt uns Zeit bis Ende Mai […], damit wir unsere Vorschläge auf den Tisch bringen können, um mit unseren Partnern darüber zu beraten und im Sommer neue Absprachen zwischen Griechenland und Europa zu treffen“, werden rekontextualisiert: Die Äußerungen erscheinen als Bestätigung des in der Anmoderation implizit geäußerten Schuldenpreller-Vorwurfs.

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[106] Arthur Schopenhauer: a.a.O., S. 53.
[107] Tagesthemen 04.02.2015.
[108] Brooks Jackson, Kathleen Hall Jamieson: Unspun. Finding facts in a world of disinformation, New York 2007, S. 62.
[109] T. Edward Damer: a.a.O., S. 225.
[110] Ebd.

Kapitel 8 – Zwei aufeinanderprallende Welten

Schäuble

Analytischer Teil: Es war einmal…

8 Die Geschichte von den zwei aufeinanderprallenden Welten – auf Werbetour beim strengen Vater in Berlin

Im Zentrum der Berichterstattung steht eines der zentralen Motive der Heldenreise: das Motiv der gegensätzlichen Welten, das sich in der vom Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth (BR) verwendeten Metapher der zwei aufeinanderprallenden Welten widerspiegelt.

In der Vormittagsausgabe der Tagesschau wird das Motiv konkretisiert durch die antithetische Gegenüberstellung vom „Brücke bauen[den] Europäer“ Wolfgang Schäuble und der „Insel der Griechen mit ihren Radikalforderungen“, in der Abendausgabe sprachlich vor allem durch die begriffliche Opposition „streng“ und „weich“. Als Gegenspieler der griechischen Antihelden betritt mit Wolfgang Schäuble der wahre Held die Bühne des Griechenland-Dramas: Es ist die archetypische Figur des Herrschers/Königs, der die bestehende (Werte-)Ordnung verteidigt und damit gleichzeitig den Archetypus des strengen Vaters verkörpert, der Regeln aufstellt und ihre Einhaltung überwacht.

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Tagesschau vom 05.02.2015, (11:14 Uhr) [111]

Korrespondent Oliver Mayer-Rüth: „Zwei Welten prallen aufeinander“:
Sprecherin8
Auf der einen Seite der deutsche Finanzminister mit seiner „Forderung nach Reformen“ und auf der anderen Seite, so der Korrespondent, „sein griechischer Amtskollege und dessen Regierungschef“: „Er hat Wahlgeschenke versprochen, er will keine Reformen – und dafür braucht Griechenland Geld.“
Ellen Arnhold (SR): „Sie sagen, zwei Welten prallen aufeinander, gibt es denn überhaupt Kompromissmöglichkeiten?“

Oliver Mayer-Rüth: „Schäuble ist ja auch ein bekennender Europäer und versucht natürlich auch eine Brücke zu bauen zu der Insel der Griechen und ihren Radikalpositionen […].“

Der Korrespondent führt nun die bloße Umbenennung (!) der Troika in „Institutionen“ und die Unterstützung der griechischen Pläne zur Reichenbesteuerung als Kompromissmöglichkeiten an.

Tagesschau vom 05.02.2015, (20:00 Uhr) [112]

Der Korrespondentenbeitrag setzt ein mit dem „Aufeinanderprallen“ der beiden „Welten“, d. h. mit der Begegnung der beiden Kontrahenten (Akt 2) und ihren angeblich unvereinbaren Positionen (strenges vs. weicheres Reformprogramm).

„Griechenland könnte Ende Februar das Geld ausgehen. Europa will neues nur geben, wenn Griechenland Reformen nach Plan umsetzt.“

Mit dieser Aussage erklärt der Korrespondent Anlass und zentralen Konflikt der Begegnung (1. Akt).
Yanis Varoufakis‘ Motivation, sich auf seiner „Werbetour“ für ein „weicher(es)“ Reformprogramm auch noch mit dem sich „weniger streng“ gebenden SPD-Chef zu treffen, wird in Form eines Rückblicks erläutert: Die EZB hatte am Vortag angekündigt, keine griechischen Staatsanleihen mehr zu kaufen, aber die Gewährung von Notfallkrediten in Aussicht gestellt.

Die Konsequenz/Auflösung (3. Akt) der „Werbetour“ formuliert der Korrespondent in Form eines problematisierenden Ausblicks: „Damit endet die Werbetour des griechischen Finanzministers. Ob sie Erfolg hat und zu einem weicheren Reformprogramm führt, zeigt sich in den nächsten Wochen. Doch zumindest in den Reihen der CDU/CSU ist die Ablehnung gegen die griechische Forderung groß […].“

In der Eingangsszene der 20-Uhr-Tagesschau wird dem Zuschauer die Metapher von der Gegensätzlichkeit der „zwei Welten“ auch durch unterschiedliche Kameraeinstellungen vor Augen geführt. Im Kontrast zu Schäuble wird Varoufakis in großer Distanz zum Zuschauer gezeigt, was den Eindruck der Isolation und Ferne hervorruft und damit an die vom Korrespondenten in der Mittagsausgabe der Tagesschau verwendete Metapher von der „Insel der Griechen“ anknüpft.

Einer der ersten deutschen Wissenschaftler, die die Wirkung von Kameraperspektiven auf die Personenwahrnehmung untersucht haben, war der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger mit seiner Studie zum Bundestagswahlkampf 1976. Laut Kepplinger war die visuelle Kandidatendarstellung („optische Kommentierung“ durch Kameraleute) ein mitentscheidender Faktor des Wahlausgangs.

Ein Ergebnis seiner Studie war: „Die vorteilhafteste Einstellung sei die, bei der die Kamera den Politiker „in Augenhöhe“ und ihn „nicht zu fern (‚verloren‘) oder zu nah (‚leer‘) ablichtet“. [113]

Als Vergleichsmaßstab kann die folgende Aufnahme dienen:

Schäu-Va

Korrespondent Oliver Mayer-Rüth:
Off: Zwei Welten prallen aufeinander:
Auf der einen Seite Finanzminister Schäuble,
Schäuble
auf der anderen Seite sein griechischer Amtskollege Varoufakis.
Varouf
Schäuble, der Verfechter eines strengen griechischen Reformprogramms, Varoufakis seit Tagen bemüht, das Programm aufzuweichen. Das Ergebnis des Gesprächs war absehbar:
Wolfgang Schäuble/On: We agree to disagree. Oliver Mayer-Rüth/Off: Man ist sich also einig, uneinig zu sein […].

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: weit entfernter Yanis Varoufakis (Eingangsszene der 20-Uhr-Ausgabe)
Schlüsselwörter: aufeinanderprallende Welten, bekennender Europäer, Brücke bauen vs. Insel der Griechen (Vormittagsausgabe), streng vs. aufweichen, weicheres (20 Uhr)

Falschinformation, Dekontextualisierung, Auslassung:

Die in der Vormittagsausgabe aufgestellte, in der Abendausgabe dann entschärfte Behauptung, die griechische Regierung wolle keine Reformen, trifft nicht zu. (Strohmann-Argument)

a) Im „Thessaloniki-Programm“ der Syriza (2014) werden vier Hauptreformbereiche aufgezählt: Reformen zur Begegnung der humanitären Krise, zur Ankurbelung der Wirtschaft und Herstellung von Steuergerechtigkeit, zum Wiedergewinnen von Arbeitsplätzen sowie zur politischen Umgestaltung: Vertiefung der Demokratie.

b) Zwar zeigt die ARD in der Abendausgabe einen Ausschnitt aus der Pressekonferenz der beiden Finanzminister; sie unterlässt es aber, ihren Zuschauern jene Passagen zu zeigen oder auch nur inhaltlich wiederzugeben, die die Einstellung des griechischen Finanzministers gegenüber der Notwendigkeit von Reformen verdeutlichen:
„Unsere Regierung wird alles dafür tun, Korruption, Steuerhinterziehung, Steuerimmunität, Unwirtschaftlichkeit und Verschwendung zu bekämpfen.“

„60 – 70 % des laufenden Programms enthält Maßnahmen, die wir selbst vorantreiben wollen.“ [114]

Bei den Verhandlungen über die Verlängerung des Ende Februar auslaufenden zweiten Kreditprogramms sollte es eben u.a. darum gehen: Wird es einen Kompromiss zwischen Kreditgeberländern und Griechenland geben, der Griechenland zugesteht, einen Teil der vereinbarten Reformen, den Griechenland als rezessionsverursachend beurteilt, mit eigenen Reformvorschlägen zu ersetzen? Die griechische Regierung nennt dieses Verhandlungsziel mehrfach einen „ehrenvollen Kompromiss“.

Rekontextualisierung/Reframing:

Durch das Begriffspaar ’streng‘ und ‚weich‘ wird erneut der Erwachsenen-Teenager-Frame erzeugt, der Yanis Varoufakis als Teenager darstellt, der gegen die „Strenge“ eines Elternteils aufbegehrt und hierzu die Hilfe eines anderen Erwachsenen (Sigmar Gabriel) sucht, der sich „weniger streng gibt“. Über das, was Yanis Varoufakis sachlich zu sagen hat, dringt dagegen erneut kein Wort zum Ohr des Zuschauers. Der Zuschauer erfährt weder von Yanis Varoufakis‘ Plädoyer für tiefgreifende Reformen noch von seiner ökonomischen Kritik am Troika-Programm, das rezessionsverursachend sei und deswegen zu einer nicht tragfähigen Schuldenlast und zu einem Schuldenkreislauf geführt habe. Der Begriff „Schuldentragfähigkeit“ taucht in dem „Erwachsenen-Teenager-Frame“ erst gar nicht auf.

Damit ist das zentrale ökonomische Argument des Wirtschaftswissenschaftlers Yanis Varoufakis für eine Veränderung des Reformprogramms und eine Reduktion der Schuldenlast auf ein tragfähiges Maß unkenntlich gemacht zugunsten einer einseitigen Fokussierung auf die Argumentation des Juristen Wolfgang Schäuble, dass Vereinbarungen eingehalten werden müssen. In der Konsequenz kann der Zuschauer Varoufakis‘ Forderung nach Veränderung des Programms nur als bloßen Unwillen Griechenlands deuten, sich an Vereinbarungen zu halten und seine Schulden zurückzuzahlen.

Die mit der Metapher der aufeinanderprallenden Welten zum Ausdruck kommende Unvereinbarkeit bzw. Unversöhnlichkeit der Standpunkte und Charaktere ist der zentrale Deutungsrahmen für die Schilderung der Begegnung der beiden Finanzminister, deren Ergebnis für den Korrespondenten schon „absehbar“ war.

Wohl auch aus diesem Grund behält er diese Metapher, die er in der Vormittagsausgabe der Tagesschau (vor Beginn der Pressekonferenz) verwendet hat, auch in seinem Beitrag für die 20-Uhr-Tagesschau bei – unabhängig von der tatsächlich geäußerten Haltung des griechischen Finanzministers.

Diese Polarisierung zwingt den Zuschauer in eine Entweder-oder-Entscheidungssituation, in der er kaum eine andere Möglichkeit hat, als die Position des Bundesfinanzministers zu befürworten:

Denn der Begriff „Reform“, auch in den folgenden Wochen und Monaten der Berichterstattung für die Charakterisierung der Position Wolfgang Schäubles vereinnahmt und zur Abgrenzung von der griechischen Position verwendet, ist nicht nur positiv konnotiert, sondern enthält in seiner Bedeutung als eine dem allgemeinen Verständnis nach auf Verbesserung zielende Veränderung eine klar positive Deontik, d.h. die normative Handlungsaufforderung: Reformen sollte man durchführen.

Leitvokabeln wie „Reform“ haben überdies aufgrund ihres Abstraktionsgrades die Eigenschaft, dass sie „am besten gegen Klarheit und Klärung abgeschirmt sind.“ [115]. Erst die Konkretisierung der strittigen Reformen würde es dem Zuschauer erlauben, sich ein eigenes Urteil zu bilden:
Man kann beispielsweise für oder gegen Rentenkürzungen sein, für oder gegen Massenentlassungen, für oder gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer, für oder gegen Zwangsversteigerungen von Wohnhäusern zur Schuldentilgung, aber: Welcher vernünftige Mensch kann angesichts der Krisensituation in Griechenland allgemein gegen Reformen sein und damit die Notwendigkeit einer auf Verbesserung zielenden Veränderung bezweifeln?

Das „Besetzen von Begriffen“ – ein Ausdruck, der in Deutschland durch den ehemaligen Generalsekretär der CDU Kurt Biedenkopf geprägt wurde – ist eine wesentliche Kommunikationsstrategie, um in einer politischen Auseinandersetzung als Sieger hervorzugehen.

„Die positive Besetzung des Reformbegriffs“ ist Teil einer „akzeptanzstiftenden Kommunikationsstrategie“ zur „Überwindung von Beharrungstendenzen und einer generellen Protesthaltung der Bürger gegenüber Neuerungen“, heißt es im Diskussionspapier der Bertelsmann Stiftung zur politischen Reformkommunikation: Als gelungenes Beispiel lasse sich „der Ansatz der britischen Labour-Regierung oder der US-amerikanischen Clinton-Administration anführen, Reformmaßnahmen immer als ‚Modernisierung‘ zu kommunizieren und mit positiven Zielvisionen zu verknüpfen.“ [116]

Die Vereinnahmung des Begriffs „Reform“ für die Austeritätspolitik Wolfgang Schäubles und die Bezeichnung der griechischen Reformvorhaben als populistische „Verheißungen“ (s. Geschichte 1) oder „Wahlgeschenke“ zielen darauf ab, die Gunst des Publikums für die deutsche Verhandlungsseite zu gewinnen. Gleichzeitig soll Empörung über die griechische Regierung ausgelöst werden, die angeblich weiteres, durch den Fleiß europäischer Arbeitnehmer verdientes Geld für „Wahlgeschenke“ verlange, ohne Reformen durchsetzen, also ohne selbst dafür einen Finger krumm machen zu wollen.

„Ein Redner verrät oft schon im Voraus seine Absicht durch die Namen, die er den Begriffen gibt. Unter allen Kunstgriffen wird dieser am häufigsten gebraucht, schon rein instinktmäßig und aus der menschlichen Schlechtigkeit.“
[117] Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, Kunstgriff 12, Benennungen gehässig umkehren

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[111] Tagesschau 05.02.2015, Mittagsausgabe.
[112] Tagesschau 05.02.2015, Abendausgabe.
[113] Telebiss: Schiefe Optik, in: Die Zeit, 26.10.1979.
[114] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 05.02.2015 (vollständig).
[115] Wolf Schneider: Die Wahrheit über die Lüge: Warum wir den Irrtum brauchen und die Lüge lieben. Reinbek bei Hamburg 2012, S.172.
[116] Bertelsmann Stiftung: Diskussionspapier zum Expertendialog: a.a.O., S. 5 ff.
[117] Arthur Schopenhauer: a.a.O., S. 40.

Kapitel 9 – Südeuropäer, die gegen europ. Gepflogenheiten verstoßen

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Analytischer Teil: Es war einmal…

9 Die Geschichte von den Südosteuropäern, die gegen europäische Gepflogenheiten verstoßen – Eurogruppentreffen in Brüssel am 11.02.2015

Tagesthemen vom 11.Februar 2015 [118]

Caren Miosga (WDR): „Rolf-Dieter Krause hat die Verhandlungen heute in Brüssel beobachtet. Herr Krause, alle wollen wissen, wie die griechischen Pläne aussehen. Wissen Sie’s?“
Miosga9
Rolf-Dieter Krause (WDR): „Nein, ich weiß es nicht […]. Man hat erfahren können, dass die griechische Regierung weder in der Vorbereitungssitzung für die heutige Sitzung noch in der Sitzung ein Papier vorgelegt habe, und nach den europäischen Gepflogenheiten ist erst ein Vorschlag, der auf Papier steht, auch wirklich verhandlungsfähig […].
Vielleicht hat er mündlich was vorgetragen.“

Fakten und Analyse:

Schlüsselwörter: europäische Gepflogenheiten

Falschinformation:

Sowohl in einem schriftlichen Diskussionspapier als auch in seiner Rede vom 11. Februar 2015 erläutert der griechische Finanzminister, welche vereinbarten Reformen Griechenland auch weiter umsetzen wird und welche Bedingungen es aus welchen Gründen ablehnt und durch Maßnahmen ersetzen möchte, die es in Zusammenarbeit mit der OECD umsetzen wird. Als Reaktion auf die Streuung solcher Gerüchte (negative campaigning durch die Strategie des leaking [119]) reagierte die griechische Regierung mit der Veröffentlichung der Dokumente. [120] [121]

Dennoch wurde die Aussage des Korrespondenten im weiteren Verlauf der Berichterstattung von der ARD nicht korrigiert.

Harald Schumann („Der Tagesspiegel“) dazu im Interview mit Telepolis:

„Ein Beispiel für den schlimmen Verfall journalistischer Sitten war die Berichterstattung in Sachen Griechenland in den zwei Monaten nach der Wahl der neuen Regierung in Athen. Dabei ist es regelmäßig vorgekommen, dass auf Basis anonymer Quellen (wo es dann heißt, aus Regierungskreisen oder ein hoher EU-Diplomat hat gesagt, also das, was man branchenintern als ‚unter 2‘ deklariert, das heißt, man darf zitieren, aber nicht sagen, wer das Zitierte gesagt hat) die Grundlagen dafür bildeten zu berichten, dass die griechische Regierung wahlweise unfähig, planlos, arrogant oder frech ist.

Jeder Journalistenschüler lernt schon in den ersten 6 Wochen: Wenn solche Vorwürfe in die Welt gesetzt werden, muss der Autor die andere Seite anrufen und fragen: ‚Uns oder mir ist erzählt worden, dass… Was sagen Sie dazu?‘ Und dann muss diese andere Seite zitiert werden. Wenn sie nicht erreichbar ist, sich nicht äußern will oder nur Beschimpfungen ausstößt, dann schreibt man genau das: War nicht erreichbar. Wollte sich nicht äußern. Aber in allen großen deutschen Medien fand vielfach die Berichterstattung nur auf Basis anonymer Quellen statt, ohne der griechischen Seite auch nur die Möglichkeit zu geben, Stellung zu nehmen. Das war eine schlimme Verletzung journalistischer Standards.“ [122]

Wer die Quelle dieser rufschädigenden Gerüchte ist, bleibt unklar. Korrespondent Rolf-Dieter Krause selbst wird erst gut vier Monate später, am 22.06.2015, das erste Mal offen über die Arbeit von Spin-Doktoren sprechen. [123]

Charakteristisch für die leaking-Strategie ist, dass der Verbreitung solcher Gerüchte keinerlei Nachrecherche bzw. Korrektur folgt.

Ein weiteres entscheidendes Kennzeichen dieser Form des Innuendo, also dieser indirekten Form, den Kontrahenten ad hominem zu beschuldigen, ist laut dem kanadischen Kommunikationsforscher Douglas Walton „das Verschieben der Beweislast“:

Weder die Quelle des Gerüchts noch der Verbreiter des Gerüchts müssen die Verantwortung für ihre Beschuldigungen und deren Wirkung übernehmen. [124]

Dafür sorgt im vorliegenden Fall nicht nur der sorgsam verwendete Konjunktiv („kein Papier vorgelegt habe“), sondern auch die Verwendung von sog. Wieselwörtern (engl. weasel words): „Man hat erfahren können“.

Integraler Bestandteil dieser Form der indirekten Beschuldigung ist laut Walton also eine Absicherungstaktik in Form einer argumentativen Rückzugsmöglichkeit: ein Fluchtweg („escape route“) [125], der es dem Sprecher im Fall von Kritik ermöglicht, die Verantwortung für das, was er weitergibt, abzulehnen.

Im Interview mit der BBC warnt die Investigativjournalistin Heather Brooke vor der Gefahr medialer Informationskontrolle durch Anonymisierung von nicht belegbaren Beschuldigungen: [126]



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[118] Tagesthemen 11.02.2015. https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-3493.html
[119] Vgl. auch Robert Misik: Varoufakis benimmt sich echt unmöglich, behaupten anonyme Quellen. Misik.at [Weblog], 30.04.2015.
http://misik.at/2015/04/varoufakis-benimmt-sich-echt-unmoeglich-behaupten-anonyme-quellen/
[120] Yanis Varoufakis: Rede und Diskussionspapier zur Eurogruppensitzung vom 11.02.2015.
[121] Norbert Häring: Das sind die verrückten Ideen der Griechen. Norbert Häring. Geld und mehr [Weblog], 18.02.2015.
[122] Harald Schumann im Interview mit Telepolis, in: Marcus Klöckner: „Wenn man den Mächtigen nach dem Maul schreibt, bekommt man die besseren Honorare“, 20.05.2015.
[123] Norbert Häring: ARD-Brüssel-Korrespondent Krause entlarvt Spin-Doktor-ausgerechnet. Norbert Häring. Geld und mehr [Weblog], 22.06.2015.
[124] Douglas Walton: a.a.O., S. 189 ff.
[125] Ebd., S. 186.
[126] Heather Brooke im Interview mit der BBC. 26.01.2010.

Fortsetzung folgt am 17.08.2016

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