Der vergessene Krieg im Jemen

Der vergessene Krieg im Jemen

Warum wohl wurde die Petition, die sich für einen Waffenstillstand im Jemen einsetzte, nur von so wenigen Menschen mitgezeichnet? Die Frage ist schnell beantwortet: Weil Jene, deren originäre Aufgabe darin besteht Öffentlichkeit herzustellen, sich über die schändlichen Verbrechen gegen das geschundene Land ausschweigen. Warum alternative Medien für die Information inzwischen unverzichtbar geworden sind, beweist unter anderem die unverblümte Argumentation des ZDF-Moderators Claus Kleber zum medial vernachlässigten Konflikt:

    „Es sind ernsthaft schlechte Zeiten, wenn ein Krieg in den Hintergrund tritt, in dem Tausende Menschen sterben, Wohngebiete und Krankenhäuser bombardiert werden und in dem 80% der Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, die nicht mehr kommt. Der Krieg im Jemen tritt aber in den Hintergrund, weil der in Syrien so viel Platz in den Nachrichten verbraucht…

Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam haben sich Gedanken zu den Gründen der Vernachlässigung der Kinder des Jemen gemacht.

Programmbeschwerde: Verhungernde Kinder im Jemen

In der Syrien-Berichterstattung hat ARD-aktuell mit großem Aufwand und reichlich bedenkenlos obskure Quellen genutzt und für das Leid der Bevölkerung in Ost-Aleppo nicht die terroristischen Besatzer aus aller Herren Ländern, sondern die Befreier aus Russland und Damaskus als Schuldige dargestellt. Das propagandistische Ziel: Akzeptanzwerbung für Söldner und Dschihadisten, sie sollten als annehmbarer erscheinen als die Alternative, dass Ost-Aleppo an die syrische Armee fällt und die politische Macht des gewählten Präsidenten Assad wieder stützt.

Gniffke, Schwenck & Co wollten im Einklang mit der gesamten „Westlichen Wertegemeinschaft“ und nach dem Willen des imperialen Vorturners USA den Status Quo eines grauenhaften Terroristen-Regimes erhalten und nahmen dafür auch die zahl- und namenlosen Opfer unter einer in Geiselhaft genommenen Zivilbevölkerung hin, die als Faustpfand und Schutzschild der Mörderbanden dienen musste. Besonders auffallend an dieser AgitProp-Berichterstattung war, wie vollkommen verlogen das Leid besonders der Kinder nicht als Konsequenz der Terroristenherrschaft, sondern als Folge der Befreiungsaktionen publizistisch „vermarktet“ wurde.

ARD-aktuell hat sich von dieser unübersehbaren Schlagseite in der Berichterstattung bis heute nicht distanziert, nichts nachträglich korrigiert oder sich gar für die schäbige, konformistische Fehlleistung entschuldigt. Nach dem Fall Ost-Aleppos spielte das Thema „leidende Zivilisten dann auch prompt keine Rolle mehr. Fortsetzung der Heuchelei war nicht mehr zweckmäßig, das propagandistische Ziel war verfehlt.

Wir erinnern an die Tendenzberichterstattung der ARD-aktuell aus dem Syrien-Krieg, weil sich die Nachrichtengestaltung über den Krieg im Jemen ganz anders ausnimmt, allerdings nach Maßstäben der Objektivität und Vollständigkeit nicht weniger widerwärtig. Der Jemen-Krieg bietet keine Möglichkeit, die Russen zu beschuldigen und zu dämonisieren, er dreht sich um geostrategische Interessen der USA und um die Machterhaltung der monströs blutigen Diktatur der wahabitischen Königsfamilie der Saudis. Das ist das mörderische Pack, das zwar an jedem Freitag, Woche für Woche, nach dem Gebet mindestens zwei Menschen öffentlich enthaupten und mindestens drei weitere auspeitschen und verkrüppeln lässt, zugleich aber als Großkunde der deutschen Rüstungsindustrie und als Öllieferant alle politischen Privilegien genießt, die Berlin gewähren kann; es wird von der Kanzlerin ausdrücklich als „starker Partner“ gewürdigt.

Saudi-Arabien führt mit Unterstützung und Beteiligung der USA eine Allianz von nahöstlichen und westafrikanischen Monarchien an, die allesamt zwar Lichtjahre entfernt von demokratisch-rechtstaatlichen und die Menschenrechte achtenden Verhältnissen existieren, aber einen Vorzug haben: Sie sind „unsere“ Freunde. Und deshalb spielen weder das Leid von Frauen und Kindern im Jemen eine Rolle im deutschen Mainstream, noch kümmern sich Tagesschau & Co überhaupt groß um die ungezählten Kriegsverbrechen der westlichen Allianz. Gniffke schaut zu, wie seine Qualitätsjournalistenriege das Thema ausschweigt – und lässt erkennen, welche Heuchelei hinter dem ganzen Getue betr. Menschenrechte und Friedenswahrung steckt.

Dabei ist das Geschehen im Jemen-Krieg unabweisbar aktuell und Information darüber zwingend: Im Jemen ereignet sich eine humanitäre Katastrophe. Die Mangelernährung ist laut UNICEF auf einem neuen Höchststand. Knapp 2 Millionen Kinder leiden an Unterernährung. Alle 10 Minuten stirbt mindestens ein Kind an Hunger. Das scheint jedoch weder dem Gniffke in Hamburg noch dem Schwenck in Kairo eine Mitteilung und Filmreportagen wert zu sein, unsere Kinderfreunde im Syrienkrieg unterscheiden feinsinnig zwischen zu beklagenden und zu ignorierenden Opfern, die da verrecken müssen….

Schweigen herrscht auch über die allgemeine Kriegssituation in dem total verarmten Land (nur 4 Stunden Flugzeit von Berlin entfernt). Was geschah dort vorgestern, gestern, heute? Wieviele Tote waren zu beklagen? Wieviele zivile Ziele wurden vernichtet? In welchem Umfang wurde gegen das Kriegsrecht verstoßen, die Haager Konvention? (Der Krieg ist ohnehin völkerrechtswidrig, aber für solche Feinheiten gibt es bei ARD-aktuell keine Sendezeit, da müssten ja die „Freunde“ kritisiert werden).

Ein kleines Detail: Bei Kämpfen zwischen der jemenitischen Armee und schiitischen Houthi-Aufständischen sind am zweiten Januar-Wochenende nahe der strategisch wichtigen Meeresstraße von Bab al-Mandab 68 Kämpfer getötet worden, 55 Houthi und 13 Kämpfer des Hadi-Regimes; über die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten fehlen genaue Angaben.

Mit den erschütternden Informationen über den grausamen Unterdrückungskrieg, den unsere Westliche Werte-Gemeinschaft am Golf von Aden, im Süden der Arabischen Halbinsel führt, sollen die deutschen Zuschauer nicht vertraut gemacht werden. Der schmutzige Krieg unter mittelbarer Beteiligung Berlins könnte das sorgsam gepflegte „Mutti“-Image unserer Kanzlerin beschädigen und den ARD-aktuell-Rahmen konformistischer transatlantischer Vasallengefolgschaft sprengen.

Den Jemen-Krieg kann man den Russen nicht anhängen, er geht allein auf die Kappe der amerikanischen und saudischen „Freunde“. Seit dem Beginn von deren Militärintervention im März 2015 wurden nach UN-Angaben mehr als 7000 Menschen getötet, die meisten davon natürlich Zivilisten. Im von Saudis zerbombten Jemen sind 2,6 Millionen Einwohner zu Binnenflüchtlingen geworden, jeder zehnte Jemenit hat Heim und Habe verloren und befindet sich auf der Flucht, täglich werden es mehr…. Auch das wird von Gniffke, unserem Menschenrechtsfreund und objektiven Berichterstatter, nicht als ständiges Nachrichtenthema behandelt, es sind ja nur Wüstennomaden, die Machtinteressen Washingtons gehen schließlich vor.

Wir meinen, die absolut defizitäre und einseitige Berichterstattung der ARD-aktuell trotz umfangreich verfügbarer Informationen über den Jemenkrieg ist mit den Programmrichtlinien unvereinbar.


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