Schreiben an den NDR-Rundfunkrat – Verzerrte Berichterstattung zum AfD-Parteitag

Quelle Beitragsbild: Google – ZDF heute

Norddeutscher Rundfunk
Gremienbüro
Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg

Programmbeschwerde „Verzerrte Berichterstattung zum AfD-Parteitag“

Sehr geehrte Damen und Herren Rundfunkräte,

ich nehme Bezug auf die Programmbeschwerde „Verzerrte Berichterstattung zum AfD-Parteitag“ innerhalb der Berichterstattung von ARD-aktuell – hier Tagesthemen vom 22.04.2017 um 23:42 Uhr – und auf die Antwort der Programmverantwortlichen auf die Eingabe.

Im Wissen darum, dass die Frist für eine Befassung o. g. Eingabe in Ihrem Gremium verstrichen ist, möchten wir dieses Schreiben als Anregung verstanden wissen, welche Sie bitte nach Kenntnisnahme und eventueller Diskussion im Gremium der zuständigen Redaktion zur Kenntnisnahme zuleiten möchten.

Im Detail unterstellten wir der zuständigen Redaktion und der Autorin des Beitrages, Tamara Antoni, die Sachebene zugunsten einer boulevardesken Story über das angeblich einsame Scheitern Petrys, um „Verletzungen“ und die vermeintlichen Reaktionen des „Verletzten“ durch manipulativen Bildschnitt verlassen zu haben. Der beanstandete Beitrag folgt, wie so viele gleichartige Nachrichtenbeiträge von ARD-aktuell, präzise einem Ablaufmuster, welches bewusst auf Drama und Storytelling setzt, um die Zuschauer auf die seichte Art zu unterhalten und emotional auf Nebenschauplätze zu führen.

Die konstruierte Fallhöhe der Geschichte einer Frau, deren Tag „so gut begann“, ist beträchtlich. Das „Motto des Scheiterns“ bestimmte jede Minute des Kurzbeitrages, angefangen von der redaktionell verordneten „Kaskade von Niederlagen“ und Ausgrenzungen, über „herbe Niederlagen“, „Schlappen“ bis hin zur vagen Zukunft Petrys innerhalb ihrer Partei.

Wer den Parteitag per Livestream verfolgt und die komplette Rede Petrys gesehen hat, weiß, dass „ihr Werben“ in Richtung Gauland im Gegensatz zur Behauptung der Autorin sehr wohl „fruchtete“. Wenige Sekunden nach dem manipulativen Schnitt hätten die Zuschauer der Tagesthemen erfahren, dass sich Alexander Gauland und Frauke Petry im Vorfeld des Parteitages über das strittige Thema geeinigt hatten.

https://www.youtube.com/watch?v=turx7gC4_LI=19:00s

Darüber hinaus wurde dem Zuschauer wahrheitswidrig vermittelt, die Delegierten des Parteitages hätten sich konkret und ausschließlich gegen Frauke Petrys Zukunftsantrag positioniert. Die 600 Delegierten des Parteitages hatten jedoch darüber abgestimmt, ALLE thematischen Änderungsanträge aus Zeitgründen nicht näher zu behandeln. Zeitplan und Ziel, ein Programm für den Bundestags-Wahlkampf vorlegen zu können, hatten laut Delegiertenvotum Priorität vor Änderungsanträgen.

Das redaktionelle Gesamtziel des Berichtes zum AfD-Parteitag war nachweislich nicht auf sachliche Information ausgelegt. Auch wenn der Chefredakteur von ARD-aktuell in seiner Argumentation von „konkludenter“ Berichterstattung spricht, so wurde der Spin durch die bewusste Interpretation der Ereignisse gesetzt. Hätte die Redaktion den Schnitt des Videos zur Eröffnungsrede Petrys nur geringfügig anders gesetzt, so hätte ein sichtlich aufgeräumter und applaudierender Alexander Gauland dem von der Autorin intendierten „Motto des Scheiterns“ einen ersten Bruch beschert.

Informationen zur Sache, die eigentlich die Quintessenz jedweder Berichterstattung zu politischen Ereignissen bilden sollte, fehlten im Kurzbericht und im anschließenden Kommentar komplett. Verwertbare Angaben zum Inhalt des „Zukunftsantrages“ fehlten ebenso wie konkrete Ergebnisse der Programmdiskussion.

Auf Tagesschau.de wird offenbar befürchtet, dass das Internet Kapazitätsschwierigkeiten bekommen könnte. Es finden sich dort zum Thema AfD-Parteitag fast ausschließlich Meinungsbeiträge zahlreicher ARD-MitarbeiterInnen, anstelle von Fakten und Informationen. Auch ein Minutenprotokoll des ARD-Hauptstadtstudios zum AfD-Parteitag erweist sich angesichts des angestrengt hämisch-komödiantischen Stils des Protokollführers als ungeeignet für seriöse Information.

Fakten und Informationen erzielen nach Ansicht vieler Redakteure und Autoren mehr Wirkung, wenn sie in Form von Geschichten erzählt werden. Durch die Fokussierung auf Emotionen die an Argumente gekoppelt sind, soll die Aufmerksamkeit des Publikums auf klar definierte Ziele ausgerichtet werden, die von den Machern der Geschichte bereits im Vorfeld festgelegt wurden.

Argumentations- und Emotionsziele bestimmen den Verlauf der Geschichte und führen damit auch zur gestalterischen Entscheidung darüber, an welcher Stelle des Berichtes am wirksamsten geschnitten werden sollte. „Die Stunde der Wahrheit schlägt im Schnitt“, heißt es daher auch in der Seminarausschreibung der ARD.ZDF Medienakademie zum Thema „Dramaturgie durch Montage“ und „[…] jedes Detail beeinflusst das Zusammenspiel von Information und Emotion.“

Im Zentrum der Geschichte steht die Hauptfigur (hier Petry), die in bestimmten Beziehungen zu Nebenfiguren (innerparteiliche Widersacher, Konkurrenten, Medien) steht. Die Geschichte wird natürlich erst interessant, wenn die Hauptfigur auf Widerstände stößt, sich behaupten, einer Aufgabe stellen oder Hindernisse überwinden muss. Wie wird es der Hauptfigur wohl ergehen? Besteht sie oder scheitert sie?

Im beanstandeten Beispiel könnte neben Gregor A. Heußen auch Hedwig Courths-Mahler als Patin fungiert haben. Nachrichten sind das jedenfalls nicht.

Fazit: Dem Publikum wurden, trotz erheblicher Medienpräsenz beitragsfinanzierter Mitarbeiter auf dem Parteitag, wesentliche Informationen vorenthalten und es ist auf Informationen alternativer und/oder Primär-Quellen angewiesen. Ein öffentlich-rechtliches Nachrichtenformat, welches sein Zielpublikum mit subjektiv gefärbten Meinungsbeiträgen und nebensächlichen Storys belästigt, hat seinen Auftrag verfehlt und verspielt seine Legitimation.

Die Verfasserin dieses Schreibens ist weit davon entfernt Sympathien für die AfD zu hegen, geschweige denn ihre Wahlhandlung zu Gunsten dieser Partei auszurichten. Diese Grundüberzeugung resultiert nicht etwa aus dem Konsum der Berichterstattung mit öffentlichem Auftrag, sondern aus der aktiven Suche nach Informationen mittels Primärquellen und neutraleren Medienprodukten sowie einer soliden gesellschaftspolitischen und demokratischen Grundeinstellung.

Jene Zeitgenossen aber, die sich ohne zu hinterfragen von einseitiger, staatsvertragswidriger und undemokratischer Berichterstattung indoktrinieren lassen, werden inzwischen zur konkreten Gefahr für Besitz, Gesundheit und Leben unbescholtener Bürger, wie das unwürdige Spektakel rund um den Austragungsort des Parteitages, dem Hotel Maritim in Köln, bewies. Auch Vertreter von Oppositionsparteien können sich angesichts des vergifteten politischen Klimas in diesem Land nicht mehr sicher fühlen. Rundfunk und Medien tragen an diesem untragbaren Zustand einen Großteil der Verantwortung. Als besonders besorgniserregend wird konstatiert, dass sich diese Form der medialen Kampagnen auch gegen jede andere Partei oder Bewegung richtet oder richten wird, die bestehende politische und soziale Verhältnisse in Frage stellt.

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist zur Ausgewogenheit verpflichtet. Dazu gehören das Gebot einer fairen und unabhängigen Berichterstattung und die Verpflichtung zur Überparteilichkeit. Die Abbildung verschiedener Meinungen im Programm soll insgesamt ausgewogen sein. Diese Vorgaben gelten in besonderem Maße für Nachrichten oder politische Sendungen.“

Es wäre wünschenswert, wenn Sie in Ihrer Eigenschaft als Kontrollinstanz dafür Sorge tragen würden, dass im Programmangebot Ihrer Anstalt die Vielfalt der Meinungen wieder angemessen zum Ausdruck kommt und die freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung ohne jegliche Manipulation und Meinungsmache gewährleistet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Maren Müller
Vorsitzende

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