Agitation statt Information über Venezuela

Bildquelle: Venezuelanalysis.com

Die Versuche der USA und auch der EU Venezuela zu destabilisieren, den Integrationsprozess in Lateinamerika zu stören und dadurch den Ländern des Kontinents das Recht auf eine eigenständige Entwicklung abzusprechen, sind nicht neu: 2002 Venezuela, 2008 Bolivien, 2009 Honduras, 2010 Ecuador, 2012 Paraguay, 2016 Brasilien – die gewalttätigen Ereignisse in Venezuela stehen im Zusammenhang mit parlamentarischen und militärischen Putschen gegen die Völker des Kontinents.

Wie gewohnt stehen die transatlantisch gebrieften Qualitätsjournalisten des deutschen Mainstream auf Seiten gewalttätiger Oppositioneller – im Falle Venezuelas sind das teils völlig enthemmte Sprösslinge der beleidigten Oberschicht und paramilitärisch ausgerüstete Banden, materiell und ideell unterstützt von radikalen politischen Akteuren und Parteien in Venezuela sowie dem Generalsekretär der OAS, Luis Almagra, der gemeinsame Sache mit der extremen Rechten der Regierungen von Mexiko, Argentinien, Peru, Brasilien und Kolumbien macht.

Programmbeschwerde: Agitation statt Information über Venezuela

Aus dem Plan der USA, mittels Sanktionen und Unterstützung marodierender „Farbenrevolutionäre“ einen „regime change“ in Venezuela herbeizuzwingen, will und will einfach nichts werden. Folglich berichtet die transatlantisch getrimmte ARD-aktuell entweder gar nicht oder irreführend über das Land und seinen Präsidenten Maduro. Den lässt sie auch schon mal als Diktator abmalen, ein Höhepunkt feindseliger Agitation. Derzeit, in der letzten Septemberwoche, finden Sie mit der Suchmaschine auf tagesschau.de als aktuellsten Beitrag über die Lage in Venezuela den Artikel „Panzer und Propaganda“ vom 26. August. Er basiert – diese Propagandamethode ist alt und bewährt – weitgehend auf Behauptungen einer wünschenswert US-konformen „Expertin“.

Die Politologin Francine Jácome aus Caracas sieht die Merkmale einer Diktatur bereits erfüllt: „Es gebe keine durch demokratische Wahlen legitimierten Institutionen mehr, das Regime mache immer mehr politische Gefangene und treibe die Militarisierung voran. … Bei dem Militärmanöver gehe es darum, die verbliebenen Anhänger der sozialistischen Regierung zu binden. Das seien immerhin noch etwa 20 Prozent der Bevölkerung. … [Die USA] sind noch [Venezuelas] größter Abnehmer von Erdöl und spülen das Geld in die Staatskasse … “
(Quelle: s. Betreff)

Eine sachgerechte Gegenmeinung zu dem Blödsinn, Maduro habe mindestens 80 Prozent der Bevölkerung gegen sich – qualifizierte Expertisen sind sogar im Mainstream zu finden – , holt ARD-aktuell für ihren Bericht „natürlich“ nicht ein; sie entlarvte ja sonst ihre Mär, dass die Krawall und Gewalt inszenierende Oberschicht Venezuelas eine breite Mehrheit der Bevölkerung hinter sich habe.

Der Stuss der „Expertin“ bietet allerdings einen schönen Übergang zum verständnisinnigen nächsten Abschnitt des Berichts. US-Präsident Trump habe die Sanktionen gegen Venezuela verschärft und neue Strafmaßnahmen verhängt. ARD-aktuell hinterfragt das nicht nach den imperialen US-Motiven. Wozu auch, die Äußerungen der „Expertin“ reichten ja als Einstimmung….

Sauberer Journalismus ist in dieser Hauptabteilung des NDR eben nicht mehr geboten. Unter anderem deshalb, weil Sie, die dazu berufenen Rundfunkräte, nicht weiter danach fragen.

Nachrichtenunterdrückung und Falschdarstellung: Urteilen Sie bitte selbst, was davon mit Blick auf das Informationsangebot der ARD-aktuell über Venezuela zutrifft:

„Ölexporte in die USA sind von den Sanktionen allerdings nicht betroffen. Die USA sind der größte Abnehmer des wichtigsten venezolanischen Exportgutes“ heißt es in dem Beitrag wörtlich, gefolgt vom Zwischentitel „Venezuela braucht die USA“.

Die USA sind zwar noch der größte Abnehmer ursprünglich venezolanischen Öls auf dem gesamten amerikanischen Kontinent, nicht jedoch weltweit. Seit Anfang August hat der russische Konzern Rosneft Optionen auf einen Großteil der venezolanischen Ölproduktion der nächsten Jahre gekauft und damit faktisch die Vermarktung übernommen. Von ihm kaufen auch die USA. Das russische Engagement hat den Staatshaushalt Venezuelas dermaßen entlastet, dass die Regierung in Caracas eine Anhebung der Gehälter und Löhne um 40 (!) Prozent (vierzig) veranlassen konnte.

Kein Wort davon in der Tagesschau …

Welche erheblichen Veränderungen sich auf dem Weltmarkt für Öl abspielen, geht aus einer weiteren, auch schon Wochen alten Information hervor, die ARD-aktuell ebenfalls mit Schweigen überging: Der chinesische Konzern CEFC China Energy hat 14,16 Prozent Unternehmensanteile an Rosneft gekauft, für umgerechnet mehr als 9 Milliarden Dollar. Damit sind langjährige Öl- und Gaslieferungen Russlands in die VR China verbunden. Ein historischer Vorgang, weil es sich um die erste Firmenverflechtung zwischen der VR China und Russlands im russischen Energiemarkt handelt und zeigt, wie rasant sich die Beziehungen zwischen den beiden Großmächten entwickeln. Da Rosneft auch in Indien engagiert ist, hat der riesige neue Deal Auswirkungen auf die belasteten Beziehungen zwischen China und Indien.

Quelle: http://oilprice.com/Energy/Oil-Prices/Unknown-Oil-Gas-Deal-Just-Changed-The-Global-Energy-Balance.html

Erhebliche geopolitische Veränderungen zeichnen sich hier ab. Die Qualitätsjournalisten in der ARD-aktuell setzen sich jedoch großzügig darüber hinweg, als ob solche Informationen das deutsche Publikum nichts angingen. Der zur Beitragszahlung gezwungene Kunde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss sich solche Nachrichten bei der kommerziellen Konkurrenz holen – wieder einmal.

Der Bericht auf n-tv ist übrigens auch schon einen Monat alt.

Wie meilenweit sich ARD-aktuell mit seinen desinformativen Halbwahrheiten vom Programmauftrag und der Programmrichtlinien im Staatsvertrag über den NDR entfernt hat, ist hiermit abermals evident.

Link zur Beschwerde von Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer


Veröffentlicht in News Getagged mit: , , , , ,