Publikumskonferenz trifft auf öffentliche Rundfunkanstalt aus der Ukraine

Bildquelle: Goethe-Institut

Erfahrungsaustausch mit lokalen öffentlichen Rundfunkanstalten aus der Ukraine

Das Goethe-Institut Besucherprogramm führte im Auftrag des Auswärtigen Amts eine Informationsreise für eine Gruppe von acht Medienvertretern aus der Ukraine durch, die vom 26.11. bis 2.12.2017 in Deutschland weilten.

Zum Hintergrund: Das Besucherprogramm der Bundesregierung wird vom Auswärtigen Amt verantwortet. Innerhalb der politischen Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung sind diese Informationsaufenthalte von großer Bedeutung. Zweck der Einladung ist die Vermittlung eines authentischen, modernen Deutschlandbildes anhand von Themen, die die ausländischen Gäste beruflich interessieren. Die deutschen Botschaften und Generalkonsulate laden dazu wichtige Persönlichkeiten des Auslands ein. Das Goethe-Institut ist für die Programmplanung, Reisevorbereitung, Terminabsprachen und die Begleitung der Gäste verantwortlich.

Es handelte sich bei den Gästen um Vertreter des in der Ukraine neugegründeten Öffentlichen Rundfunks, der derzeit aus 26 regionalen TV-Anstalten zu 8-9 Clustern fusioniert wird. Der Erfahrungsaustausch mit hiesigen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten soll diesen komplexen Fusionsprozess unterstützen.

Die Mitglieder der Delegation waren:

• Frau Mariya Frey, Managerin für Zusammenarbeit mit Regionen Public Broadcasting Company of Ukraine, Kiew
• Herr Orest Hryniuk, Leiter der Nachrichtenabteilung Public Broadcasting Company of Ukraine, Regionale Anstalt in Riwne
• Herr Dmytro Khilchenko, Producer General for Digital Platforms Public Broadcasting Company of Ukraine, Kiew
• Frau Tetiana Kiselchuk, General Producer (aufklärerischer Rundfunk) Public Broadcasting Company of Ukraine, Kiew
• Herr Iakiv Liubchych, Executive Producer für publizistische und soziale Programme Public Broadcasting Company of Ukraine, Kiew
• Frau Yuliia Markovska, Leiterin der GmbH „Telebatschennja Sumschtschyny“ Public Broadcasting Company of Ukraine, Fernsehen von Sumschtschyna, Gebiet Sumy, Kramatorsk
• Herr Yevhen Mishchenkov, Referatsleiter für körperschaftliche Angelegenheiten in der Rechtsabteilung Public Broadcasting Company of Ukraine, Kiew
• Herr Mykhaylo Shmatov, Leiter der Abteilung für Kooperation mit Anstalten Public Broadcasting Company of Ukraine, Irpin

Stationen der Besucherreise waren u.a.:

Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
Thema: Überblick über das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in Deutschland; das deutsch-polnische TV-Magazin „Kowalski & Schmidt“

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Gespräch und Rundgang
Thema: Aufgaben und Funktion des Bundespresseamts

Auswärtiges Amt
Mittagessen auf Einladung auf Einladung der Abteilung Kultur und Kommunikation
Referat 601: Kultur- und Medienbeziehungen Europa, USA, Kanada, Russland, Türkei, Zentralasien, Kaukasus; deutsche Minderheiten im Ausland

ZDF Hauptstadtstudio Berlin
Gespräch und Studiobesichtigung
Themen: Aktuelle Herausforderungen; Digitale Plattform-Strategien und Online-Formate

Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) – Dresden
Gespräch und Hausführung
Themen: Überblick über das Landesfunkhaus und seine trimediale Ausrichtung; die standortübergreifende Zusammenarbeit im MDR

Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) – Leipzig

Gespräch und Führung
Themen: Einblicke in die Zusammenarbeit mit der ARD und mit den Landesstudios, technische Prozesse und finanzielle Aspekte u.a. über das Fusionieren von Sendeanstalten

Deutsche Welle
Präsentation zum Thema „Duales Rundfunksystem“
Gespräch und Erfahrungsaustausch sowie Besichtigung des TV-Newsrooms

Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e. V.
Thema: Förderung der demokratischen Mitsprache bei der Umsetzung des gesellschaftlichen Programmauftrages der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten

Am Dienstag, den 28.11. 2017 traf ich auf Einladung des Goethe-Institutes die 8-köpfige ukrainische Delegation beim Abendessen im Leipziger Restaurant Telegraph. Das Gespräch fand in russischer Sprache statt und wurde von einer jungen Berlinerin russischer Abstammung gedolmetscht.

Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich als Vertreterin der Publikumskonferenz überhaupt die richtige Ansprechpartnerin für die Delegation sei und erklärte, dass wir keine gesetzliche Publikumsvertretung seien und sie sich doch an die entsprechenden Rundfunkgremien wenden mögen. Erstaunlicherweise war das nicht der Plan, sondern es wurde tatsächlich das Gespräch über unsere Arbeit und unser Anliegen der Etablierung einer Publikumsvertretung aus der Zivilgesellschaft gesucht. Einer der Gesprächsteilnehmer merkte an, dass es interessant sei zu erfahren, was das Publikum von den Programmen hält und sie bei der weiteren Gestaltung des öffentlichen Rundfunks nicht die gleichen Fehler machen wollen wie andere.

Die überwiegend jungen und sehr aufgeschlossenen und interessierten Teilnehmer der Delegation stellten zunächst Ihr Anliegen und Ihren Sender (hier Region Riwne) vor.

Der Öffentliche Rundfunk wird aus dem ukrainischen Staatshaushalt finanziert. Das Jahresbudget beträgt 25 Mio Euro bei einem Personalstamm von ca. 7000 Mitarbeitern. Der ukrainische Öffentliche Rundfunk umfasst 25 regionale Kanäle landesweit, zwei Kanäle für die gesamte Ukraine, 4 Radiosender und fünf Satellitenkanäle. Das Hauptaugenmerk der Rundfunkanstalt liege auf der regionalen Berichterstattung. Die Nachrichten würden selbst recherchiert und geschrieben, eine Übername von Agenturmeldungen fände nicht statt. Die internationale Berichterstattung und die Unterhaltungssparte sei Aufgabe der Privaten. Zudem gebe das Budget die Ausführung dieser Leistungen nicht her.

Auf meine Frage hin, ob es geplant sei, einen Rundfunkbeitrag analog der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland zu etablieren, wurde geantwortet, dass dies nicht der Mentalität der ukrainischen Bevölkerung entspreche. Diese wäre in der Regel der Ansicht, dass der Staat für die Finanzierung öffentlicher Aufgaben selbst aufzukommen habe.

Es entspann sich am Tisch ein – um die zwei Stunden dauernder – reger Austausch mit den Teilnehmern der Delegation, in dessen Verlauf ich über Intention, Ziele und Arbeitsweisen der Publikumskonferenz Rede und Antwort stand. Insbesondere die Minimalforderungen nach ausgewogener, unparteiischer und wahrheitsgemäßer Berichterstattung unter Berücksichtigung der Meinungsvielfalt, eine sozial ausgewogene Beitragserhebung, die stärkere Fixierung auf den Bildungsauftrag, die Abkehr von der reinen Quotenorientierung sowie die demokratische Mitbestimmung des Publikums, stießen bei den Teilnehmern auf großes Interesse.

Allgemeines Erstaunen herrschte über die überbordenden Verdienstmöglichkeiten für Intendanten, Direktoren und die mittlere Führungsebene, sowie die Ungleichbehandlung der freien und festangestellten Mitarbeiter. Dass immer weniger Geld für das Programm zur Verfügung steht, weil Liegenschaften, Personalkosten, Pensionszahlungen und -rückstellungen, sowie exorbitante Honorare einen Großteil der Einnahmen verschlingen, stößt auf Erstaunen aber auch auf hintergründiges Lächeln und allgemeines Nicken, wohl als Verweis auf diverse bekannte Strukturen in der Heimat.

Eine Teilnehmerin löcherte mich regelrecht über unsere Arbeitsweise, warum wir das machen, wie bei Recherche und Fehlerermittlung vorgegangen wird, welche Qualifikationen unsere Mitstreiter haben, wie wir uns die Arbeit aufteilen, wie wir uns finanzieren, was unsere Haupt-Themen wären etc.. Auch die Initialzündung, das Schlüsselerlebnis für die Gründung des Vereins interessierte die Anwesenden.

Die Funktionsweise und die Zusammensetzung der Rundfunkräte als Kontrollgremium der Anstalten wurde ebenfalls interessiert hinterfragt. Die Frage, wie ein Vertreter der Kirche oder der Gewerkschaft komplizierte Haushaltspläne prüfen solle bzw. ob er überhaupt für eine solche Aufgabe qualifiziert sei, stand im Raum. Unsere Forderung, die Rundfunkräte frei und direkt vom Pubikum/Beitragszahler wählen zu lassen, stieß auf Skepsis. Erstaunlich für mich war die Ansicht des juristischen Vertreters, dass man ein solches Gremium lieber mit vermögenden Personen besetzen solle, um Korruption vorzubeugen. Er war der Ansicht, dass mittellose Menschen, die das Mandat dazu nutzen, sich ein Mindesteinkommen zu sichern, anfälliger für Korruption seien. Eine Ansicht die ich nicht teilte, denn die Erfahrung lehrt etwas anderes.

Die mangelnde Qualität der öffentlich-rechtlichen Unterhaltungssparte wurde von mir mittels des Vergleiches des reichhaltigen Angebotes hochwertiger internationaler Filmproduktionen im DDR-Fernsehen erläutert. Die DDR war kein reiches Land, aber bot dem Fernsehpublikum die schönsten Spielfilme aus aller Welt und auch aus der deutschen Geschichte. Legendäre französische, griechische, italienische, polnische, sowjetische und amerikanische Klassiker flimmerten durch die Wohnstuben und erfreuten Alt und Jung. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk dagegen dominieren heute seichte Krimis, Heimat- und Liebesschnulzen, schlechte Serien und die gefürchteten DEGETO-Filme mit Erziehungsauftrag, welche ein Großteil des (jüngeren) Publikums zu den Programmen der Privaten flüchten lassen.
Ein etwas älterer Teilnehmer der Runde kommentierte meinen Vortrag mit der Bemerkung, dass er die DDR in sehr guter Erinnerung habe. Das war die einzige politische Verlautbarung, die seitens der Gäste an diesem Abend fiel.

Ich hatte im Vorfeld Bedenken (da meine/unsere Aktivitäten offensichtlich in einem Maße bekannt sind, dass eine derartige Einladung überhaupt in Frage kam) wie die Gäste auf unseren kritischen Umgang mit den Verhältnissen in der Ukraine nach dem Putsch reagieren würden. Es schien allerdings so, als wäre Politik für die Delegation überhaupt kein Thema. Nicht einmal fiel der Name Putin oder auch die leiseste Kritik an Russland. Die offen interessierte, unaufgeregte, wertschätzende und gastfreundliche Runde machte mich auf eine ganz bestimmte Art und Weise nachdenklich. Die unfassbare Gewaltorgie, die sich in Odessa, auf dem Maidan und in der Ostukraine Bahn brach und vielen Menschen das Leben kostete, hat offenbar nichts mit den Lebensentwürfen, Werten und Zielen der normalen ukrainischen Bevölkerung zu tun.

Völkerverständigung muss sich über die Interessen von Strippenziehern, Propagandisten und Geostrategen hinwegsetzen. Wenn friedlicher Diskurs und Verständigung im Kleinen funktionieren und wir diese vorurteilsfrei, bei jeder sich bietenden Gelegenheit leben, ohne Argwohn und Angst, dann werden wir voneinander lernen, wieder miteinander und zum Nutzen Aller in Frieden zu leben. Wenn Veranstaltungen wie diese dazu beitragen, sollten wir sie nutzen.

 

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