30 Fragen, die Journalisten zum Fall Skripal hätten stellen können

30 Fragen, die Journalisten zum Fall Skripal stellen sollten

von Rob Slane, 20.03.2018 the blogmire.com Übersetzung: FritzTheCat (zahlreiche links im Original!)

Es gibt zum Fall Sergei und Yulia Skripal jede Menge Sachverhalte, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr unklar und ziemlich seltsam sind. Es könnte für einige oder gar alle davon gute und harmlose Erklärungen geben. Und dann auch wieder nicht. Daher ist es so wichtig Fragen dazu zu stellen, denn bisher gibt es entweder keine Antworten oder nur höchst ungenügende.

Einige Menschen vermuten nun, das sei das Gebiet von Verschwörungstheorien. Ist es nicht. Aus dem einfachen Grund, dass ich keine glaubwürdige Theorie habe, um alle Details des Vorfalls in Salisbury von Anfang bis Ende zu erklären – Verschwörung oder nicht. Und ich werde auch keine Theorie anbieten. Ich habe keine Ahnung, wer hinter diesem Vorfall steckt und ich werde weiterhin für viele mögliche Erklärungen offen sein.

In der offiziellen Sichtweise stecken jedoch eine Reihe von kuriosen Sachen, die nach Antworten und Richtigstellungen verlangen. Man muss kein Verschwörungstheoretiker oder Verteidiger des russischen Staats sein um das zuerkennen. Alles was man braucht ist eine gesunde Portion Skepsis, etwas „das jeder neugierige Geist entwickelt hat“!

Es folgen 30 der wichtigsten Fragen zu dem Fall und auf die Antworten der britischen Regierung, die momentan völlig unbeantwortet sind oder die eine Klarstellung benötigen.

1.) Warum gibt es in der Öffentlichkeit seit der ersten Woche der Untersuchung keine Updates über den Zustand von Sergei und Yulia Skripal ?

2.) Leben sie noch?

3.) Wenn ja, wie ist ihr momentaner Zustand und welche Symptome zeigen sie?

4.) In einem kürzlichen Brief an The Times schrieb Stephen Davis, Facharzt für Notfallmedizin beim Salisbury NHS Foundation Trust, folgendes:
„Sehr geehrter Herr, auf ihren Bericht (‚Durch die Gifteinwirkung benötigen fast 40 Menschen eine Behandlung‘, 14. März) möchte ich klarstellen, dass bei keinem Patienten in Salisbury eine Vergiftung mit Nervengas aufgetreten ist und es bisher nur drei Patienten mit einer signifikanten Vergiftung gab.“
Seine Behauptung, es sei bei „keinen Patienten in Salisbury eine Vergiftung mit Nervengas aufgetreten“, ist besonders seltsam, denn sie widerspricht ganz einfach der offiziellen Erzählung. Ist ihm da der Kugelschreiber ausgerutscht oder war es seine Absicht, genau das zu kommunizieren – dass in Salisbury keine Patienten mit Nervengas vergiftet wurden?

5.) Es wurde gesagt, dass die Skripals und Detective Sergeant Nick Baley durch „einen militärischen Nervenkampfstoff“ vergiftet wurden. Gemäß einigen Behauptungen könnte der genannte Typ irgendwas zwischen fünf und acht Mal toxischer sein als das Nervengift VX. Bedenkt man, dass beim VX eine Dosis von 10mg als mittlere tödliche Dosis gilt, so scheint es wahrscheinlich, dass der im Fall Skripal erwähnte Typ ihn sofort hätte töten müssen. Gibt es eine Erklärung dazu, wie oder warum das nicht geschah?

6.) Obwohl bereits ziemlich bald nach dem Zwischenfall Berichte vermutet haben, dass irgendein Nervengift verwickelt sei, dauerte es nahezu eine Woche bis die englische Gesundheitsbehörde PHE einen Rat an jene herausgab, die an jenem Tag das Pub The Mill oder das Restaurant Zizzi in Salisbury besuchten als die Skripals erkrankten. Warum diese Verzögerung und stellt dies eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar?

7.) In ihrem Ratschlag empfiehlt Public Health England jenen Menschen, die diese Orte besucht haben, wo anscheinend Spuren eines militärischen Nervengifts gefunden wurden, das Waschen der Kleidung, und:

„Wischen Sie persönliche Gegenstände wie Handys, Handtaschen und andere elektronische Geräte mit einem Reiniger oder Babytüchern ab und entsorgen sie die Tücher im Mülleimer (normaler Haushaltsmüll).“

Sind Babytücher eine wirksame und sichere Methode im Umgang mit Objekten, die möglicherweise mit einem „militärischen Nervengift“ kontaminiert wurden, insbesondere wenn dieser Typus 5-8 Mal tödlicher ist als VX?

8.) Ursprüngliche Berichte lassen vermuten, dass DS Bailey erkrankte, nachdem er sich um die auf der Parkbank sitzenden Skripals im Maltings (Anm.d.Ü.: Einkaufszentrum) in Salisbury kümmerte. Nachfolgende Behauptungen, zuerst am 9. März vom ehemaligen Metropolitan Police Commissioner Lord Ian Blair geäußert, besagen jedoch, dass er mit der Substanz im Haus von Sergei Skripal in der Christie Miller Road in Kontakt kam. Seither sind die Berichte dazu höchst vieldeutig, wo das doch eine leicht zu verifizierende Tatsache sein müsste. Welches ist die richtige Darstellung?

9.) Die Regierung hat behauptet, dass das Gift „ein militärisches Nervengift eines Typs sei, der in Russland entwickelt wurde“. Der Ausdruck „eines Typs, der in Russland entwickelt wurde“ sagt überhaupt nichts darüber aus, ob die im Fall Salisbury verwendete Substanz in Russland produziert oder hergestellt wurde. Kann die Regierung bestätigen, dass ihre Wissenschaftler in Porton Down (Anm.d.Ü.: das Zentrum der britischen Chemie- und Biowaffenforschung) festgestellt haben, dass jene Substanz, die die Skripals und DS Bailey vergiftet hat, tatsächlich in Russland produziert oder hergestellt wurde?

10.) Der ehemalige britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, hat behauptet, dass Quellen im Außenministerium (FCO) ihm gesagt hätten, dass die Wissenschaftler in Porton Down nichts über den Herkunftsort der Substanz sagen wollten, da sie nicht in der Lage waren diese zu bestimmen. Gemäß Mr. Murray haben sie nur unter dem Druck der Regierung letztendlich dieser Kompromissformulierung zugestimmt: „eines Typs, der in Russland entwickelt wurde“. Diese Formulierung wurde seither in allen offiziellen Stellungnahmen zu der Sache verwendet. Kann das Außenministerium in klarem und eindeutigem Englisch kategorisch die Behauptung von Mr. Murray zurückweisen, dass auf Wissenschaftler in Porton Down Druck ausgeübt worden ist, um einer Formulierung zuzustimmen und dass man sich am Ende auf eine verwässerte Version einigte?

11.) Für den Fall, dass das Außenministerium die Behauptungen von Mr. Murray zurückzuweisen versucht und dabei wieder die selbe Formulierung „eines Typs, der in Russland entwickelt wurde“ verwendet – Ist das FCO dazu bereit und in der Lage, darüber hinauszugehen und zu bestätigen, dass die Substanz nicht nur „ein Typ ist, der in Russland entwickelt wurde“, sondern dass er in Russland „produziert“ oder „hergestellt“ wurde?

12.) Warum hat die britische Regierung der russischen Regierung ein 36-Stunden Ultimatum für eine Erklärung gesetzt, sich dann aber deren Bitte verweigert, die Beweise zu teilen, die angeblich auf ihre Schuld hinweisen (es gäbe ja keine Gefahr dass sie manipulieren, denn Porton Down hat ja seine eigene Probe)?

13.) Wie ist es möglich, dass einem Staat (oder eine Person oder ein Unternehmen), der für etwas beschuldigt wird und sich gegen diese Anschuldigung verteidigen soll, der Zugang zu den Beweisen verwehrt wird, die angeblich auf seine Schuld hinweisen?

14.) Ist das nicht ein klarer Fall für die Umkehrung der Unschuldsvermutung und des Rechtsstaatsprinzips?

15.) Darüber hinaus, warum hat die britische Regierung der russischen Regierung ein Ultimatum gesetzt, was eine Zuwiderhandlung der für diesen Fall vorgesehenen Regeln der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW – sowohl Britannien als auch Russland sind Unterzeichnerstaaten) darstellt, die in Artikel 9, Paragraph ii der Chemiewaffen-Konvention (CWC) eindeutig festgelegt sind?

16.) Wenn man davon ausgeht, dass die Untersuchung, die vom Leiter der Untersuchung als „extrem herausfordernde Ermittlung“ beschrieben wurde, und wenn man davon ausgeht, dass viele der Fakten zu dem Fall noch unbekannt sind, etwa wann, wo und wie die Substanz verabreicht wurde – wie ist es da möglich, dass die britische Regierung mit solcher Gewissheit eine Schuldzuweisung macht?

17.) Und indem sie das getan hat, hat sie da nicht die Ermittlung politisiert und vorbelastet?

18.) Warum sieht sich die britische Regierung genötigt, weniger als eine Woche nach Aufnahme der Untersuchung mit einer Beschuldigung daherzukommen anstatt auf den Abschluss der Ermittlung zu warten?

19.) In der Andrew Marr Show am 18. März sagte der Außenminister Boris Johnson Folgendes:

„Und ich möchte noch etwas zur Aussage von Mr. Chizhov über den russischen Bestand an Chemiewaffen erwidern. Wir haben in der Tat Beweise aus den letzten zehn Jahren, dass Russland nicht nr die Lieferung von Nervenkampfstoffen zum Zweck der Ermordung untersucht hat, sondern auch Novichok geschaffen und gelagert hat.“

Woher stammt diese Geheimdienstinformation und wurde sie ordentlich verifiziert?

20.) Wenn diese Geheimdienstinformation vor dem 27. September 2017 bekannt war – dem Datum, an dem die OPCW in einer Stellungnahme erklärt hat, dass alle 39.967 metrische Tonnen der chemischen Waffen im Bestand der russischen Föderation vernichtet worden sind – warum hat dann Britannien nicht die OPCW über ihre Information informiert, die offensichtlich dieser Behauptung widerspricht? Sie hätten dazu die gesetzliche Pflicht gehabt.

21.) Wenn diese Geheimdienstinformation vor dem 27. September 2017 bekannt war – warum hat dann Britannien nicht die OPCW über diese „neue“ Information unterrichtet, wozu sie gesetzlich verpflichtet wäre, denn es zeigt ja angeblich, dass Russland die OPCW belogen hat und ein heimliches Chemiewaffenprogramm unterhielt?

22.) In der Andrew Marr Show machte Mr. Johnson auch folgende Behauptung, nachdem er gefragt wurde, ob er sich „absolut sicher“ sei, dass die bei der Vergiftung der Skripals verwendete Substanz „Novichok“ war:

„Offensichtlich handelt es sich nach unserem besten Wissen um einen in Russland hergestellten Nervenkampfstoff, der in die Kategorie „Novichok“ fällt, die nur von Russland hergestellt wird, und um auf den Punkt der internationalen Reaktion zurückzukommen, die so faszinierend ist.“

Ist der Ausdruck „nach unserem besten Wissen“ eine angemessene Antwort auf die Frage von Andrew Marr, ob er sich „absolut sicher“ sei?

23.) Ist das eine ausreichende rechtliche Grundlage, um einen anderen Staat zu beschuldigen und deswegen Strafmaßnahmen auszusprechen, oder braucht man mehr Gewissheit, bevor man so eine Anschuldigung machen kann?

24.) Nachdem er seine Worte mit der Phrase „nach unserem besten Wissen“ abgesichert hatte, ging Mr. Johnson über die vorherige Behauptung der Regierung hinaus, die Substanz sei „ein Typ, der in Russland entwickelt wurde“ und behauptete, dass es „Russian-Made“ sei. Waren die Wissenschaftler in Porton Down in der Lage festzustellen, dass es tatsächlich „Russain-Made“ ist?

25.) Und er ging auch über die vorherige Behauptung hinaus, die Substanz sei „ein in Russland entwickelter Typ“ und behauptete, dass die in den Skripal-Fall verwickelte Substanz „unter die Kategorie Novichok fällt, die nur in Russland hergestellt wird“. Erstens, ist Mr. Johnson in der Lage Beweise vorzulegen, dass diese Kategorie chemischer Waffen in Russland jemals erfolgreich synthetisiert wurde, insbesondere angesichts der Tatsache, dass das wissenschaftliche Beratergremium der OPCW erst 2013 festgestellt hat, dass man „unzureichende Informationen besitzt, um die Existenz oder die Eigenschaften von ‚Novichoks‘ zu kommentieren.‘?

26.) Wie Craig Murray nochmal darauf verwiesen hat: seit ihrer Stellungnahme von 2013 hat die OPCW (legal) mit iranischen Wissenschaftlern zusammengearbeitet, die diese chemischen Waffen erfolgreich synthetisiert haben. War sich Mr. Johnson darüber bewusst, dass die Chemiewaffen-Kategorie „Novichok“ woanders synthetisiert worden war, als er seine Aussage machte, dass diese Kategorie von Chemiewaffen „nur in Russland hergestellt“ wird?

27.) Lässt die Tatsache, dass iranische Wissenschaftler diese Klasse von Chemiewaffen synthetisieren konnten, darauf hindeuten, dass andere Staaten gleichfalls die Fähigkeit dazu haben?

28.) Ist sich die britische Regierung darüber bewusst, dass die Hauptfabrik für die Versuche zur Synthetisierung von Novichoks in den 1970ern und 1980ern nicht in Russland lag, sondern in Nukus in Usbekistan?

29.) Macht es die Tatsache, dass das US-Verteidigungsministerium diese Fabrik in Nukus dekontaminiert und abgetragen hat (mit Zustimmung der Regierung von Usbekistan) nicht zumindest theoretisch möglich, dass Substanzen oder Geheimnisse innerhalb der Fabrik außer Landes und gar in die Vereinigten Staaten geschafft worden sind?

30.) Die Verbindung zwischen Sergei Skripals MI6-Betreuer, Pablo Miller, der zufällig auch in Salisbury lebt, und Christopher Steele, dem Autor des sogenannten „Trump-Dossiers“, ist bekannt. (Anm.d.Ü.: Er arbeitete für Steeles Firma Orbis Business Intelligence). Ebenso die Tatsache, dass sich Mr. Skripal und Mr. Miller regelmäßig in der Stadt trafen. Ist diese Verbindung für die Untersuchung des Vorfalls in Salisbury von irgendeinem Interesse?

Wenn es in diesem Land noch Journalisten mit Integrität und investigativem Elan gibt, so wäre ich dankbar, wenn sie damit anfangen könnten, ihren Job zu tun und diesen Fragen nachzugehen, indem sie die zuständigen Leute und Behörden befragen.

 

 

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