Die Legenden der Sieger – Jahrestag der Luftbrücke für Westberlin

Bildquelle: imdb.com

Geschichte wird abhängig von Sichtweisen, Überzeugungen und Einflüssen des Zeitgeistes geschrieben, solange noch Zeitzeugen am Leben sind, die über eine gewichtige Stimme verfügen und von den entscheidenden Geschichtsschreibern gehört werden. Sind die Zeitzeugen verstummt, wird die Geschichte fortgeschrieben und entwickelt sich nicht selten zu Legenden der Sieger. So kann es schon mal vorkommen, dass die US-Amerikaner von jenen für die Befreier von Auschwitz gehalten werden, denen schon von Kindheit an beigebracht wurde, dass demnächst „der Russe“ wieder vor der Tür stünde. Man vermied allerdings den Kleinen den ursächlichen Grund für den letzten „Besuch“ des Russen nachhaltig zu vermitteln. Dieses Versäumnis wirkt bis heute nach.

Man könnte meinen, dass sich zumindest bedeutsame Jahrestage dazu eignen würden, die Ignoranz der eigenen Geschichte gegenüber zu überwinden, die ideologischen Scheuklappen abzulegen, beide Seiten der Medaille zu betrachten und sinnfreie Polemik sowie rührseliges Storytelling zu unterlassen. Nicht so bei den Geschichtsklitterern mit besonderem Auftrag.

Ein aufmerksamer Hörer stellte eine kritische Anfrage an den Programmausschuss des DLF zum Kalenderblatt v. 25.06.2018 mit dem Titel „Vor 70 Jahren – Errichtung einer Luftbrücke für Westberlin“.

Deutschlandfunk
Raderberggürtel 40
50968 Köln
– Programmausschuss –
z.Hd. Frau Maike Rademaker, DGB

Sehr geehrte Frau Rademaker,

eingedenk des allseits beklagten Verlustes von Geschichtswissen in breiten Bevölkerungskreisen, in Sonderheit bei Schülern und Abiturienten, für die die Ereignisse vor 2000 so weit zurück liegen wie für andere das Mittelalter, stimmen Sie mir doch sicherlich darin zu, dass, wenn schon über ein prägendes Ereignis berichtet wird, dann auch wahrheitsgemäß berichtet werden sollte. Erst recht wenn es vom Deutschlandfunk qua seines Bildungsauftrags zu einem erwähnenswerten Kalenderblatt geadelt wird.

Denn wie beweist es die Geschichte gerade auch des DGB: Aller Anfang von Selbstbewusstsein ist Bildung und ein kritischer Umgang mit dem angeeigneten Wissen. Von den Arbeiterbildungsvereinen zu den Arbeitervereinigungen, den Gewerkschaften und letztlich zu den sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien.
Was haben diese Umsetzungen von Bildung nicht alles der Welt gebracht? – Und einen Rückfall ins 19. Jahrhundert kann doch ‚bildungsmäßig‘ nicht ernsthaft gewollt sein – oder?

Eingedenk dessen und der furchtbaren Folgen von Unwissen und Dummheit, die bis an die Schwelle des Untergangs führen können – und darüber hinaus, regt es mich furchtbar auf, mit welcher Impertinenz Radioprogrammmacher eine Sendung fabrizieren wie dieses Kalenderblatt ‚Vor 70 Jahren – Errichtung einer Luftbrücke für Westberlin‘. Da steht das schiere ‚Russland-Bashing‘ im Vordergrund, was der, dank jahrelangem ‚Propagandakrieg‘, tief im ‚gesellschaftlichen Bewusstsein‘ verankerten ‚Ost-/Russlandphobie‘ Nahrung gibt – und nichts daran ist wahrheits-gemäß. – Und verantwortet wird das Ganze von ‚elaboriert‘ Gebildeten.

Mal abgesehen von den Tatsachen, dass die Aufteilung Deutschlands in einen West- und einen Ostteil, wobei der Westteil unter den westlichen Kapitalismus à la USA fallen sollte, der Ostteil unter den roten Kommunismus geraten, westlicherseits schon 1942/43 in Chicago geplant wurde, wurde die Aufteilung Europas in West- und Ost-Hemisphären in JALTA 1945 beschlossen.

Diese Aufteilung Europas in Einflusszonen divergierender Gesellschaftssysteme war nicht einer Laune der damaligen Alliierten UdSSR, USA, GB und Frankreich geschuldet – Launen sind bei Machtkämpfen im wahrsten Sinne lebensgefährlich – sie waren so strategisch wie taktisch für die kommende Weltaufteilung. (vgl. Halford Mackinder, ‚Heartland Theory‘, 1904; George Friedman, Stratfor-Rede 2015; Zbigniew Brezinski, The Grand Chessboard/Die einzige Weltmacht)

Der heimliche Partner/das Instrument zur Zerschlagung der Roten Gefahr, eben dieses NAZI-DEUTSCHLAND, lag kraftlos darnieder und die westlichen Kriegs-helden USA, GB und Frankreich waren auch nicht mehr so kraftvoll wie zuvor, noch hätten sie ihren ‚Völkern‘ glaubhaft erklären können, wieso sie nun, ab 1944 (vgl. Eisenhowers Hauptquartier wurde von der Elbe nach Reims zurückkommandiert), das Kommando ausgeben könnten: VON JETZT AB GEGEN DAS ROTE RUSSLAND – GEMEINSAM MIT DEN RESTDEUTSCHEN. (Was Churchill schon immer wollte.)

So einigten sich die Alliierten in JALTA auf diesen Satus: Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen; Sonderstatus Berlin: fünf Besatzungszonen mit gemeinsamem Kontrollrat. (= Hollywoodesker showdown ‚im Fleisch des Ostens‘; ‚window-shopping‘ für den Osten) Und wenn eins von Anfang an klar war, dann der ‚Missbrauch‘ Berlins als ‚Probebühne‘ für die Auseinandersetzungen, die da noch folgen sollten.

Da nun ganz Europa, von der Oder bis Wladiwostok, für die Segnungen des Kapitalismus, für Coca Cola und Chewing Gum nicht mehr so einfach erreichbar war, brachte der Westen das Schauspiel ‚Freedom and Democracy‘ wenigstens bis Berlin zur Aufführung. – Immer mit der verschlagenen Absicht ‚in mind‘: sometimes it will go on. Heading east.

Bei allem: Die SOWJETS/Russen waren nicht blöd. Schon bei der Gründung ihres Staates der Union der Sozialistischen Sowjet(=Räte) Republiken 1917 wussten sie, dass ihr Staat, noch mehr ihr System, nur vorübergehend geduldet wurde… von Anfang aber zutiefst gehasst. Und dass die Gegenseite, die kapitalistische, nur darauf wartete, diese ganze Veranstaltung ‚in den Sack zu hauen‘. (vgl. Schon ab der Gründung 1917 bis einschliesslich 1923 trieben sich Soldaten aus sechs Nationen (s.o.), die WEISSEN, in Truppenstärke im Ex-Zarenreich herum, um die ‚Gegenrevolution‘ siegreich zu erkämpfen. Allein: Es gelang ihnen nicht. Und es soll den Spruch geben, wonach STALIN gesagt haben soll: Entweder es gewinnt Sowjetrussland – oder wir werden Afrika.)
Angesichts der Bemühungen um ‚Freedom and Democracy‘, um Coca-Cola und Chwewing Gum seitdem, erscheinen der Korea-Krieg, Vietnam, Iran, Mittelamerika, Chile, Argentinien, Griechenland, Syrien …etc.pp. wie ‚Folien‘ für die globale Machteroberung.

Allerdings erwiesen sich alle Planungen, je weiter man sie auch trieb, als umso lebensgefährlicher für den ‚treibenden Westen‘ selbst. Jede Drohgebärde ist angesichts der individuellen Bewaffnungen nur noch ein Witz.
Besonders angesichts der atomaren Bewaffnung.

Eingedenk der Möglichkeiten von Reibereien selbst zwischen Großmächten auch über vermeintlich alltägliche Dinge, nicht zu vergessen die Erfahrungen miteinander, hatten die Alliierten beschlossen – und bei der ‚Lage Berlins‘ ringsum umgeben vom ‚Osten‘ geradezu angezeigt – einen gemeinsamen Kontrollrat für eben diese Eventualitäten einzurichten mit regelmäßig wechselnden Vorsitzenden.

In den Statuten dieses Kontrollrats war auch festgelegt, dass selbst bei Anerkennung des freien und unkontrollierten Zugangs jedes Alliierten zu der jeweils anderen Besatzungszone immer dann eine Anmeldung zu erfolgen habe, wenn es sich bei diesem Zugang um die ‚Verlagerung‘ von schwerem militärischen Gerät handelte.
Schließlich gibt es zwischen ‚Zugang‘ und ‚Zugang‘ schon noch Unterschiede: Wenn statt des leisen Sirrens von Jeep- und Autoreifen sie das Rumpeln von Schwerlast-wagen mit Geschützlafetten und von Panzerketten vom Frühstückstisch aufspringen lassen, um nachzusehen, ob nun am Übergang Berlin-Friedrichstrasse der Dritte Weltkrieg beginnt, werden sie den Unterschied verstehen.

Genau das aber taten die US-amerikanischen Truppen in diesen Junitagen des Jahres 1948: Sie rumpelten mit Lastwagen und Panzern über die Zubringerstrassen gen Berlin und hindurch – und scherten sich einen Dreck um Abmachungen, Anmeldungen und berechtigte Ängste.
Und das sowjetische Kommando warnte einmal, warnte zweimal und warnte dreimal.
Der Kontrollrat tagte einmal, zweimal, dreimal. Doch das US-Kommando ‚gave a damn shit‘ …und provozierte weiter. Sie wussten genau: Irgendwann würden die Sowjets sich das nicht mehr gefallen lassen. Sie würden reagieren müssen und würden prompt ‚in die Falle‘ tappen. Denn flugs könnte man den ‚Iwan‘ als den Bösewicht entlarven, der die ‚Baalina‘ auszuhungern gedenke… Und die Sowjets taten wie provoziert.

UND FERTIG WAR DIE WESTPROPAGANDA: DER IWAN WILL NICHT KOOPERIEREN UND AB MORGEN GIBT ES DESHALB DIE WESTWÄHRUNG, DIE D-MARK. WOLLNWADOCHMASEHN!

Obwohl über 70 % aller Deutscher damals damit einverstanden waren, Deutschland geeint zu lassen, neutral, ohne Armee und Militärbündnis. Doch das wiederum wollten weder diese Freunde USA, GB und Frankreich, noch wollte es die herrschende Elite Deutschlands, schon gar nicht die papistisch römisch-katholische Kirche als deren ideologisches Surrogat und ein Adenauer als deren Hexenmeister.

Und siehe: Auch die SPD hatte nichts gelernt. Nicht einmal durch KZ-Haft. Und so konnte ein Berliner Bürgermeister in die vorgehaltenen Mikrofone sprechen: „Völker der Welt, seht auf diese Stadt!“
Die ersten Flugzeuge der Alliierten warfen säckeweise Kohlen in Berlin-Tempelhof ab. Im Juni!! Ausgerechnet!! Denn Kohlen hatte der ‚Osten‘ genug und bot sie dem Westen auch an. Doch die Alliierten lehnten ab. Schließlich ging es um die ‚Propagandahoheit‘: Westberliner können nicht mehr kochen und heizen, lautete das Schauerbild.

Auch Lebensmittel gab es genug: die ganze Ostzone ringsum Berlin lieferte Nahrungsmittel. Wie denn auch anders seit Jahrhunderten? Beide, Berlin und Ostzone, waren ohne einander nicht denkbar.
Doch den Propagandisten im Westen ging es nicht um die Wahrheit, nicht um die Freiheit, nicht um die Demokratie … ihnen ging es um den Erfolg ihrer Propaganda. Also ruckten sie keinen Zentimeter von ihren dreisten Positionen ab. Harrten aus und nahmen ein ganzes Volk und die ganze Welt gleich gar in Geiselhaft.

Denn das ‚alte Projekt‘ sollte zum Sieg geführt werden: Der Kapitalismus besiegt den Kommunismus. Koste es, was es wolle: Und wie zur Demonstration des gemeinsamen westlichen Wertewillens gab es 1948 die neue Währung: Jeder Westbürger erhielt 40 DM …und los ging das westdeutsche Wirtschaftswunder.
Die Bürger-Ost erhielten nix: Sie wollten ja nicht kooperieren. Und fertig war auch dieses Feindbild.

Dass mit dieser ‚Gabe‘ von 40 Westmark an alle gleichzeitig 90 % aller deutscher Sparvermögen zunichte gemacht wurden: die Staatsschulden wurden abbezahlt zulasten des gemeinen Bürgers – dessen Bezugsscheine unter anderem auf einen ‚Volkswagen‘ wertlos wurden – nicht aber die ‚Vermögen‘ der Kriegsgewinnler und Nazi-Freunde, dero Porsches, Piëchs, dero Krupps und Siemens etc. pp., wird bei diesem ‚Umtausch‘ geflissentlich übersehen.
Die Einen hatten plötzlich 40 Mark und konnten sich was kaufen, die Anderen hatten ihre Fabriken und Produktionsanlagen und konnten loslegen, das herzustellen, mit dem sie ein Vielfaches dieser 40 Mark machen konnten.

Obwohl doch eigentlich deren Vermögen und Potenz nicht durch deren eigene Arbeit zustande gekommen war sondern durch die Leistungen all der ‚arbeitenden Menschen‘.

Verkehrte Welt… nicht wahr?

Und verkehrte Darstellung der Ursachen und Gründe für die ‚Errichtung einer Luftbrücke für Westberlin‘.
Die Folgen dieser verlogenen Geschichtsaufklärung sind längst nachweisbar: Kein Protest nirgends gegen die ‚neue Luftbrücke‘, die Verlegung von NATO-Truppen an Russlands Grenzen. Auf dass die Gas-Pipeline ‚North-Stream‘ verhindert wird – wie damals die Kohlen aus der SBZ.

Ich mag mir nicht vorstellen, dass der DGB einer solchen Propaganda wie in diesem Kalenderblatt seine Zustimmung gibt.

Mit kollegialem Gruß
Ralph Höpfner

Update:
Weitere Aufarbeitung westlicher Mythen zum Thema:
Kratzer am Lack der Rosinenbomber
Wollte Moskau West-Berlin aushungern? – Faktencheck zur Berliner Luftbrücke (Teil 2)

 

 

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