Neulich beim NDR: Treffen sich zwei Experten um über einen dritten zu plaudern

Ein Beitrag von Peter Stribl

Dem Wort Recherche wird im Duden online die Bedeutung Ermittlung, Nachforschung zugeordnet. In einer computergenerierten Spielerei werden unter typischen Verbindungen dazu die Worte ak­ri­bisch, in­ves­ti­ga­tiv und hart­nä­ckig genannt. Das ist deshalb interessant, weil Georg Mascolo der Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ist. In dieser Eigenschaft hat der scharf dreinblickende Mann NDR Info ein Interview gegeben zum Thema Snowden.

Man könnte erhellende Aussagen erwarten, treffen sich doch sozusagen zwei Experten, um über einen dritten zu plaudern. Allerdings rät die Erinnerung zu Vorsicht. Wann waren denn NDR Info oder Mascolo zuletzt investigativ? Richtig, da waren ja die Panama Papers. Es bedarf aber keiner großartigen investigativen Recherche, um an Fakten zu kommen. Wikipedia nennt diesbezüglich ein 2,6 Terabyte großes Datenleck. Das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) wird als Aufdecker genannt. Mascolo oder NDR – Fehlanzeige. Der einzige vertraut klingende Name lautet Leyendecker, den deutschen Bereich betreffend. Soros wird noch erwähnt. Das wars dann. Was den Verdacht erweckt, daß sich die deutsche Truppe nicht sonderlich anstrengen mußte, um an das Material zu kommen. Ist es ungebührlich, sich das Bild von Schweinen am Futtertrog auszumalen?

Was aber viel wichtiger ist an den genannten Akteuren NDR und Mascolo:

Sie palavern über einen Whistleblower, der von weitaus größerem Kaliber ist als sie selbst. Nun könnte man meinen, das geschähe in einer Art und Weise, wie sie von einem achtbaren Journalisten gefordert wurde. Sich nämlich nicht mit einer Sache gemein zu machen, auch nicht einer guten. Nur, wie kommen Leute dazu, die sich im Kinderspiel „Kaiser bitte, wieviel Schritte darf ich machen?“ üben, kühl-distanziert Einschätzungen abzugeben über einen Kopf, der tausendmal mutiger ist als sie? Der Satz „All diejenigen, die sich für diese Diskussionen interessieren, werden in dem Buch eine gute Lektüre finden“ tritt in eine atemberaubende Konkurrenz zur Feststellung, daß die Suppe auch schon mal wärmer war. Da treten Leute auf, „die Tragik seines Lebens“ zu erklären, deren gefährlichste Handlung darin besteht, im Schaukelstuhl zu nahe am Kaminfeuer zu sitzen. Schweißtreibend, zweifellos.

Ein Lob der ganz besonderen Art ist der Satz „Es ist ihm gelungen, ein ungewöhnlich spannendes und zugleich unterhaltsames Buch zu schreiben.“ Auch „Laber Laber Rhabarber“ klingt – irgendwie – spannend. Aber Vorsicht, die Experten können auch subkutan ihre Sichtweise verabreichen: „Es gibt immer wieder die Behauptung, dass er doch in irgendeiner Art und Weise mit russischen Stellen kooperieren würde, kooperieren müsste.“ – Na, wer hat’s denn behauptet, die CIA etwa? Oder waren es doch Experten der ganz besonderen Art wie NDR-Redakteure oder Mascolo selbst?

Auch Spekulationen werden gerne geäußert:

NDR Info: „Wie ist das für ihn, nur von Russlands Gnaden in Moskau zu sein? Und hat der russische Präsident Putin möglicherweise doch einmal vor, Snowden eines Tages gegen etwas einzutauschen, was für Moskau, für Putin persönlich, vielleicht vorteilhaft wäre?“

Mascolo: „Die Spekulationen hat es ja immer wieder gegeben, im Grunde schon mit der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. Da ist diese Idee im Raum gewesen: Könnte es jetzt zu einer großen Verständigung kommen zwischen Trump und Putin? Und wird dann im Rahmen einer solchen Verständigung möglicherweise auch der Fall Snowden einmal so gelöst, dass er sich in einem Flugzeug wiederfindet und in die USA ausgeliefert wird? Ich glaube, dass Snowden klug genug ist, um zu wissen, dass jemand wie er, der sich einsetzt für die Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten – so sieht er sich selbst -, jemand, der andere Whistleblower ermutigen will, jemand, der gegen die übertriebene Funktion von Geheimdiensten eintritt, in Russland am falschesten Platz ist, den man sich ungefähr vorstellen kann.“

Dann aber Schluß der Mutmaßungen:

„Und so ist ein Stück die Tragik seines Lebens, dass er nun mal keinen anderen Platz gefunden hat. Er spricht das ja auch in Interviews in diesen Tagen immer wieder an, dass er sich gewünscht hätte, ein anderes Land zu finden, das ihn aufnimmt. Deutschland hat immer ganz oben auf der Liste der Länder gestanden, in die er gerne gehen würde, das gilt auch heute noch. Aber das ist so unwahrscheinlich wie es im Jahr 2013 unwahrscheinlich gewesen ist. Das zeigen ja auch die schnellen Reaktionen in der Politik in den vergangenen Tagen.“

NDR Info: „Weil man sagt, die USA wollen ihn doch strafrechtlich belangen. Ist das der Hauptgrund?“

Mascolo: „Ja, das ist der – sagen wir mal – technische Grund. Der juristische Grund ist, man sagt, jemand käme hier hin, der in den USA wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen angeklagt ist – etwas, was auch in Deutschland strafbar ist. Jetzt könnte man sehr wohl im Fall Snowden auch eine andere Argumentation aufmachen und sagen: Für ihn gilt im Grunde die ganz klassische Whistleblower-Funktion, und dann muss es auch den Schutz geben, den ein solcher Whistleblower verdient.
Aber es ist aus meiner Sicht ganz und gar ausgeschlossen, dass ein europäisches Land es auf diesen Konflikt mit den USA ankommen lassen würde, und deswegen bleibt es bei der bisherigen Entscheidung. Edward Snowden ist am falschen Platz in Moskau, aber einen anderen Platz wird er nach Lage der Dinge auch erst mal gar nicht finden können.“

Technisch, juristisch, Whistleblower – nach all dem Gesülze müssen Feststellungen getroffen werden. Die davon ausgehen, daß Snowden in Deutschland und darüber hinaus in der €U keinen Platz findet, weil die westlichen „Werte“ dem entgegenstehen. Weil Europas „Verantwortliche“ ihren kuscheligen Platz im Rektum des westlichen Kapitals behaglich genießen. Und die Hofberichterstatter mit Recherche-Maskerade mit ihnen. Das Bild von den Schweinen am Futtertrog ist nicht ungebührlich. Da suhlt sich jemand im Kot des „embedded Journalism“. Um das dann als Investigation zu verscherbeln. Die Schweine mögen verzeihen.

Update:

Nachbemerkung wegen der folgenden, bereits zitierten unglaublichen Aussage:

„Ich glaube, dass Snowden klug genug ist, um zu wissen, dass jemand wie er, der sich einsetzt für die Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten – so sieht er sich selbst -, jemand, der andere Whistleblower ermutigen will, jemand, der gegen die übertriebene Funktion von Geheimdiensten eintritt, in Russland am falschesten Platz ist, den man sich ungefähr vorstellen kann.“

Bekanntlich sitzt Julian Assange im Hochsicherheitsgefängnis HM Prison Belmarsh. Wäre das nach Mascolos Auffassung ein richtigerer Platz als Russland für einen Whistleblower?

Was bewegt Leute wie Mascolo nach Menschen wie Snowden oder Assange mit Dreck zu werfen? Daß es sich um Dreck handelt, wenn unterstellt wird, beide hätten sich „in den Dienst Russlands bzw. Putins“ gestellt, ist wohl unumstritten. Ist es die hämische Freude geistig Unterlegener, Mutloser, es diesen „Nestbeschmutzern“ mal so richtig zu zeigen, im Windschatten von Staatsmacht kräftig nachzutreten? Wie auch immer, die fehlende Solidarität mit wahrhaften Journalisten kann nur mit der Charakterisierung des Streikbrechers von Jack London erklärt werden. Hier sein Text, wobei der Begriff Streikbrecher durch Mainstream-Journalisten ersetzt wurde:

„Nachdem Gott die Klapperschlange, die Kröte und den Vampir geschaffen hatte, blieb ihm noch etwas abscheuliche Substanz übrig, und daraus machte er einen Mainstream-Journalisten. Ein Mainstream-Journalist ist ein aufrechtgehender Zweibeiner mit einer Korkenzieherseele, einem Sumpfhirn und einer Rückgratkombination aus Kleister und Gallert. Wo andere das Herz haben, trägt er eine Geschwulst räudiger Prinzipien. Wenn ein Mainstream-Journalist die Straße entlang geht, wenden die Menschen ihm den Rücken, die Engel weinen im Himmel und selbst der Teufel schließt die Höllenpforte, um ihn nicht hineinzulassen. Kein Mensch hat das Recht, Mainstream-Journalisten zu halten, solange es einen Wassertümpel gibt, der tief genug ist, daß er sich darin ertränken kann oder solange es einen Strick gibt, der lang genug ist, um ein Gerippe daran aufzuhängen. Im Vergleich zu einem Mainstream-Journalisten besaß Judas Ischariot, nachdem er seinen Herrn verraten hatte, genügend Charakter, sich zu erhängen. Den hat ein Mainstream-Journalist nicht. Esau verkaufte sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht. Judas Ischariot verriet seinen Heiland für 30 Silberlinge. Benedict Arnold verkaufte sein Land für das Versprechen, daß man ihm ein Offizierspatent in der britischen Armee geben würde. Der moderne Mainstream-Journalist verkauft sein Geburtsrecht, sein Land, seine Frau, seine Kinder und seine Mitmenschen für ein unerfülltes Versprechen seines Trusts oder seiner Gesellschaft. Esau war ein Verräter an sich selbst. Judas Ischariot war ein Verräter an seinem Gott und Benedict Arnold war ein Verräter an seinem Land. Ein Mainstream-Journalist ist ein Verräter an seinem Gott, seinem Land, seiner Familie und seiner Klasse!“

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