Kreuzzug gegen die Aufklärung

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Quotendiktatur und anonyme Zensur durch Medien-Intellektuelle sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Exklusivabdruck aus „Krieg nach innen, Krieg nach außen“.

Durch das Privateigentum an den Medien und die Patronage der großen Werbekunden erfolgt eine generelle Anpassung der Programmausrichtung an die Bedürfnisse der großen Firmen, denen die Medien Marktsegmente potentieller Verkäufer vermitteln. Der Marktwert eines Mediums aber wird von seiner Profitrate bestimmt, und diese hängt im Wesentlichen vom Volumen und der Kaufkraft der veräußerbaren Marktsegmente ab, welche die Tarife der Werbezeiten bestimmen. Das zentrale Operationsziel des Massenmediums liegt daher in der Erhöhung der Zahl seiner Hörer, Leser oder Zuschauer, nicht in einem breiten Angebot hochwertiger Unterhaltung und Information.

Sendungen, die wenig Publikum anziehen, das heißt vor den anonymen Zensurinstanzen der Einschaltquoten und „ratings” versagen, finden keine Werbefinanzierung und fallen früher oder später aus dem Programm heraus. Das Programm-Resultat dieser kommerziell-quantitativen Logik ist der sichere Dreischnitt zum Profit der Aktionäre: Sport, Gewalt, Krimis und Sex. Diese sind denn auch zum wahren „Opium des Volkes” geworden.

Kanäle, die täglich 24 Stunden Sportereignisse, Musik- und Videoclips übertragen, seichte Serien, vor allem Krimis und Thriller, Soaps, endloses Talkshow-Gequassel, Zeichentrickfilme für Kinder und Warenverkauf per Bildschirm, telemarketing, zusammen mit „interaktiven Programmen”, bei denen dem Zuschauer bei Anruf des entsprechenden Kanals ein Gewinn versprochen wird, komplettieren das von den Kommunikationsexperten und Programmdirektoren zusammengestellte „Menu” und besetzen wohl über neunzig Prozent der Sendezeiten für die Bewohner des „global village”. Der sogenannte „Pluralismus des Programmangebotes”, der durch eine Vielzahl neuer TV-Kanäle scheinbar beglaubigt wird, ist pure Augenwischerei. In Wahrheit herrscht eine betäubende Einfalt und was nicht passt, wird passend gemacht.

Mit der Herausbildung der weltumspannenden Multimedia-Konzerne im „global village” hat sich der Kampf um Marktanteile derart verschärft, dass auch die öffentlich-rechtlichen Sender immer mehr unter Druck geraten sind und die Quote zu ihrem obersten Leitprinzip erhoben haben, auch wenn ihre Programmchefs dieses Faktum brutum noch so sehr zu bemänteln suchen. Auch das ZDF und die ARD-Anstalten sahen sich, angesichts der Konkurrenz der zahllosen privaten Anbieter, gezwungen, ihre Programmgestaltung in vielen Bereichen derjenigen der privaten Schmuddelsender anzupassen, unter anderem durch Ausweitung der Talkshow-Programme, durch Einkauf trivialster TV-Serien und Soaps, durch Kürzung oder Streichung kritischer Nachrichtenmagazine, Reportagen und Features. Ähnliches gilt für den Rundfunk.

Die Diktatur der Quote aber hat letzten Endes eine viel nachhaltigere und wirksamere Zensur — und Selbstzensur — im Gefolge, als jede staatliche Zensurbehörde sie durchzusetzen vermöchte. Denn sie vollzieht sich anonym, vermittelt nur über den Druck und die „natürliche Auslese” des Marktes, darum ist sie auch schwerer fassbar und angreifbar als die klassische Zensur einer staatlichen Aufsichtsbehörde. An deren Stelle ist heute die anonyme Zensur des Marktes getreten, die sich als Schere im Kopf der meisten Medienmacher reproduziert.

Die Medien als vierte Gewalt im Staate nehmen denn auch immer weniger ihre kritische und aufklärerische Kontrollfunktion wahr, die ihnen das Grundgesetz zuweist.

Unter dem Diktat der Einschaltquote und der Auflagensteigerung degenerieren sie vielmehr zu Agenturen einer globalen Unterhaltungs- Zerstreuungs- und Verdummungsindustrie.

Gehaltvolle Berichterstattung und Kultur aber, die der Aufklärung und kritischen Selbstverständigung der Bürger dienen könnte, rutschen ab ins Dritte Programm, ins Nachtprogramm oder in die exklusiven Minoritäten-Programme, Arte, 3sat, Phoenix; denn sie drücken die Einschaltquote. Im Rauschen der multimedialen Bilder- und Informationsflut, die uns Tag für Tag berieselt, wirken die wenigen gehaltvollen Sendungen und Berichte wie Tropfen im Ozean.

Medienmogule und Meinungsmonopole

Die verschärfte Konkurrenz auf dem Medien- und Printmarkt und der verschärfte Kampf um die Marktanteile führen — wie auch in anderen Bereichen der freien Wirtschaft — zu gigantischen Konzentrationsprozessen, mit dem Resultat, das heute wenige Medienmultis und Medienmogule den internationalen Unterhaltungs- Informations- und Meinungsmarkt beherrschen.

Rupert Murdoch beispielsweise, ein wahrhaftiger „global Player”, beherrscht 70 Prozent des Zeitungsmarktes in Australien, 40 Prozent des Zeitungsmarktes in Großbritannien — unter anderem gehört ihm das mächtige Boulevardblatt The Sun —, 25 Prozent des amerikanischen Fernsehmarktes, den größten Satellitensender Asiens, der von Israel bis Kamtschatka sendet, den kompletten Pay-TV-Markt in England und eines der größten Hollywoodstudios, von seinen Buchverlagen, Multimedia-Aktivitäten und Zeitschriften ganz zu schweigen.

Murdoch ist so mächtig, dass er ganze Regierungen kaufen kann. Mit seinen Preiskriegen zwang er alteingesessene und ehrwürdige britische Blätter in die Knie. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim amerikanischen Medienmogul Ted Turner. Die Einschaltquoten des Nachrichtenkanals von CNN liegen derzeit bei ca. hundert Millionen Haushalten in 210 Ländern. Durch die Fusion von Time Warner Inc. und Turner Broadcasting System Inc. mit dem Internet-Dienstleister AOL entstand der größte Medienkonzern der Welt.

Die grundgesetzlich verankerte Presse- und Informationsfreiheit — droht sie nicht, angesichts des gezielten Einsatzes globaler Medienmacht, zu einem rührenden Anachronismus, zu einem altehrwürdigen Residuum aus dem liberalen Ideenfundus der bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts zu werden?

Am Beispiel des Golfkrieges von 1991 konnte man sehen, wie die US-Propagandalügen und die Bilder der vom Pentagon zensierten Kriegsberichterstattung, die per CNN um den Globus gingen, die Weltöffentlichkeit manipulierten, bis auch der letzte deutsche TV-Moderator und Nachrichtensprecher und das letzte deutsche Käseblatt die Propagandalügen des Pentagons, unter anderem bezüglich der sog. Brutkastenlüge, gehorsamst wiederkäuten. Im Falle des Golfkrieges von 2003 allerdings konnte — dank der allzu offenkundigen Lügen der Bush-Regierung und der vielen Patzer der US-Propagandaabteilungen, vor allem aber dank der massiven Mobilisierung und Aufklärung einer weltweiten Friedensbewegung — dieser globale mediale Konsens nicht mehr hergestellt werden. Ein Hoffnungszeichen für die Zukunft!?

Umso durchschlagender war die multimediale Gleichschaltung im Falle des NATO-Krieges gegen das serbische Rest-Jugoslawien gewesen, ein Krieg, der ebenfalls ohne die UNO und „out of area”, ohne Kriegserklärung und völkerrechtliche Grundlage geführt wurde. Der mediale Konsens, dass es sich hierbei um einen „gerechten Krieg” zur Verhinderung einer „humanitären Katastrophe” handle, wurde in den „freien Demokratien des Westens” so flächendeckend und effizient durchgesetzt, wie man es sonst nur von totalitären Regimen kennt.

Dieser Konsens erstreckte sich über das gesamte Rechts- Liberal- Pseudolinks- Spektrum, welches von Axel Springers Imperium über Rudolf Augsteins Nachrichtenblatt, über den Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit bis zur taz reichte. Und hätten zwei mutige Redakteure des kritischen ARD-Magazins „Monitor” nicht vor Ort nachrecherchiert, hätte die deutsche Öffentlichkeit wohl nie erfahren, dass es sich bei etlichen „Dokumenten” und „Beweisstücken”, mittels derer Rudolf Scharping bei seinen täglichen Pressekonferenzen der deutschen Öffentlichkeit zu suggerieren suchte, im Kosovo gehe es darum, ein „zweites Auschwitz” zu verhindern, um manipulierte und getürkte Propaganda-Materialen der albanischen paramilitärischen Organisation UÇK und der ihr nahe stehenden Geheimdienste handelte.

Die neuen Medien-Intellektuellen

Die medial gesteuerte Öffentlichkeit hat auch das Bild und die Rolle der Intellektuellen radikal verändert, wie Régis Debray in seinem Aufsehen erregenden Buch I.F. Suite et Fin (Paris 2001) dargelegt hat. Die Abbreviatur I.F. steht für „intellectuel français”, also „Französische Intellektuelle”. In groben Zügen zeichnet Debray die Karriere des französischen Intellektuellen vom „ursprünglichen Intellektuellen”, „intellectuel original”, zum „endgültigen Intellektuellen”, „intellectuel terminal”, nach — eine Diagnose, die sich problemlos auch auf die Karrieren deutscher Intellektuellen beziehen ließe.

Mit den „ursprünglichen Intellektuellen” verbindet sich die Affäre Dreyfus, in der auch der Begriff des Intellektuellen als Kampfbegriff geprägt worden ist. Bekanntlich setzte sich der Schriftsteller Émile Zola damals gegen die Übermacht der öffentlichen Meinung wie fast der gesamten Elite in Wirtschaft, Staat und Militär für den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus ein, der zu Unrecht des Landesverrats bezichtigt und in einem unbeschreiblichen Militärstrafverfahren verurteilt worden war. Zola wurde mit seinem berühmten J’Accuse…! Stilbildend, nicht nur für das intellektuelle Frankreich. Er und viele andere europäische Intellektuelle und Schriftsteller standen für Aufklärung und Emanzipation, Autonomie und Kritik und bildeten — obschon machtlos — eine Gegenmacht zur Realpolitik und zum herrschenden Konsens.

Der „endgültige Intellektuelle” dagegen — so Debray — ist keine Gegenmacht mehr, er steht nicht mehr für eine „dritte Sache”, er streitet nicht mehr für eine alternative und gerechtere Gesellschaftsform, sondern er wechselt seine geistigen und politischen Magazine im Rhythmus der Konjunktur aus, um am Mainstream teilzuhaben. So wird er zum Bestandteil des Betriebs der Mächtigen in den Medien, beziehungsweise zum Sprachrohr der Eliten in Politik und Wirtschaft. Er ist zum Medienintellektuellen geworden, der erstens sich selbst verkauft und vermarktet, und zweitens das, was der Betrieb verlangt.

Zu den derzeit bekanntesten Medienintellektuellen der französischen Szene gehören Bernard-Henri Lévy, André Glucksmann und Philippe Sollers, die sich in allen Gazetten und Medien mit ihren pfannenfertigen Instant-Meinungen, seichten Hypothesen und Fast-Think-Prognosen tummeln. Leicht lassen sich zu ihnen die zeitgenössischen deutschen Pendants aufzählen.

Exemplarisch, ja, unübertroffen für den flinken Wechsel von Meinungen und Ansichten im Gezeitenwechsel der politischen Konjunkturen ist der ehemalige Kursbuch-Herausgeber Hans-Magnus Enzensberger. Alles erlaubt, außer schlecht geschrieben? Den Ruf als wendigster Intellektueller der Bundesrepublik Deutschland hat sich der Essayist und Schriftsteller Enzensberger über Jahrzehnte hinweg erworben. Nicht von ungefähr wählte er schon früh den „fliegenden Robert” zu seinem Schutzheiligen und Markenzeichen: „Eskapismus, ruft ihr mir zu/ vorwurfsvoll. Was denn sonst, antworte ich, bei diesem Sauwetter”.

Es ist hier nicht der Ort, um Enzensbergers rasante politische Kehrtwendungen, die schroffen Thesen, die er meist ein paar Jahre später durch ebenso schroffe Antithesen annullierte und ersetzte, nachzuzeichnen. Treffend sprach Peter Rühmkorf schon früh von „Gesellschaftspolitischen Luftbuchungen” eines „erstaunlich gelenkigen” Entfesselungskünstlers… „Was bleibt, ist das hübsche Bild eines Faschingsprinzen, der seine zerfetzelten Manifeste und Glaubensartikel mit graziösen Verabschiedungsgesten hinter sich wirft.”

Enzensberger, der tonangebende und höchstbezahlte Kulturkritiker des Landes, der im Laufe seiner langen publizistischen Laufbahn so gut wie alles wieder zurückgenommen und negiert hat, wofür der ehemalige Achtundsechziger und Kursbuch-Herausgeber einmal stand, wurde folgerichtig zum Sprachrohr des neuen Zynismus — flexibel bis zur Identitätslosigkeit — und damit zum Lieblingsintellektuellen des liberalen und konservativen Feuilletons, in Sonderheit der FAZ, deren Weltbild er früher einmal mit scharfer Zunge zerpflückt hatte.

Aller Aufklärung überdrüssig

Unter den epochalen Strömungen in der Geschichte wird wohl keine so sehr gescholten wie die der Aufklärung. Seit langem schon, nicht erst nach der deutschen Wiedervereinigung, gehört es im deutschen Literatur- und Wissenschaftsbetrieb zum guten Ton, die Aufklärung für alle möglichen Fehlentwicklungen der Moderne verantwortlich zu machen, ja, diese rundherum für „obsolet” zu erklären.

Exemplarisch für die konjunkturbewusste Aufkündigung der Rolle des engagierten, der Aufklärung verpflichteten Intellektuellen ist der Fall des Schriftstellers und stets medienpräsenten Zeitkommentators Martin Walser. „Engagement als Pflichtfach für Schriftsteller” lautete einst der programmatische Titel seines Rundfunk-Vortrages von 1967, was für ihn damals bedeutete: eine Haltung des „radikalen Zweifels” und der Aufklärung — Aufklärung vor allem über den von den meisten Deutschen im „Dritten Reich” geteilten Rassismus und Nationalismus, der nach Auschwitz geführt hat. Dieses Grundmuster aufklärerischer Weltsicht gab Walser 1979 in seinem Essay „Händedruck mit Gespenstern“ preis. Darin heißt es: „Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen.”

Seither adaptierte er immer häufiger Argumente und Sprache der „konservativen Revolution”. Begriffe wie Aufklärung, Emanzipation, Intellektueller, Kritik, Utopie wurden für ihn plötzlich zu negativen Reizwörtern. Worte wie Nation, Volk, Heimat, Deutschtum dagegen gewannen an Bedeutung. Allein Volk” und „Nation” — so Walser —, erfüllten das Bedürfnis nach Sinn und Geborgenheit.

In seinem Essay „Verrat der Intellektuellen“, einem weitgespannten und glänzend recherchierten Parcours durch die restaurative Geisteslandschaft des vereinten Deutschland, resümiert der Literaturwissenschaftler Stephan Reinhardt:

„Walser stellte sich früh ein auf die neuen Winde des Zeitgeistes, die nun von rechts wehten […]. Er mutierte wie Montaignes Chamäleon zum Sprachrohr etlicher konservativer Denk- und Sprachmuster, darunter auch des ethnischen Homogenitätsdenkens. Die Rechte und die rechte Mitte dankten es ihm.”

Mitschuld am gewalttätigen Rechtsextremismus trage — so Walser 1993 in seinem Essay „Deutsche Sorgen“ — die „Linke”. Indem sie alles Nationale „ausgeklammert und rückhaltlos kritisch behandelt habe, habe sie es in den Untergrund gezwungen und so das Treiben der Skinhead und Neonazis erst provoziert. Dass der zunehmende Rechtsdrall, der Aufstieg und Erfolg rechtsradikaler und fremdenfeindlicher Parteien in Europa, vor allem aber in Ostdeutschland und Osteuropa, etwas mit den Zumutungen der Globalisierung und den sozialen Verheerungen und Verwerfungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik zu tun hat, auf diese Idee kommt Martin Walser nicht. „Ist nicht doch eher die im Namen der Globalisierung vollzogene Rationalisierung Ursache der Misere”, fragt der ostdeutsche Schriftsteller Christoph Hein. „Die dritte Welt ist überall. Ostdeutschland als Avantgarde der Globalisierung: Wo das Kapital flieht, kommt der Nationalismus zurück.”

Dass Ernst Jünger — seit langem geadelt von dem Historiker Ernst Nolte, dem Literaturwissenschaftler und Herausgeber des Merkur, Karl Heinz Bohrer, und dem langjährigen Feuilletonchef der FAZ, Frank Schirrmacher, — zur Galions- und Referenzfigur der „Neuen Rechten” wurde, verwundert nicht. In der Wochenzeitung Junge Freiheit, dem wichtigsten Publikationsorgan der Neuen Rechten, spielt er die Rolle des Säulenheiligen.

Sehr verwunderlich allerdings war Botho Strauß’ Schulterschluss mit Jüngers gegenaufklärerischem Weltbild in seinem viel diskutiertem Spiegel-Essay von 1993: „Anschwellender Bocksgesang“. Strauß, dessen frühe Prosa und sensible Zeitstücke dem Innenleben bundesrepublikanischer Wohlstands-Bürger auf den Puls fühlten, erklärte darin das Zeitalter des „kritischen Bewusstseins” für beendet und rief mit seinem Leitbild-Wechsel eine Trendwende nach rechts aus. An den Pranger stellt er den Freiheits- und Emanzipationsgedanken der Aufklärung und diejenigen, die diese Idee nicht auf dem Pop-Altar der Postmoderne geopfert wissen wollen — allen voran die liberale Linke. Im Gefolge Nietzsches hätten diese linken Leute, warf Strauß voller Verachtung vor, „ein Heer von Spöttern, Atheisten und frivolen Insurgenten” etabliert, das heute die Macht und das Sagen habe.

Diese linke atheistische Spötter-Heer, habe durch seine „Verhöhnung des Eros…des Soldaten…der Kirche, Tradition und Autorität”, die „Überlieferung” verdorben und eine Katastrophe angerichtet. An die Stelle dieses „faulen Befreiungszaubers” gehöre das Programm einer „Gegenaufklärung”. Sie habe der „Hüter des Unbefragbaren, der Tabus und der Scheu” zu sein. Denn Wirklichkeit, Geschichte und Gegenwart würden geprägt und bestimmt durch mythische und magische Muster.

Es ist wohl bezeichnend für den deutschen Literaturbetrieb der Nachwende-Zeit, dass dieses, an Jünger und Heidegger erinnernde, dunkle und elitäre Geraune sogleich von zahllosen Kommentatoren als „tiefe Einsicht” geadelt wurde. Wenn Strauß in seinem Antiaufklärungs-Manifest von „Demokratismus” spricht, fällt er — wie etliche andere „Denker” und Historiker der Neuen Rechten — in gefährliche vordemokratische Denkmuster zurück.

Platz schaffen für ein neues Nationalgefühl — gebetsmühlenhaft propagieren das nicht nur Martin Walser und Botho Strauß, sondern auch Historiker wie Arnulf Baring, Hage Schulze, Michael Stürmer, der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, und viele andere, in der Schwundform der Phrase auch der ehemalige Leiter des Kulturressorts im Spiegel, Matthias Matussek, in seinem nationalen Erbauungsbuch „Wir Deutschen“. In der Sprache der Politiker heißt das, Deutschland müsse, entsprechend seiner mit der Einheit gewachsenen Größe und wirtschaftlichen Stärke, auch wieder „mehr Verantwortung in der Welt” übernehmen, und seinen, aus altem Schuldgefühl und „negativem Patriotismus” resultierenden militärischen Absentismus endlich überwinden.

Von Sozialisten zu Bellizisten

„Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.” Dieser oft zitierte Satz von Willy Brandt drückt aus, was nach der Katastrophe und den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs weithin in Deutschland Konsens war. Deshalb: „Nie wieder Krieg!” Doch mit dem Zweiten Golfkrieg von 1991 wurde dieser Konsens zum ersten Mal schwer erschüttert.

Im Klima einer beginnenden Gegenaufklärung und unter dem Trommelfeuer US-amerikanischer Kriegspropaganda transformierten sich smarte, wortgewandte Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler zu aalglatten Opportunisten und Bellizisten.

Allen voran Hans Magnus Enzensberger, der — getreu der CIA-Sprachregelung — in Saddam Hussein einen „Wiedergänger Hitlers” sah, und die deutsche Friedensbewegung der Appeasement-Politik beschuldigte. Ins gleiche Horn tutete Wolf Biermann, der den deutschen Friedensaktivisten vorwarf, sie ließen sich von Antiamerikanismus, Antizionismus und Palästinenserromantik leiten, und ihnen nachrief. „Na dann! Bindet Euer Palästinenser-Tuch fester, wir sind geschiedene Leute!” Seither überbietet er sich in eisenfressenden Antipazifismus-Bekenntnissen. Und wurde dafür auch noch — Welch Groteske der Geschichte! — mit dem Heinrich Heine-Preis bedacht.

Für mich persönlich war es eine bestürzende Erfahrung, zu erleben, wie etliche ehemalige Linke und Sozialisten aus meinem näheren Bekanntenkreis plötzlich zu marktschreierischen Bellizisten mutierten und für die „naiven Pazifisten” und „weltfremden Gutmenschen”, ob sie nun Horst-Eberhard Richter oder Eugen Drewermann hießen, nur noch Spott und Hohn übrig hatten.

Zugleich machte ich, der ich in den Achtzigerjahren noch in vielen, auch überregionalen Zeitungen und Blättern hatte publizieren können, plötzlich die Erfahrung einer schroffen medialen Ausgrenzung. Zwei Jahre nach dem Zweiten Golfkrieg schrieb ich eine kritische Reportage über die amerikanischen Kriegsverbrechen am Golf und über die Auswirkungen des nachfolgenden Sanktionsregimes, denen — nach Schätzungen von UNICEF — eine Million irakischer Zivilisten, die Hälfte davon Kinder, zum Opfer fielen. Wie Sauerbier bot ich diese Reportage den deutschen Tages- und Wochenzeitungen an: Niemand wollte sie drucken.

Das zivilisatorische Krebsgeschwür Krieg — Denn gibt es Kriege, gab es sie je ohne zivile Opfer? — war wieder zur selbstverständlichen Option geworden. Und so fand auch der NATO-Angriff auf Serbien — die rotgrüne „Enttabuisierung des Militärischen” als Beispiel eines angeblich gerechten Krieges, der ein neues Auschwitz verhindern sollte, wie es Joschka Fischer formulierte — entschiedene Befürworter bei vielen ehemaligen Linken wie Hans Magnus Enzensberger, Hans Christoph Buch, Peter Schneider, Daniel Cohn-Bendit, Cora Stephan, Katharina Rutschky, ebenso bei Historikern wie Karl Otto Hondrich, Josef Joffe und Herfried Münkler, e tutti quanti. Desgleichen in Frankreich bei den sogenannten „Neuen Philosophen” André Glucksmann, Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy. Statt öffentlich darüber zu räsonieren, warum sich Kriege nun mal nicht vermeiden lassen — stünde es Intellektuellen und Wissenschaftlern denn nicht viel besser an, öffentlich darüber nachzudenken, wie und unter welchen Umständen sich Kriege vielleicht doch vermeiden ließen?

Kollektiver Autismus der Medien-Intellektuellen

Kehren wir noch einmal zu Regis Debrays Kritischer Phänomenologie der heutigen „Medienintellektuellen” zurück.

Von der Form der Scheindebatten in Talk-Shows, über die fast täglich wechselnden Anlässe, die als „An- und Aufreißerthemen” von zwei, drei Leitmedien intoniert und von allen anderen dann beflissen übernommen werden, bis zu den Umgangsformen der öffentlichen Debattanten erweist sich das Geschäft der Medienintellektuellen — so Debray — als „kollektiver Autismus”.

Der Medien-Intellektuelle begreift und definiert sich nur noch durch sein Milieu, das sich seinerseits durch sein Medium — Fernsehkanal, Radiosender, Zeitung — definiert. Sein mediales Ich bildet sich nur noch im Milieu von seinesgleichen.

Entsprechend verkümmern die intellektuellen Debatten von früher — Sartre etwa brauchte in seiner Auseinandersetzung mit Camus 1952 noch dreißig Seiten in der Zeitschrift Les Temps modernes — zum kurzatmig-fernsehgerechten Wörterzank, in dem ein paar Begriffe hin- und her geschossen werden.

Als besonders medienwirksam erweisen sich hierbei die zu Chiffren erstarrten Namen von Orten, an denen große Verbrechen stattgefunden haben und die im Modus dieser Banalisierung und videocliphaften Verkürzung vollkommen austauschbar geworden sind: „Auschwitz”, „Kolymna”, „Ruanda”, „Screbreniza” und so weiter. Auch der bedenkenlose Vergleich völlig inkommensurabler historischer Konstellationen gehört längst zum „guten Ton” im Mediensalon: Die — von den Amerikanern zusammengekaufte — Kriegskoalition gegen Saddam Hussein von 1990/91 steht dann für den Kriegseintritt der Westalliierten auf dem europäischen Schauplatz 1943, also für den „Großen Antifaschistischen Befreiungskrieg gegen Hitler-Deutschland”, und die Bombardierung Belgrads 1999 erscheint dann ebenso unumgänglich wie die Bombardierung Berlins 1943 bis 45.

Die Interventionen der Medienintellektuellen zeichnen sich nach Debray dadurch aus, dass sie einen winzigen Anlass nehmen, um darauf mit einem Übermaß an „geschwollenen Wörtern” zu antworten. Ihr einziges Ziel sei, ihre im Rhythmus der Konjunktur wechselnden subalternen Meinungen unter die Leute zu bringen, und ihren eigenen Marktwert zu erhalten.

Nicht wenige französische und deutsche Medienintellektuelle waren früher Mitglieder kommunistischer Sekten und stramme Marxisten-Leninisten, nicht selten auch gläubige Nachbeter von Stalin über Mao bis Pol Pot und als solche blind für deren Verbrechen. Ihren — mit der Implosion des Sowjetsystems einhergehenden — Bedeutungsverlust und ihr schlechtes Gewissen kompensieren sie heute mit der Gleichsetzung von allem und jedem, mit „Verhältnisblödsinn in jeder Preislage”. Im Kosovo droht dann angeblich ein „zweites Auschwitz”, und Slobodan Milošević oder Saddam Hussein erscheinen in ihren Kolumnen und Fernsehstatements als Kopien von Hitler.

Als in der Wolle eingefärbte Ideologen machen die Medienintellektuellen ihre vermeintliche „antiideologische” und „ideologiefreie” Orientierung zur „Ideologie à la mode”. Und nichts ist ihnen verhasster als jener vom Aussterben bedrohte Typus des „engagierten Intellektuellen” und Schriftstellers, der sich noch in der Tradition von Émile Zola, Jean-Paul Sartre und Pierre Bourdieu, von Heinrich Mann, Bertolt Brecht und Günter Grass, als kritischer Herausforderer und Entlarver des herrschenden Zeitgeistes begreift und für die Verlierer der Geschichte Partei ergreift, statt mit fliegenden Fahnen zu ihren derzeitigen Siegern überzulaufen, wie es die Nachwende-Intellektuellen in West- und Ostdeutschland scharenweise getan haben.

Der Kreuzzug gegen die Utopie

Da die BRD sich gegenüber der DDR stets als „die Richtige”, als Republik ohne Fehl und Tadel darstellte und ihr Modell schlechthin als vorbildlich empfand und empfindet — dies wurde ihr ja auch von einer Mehrheit der DDR-Bürger fürs Erste bestätigt —, hat sie sich der großen Chance begeben, den Umbruch und die Reformdiskussion, die mit der Wende in der DDR einsetzte, auch für sich selbst frucht- und nutzbar zu machen.

Es gibt eben nichts Besseres in Europa, ja, auf Erden als das „Modell Bundesrepublik” lautete der selbstzufriedene Konsens ihrer Partei- Wirtschafts- und Meinungsführer, die denn auch kurzerhand, allen voran Joachim C. Fest in der FAZ, das „Ende jeglicher Utopien” verkündet haben. Seither wird jeder Sollwert, der über den glorreichen Ist-Zustand der deutschen Gesellschaft hinausweist, erst recht jede „konkrete Utopie”, im Sinne der Vorstellung von etwas Besserem”, als „demagogisches Hirngespinst”, oder als „Rückfall in den Steinzeit-Kommunismus“ denunziert.

Das TINA-Syndrom — das meint: „There Is No Alternative”, das in der alternativlosen Kanzlerin Angela Merkel inkarniert zu sein scheint — hat sich denn auch wie Mehltau über die ganze Gesellschaft gelegt.

Leider haben sich auch viele namhafte Ex-Linksintellektuelle der Bundesrepublik, die nicht selten ihre quicke Anpassung an den Zeitgeist als politischen Reifeprozess verkauften, an der Verketzerung der Utopie beteiligt — und tun dies noch heute. Das Nachtreten auf die am Boden liegende „realsozialistische Leiche” wurde in den Neunzigerjahren geradezu zum Lieblings-Hobby einer Intellektuellen-Schicht und der ihnen nahestehenden Feuilletons, die ohne Skrupel eine Art selbsternanntes Tribunal gegen die literarische DDR-Prominenz errichteten. Selbst DDR-Schriftsteller wie Christa Wolf, Heiner Müller, Stefan Heym, Volker Braun und andere, die in einem schwierigen Verhältnis von Kritik und Teilsolidarität mit dem jetzt pauschal als „Unrechtsregime” titulierten SED-Staat standen, wurden nun plötzlich als „opportunistische Mitläufer” entlarvt.

Für diese Kampagne stellten die bundesdeutschen Feuilletons bereitwilligst ihre Spalten zur Verfügung. „Die Geistes- und Sozialwissenshaften der DDR sind nicht mehr als eine Wüste”, befand der Präsident der bundesdeutschen Max-Planck-Gesellschaft. Die FAZ sattelte drauf, indem sie erklärte, dass die zu „Helden der Utopie erklärten Künstler, Schriftsteller und Geisteswissenschaftler” dem SED-Regime schamlos gedient hätten, „sozusagen in der ersten Reihe der Ideologie.” Bald beteiligte sich auch die übrige Presse bis hin zur taz an der kulturellen Säuberung der DDR. Die früheren Freunde der DDR-Kultur verwandelten sich nun in deren schärfste Inquisitoren: Die Kunst der feinen Anspielung entpuppte sich auf einmal als „Sklavensprache”. Der früher einmal als „Zonen-Beckett” apostrophierte Heiner Müller rückte an den Müll heran, Christa Wolf war als SED-„Staatsdichterin” entlarvt. Besenrein sollte das östliche Gelände übergeben werden.

So galt denn auch die weltweit renommierte Berliner „Akademie der Wissenschaften” den Herren des neuen Deutschlands nicht als erhaltenswert. Zum 31. Dezember 1991 wurde sie komplett „abgewickelt” wie eine überzählige Hühnerfarm. Mit einem Schlag wurden 12.000 Wissenschaftler, darunter viele renommierte und international anerkannte, sowie 1.500 habilitierte, zu Professoren berufene Akademiker samt allen Mitarbeitern entlassen, ihre Berufsbiografien von einem Tag auf den anderen entwertet und zerstört. Auch gegen die Entlassungsorgien an den ostdeutschen Hochschulen — an der Uni Leipzig etwa wurden drei Viertel der Dozenten und wissenschaftlichen Assistenten entlassen — regte sich in den alten Bundesländern keinerlei Einspruch, geschweige denn Protest, dabei hatten doch auch viele westdeutsche Linke unter der Berufsverbotspraxis der Siebziger- und Achtzigerjahren gelitten.

Wie Arno Hecht, Autor und Medizin-Professor an der Universität Leipzig in seiner gründlichen Studie „Die Wissenschaftselite Ostdeutschlands. Feindliche Übernahme oder Integration?“ zu Recht vermutet, sollte durch die Entlassung und soziale Liquidierung von drei Vierteln der ostdeutschen Wissenschaftler und Hochschulintelligenz vor allem verhindert werden, dass das vereinte Deutschland durch das gesellschaftskritische und antikapitalistische Potential der ostdeutschen Hochschulintelligenz kontaminiert werden würde. So wurde vorsorglich auch an den ostdeutschen Universitäten, die ja bald demselben Bologna-Prozess unterworfen wurden wie die Hochschulen im Westen, für die Austreibung des kritischen und oppositionellen Denkens gesorgt. Zu den Spesen des deutschen Vereinigungsprozesses gehörte denn auch eine neue „Affirmative Kultur”, in der für den Blochschen „Geist der Utopie” jedenfalls kein Platz mehr war.

Hinzu kommt die prekäre Arbeitssituation der meisten Hochschul-Mitarbeiter. An vielen deutschen Unis haben — dank der nach neoliberalen Prinzipien vorgenommenen Umstrukturierung — drei Viertel der Mitarbeiter nur noch befristete und schlecht bezahlte Arbeitsverträge und müssen sich mühsam von Semester zu Semester, von Projekt zu Projekt durchhangeln. Da überlegt man es sich dann schon, ob man seinen Studenten einen Kurs über das Marxsche „Kapital“ oder doch lieber einen Kurs über die unverfängliche „Systemtheorie“ von Niklas Luhmann anbietet.

In den befristeten Werk- und Arbeitsverträgen der meisten Hochschul-Angehörigen ist denn auch die materielle Basis für ihr oft beklagtes „Anpassertum” zu sehen, das moralisch zu verurteilen ziemlich billig wäre. Zu verurteilen ist dagegen die von den mächtigen Wirtschaftsverbänden, Lobbys und Stiftungen, allen voran die Bertelsmann-Stiftung, und ihren dienstbaren Geistern geschaffene prekäre Situation der Geistesarbeiter, überhaupt der Bologna-Prozess, in dessen Folge nur noch Expertentum gefördert wird, wodurch ein Typ von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Journalisten entsteht, der vom selbstbewusst seine Rechte einfordernden und wehrhaften „Citoyen”, wie er sich in Frankreich derzeit in der Massenbewegung der „Gelbwesten” zeigt, weit entfernt ist.

Eine Gesellschaft jedoch, die sich das Träumen verbietet — und verbieten lässt — und jedwede Utopie verketzert, begibt sich auch ihrer Veränderungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Sie wird ein stehendes, fauliges Gewässer, ein sterbenslangweiliger Verein für Allianzversicherte Wohlstandsbürger. Einer der schönsten und kühnsten Parolen der 68-Revolte, die wir damals mit roter Farbe an die Mauern der Freien Universität Berlins gepinselt hatten, war „DIE PHANTASIE AN DIE MACHT!“ In der Tat bräuchten wir längst wieder eine neue außerparlamentarische Opposition, die — um mit Karl Marx zu reden — „die Verhältnisse dadurch zum Tanzen bringt, dass sie ihnen ihre eigene Melodie vorspielt!”



Quellen und Anmerkungen:

(1) Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch, Jürgen Günther (Hrsg.): „Krieg nach innen, Krieg nach außen — und die Intellektuellen als ‚Stützen der Gesellschaft‘?“, 350 Seiten, Westend Verlag, 2. Dezember 2019
https://www.buchkomplizen.de/Alle-Buecher/Krieg-nach-innen-Krieg-nach-aussen.html?listtype=search&searchparam=Klaus%20J%C3%BCrgen%20bruder

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Christoph Bialluch, Klaus-Jürgen Bruder und Jürgen Günther: „Krieg nach innen, Krieg nach außen — und die Intellektuellen als ‚Stützen der Gesellschaft‘?“, 350 Seiten, Westend Verlag, 2.Dezember 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst im Onlinemagazin Rubikon.

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