Die Propaganda-Matrix

Beitragsbild aus: Matrix – Rote oder Blaue Pille – Freiheit oder Sklaverei

Die Propaganda-Matrix
Der Kampf für freie Medien entscheidet über unsere Zukunft

Auszug aus dem aktuellen Buch von Michael Meyen

  1. Aus der Arena in die Matrix

Dieses Kapitel ist ein Nachzügler, geschrieben, als alles längst fertig war. Wie bei jedem Buch hatte ich mir eine ganz persönliche Deadline gesetzt. Diesmal war das ganz einfach. Ich sollte an einem Dienstag Ende März bei der ÖDP in München über den Journalismus in Deutschland sprechen und dachte: Wenn ich das Manuskript am Montag an die Rubikon-Lektorin schicke, dann habe ich nicht nur den Kopf frei, sondern auch einen Vortrag in der Tasche. Die Definitionsmacht der Leitmedien, das Filtermodell, meine vier Arenen und schließlich das, was gleich noch kommen wird – eine Reise in die Zukunft, getragen von einem Freiheitsbegriff, der die Erfahrungen eines Weltkriegs bündelt.

Der Vortrag hat dann tatsächlich einigermaßen funktioniert. Großes Publikum, viele Fragen, angenehme Atmosphäre. Eine der Mails, die in den nächsten Tagen eintrudelten, enthielt zwar die Formulierung »etwas anstrengend« und bezweifelte, dass wirklich alle folgen konnten, insgesamt aber überwog das Lob. Ich bin ein Profi, natürlich. Trotzdem freue ich mich immer wieder, wenn mir Menschen so etwas schreiben. Dann kam es. Noch ein Dank, schon im Betreff zu lesen. Eine kurze Nachricht, zwei Sätze nur. »Was ich mir tief gemerkt habe: Tamtam und Tabu. Das funktioniert in vielen Bereichen.«

Ich habe sofort gesehen: Darum geht es. Filter hin, Arenen her. Bevor ich mit einer Utopie aus diesem Buch aussteige, muss ich zusammenfassen, wie die Propaganda-Matrix produziert wird, wenigstens auf ein paar Seiten. Ich muss noch einmal zurück in das fünfte Kapitel, zu Jacques Ellul, zu Edward Bernays, vor allem aber zu Walter Lippmann sowie zu seinen Begriffen »Pseudoumwelt« und »Stereotyp«. Zur Erinnerung: Lippmann interessiert sich für das, was wir über die Wirklichkeit wissen können. Für die Bilder in unseren Köpfen und für die Landkarten, die wir brauchen, »um die Welt zu durchwandern«. Lippmann sagt, dass die Macht bei denen liegt, die Bilder und Landkarten herstellen. Tamtam und Tabu. Schlagzeilen im Stakkato, um von dem abzulenken, was wirklich wichtig wäre. Das ist der Kern von dem, was Walter Lippmann Propaganda nennt. Erst das »Ereignis« abschirmen und dann in der »Öffentlichkeit« eine Fiktion platzieren, die den eigenen Zielen und Interessen dient.
In der Sprache dieses Buches ist das ein Job, der über den Tag hinausweist und damit auch über ein einzelnes Narrativ wie das vom Killervirus. Die Propaganda-Matrix steht und fällt mit der Diskursordnung – mit den Scheuklappen, die uns schon in Schule und Elternhaus angelegt werden und die dann später ganz selbstverständlich Teil unseres Lebens sind. Ich habe im achten Kapitel skizziert, wie schwierig es ist, diese Scheuklappen überhaupt wahrzunehmen, selbst für einen Menschen wie mich, der in einer anderen Diskursordnung aufgewachsen ist und deshalb zum Beispiel immer noch stutzt, wenn Moskau als ›Reich des Bösen‹ gilt und Washington als ›Hort des Guten‹. In bayerischen Schulbüchern ist der Westen ein Synonym für den Fortschritt und Russland der Inbegriff des Gegenteils. Fremd und rückständig. Ein Volk aus dem Osten, wild, gefährlich, unberechenbar. So etwas prägt. Ich bin 2016 mit einer Studentengruppe an die Lomonossow-Universität gefahren. Es hat eine Weile gebraucht, bis die Wirklichkeit stärker war als das, was Walter Lippmann »Pseudoumwelt« nennt. Das galt dann umgekehrt auch beim Gegenbesuch 2017. Die russische Jugend war sich sicher, in München auf einen Sündenpfuhl, Ausländerkriminalität und Chaos zu treffen.

Dieses Buch hat sich auf den Journalismus konzentriert und die Schule deshalb nur gestreift. Um Lehrpläne und Lehrbücher wird genauso gerungen wie um das, was in den Leitmedien erscheint. Ein Kollege, der in diesem Feld forscht, hat mir erzählt, dass in den 1990ern selbst Stasi-Offiziere in den Kultusministerien vorstellig geworden sind und etwas Differenzierung im Unterricht gefordert haben. Man kann sich leicht ausmalen, was das für Themen bedeutet, hinter denen mehr Ressourcen stehen und vielleicht auch außen- oder geopolitische Interessen. Der Genozid an den Armeniern, Israel und Palästina. Wichtig ist hier: Die Diskursordnung ist immer schon da, wenn eine Redaktion entscheidet, was sie zur Medienrealität werden lässt. Wenn die Angst in diese Ordnung eingeschrieben ist (egal, ob vor den Nachfahren der Hunnen, vor Terror oder vor Viren aus China), dann wird all das zu einer Meldung, was diese Angst bedient.

Der Kampf um die öffentliche Meinung beginnt, so lässt sich das verdichten, mit dem Kampf um die Diskursordnung. Ich muss hier nicht wiederholen, was ich im achten Kapitel über die Anbetung von Reichtum und Wachstum geschrieben habe, über den Glauben an die Machbarkeit und über die Wiederauferstehung des starken Staates. Ich muss auch nicht ausbuchstabieren, was das für die Deutung der jüngsten Vergangenheit bedeutet. Weltpolitische Zäsuren lassen sich immer auch als diskursive Ereignisse lesen – als Versuche, in die Diskursordnung einzugreifen. Man kann nach einem Anschlag Opfer zählen und den Schaden ausrechnen und dabei trotzdem völlig übersehen, worum es eigentlich ging.

Viel leichter zu erfassen ist das, was aus Medienbesitz und Medienkontrolle folgt. Wenn Verlage, Sender und Webportale großen Unternehmen gehören, wird dort nichts veröffentlicht, was dem Geschmack und den Interessen der kaufkräftigen Milieus widerspricht oder gar einen Umsturz der Verhältnisse auslösen könnte. Tamtam und Tabu. Und wenn einige Rundfunkanstalten formal im Besitz der Allgemeinheit sind, muss ich die Aufsichtsgremien mit meinen Leuten besetzen, Karrieren an Wohlverhalten koppeln und außerdem sicherstellen, dass nur das als gutes Fernsehen gilt, was hohe Einschaltquoten hat. Der Wettbewerb mit den Kommerzsendern sorgt dann schon von selbst dafür, dass der Imperativ der Aufmerksamkeit auch dort den Auftrag Öffentlichkeit schlägt und wir nicht das bekommen, was die Idee des Rundfunkbeitrags verspricht (alle Themen und alle Perspektiven, um uns selbst eine Meinung bilden zu können).

Diese Idee ist trotzdem ein Problem. Sie lebt in Filmen, die den Journalismus verherrlichen, in Seminaren, die investigative Recherchen als Krönung des Berufs preisen, und damit auch in den Köpfen von jungen Menschen, die ›irgendwas mit Medien‹ machen möchten. Die Mächtigen kritisieren und kontrollieren, dem Guten zum Durchbruch verhelfen und so die Welt ein wenig verbessern: Welcher Job kann damit schon konkurrieren? Die Propaganda-Matrix braucht diese Idee, um unsichtbar zu werden. Solange wir glauben, dass die Medienrealität eine Art Spiegel der Wirklichkeit ist, zusammengestellt von einer neutralen und unabhängigen Instanz, die sich bei der Auswahl und bei der Aufbereitung der Nachrichten ausschließlich an handwerklichen Kriterien orientiert, solange verschwindet diese Matrix gleichsam vor unseren Augen. Das gilt auch in den Redaktionen, solange dort nur Menschen arbeiten, die die Welt ganz ähnlich sehen wie diejenigen, über die sie berichten. Wer die Propaganda-Matrix programmiert, muss deshalb den Berufszugang regulieren und den Nachwuchs da ausbilden lassen, wo er nicht auf andere Gedanken kommen kann – im Praktikum, im Volontariat oder an Journalistenschulen, die von denen betrieben werden, die nachher auch entscheiden, wer einen Arbeitsvertrag bekommt.

Wenn der Quellcode steht (Diskursordnung, Medienbesitz, Medienkontrolle, Personal), ist der Rest ein (wenn auch teures) Kinderspiel. Die PR-Apparate kosten Geld und all die feinen Dinge, mit denen man die Redaktionen füttern kann, auch. Studien, die den Imperativ der Aufmerksamkeit bedienen. Noch nie dagewesen. Hört, hört. Superlative und Extreme. Die Olympiafrau, die noch Monate nach Covid-19 zu schwach ist, um für die Spiele in Tokio zu trainieren. Das kleine Mädchen, das die ganze Familie angesteckt hat. Der junge Mann, der Vater und Mutter im Elternhaus verbrennen ließ, weil der Hass in ihm zu groß für jede Rettung war. Überhaupt: Geschichten, die sich mit aberwitzigen Details und Statements ganz von alleine weiterschreiben. Dazu Daten und Zahlen, immer wieder neu. Ministerinnen und CEOs, über die man sprechen muss, weil sie sich streiten, spannende Sachen sagen oder fremd gehen. Ereignisse, die es nur gibt, damit über sie berichtet wird, und die schon deshalb in jeder Hinsicht aus dem Rahmen fallen. Im Zweifel eben auch ein Ehebruch ganz oben oder wenigstens Karl Lauterbach, der dem größten Unsinn ein Gesicht gibt und es genau deshalb auf jede Titelseite schafft. Wer auch immer diesen Lauterbach bezahlt: Die Rechnung geht auf. Er liefert permanent Tamtam, das uns beschäftigt und die Tabus vergessen lässt.

Behörden, Unternehmen und Parteien kaufen dafür Leute, die das Geschäft beherrschen. Am besten: Spitzenjournalisten, die neben ihrem Können auch Kontakte mitbringen und deshalb oft nicht einmal sanften Druck brauchen oder den Hinweis auf den Dienst am Vaterland, um die Kanzlerin ganz allein in eine Talkshow zu lancieren und den Fragenkatalog gleich mitzuliefern. Fachkräfte, die Pressemitteilungen und Claims so formulieren, dass sie direkt übernommen werden können, die wissen, wen man für ein Experteninterview anrufen muss, wenn man nach opportunen Zeugen sucht, und die im Zweifel auch jemanden kennen, der die Gegenmeinung vernichtet und jede Person, die Zweifel säen könnte.

Ich sehe schon: So ein Nachzügler-Kapitel verführt dazu, sich zu wiederholen und sich dabei auch noch zu widersprechen. Ja: Es gibt die vier Arenen, in denen wir um die Matrix ringen können, die unser Leben bestimmt. Zugleich hat dieser Kampf aber etwas von Don Quijote und seinen Windmühlen. Vermutlich musste ich das noch loswerden, bevor ich im letzten Kapitel zu den Wegen in die Freiheit kommen kann.

224 Seiten
Softcover
Format: 20,5 cm x 13,5 cm
Erscheinungsdatum: 20.07.2021
Artikelnummer 978-3-96789-020-4

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Michael Meyen ist seit 2002 Professor für Allgemeine und Systematische Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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