Die Russophobie begann nicht mit der Ukraine

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Die Russophobie begann nicht mit der Ukraine. Sie braute sich im Westen schon lange zusammen …

… und erreichte lediglich das aktuelle Ausmaß an Hysterie, als Moskau seine Offensive gegen Kiew startete. Es offenbart sich ein tief sitzender Rassismus gegenüber dem russischen Volk – kultiviert von Hollywood und zahlreichen westlichen Institutionen.

Ein Beitrag von Robert Bridge

Moskaus Vorgehen in der Ukraine hat einen tief sitzenden latenten Rassismus gegenüber dem russischen Volk offenbart, der von einer Reihe westlicher Institutionen – nicht zuletzt von Hollywood und den etablierten Mainstream-Medien – viel zu lange kultiviert worden ist.

Von allen größeren Militäroperationen, die seit Beginn des Jahrtausends durchgeführt wurden – in Afghanistan, Irak, Libyen und Jemen, um nur einige der verwüsteten Gebiete zu nennen – hebt sich Russlands „Sonderoperation“ in der Ukraine schon aus einem sehr merkwürdigen Grund ab. Und zwar wegen der hässlichen Gegenreaktion, die sie gegen die normalen russischen Bürger ausgelöst hat.

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Inzwischen kennen gewiss viele Menschen die im Internet kursierenden Geschichten von Russen, die in westlichen Hauptstädten diskriminiert werden – vom berühmten Dirigenten Waleri Gergijew, der seinen Job bei den Münchner Philharmonikern verliert, über Kinder, die in der Schule schikaniert werden, bis hin zu Familien, denen in Cafés und Restaurants die Bedienung verweigert wird. Nicht einmal medizinische Einrichtungen sind vor diesem Irrsinn gefeit. Letzte Woche kündigte die Iatros-Klinik in München an, keine Russen und Weißrussen mehr zu behandeln. Und ich vermute, dass dieser unsägliche Akt der Grausamkeit auch pädiatrische Patienten betroffen hätte. Erst nach einer Welle von Online-Kritik, die bewies, dass nicht alle den Verstand verloren haben, nahm die Einrichtung ihre rassistische Entscheidung zurück.

Ebenso erstaunlich ist das brutale Sanktionsregime des Westens, das so bösartig und übertrieben ist, dass es sogar Westlern schweren wirtschaftlichen Schmerz zufügen könnte. Diese emotionsgeladene Reaktion auf die Ereignisse in der Ukraine wirkt wie eine verrückt gewordene Tugendhaftigkeit – eine besonders besorgniserregende Entwicklung, wenn man bedenkt, dass der Pöbel nicht in der Lage zu sein scheint, zwischen den Handlungen der russischen Regierung und denen seiner Bürger zu unterscheiden. Denn die haben, wie bei jedem Land, das sich in einer solchen Situation befindet, kaum ein Mitspracherecht in Fragen von Krieg und Frieden.

Und obwohl es ganz natürlich ist, den Krieg zu verabscheuen und sich gegen ihn auszusprechen, wäre ein wenig konsequentes Denken schön. Da ich die Frage der westlichen Heuchelei bereits in einer früheren Kolumne erörtert habe, werde ich sie hier nur kurz anschneiden: Warum haben die USA und ihre NATO-Verbündeten für ihre illegalen militärischen Abenteuer im Nahen Osten und in Nordafrika nie auch nur einen abgesagten Zahnarztbesuch hinnehmen müssen?

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Um nur ein paar berühmte Beispiele zu nennen: In dem Film „Rocky IV“ von 1985 spielt Dolph Lundgren die Rolle des Iwan Drago: ein eiskalter, ausdrucksloser sowjetisch-russischer Boxer, der seinen Gegner Apollo Creed (Carl Weathers) im Ring buchstäblich zu Tode prügelt, ohne auch nur einen Hauch von Reue zu zeigen. Spielerischer, aber nicht weniger effektiv wurden in den Jahren des Kalten Krieges amerikanische Kinder mit der Fernsehserie „Die Abenteuer von Rocky & Bullwinkle“ unterhalten, in der die russischen Spione Boris Badenow und Natascha Fatale die Hauptfiguren sind. Solche Beispiele für Russen, die in Hollywood die Rolle des Bösewichts spielen, ließen sich hunderte, wenn nicht tausende Male anführen.

Russland wird nicht nur von Hollywood-Drehbuchautoren systematisch verunglimpft, sondern ist auch seit vielen Jahren einer pausenlosen Hetzkampagne in den Medien ausgesetzt. Angefangen bei der Verbreitung der Falschmeldung, der Kreml habe bei der Einsetzung von Donald Trump im Weißen Haus den Königsmacher gespielt, bis hin zu der fälschlichen Beschuldigung Russlands, in einer sehr kritischen Versorgungsphase das US-Stromnetz gehackt zu haben. Da sollte es nicht überraschen, dass viele Amerikaner –  abgesehen davon, dass sie nichts als von den Medien erzeugte Verachtung für die Russen empfinden – absolut keine Ahnung haben, was Moskau überhaupt dazu bewogen hat, seine Offensivaktionen in der Ukraine zu starten.

Wenn es nach den verlogenen westlichen Medien geht, dann wachte Russland am 24. Februar auf, gähnte, streckte und kratzte sich und beschloss dann, dass dies ein wunderbarer Tag sei, um das Nachbarland auf den Kopf zu stellen.

Eine solche kurzsichtige Darstellung lässt jahrzehntelange Warnungen des Kremls außer Acht, insbesondere Putins inzwischen berühmte Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, in der er der vollbesetzten Versammlung mitteilte:

„Die NATO-Erweiterung … stellt eine ernsthafte Provokation dar, die das gegenseitige Vertrauen verringert. Und wir haben das Recht, zu fragen: Gegen wen ist diese Erweiterung gerichtet?“


Weder die althergebrachten Medien noch die sozialen Medien machen Anstalten, die ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente zu nutzen, um ihre Leser zu informieren und vielleicht sogar von der NATO Antworten auf die Frage zu verlangen, warum es so notwendig war, an die russische Grenze heranzurücken. Stattdessen tragen sie zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt zu einem politischen Klimawandel bei. Meta Platforms kündigte an, im Zusammenhang mit Moskaus Militäroffensive in der Ukraine auf Facebook und Instagram Hassreden zu dulden, die zur Gewalt gegen „eindringende Russen“ aufriefen. Ein Gedankenexperiment: Hätten diese in den USA ansässigen Unternehmen solch dramatische Zugeständnisse gemacht, wenn das Leben von Amerikanern oder NATO-Mitgliedern auf dem Spiel gestanden hätte? Es scheint zweifelhaft.

Da sich Russen im Westen zunehmend diskriminiert fühlen, muss eine weitere wichtige Frage gestellt werden: Wo war dieses Ausmaß an Hysterie, als Amerika und seine Verbündeten mit ihrer „Shock and Awe“-Strategie verschiedene Nationen des Nahen Ostens auslöschten, was zu einer ganz neuen Gattung von verharmlosenden Ausdrücken führte – Kleinode wie „Kollateralschäden“ (tote Zivilisten), „erweiterte Verhörtechniken“ (Folter) und „außerordentliche Auslieferungen“ (staatlich angeordnete Entführungen in menschenrechtsfeindliche Gebiete).

Abgesehen von der heiklen Frage, ob eine militärische Reaktion jemals die richtige ist, sollte ein Volk jemals nach den Taten seines Führers beurteilt werden? Laut einer aktuellen Umfrage des staatlichen russischen Meinungsforschungszentrums unterstützen 70 Prozent der russischen Bevölkerung die Offensive in der Ukraine. Doch militärische Entscheidungen werden in jedem Land in der Regel ohne die Zustimmung der Untertanen getroffen. Historisch gesehen ist die Mehrheit der Betrachter tolerant und intelligent genug, um die Handlungen einer Regierung von denen ihrer Bürger zu trennen. Aber irgendwie wurde diese Art des rationalen Denkens im Ukraine-Konflikt über Bord geworfen. Und das entwickelt sich zu einer Tragödie nicht nur für die Russen, sondern für die ganze Menschheit.

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Veröffentlicht in News