{"id":10537,"date":"2025-04-26T18:47:46","date_gmt":"2025-04-26T17:47:46","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=10537"},"modified":"2025-04-26T18:50:38","modified_gmt":"2025-04-26T17:50:38","slug":"alles-dicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/alles-dicht\/","title":{"rendered":"Alles dicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im April 2021 haben 53 Videos Deutschland auf den Kopf gestellt. Loblied auf eine Kunstaktion, die im Nebel der Geschichte zu verschwinden droht.<\/strong><\/p>\n<p><em>Text: <a href=\"https:\/\/www.freie-medienakademie.de\/\">Michael Meyen<\/a><\/em><\/p>\n<p>\u201eHuch, das ist ja heute schon wieder vier Jahre her\u201c, hat <a href=\"https:\/\/x.com\/dtrickb\/status\/1914754281259065849\">Dietrich Br\u00fcggemann<\/a> am Dienstag auf X gest\u00f6hnt. Und: \u201eIch f\u00fcr meinen Teil w\u00fcrde es wieder tun.\u201c Knapp 1400 Herzchen und gut 300 Retweets. Immerhin, einerseits. Andererseits scheint die Aktion #allesdichtmachen verschwunden zu sein aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis. Es gibt eine Seite auf <a href=\"https:\/\/rumble.com\/c\/c-3437108\">Rumble<\/a>, die die 52 der 53 Videos dokumentiert (Ausnahme: Nadja Uhl). Zw\u00f6lf Follower und ein paar Klicks. 66 zum Beispiel f\u00fcr die gro\u00dfartige <a href=\"https:\/\/rumble.com\/v2tlzty-allesdichtmachen-subtitled-22-kathrin-osterode.html?e9s=src_v1_ucp\">Kathrin Osterode<\/a> und ihre Idee, die Inzidenzen in das Familienleben zu tragen und im Fall der F\u00e4lle auch die Kinder wegzugeben.<\/p>\n<p>Vielleicht sind es auch schon ein paar mehr, wenn Sie jetzt klicken sollten, um jenen sp\u00e4ten April-Abend von 2021 zur\u00fcckzuholen und das Gl\u00fcck, das zum Greifen nah schien. Ich sehe mich noch auf der Couch sitzen, bereit f\u00fcr das Bett, als der Link kam. Ich konnte nicht mehr aufh\u00f6ren. Prominente, endlich. Und auch noch so viele und so gut. Was daraus geworden ist, habe ich genau ein Jahr sp\u00e4ter mit Freunden und Kollegen in ein <a href=\"https:\/\/shop.oval.media\/produkt\/allesdichtmachen\/\">Buch<\/a> gepackt \u2013 noch so ein Versuch, ein Ereignis f\u00fcr die Ewigkeit festzuhalten, das die \u00d6ffentlichkeit ver\u00e4ndert hat und damit das Land, ein Versuch, der genauso in einer Nische versandet ist wie die Rumble-Seite.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte: Auch beim f\u00fcnften Geburtstag wird sich niemand an #allesdichtmachen erinnern wollen, abgesehen nat\u00fcrlich von Dietrich Br\u00fcggemann und ein paar Ewiggestrigen wie mir. Eigentlich lieben Medien Jahrestage, besonders die runden. Wei\u00dft Du noch? Heute vor zehn Jahren? In jedem von uns wohnt ein Nostalgiker, der zur\u00fcckblicken will, Bilanz ziehen m\u00f6chte, Ankerpunkte sucht im Strom der Zeit. Die Redaktionen wissen das. Sie sehen es mittlerweile auch, weil sie alles erfassen lassen, was wir mit ihren Beitr\u00e4gen tun. Die blinkenden Bildschirme in den Meinungsfabriken sagen: Jahrestage gehen immer.<\/p>\n<p>Meine These: #allesdichtmachen bricht diese Regel, obwohl die Aktion alles mitbringt, wonach der Journalismus sucht. Prominenz, Konflikt und Drama mit allem Drum und Dran. Leidenschaft, Tr\u00e4nen und \u2013 ja, auch eine historische Dimension. Falls unsere Enkel noch Kulturgeschichten schreiben d\u00fcrfen, werden sie Br\u00fcggemann &amp; Co. nicht aussparen k\u00f6nnen. Wo gibt es das schon \u2013 eine Kunstaktion, die das Land ver\u00e4ndert? Nach diesen f\u00fcnf Tagen im April 2021 wussten alle, wie die Kr\u00e4fte im Land verteilt sind. Das Wort Diskussionskultur wurde aus dem Duden gestrichen. Und jeder \u00dcberlebende der Anti-Axel-Springer-Demos konnte sehen, dass alle Tr\u00e4ume der Achtundsechziger wahr geworden sind. Die <em>Bildzeitung<\/em> hat nichts mehr zu sagen. Etwas akademischer gesprochen: Die Definitionsmachtverh\u00e4ltnisse haben sich ge\u00e4ndert \u2013 weg von dem Blatt mit den gro\u00dfen Buchstaben und damit von Milieus ohne akademische Abschl\u00fcsse oder B\u00fcrojobs, hin zu den Leitmedien der Menschen, die in irgendeiner Weise vom Staat abh\u00e4ngen und deshalb Zeit haben, sich eine Wirklichkeit zurechtzutwittern.<\/p>\n<p>Der Reihe nach. 22. April 2021, ein Donnerstag. 15 Minuten vor Mitternacht erscheint #allesdichtmachen in der Onlineausgabe der <em>Bildzeitung<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/allesdichtmachen-deutschlands-bekannteste-schauspieler-kritisieren-die-corona-po-76163264.bild.html\">O-Ton<\/a>: \u201eMit Ironie, Witz und Sarkasmus hinterfragen Deutschlands bekannteste Schauspielerinnen und Schauspieler die Corona-Politik der Bundesregierung und kritisieren die hiesige Diskussionskultur.\u201c<\/p>\n<p>Die 53 Videos sind da erst ein paar Stunden online, aber zumindest auf der \u201eHaupt-Website der Aktion\u201c schon nicht mehr abrufbar. \u201eOffenbar gehacked\u201c, schreibt die <em>Bildzeitung<\/em> und wirbt f\u00fcr YouTube. Au\u00dferdem gibt es positive Reaktionen (etwa vom Virologen Jonas Schmidt-Chanasit, der von einem \u201eMeisterwerk\u201c gesprochen habe) sowie einen Ausblick auf das, was die Leitmedien dann dominieren wird: \u201eManche User auf Twitter und Facebook versuchen, die Aktion in die Coronaleugner-Ecke zu r\u00fccken. Dabei leugnet keiner der Schauspielerinnen und Schauspieler auch nur ansatzweise die Existenz des Coronavirus.\u201c<\/p>\n<p>Heute wissen wir: <em>Bild<\/em> setzte hier zwar ein Thema, aber nicht den Ton. Anders gesagt: Was am Donnerstagabend noch zu gelten scheint, ist am Freitag nicht mehr wahr. \u201eWenn man seinen eigenen Shitstorm verschlafen hat\u201c, twittert <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000126265452\/manuel-rubey-ueber-allesdichtmachen-ein-kafkaesker-albtraum\">Manuel Rubey<\/a> am n\u00e4chsten Morgen, ein Schauspieler aus \u00d6sterreich, der in seinem Video fordert, \u201edie Theater, die Museen, die Kinos, die Kabarettb\u00fchnen \u00fcberhaupt nie wieder aufzusperren\u201c. Eine Woche sp\u00e4ter erkl\u00e4rt Rubey im Wiener <em>Standard<\/em> seinen Tweet. Gleich nach der Ver\u00f6ffentlichung habe er vor dem Schlafengehen \u201enoch ein bisschen Kommentare gelesen\u201c und \u201edas Gef\u00fchl\u201c gehabt, \u201edass es verstanden wird, wie es gemeint war\u201c. Der Tag danach: \u201eein kafkaesker Albtraum. Kollegen entschuldigten sich privat, dass sie ihre positiven Kommentare nun doch gel\u00f6scht h\u00e4tten.\u201c<\/p>\n<p>An der <em>Bildzeitung<\/em> hat das nicht gelegen. Die Redaktion blieb bei ihrer Linie und bot <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/unterhaltung\/leute\/kino\/allesdichtmachen-dietrich-brueggemann-wir-haben-in-ein-wespennest-gestochen-76200660.bild.html\">Dietrich Br\u00fcggemann<\/a> an Tag f\u00fcnf (Montag) eine Video-B\u00fchne f\u00fcr eine Art Schlusswort zur Debatte (L\u00e4nge: \u00fcber zw\u00f6lf Minuten), ohne den Regisseur zu denunzieren. Vorher finden sich hier Stimmen, die sonst nirgendwo zu h\u00f6ren waren \u2013 etwa <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/unterhaltung\/leute\/leute\/allesdichtmachen-film-star-ben-becker-was-ist-aus-unserem-land-geworden-76191482.bild.html\">Peter-Michael Diestel<\/a>, letzter DDR-Innenminister, der die \u201eDiskussionskultur besch\u00e4digt\u201c sieht, oder eine <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/unterhaltung\/leute\/leute\/allesdichtmachen-film-star-ben-becker-was-ist-aus-unserem-land-geworden-76191482.bild.html\">PR-Agentin<\/a>, die ihren \u201eKlienten abgeraten\u201c hat, \u201esich in den Sturm zu stellen\u201c.<\/p>\n<p>Geschossen wurde aus allen Rohren \u2013 auf Twitter und in den anderen Leitmedien. Tenor: Die Kritik ist ungerechtfertigt und sch\u00e4dlich. Den Beteiligten wurde vorgeworfen, \u201ezynisch\u201c und \u201eh\u00e4misch\u201c zu sein, die Gesellschaft zu spalten, ohne etwas \u201eKonstruktives\u201c beizutragen, und nur an sich selbst und \u201eihre eigene Lage\u201c zu denken. Dabei wurden Vorurteile gegen Kunst und K\u00fcnstler aktiviert und Rufmorde inszeniert. \u201eF\u00fcr mich ist das Kunst aus dem Elfenbeinturm der Privilegierten, ein elit\u00e4res Gewimmer\u201c, sagte die Schauspielerin <a href=\"https:\/\/www.jetzt.de\/kultur\/nach-allesdichtmachen-kampagne-was-halten-andere-prominente-schauspieler-innen-von-der-aktion\">Pegah Ferydoni<\/a> der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/medien-und-film\/gescheiterte-satire-ueber-corona-politik-allesdichtmachen-17308029.html\">Michael Hanfeld<\/a> bescheinigte den Schauspielprofis in der FAZ, ihre Texte \u201epeinlich aufgesagt\u201c zu haben. In der <em>Zeit<\/em> fiel das Wort \u201e<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/film\/2021-04\/allesdichtmachen-schauspieler-corona-massnahmen-pandemie-politik?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F\">grauenhaft<\/a>\u201c, und eine <em>Spiegel<\/em>\u2013 <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/allesdichtmachen-als-film-muesste-diese-kampagne-kleinhirnkueken-heissen-a-061bb3ba-3b04-4ee0-9417-737017f70b01\">Videokolumne<\/a> sprach sogar von \u201eWaschmittelwerbung\u201c.<\/p>\n<p>In der <em>Bildzeitung<\/em> lie\u00dfen \u00dcberschriften und Kommentare dagegen keinen Zweifel, wo die Sympathien der Redaktion liegen. \u201e<a href=\"https:\/\/www.bild.de\/unterhaltung\/leute\/leute\/allesdichtmachen-mit-meret-becker-liefers-und-co-heftige-kritik-von-ulrich-matth-76177452.bild.html\">Filmakademie-Pr\u00e4sident geht auf Kollegen los<\/a>\u201c steht \u00fcber der Meldung, dass Ulrich Matthes die Aktion kritisiert hat. Dachzeile: \u201e\u201aZynisch\u2018, \u201akomplett naiv und ballaballa\u2018\u201c. Auf dem Foto wirkt Matthes arrogant und abgehoben \u2013 wie ein K\u00f6ter, der um sich bei\u00dft. \u201eIch bin ein #allesdichtmachen-Fan\u201c, schreibt <em>Bild<\/em>-Urgestein <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/kolumnen\/franz-josef-wagner\/post-von-wagner-ich-bin-ein-allesdichtmachenfan-76190662.bild.html\">Franz-Josef Wagner<\/a> am 25. April \u00fcber seine Kolumne.<\/p>\n<p>Mehr als zwei Dutzend Artikel \u00fcber dieses lange Wochenende, die meisten davon Pro. Ralf Schuler, damals dort noch Leiter der Parlamentsredaktion und in jeder Hinsicht ein Schwergewicht, \u00e4u\u00dfert sich gleich zweimal. \u201eGro\u00dfes Kino!\u201c sagt er am <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/bei-allesdichtmachen-diese-werke-und-momente-zitieren-die-schauspieler-76175906.bild.html\">23. April<\/a>. Am <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/kolumnen\/kolumne\/kommentar-zu-allesdichtmachen-was-ist-eigentlich-los-in-deutschland-76176452.bild.html\">n\u00e4chsten Tag<\/a> versteht Schuler sein Land nicht mehr: \u201e53 Top-K\u00fcnstler greifen in Videos die Corona-Stimmung im Lande auf: Kontakt- und Ausgangssperre, Alarmismus, Denunziantentum, wirtschaftliche Not und Ohnmachtsgef\u00fchle. Die Antwort: Hass, Shitstorm und ein SPD-Politiker denkt sogar \u00f6ffentlich \u00fcber Berufsverbote f\u00fcr die beteiligten Schauspieler nach. Binnen Stunden ziehen die ersten verschreckt ihre Videos zur\u00fcck, andere distanzieren sich, m\u00fcssen \u00f6ffentlich Rechtfertigungen abgeben. Geht\u2019s noch?\u201c Weiter bei Schuler: \u201eEs ist Aufgabe von Kunst und Satire, dahin zu zielen, wo es wehtut, Stimmungen aufzugreifen und aufzubrechen, Machtworte zu ignorieren und dem Virus nicht das letzte Wort zu lassen. Auch, wenn ein Teil des Zuspruchs von schriller, schr\u00e4ger oder politisch unappetitlicher Seite kommt. Das \u00fcberhaupt erw\u00e4hnen zu m\u00fcssen, beschreibt bereits das Problem: eine Politik, die ihr Tun f\u00fcr alternativlos, ultimativ und einzig wahr h\u00e4lt und Kritiker in den Verdacht stellt, Tod \u00fcber Deutschland bringen zu wollen.\u201c<\/p>\n<p>Immerhin: Der Lack war endg\u00fcltig ab von dieser Demokratie. Die Aktion #allesdichtmachen ist ein Lehrst\u00fcck. Rally around the flag, wann immer es die da oben befehlen. Lasst uns in den Kampf ziehen. Gestern gegen ein Virus, heute gegen die Russen und morgen gegen die ganze Welt \u2013 oder wenigstens gegen alle, die Fragen stellen, Zweifel haben, nicht laut Hurra rufen. Innerer Frieden? Ab auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte. Wir sollten diesen Jahrestag feiern, immer wieder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_10537 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_10537')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_10537').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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