{"id":11620,"date":"2026-04-29T09:11:50","date_gmt":"2026-04-29T08:11:50","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=11620"},"modified":"2026-04-30T08:17:56","modified_gmt":"2026-04-30T07:17:56","slug":"die-urinprobe-der-republik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/die-urinprobe-der-republik\/","title":{"rendered":"Die Urinprobe der Republik"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"><strong>\u00a0\u00dcber Oliver Welke, Howard Carpendale und den \u00f6ffentlich-rechtlichen Geruch der Verachtung. Es gibt Momente, in denen sich eine Gesellschaft nicht in Regierungserkl\u00e4rungen entlarvt. Nicht in Parteiprogrammen. Nicht in Talkshows, in denen vier Berufsmoralisten und ein Quotenabweichler so tun, als ginge es um Erkenntnis. Manchmal reicht ein schlechter Witz. Ein Witz, der so alt ist, dass er selbst Pflegegrad beantragen k\u00f6nnte. Ein Witz, der nicht komisch ist, sondern nur deshalb funktioniert, weil die Richtigen \u00fcber die Falschen lachen d\u00fcrfen.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p>Von <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/permalink.php?story_fbid=pfbid0NzgFAjz85SGboPmCEcsUK5L2ZUNtrrVou3RSZiLdYV3GGTaahj2PeUKWBRNviBMZl&amp;id=504896896\"><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"> Thomas Hoffbauer<\/span><\/a><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Oliver Welke, Chefmoderator der geb\u00fchrenfinanzierten Gewissheit, machte in der heute-show einen Scherz \u00fcber die erste Reihe bei Howard Carpendale. Hundert Beine, Geruch nach Urin. Das sollte wohl lustig sein. Oder kritisch. Oder \u201ealtersgerecht\u201c, wie man im ZDF vielleicht sagt, wenn einem gerade keine Pointe einf\u00e4llt und man deshalb in jene Schublade greift, in der seit Jahrzehnten die vergilbten Witze \u00fcber alte Leute liegen. <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/reel\/2044981673037723\">Howard Carpendale fand das nicht komisch.<\/a> Das ist zun\u00e4chst einmal bemerkenswert. Schlagerstars gelten in Deutschland als Wesen, die vieles ertragen m\u00fcssen: den Spott der Feuilletons, die Verachtung der Kulturredaktionen, das ironische L\u00e4cheln akademischer Milieus, die bei Wagner Ehrfurcht empfinden und bei Carpendale pl\u00f6tzlich so tun, als sei Musikgeschmack eine Frage der Menschenw\u00fcrde. <\/span><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Carpendale reagierte verletzt, aber nicht einf\u00e4ltig. Er fragte sinngem\u00e4\u00df: Warst du \u00fcberhaupt einmal bei einem meiner Konzerte? Wei\u00dft du, \u00fcber wen du da redest? Das ist die entscheidende Frage. Denn die \u00f6ffentlich-rechtliche Satire wei\u00df oft nicht, \u00fcber wen sie redet. Sie wei\u00df nur, auf wen sie herabsieht. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"><strong>Die Moral kommt von oben<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Man muss diese kleine Auseinandersetzung nicht gr\u00f6\u00dfer machen, als sie ist. Aber man sollte sie auch nicht kleiner machen, als sie sein k\u00f6nnte. Denn sie zeigt etwas, das l\u00e4ngst zum Grundton des deutschen Medienbetriebs geworden ist: eine Mischung aus Erziehungsanspruch, Milieuverachtung und p\u00e4dagogischer \u00dcbergriffigkeit. Auf der einen Seite steht das moralische Betreuungspersonal der Republik: Welke, Hayali, Illner, Maischberger, Theve\u00dfen, B\u00f6hmermann, Bosetti, Kebekus und all die anderen Fernsehgesichter, die dem B\u00fcrger Abend f\u00fcr Abend erkl\u00e4ren, wie Demokratie geht, wie Anstand geht, wie Vielfalt geht, wie Klima geht, wie Corona zu verstehen war, wie Ukraine zu sehen ist, wie Migration einzuordnen ist, wie rechts gef\u00e4hrlich ist, wie links sensibel ist und wie man \u00fcberhaupt ein Mensch zu sein hat, ohne durch falsches Denken unangenehm aufzufallen. Auf der anderen Seite steht der P\u00f6bel. Nat\u00fcrlich nennt man ihn nicht so. Man sagt: \u201edie Menschen da drau\u00dfen\u201c, \u201edie Verunsicherten\u201c, \u201edie Abgeh\u00e4ngten\u201c, \u201edie \u00c4lteren\u201c, \u201edie Protestw\u00e4hler\u201c, \u201edie Skeptiker\u201c, \u201edie mit Sorgen\u201c. Das klingt sozialtherapeutisch. Und genau deshalb ist es so herablassend. <\/span><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Der B\u00fcrger wird nicht mehr als m\u00fcndiges Subjekt behandelt, sondern als Patient mit Wahlrecht. Er darf alle vier Jahre ein Kreuz machen. Danach muss man ihm erkl\u00e4ren, warum er es falsch gemacht hat. Und wenn dieser B\u00fcrger dann auch noch Howard Carpendale h\u00f6rt, ist offenbar endg\u00fcltig alles verloren. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"><strong>Die letzte erlaubte Menschenverachtung<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Das Interessante an Welkes Witz ist nicht, dass er derb war. Derbheit kann gro\u00dfartig sein. Ohne Derbheit g\u00e4be es keine Satire, keine Kom\u00f6die, kein Wirtshaus und vermutlich auch keine Ehe, die l\u00e4nger als acht Jahre h\u00e4lt. Das Problem ist nicht die Derbheit. Das Problem ist die Richtung. Satire darf viel. Sie darf \u00fcbertreiben, verzerren, beleidigen, verletzen. Aber moderne Mediensatire hat sich eine merkw\u00fcrdige Selektivit\u00e4t angew\u00f6hnt. Sie tritt gegen oben, wenn oben gerade aus den falschen Leuten besteht. Sie tritt gegen unten, wenn unten aus den richtigen Leuten besteht. Der Rentner in der ersten Reihe beim Carpendale-Konzert ist offenbar Freiwild. Er geh\u00f6rt zu keiner gesch\u00fctzten Kategorie, jedenfalls zu keiner, die im Moralhaushalt des ZDF besonders hoch bewertet wird. W\u00e4re der Witz \u00fcber eine andere Gruppe gegangen, h\u00e4tte es binnen Minuten eine Debatte \u00fcber \u201egruppenbezogene Menschenfeindlichkeit\u201c gegeben. Man h\u00e4tte Expertinnen eingeladen, die erkl\u00e4ren, dass Sprache Gewalt ist. Es g\u00e4be eine Stellungnahme des Senders, ein betroffenes Gesicht, vielleicht sogar einen kleinen Brennpunkt der Gef\u00fchle. Aber alte Schlagerfans? Bitte. Die riechen nach Urin. Da darf man noch einmal ganz unbeschwert ver\u00e4chtlich sein. <\/span><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Alter ist eine der letzten Diskriminierungskategorien, bei der sich die Diskriminierer f\u00fcr besonders modern halten. Man darf alte Menschen als r\u00fcckst\u00e4ndig, peinlich, senil, k\u00f6rperlich defekt und kulturell minderbemittelt darstellen, solange sie nicht in einem Diversity-Programm vorkommen. Der alte Mensch als Tr\u00e4ger von W\u00fcrde interessiert nur, wenn er in einer Kampagne gegen Einsamkeit auftaucht. Sitzt er hingegen in der ersten Reihe bei Carpendale, wird er zur Pointe. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"><strong>Betreutes Lachen<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Die heute-show ist seit Jahren ein interessantes Ph\u00e4nomen. Sie ist eine Satiresendung f\u00fcr Menschen, die gern lachen m\u00f6chten, aber vorher wissen wollen, ob das Lachen politisch zertifiziert ist. Man bekommt dort selten \u00dcberraschung. Man bekommt Best\u00e4tigung. Die Pointe ist nicht Erkenntnis, sondern Absolution. Das Publikum lacht nicht, weil es aus dem Konzept gebracht wird. Es lacht, weil es sich wiedererkennt: Ja, so sehen wir das auch. Rechts ist doof. Trump ist irre. Die AfD ist gef\u00e4hrlich. Die FDP ist kaltherzig. Die CDU ist r\u00fcckst\u00e4ndig. Klimaskepsis ist dumm. Corona-Kritik war Schwurbelei. Und alte Leute bei Carpendale riechen nach Urin.<\/span><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"> Das ist keine Satire im klassischen Sinn. Das ist betreutes Lachen. Gute Satire m\u00fcsste dem Publikum den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegziehen. Deutsche Fernsehsatire legt ihm eher eine Heizdecke \u00fcber die Knie und sagt: Du bist auf der richtigen Seite. Das B\u00f6se sitzt woanders. Falls du doch einmal zweifelst, erkl\u00e4ren wir es dir nach der Werbung noch einmal. Hier beginnt das Problem des \u00f6ffentlich-rechtlichen Moralbetriebs. Nat\u00fcrlich sind Welke, Hayali, Illner, Maischberger, Theve\u00dfen, B\u00f6hmermann oder Bosetti nicht alle gleich. Sie haben unterschiedliche Rollen, Formate, Temperamente. Der eine macht Satire, die andere moderiert, der n\u00e4chste kommentiert, die n\u00e4chste fragt. Aber gemeinsam erzeugen sie einen bestimmten Klangraum: den Klangraum der betreuten \u00d6ffentlichkeit. Dort wird nicht nur informiert. Dort wird eingeordnet.Und Einordnung hei\u00dft in Deutschland inzwischen oft: Der Zuschauer soll nicht allein mit den Fakten gelassen werden. Wer wei\u00df, was er sonst daraus macht. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"><strong>Der B\u00fcrger als Erziehungsfall<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Die \u00f6ffentlich-rechtliche Grundhaltung lautet zu oft: Der B\u00fcrger ist gef\u00e4hrlich, wenn er unbeaufsichtigt denkt. Er k\u00f6nnte aus hohen Energiepreisen schlie\u00dfen, dass die Energiewende schlecht gemanagt wurde. Er k\u00f6nnte aus innerer Unsicherheit schlie\u00dfen, dass Migration nicht nur Bereicherung, sondern auch Konflikt bedeutet. Er k\u00f6nnte aus Corona-Protokollen schlie\u00dfen, dass Wissenschaft und Politik nicht immer dasselbe waren. Er k\u00f6nnte aus Wahlumfragen schlie\u00dfen, dass eine Regierung nicht deshalb unbeliebt ist, weil die Bev\u00f6lkerung zu dumm ist, sondern weil die Regierung schlecht arbeitet. Also muss man helfen. Man muss erkl\u00e4ren, einordnen, warnen, sensibilisieren, kontextualisieren. Das ist der neue Journalismus: nicht sagen, was ist, sondern sagen, was man davon zu halten hat. Und wehe, der B\u00fcrger h\u00e4lt trotzdem etwas anderes davon. Dann wird aus dem \u201em\u00fcndigen B\u00fcrger\u201c sehr schnell der \u201everunsicherte B\u00fcrger\u201c. Aus Kritik wird \u201eRessentiment\u201c. Aus Widerspruch wird \u201eDesinformation\u201c. Aus einem politischen Gegner wird ein \u201eProblem f\u00fcr die Demokratie\u201c. Und aus dem Zuschauer, der seit Jahrzehnten Geb\u00fchren zahlt, wird ein Fall f\u00fcr p\u00e4dagogische Nachbetreuung. <\/span><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Das \u00f6ffentlich-rechtliche System liebt den B\u00fcrger ungef\u00e4hr so, wie ein Heimleiter seine Bewohner liebt. Er will nur das Beste. Vor allem Ruhe. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"><strong>Howard Carpendale als unerwarteter Klassenk\u00e4mpfer<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Und dann kommt ausgerechnet Howard Carpendale. Nicht ein Philosoph. Nicht ein Medienkritiker. Nicht ein Verfassungsrechtler. Nicht ein Publizist mit Leberwerten und Zornvorrat. Sondern Howard Carpendale. Der Mann, den das deutsche Feuilleton vermutlich immer f\u00fcr eine Art musikalischen Einrichtungsgegenstand hielt: freundlich, harmlos, nostalgisch, irgendwie cremefarben. Und dieser Carpendale sagt: Moment mal. So redest du nicht \u00fcber mein Publikum. Das ist st\u00e4rker, als es zun\u00e4chst wirkt. Denn Carpendale verteidigt Menschen, die in der kulturellen Hackordnung nicht besonders weit oben stehen. Seine Fans sind keine symbolisch aufgeladenen Opfer des Zeitgeistes. Sie sind keine Masterseminar-Kategorie. Sie haben keine Lobby in Redaktionskonferenzen. Sie gehen auf Konzerte. Sie kaufen Alben. Sie singen mit. Sie erinnern sich an Liebe, Abschied, Jugend, an Ehen, die gehalten haben, und an Ehen, die nicht gehalten haben. Sie sind nicht hip. Sie sind nicht diskursf\u00e4hig. Sie sind einfach da. Und genau das scheint zu st\u00f6ren. Denn der moderne Medienmensch kann vieles ertragen. Nur keine Leute, die ohne seine Erlaubnis gl\u00fccklich sind. Der Schlagerfan begeht das schlimmste denkbare Verbrechen gegen die Kulturklasse: Er braucht sie nicht. Er braucht keine Rezension. Keine Haltungsnote. Kein politisches Begleitseminar. Er will einen Abend mit Musik. Das ist subversiver, als man denkt. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\"><strong>Verachtung im Gewand der Empathie<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Das Wort \u201ewoke\u201c wird inzwischen inflation\u00e4r verwendet, oft unscharf, manchmal als Keule. Aber in diesem Zusammenhang beschreibt es eine reale Haltung: eine moralisch aufgeladene Wachsamkeit, die st\u00e4ndig nach Diskriminierung sucht, aber die eigene Verachtung nicht erkennt. Man ist sensibel f\u00fcr jede sprachliche Mikroverletzung, solange sie die richtigen Gruppen betrifft. Man achtet auf Pronomen, Repr\u00e4sentation, Triggerwarnungen, Sichtbarkeit und Safe Spaces. Aber wenn es gegen \u00e4ltere Leute geht, gegen Ostdeutsche, Arbeiter, Dorfmenschen, Schlagerfans, Autofahrer, Fleischesser, Handwerker, Rentner, Vereinsmenschen, Leute mit schlechten Z\u00e4hnen und gutem Ged\u00e4chtnis, dann wird die Empathie pl\u00f6tzlich rationiert. Dann darf man lachen. Nicht mit ihnen. \u00dcber sie. Das ist die eigentliche Pointe. Die selbsternannte Empathieklasse ist selektiv empathisch. Sie liebt \u201edie Menschen\u201c als abstraktes Kollektiv, aber verachtet viele konkrete Menschen, sobald sie falsch w\u00e4hlen, falsch sprechen, falsch essen, falsch heizen, falsch fahren oder falsch Musik h\u00f6ren. Der Mensch ist gut. Die Leute sind das Problem. Der \u00f6ffentlich-rechtliche Hochsitz. Oliver Welke ist nicht allein das Problem. Er ist ein Symptom. Die eigentliche Frage lautet: Wie konnte sich ein Milieu bilden, das t\u00e4glich Moral produziert und dabei nicht merkt, wie h\u00e4sslich es selbst klingen kann? Die Antwort ist einfach: Monopol macht bequem. Moralisches Monopol macht hochm\u00fctig. Wer sich f\u00fcr die Stimme der Vernunft h\u00e4lt, muss nicht mehr zuh\u00f6ren.\u00a0 <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Wer glaubt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, braucht keine Argumente mehr, sondern nur noch Gegner. Wer sich als Bollwerk gegen Populismus versteht, merkt irgendwann nicht mehr, dass er selbst populistische Muster benutzt: Verk\u00fcrzung, Gruppenspott, Feindmarkierung, Ver\u00e4chtlichmachung. Nur eben mit besserer Garderobe. Der \u00f6ffentlich-rechtliche Hochsitz erlaubt einen wunderbaren Blick auf das Land. Von dort oben sieht man alles: Rentner, Bauern, Handwerker, Pendler, Schlagerfans, Zweifler, Falschw\u00e4hler, Ungeimpfte, Wutb\u00fcrger, kleine Leute, die immer dann \u201ekleine Leute\u201c hei\u00dfen, wenn man gro\u00df \u00fcber sie sprechen will. Man sieht sie nur nicht auf Augenh\u00f6he. Entschuldigung? Aber wof\u00fcr denn? Wird Oliver Welke sich entschuldigen? Vielleicht. Vielleicht mit einem ironischen Halbsatz, der gleichzeitig Entschuldigung und Selbstverteidigung ist. Vielleicht auch gar nicht. Vielleicht wird man erkl\u00e4ren, es sei Satire gewesen, und wer Satire nicht verstehe, habe eben ein Problem. Das ist die bequemste Ausrede der Satiriker: Wenn der Witz nicht funktioniert, ist das Publikum schuld. Aber gute Satire erkennt man nicht daran, dass sie sich hinter dem Wort Satire verstecken muss. Gute Satire trifft pr\u00e4zise. Schlechte Satire spritzt breit und erkl\u00e4rt den Getroffenen anschlie\u00dfend, sie sollten sich nicht so anstellen. <\/span><\/p>\n<p><span class=\"css-1jxf684 r-bcqeeo r-1ttztb7 r-qvutc0 r-poiln3\">Carpendale hat im Grunde wenig verlangt: Respekt vor seinem Publikum. Das ist nicht \u00fcbertrieben. Es ist sogar erstaunlich bescheiden. Er hat nicht gefordert, die heute-show abzusetzen. Er hat keinen Rundfunkstaatsvertrag bem\u00fcht. Er hat nicht von Hassrede gesprochen. Er hat nur gesagt: Entschuldige dich. In einem Zeitalter, in dem sich st\u00e4ndig irgendwer f\u00fcr irgendetwas entschuldigen soll, w\u00e4re das eigentlich eine Kleinigkeit. Aber vielleicht liegt genau darin das Problem. Entschuldigen sollen sich immer die anderen: der B\u00fcrger f\u00fcr seine Vorurteile, der Rentner f\u00fcr seine \u00d6lheizung, der Autofahrer f\u00fcr seine Mobilit\u00e4t, der Ostdeutsche f\u00fcr seine Wahlergebnisse, der Mann f\u00fcr seine M\u00e4nnlichkeit, der Deutsche f\u00fcr seine Geschichte, der Steuerzahler f\u00fcr seinen Wohlstand. Dass sich einmal das moralische Betreuungspersonal entschuldigen soll, ist offenbar eine Zumutung. Der Geruch kommt woanders her. Am Ende bleibt von diesem Vorgang tats\u00e4chlich ein merkw\u00fcrdiger Geruch. Aber es ist nicht der Geruch der ersten Reihe bei Carpendale. Es ist der Geruch einer medialen Klasse, die sich an ihre eigene \u00dcberlegenheit gew\u00f6hnt hat. Der Geruch von Studios, in denen man \u00fcber Menschen spricht, denen man nie begegnet. Der Geruch von Satire, die mutig ist, solange sie nichts riskiert. Der Geruch einer Empathie, die immer dort endet, wo der eigene Milieugeschmack beginnt. Howard Carpendale hat unbeabsichtigt einen kleinen Vorhang weggezogen. Dahinter sieht man nicht viel Neues. Aber man sieht es klarer. Die Verachtung der besseren Leute f\u00fcr die gew\u00f6hnlichen Leute ist nicht verschwunden. Sie hat nur eine neue Sprache gelernt. Fr\u00fcher sagte man: P\u00f6bel. Heute sagt man: problematische Milieus. Der Unterschied ist kosmetisch. Und Oliver Welke? Er k\u00f6nnte aus der Sache lernen. Er k\u00f6nnte entdecken, dass alte Menschen nicht deshalb komisch sind, weil sie alt sind. Dass Schlagerfans nicht weniger W\u00fcrde haben als Fernsehsatiriker. Dass eine Pointe nicht automatisch klug ist, nur weil sie im ZDF f\u00e4llt. Und dass Empathie nicht darin besteht, sie st\u00e4ndig anderen zu predigen, sondern sie gelegentlich selbst aufzubringen. Vielleicht ist das zu viel verlangt. Denn wer jeden Freitag das Land erkl\u00e4rt, hat selten Zeit, es kennenzulernen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_11620 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_11620')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_11620').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"action\":\"like\",\"language\":\"de_DE\"},\"twitter\":{\"reply_to\":\"\",\"tweet_text\":\"%20Die%20Urinprobe%20der%20Republik%20%C2%BB%20St%C3%A4ndige%20Publikumskonferenz%20der%20...\",\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Twitter senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"language\":\"de\",\"referrer_track\":\"\"}},\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/publikumskonferenz.de\\\/blog\\\/die-urinprobe-der-republik\\\/\",\"post_id\":11620,\"post_title_referrer_track\":\"Die+Urinprobe+der+Republik\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00dcber Oliver Welke, Howard Carpendale und den \u00f6ffentlich-rechtlichen Geruch der Verachtung. Es gibt Momente, in denen sich eine Gesellschaft nicht in Regierungserkl\u00e4rungen entlarvt. Nicht in Parteiprogrammen. Nicht in Talkshows, in denen vier Berufsmoralisten und ein Quotenabweichler so tun, als ginge &hellip;<\/p>\n<p class=\"read-more\"> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/die-urinprobe-der-republik\/\"> <span class=\"screen-reader-text\">Die Urinprobe der Republik<\/span> Weiterlesen &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11622,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[552,770,472,771,20],"class_list":["post-11620","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news","tag-gesellschaft","tag-heute-show","tag-satire","tag-schlager","tag-zdf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11620"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11623,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11620\/revisions\/11623"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}