{"id":1515,"date":"2016-08-03T11:48:11","date_gmt":"2016-08-03T10:48:11","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=1515"},"modified":"2016-08-13T08:22:53","modified_gmt":"2016-08-13T07:22:53","slug":"anmerkungen-zu-wuerzburg-und-ansbach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/anmerkungen-zu-wuerzburg-und-ansbach\/","title":{"rendered":"Anmerkungen zu W\u00fcrzburg und Ansbach"},"content":{"rendered":"<p><em>Beitragsbild: http:\/\/wallpapercave.com\/jack-nicholson-wallpaper<\/em><\/p>\n<p>Ein Beitrag von <a href=\"https:\/\/logon-echon.com\/2016\/08\/01\/anmerkungen-zu-wuerzburg-und-ansbach\/\">Gert Ewen Unger<\/a><\/p>\n<p>Als ich in den Nachrichten las, in W\u00fcrzburg h\u00e4tte ein Mann mit einer Axt Mitreisende in einem Zug schwer verletzt und get\u00f6tet, war das erste, was ich dachte, wo ist eigentlich mein Patient Herr Sowieso, wollte der nicht nach S\u00fcddeutschland f\u00fcr eine Woche?<\/p>\n<p>Wenn Herr Sowieso seine Neuroleptika absetzt, was er regelm\u00e4\u00dfig tut, da er unter ihren Nebenwirkungen leidet, f\u00e4ngt er an kommentierende Stimmen zu h\u00f6ren und seine Wahrnehmung von Welt verr\u00fcckt sich. Er wird dann im eigentlichen Sinne des Wortes verr\u00fcckt. Wegen der Stimmen, aber auch aus anderen Gr\u00fcnden, die mit dieser Verr\u00fcckung zu tun haben, hatte er auch schon h\u00e4ufiger eine Axt bereit gestellt, wobei er regelm\u00e4\u00dfig androhte, mit ihrer Hilfe sein Recht auf Ruhe und Reizarmut in einer Welt nachdr\u00fccklich durchsetzen zu wollen, die f\u00fcr den L\u00e4rm und die Reizflut in ihm nichts konnte. Wenn das passiert, trifft sich unmittelbar eine ganze Schar aus Mitarbeitern der Sozialpsychiatrie, um zu beraten, was zu tun sei. Wie sich wenig sp\u00e4ter herausstellte, war es Herr Sowieso nicht gewesen. Ich atmete auf.  Wir hatten nicht versagt, nichts \u00fcbersehen. <\/p>\n<p>Es gibt unterschiedliche Modelle, die versuchen, zu erkl\u00e4ren, wie es zu derart verschobenen Wahrnehmungen von Welt, wie es zu Psychosen kommt. Alle haben Vor- und Nachteile, v\u00f6llig schl\u00fcssig erkl\u00e4ren kann keins das Entstehen von Psychosen. Von einer Vorhersage, wann, wer in welcher Form von einer Psychose betroffen sein wird, und in welcher Form sie sich dann \u00e4u\u00dfern wird, sind wir himmelweit entfernt. Vermutlich wird das auch niemals zu erreichen sein. Genauso wenig, wie wir vorhersehen k\u00f6nnen, aus welchem Neugeborenen ein Schwuler oder eine Lesbe wird, wer s\u00fcchtig werden wird, wer zu den Hochbegabten und wer zu den Versagern z\u00e4hlen wird, genauso wenig k\u00f6nnen wir vorhersehen, wer von Wahnsinn befallen werden wird und wer nicht. Wir wissen nur, dass es in einem statistisch relevanten Umfang passieren wird.<\/p>\n<p>Weitgehend anerkannt ist das Vulnerabilit\u00e4ts-Stress-Modell f\u00fcr die Erkl\u00e4rung, wie Psychosen entstehen. Es besagt, sie entstehen aus einer Vielzahl von Faktoren. Genetische Disposition spielt dabei eine Rolle, biographische Faktoren ebenso und nat\u00fcrlich Stress.<\/p>\n<p>Man kann daher auch sagen, je h\u00f6her der Stress in einer Gruppe ist, desto mehr Mitglieder antworten darauf mit psychotischem Verhalten. Welche Individuen das konkret sein werden, l\u00e4sst sich nicht vorhersagen.<br \/>\nDas l\u00e4sst aber auch den Umkehrschluss zu, dass es in stressarmen Gruppen weniger Psychotiker gibt. V\u00f6llig eliminieren kann man das Ph\u00e4nomen nicht. Wir m\u00fcssen alle gemeinsam damit leben. <\/p>\n<p>So, das war wieder eine viel zu lange Einleitung.<\/p>\n<p><strong>Jetzt zum Hauptteil:<\/strong> Was in den letzten Dekaden immer schneller zugenommen hat, ist der gesellschaftliche Stress, den westliche Gesellschaften ihren Mitglieder zumuten. Da ist zum einen der zunehmende \u00f6konomische Druck durch das neoliberale Modell, das zu Arbeitsverdichtung, Ausgrenzung, abnehmender sozialer Sicherheit und damit verbunden zu einem hohen Anpassungsdruck f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Begleitet wird dies sp\u00e4testens seit dem 11. September 2001 durch eine immer weitergehende Aufspaltung in Gruppen und Untergruppen, die gegeneinander in Opposition gebracht werden. Die k\u00fcnstlich gez\u00fcchtete Angst vor dem Islam ist hierf\u00fcr das Paradebeispiel. Es gibt darin eine hohe rassistische Komponente, denn ob Einzelne dem Islam zugeschrieben werden, hat mehr mit deren Hautfarbe und Aussehen als mit deren Glaubensbekenntnis zu tun.<\/p>\n<p>Bestes  und daher ganz kurz erz\u00e4hltes Beispiel: Wir erinnern uns, dass die USA den Irak angegriffen haben, wegen dessen vermeintlicher Verbindung zu Al Kaida, dabei war der Irak ein s\u00e4kularer Staat, der mit Religion recht wenig am Hut hatte. Aber Saddam Hussein sah irgendwie so aus als ob. Durch diese Verbindung von Aussehen und Inhalt, durch diesen Rassismus wurde medial der Krieg gegen den Irak m\u00f6glich gemacht, damit aber auch der IS geschaffen. Das ist der tragik-komische Witz, den uns Geschichte hier erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Durch diesen Rassismus werden in unseren Gesellschaften auch Psychotiker geschaffen, denn der gesellschaftliche Druck auf Muslime und auf Menschen, die so aussehen als w\u00e4ren sie Moslems, ist enorm gestiegen. Sowohl Orlando als auch die Attentate hier in Deutschland lassen sich mit dieser Erkl\u00e4rung viel besser und tiefer fassen, als mit der, es handele sich hier um Islamisten, die sich blitzschnell radikalisiert h\u00e4tten. Das ist, mit Verlaub, absoluter Bl\u00f6dsinn. Dass er in deutschen Talkshows vorgetragen und in den Gazetten weiterverbreitet wird, bezeugt den akuten Fachkr\u00e4ftemangel, der im deutschen Qualit\u00e4tsjournalismus herrscht. <\/p>\n<p>Schlie\u00dft man sich der Erkl\u00e4rung an, dass Stress und Druck Psychotiker produzieren k\u00f6nnen, die dann zu schrecklichen Taten in der Lage sind, hat das allerdings auch Konsequenzen f\u00fcr den Umgang mit dem Ph\u00e4nomen.<br \/>\nDem \u201cWir schaffen das\u201d m\u00fcssen Mittel zur Verf\u00fcgung gestellt werden, damit dieses Schaffen auch gelingen kann. Doch genau das passiert nicht. Aus diesem Grund ist die Kritik Sahra Wagenknechts an der Kanzlerin mehr als berechtigt. <\/p>\n<p>Wenn Menschen im Krieg leben, bedeutet das Stress, wenn Menschen sich auf den Weg machen, um dem Krieg zu entfliehen, bedeutet das Stress, wenn sie Verwandte zur\u00fccklassen, bedeutet das Stress, wenn diese Menschen Hindernisse auf diesem Weg \u00fcberwinden, bedeutet das Stress, wenn Menschen dann ankommen und eingepfercht werden, bedeutet das Stress, wenn sie sich best\u00e4ndig rechtfertigen und erkl\u00e4ren m\u00fcssen, bedeutet das Stress.<br \/>\nDer ganze Rahmen, den der Westen da geschaffen hat und aufrecht erh\u00e4lt, ist ideal f\u00fcr das Entstehen von Psychosen. Wollte man dagegen angehen, m\u00fcsste ein engmaschiges Netz der psychosozialen Versorgung gespannt werden, um das abzufedern und rechtzeitig auf Entwicklungen reagieren zu k\u00f6nnen, bevor Schaden entsteht. Aber das kostet freilich Geld. Dieses Geld auszugeben, ist die Bundesregierung nicht bereit. Es ist vermutlich auch nicht in ihrem Sinne.<\/p>\n<p>Aber auch umgedreht bedeutet das Ankommen von einer gro\u00dfen Zahl von Menschen, die dann auf Unterst\u00fctzung angewiesen sind, f\u00fcr diejenigen Stress, die jetzt schon von dieser Unterst\u00fctzung leben, weil sie mit den immer weiter steigenden Anforderungen nicht mithalten k\u00f6nnen. Es bedeutet Stress, weil diese f\u00fcrchten, von dem Wenigen, das ihnen zugesprochen wird, noch abgegeben zu m\u00fcssen. Wenn diejenigen, die jetzt gerade mal einen befristeten Arbeitsvertrag zum Mindestlohn erhalten haben, h\u00f6ren, da str\u00f6mt eine gro\u00dfe Zahl an Menschen in den Arbeitsmarkt, die um genau diese Jobs im unteren Segment konkurrieren werden, dann bedeutet das Stress. Wenn Menschen gesagt wird, ihr werdet von der Rente nicht leben k\u00f6nnen, m\u00fcsst aber bis mindestens siebzig arbeiten, weil wir Fl\u00fcchtlinge aufnehmen mussten, bedeutet das Stress.<br \/>\nEs lie\u00dfe sich fortsetzen, belegt werden soll hier nur, wie die deutsche Gesellschaft inzwischen unter enormem Druck steht, der sich in Einzelnen anstauen und auch in Einzelnen entladen wird. Das wird solange gehen, wie diese Einzelnen das Gef\u00fchl haben, keine Stimme zu haben, die geh\u00f6rt wird, dass sie keiner Gruppe zugeh\u00f6ren, die ihre Interessen vertritt.<\/p>\n<p>Man kann das alles auffangen und abfedern, wenn man denn will, aber das kostet Geld. Sicherheit zu erzeugen, kostet Geld. Und wenn diese Sicherheit real sein soll, muss sie sich als Gef\u00fchl \u00e4u\u00dfern, von der Gesellschaft getragen und nicht im Stich gelassen zu werden. Man nennt das soziale Sicherheit. Sie ist wichtig f\u00fcr das Funktionieren einer Gesellschaft.<br \/>\nDoch genau dieses Gef\u00fchl von sozialer Sicherheit wurde in den letzten Dekaden mit aller Brutalit\u00e4t und Vehemenz zerst\u00f6rt.<br \/>\nPolizei, Milit\u00e4r und fl\u00e4chendeckende \u00dcberwachung sind die denkbar ungeeignetsten Mittel, um Amokl\u00e4ufen zu begegnen. Ich habe herzlich gelacht, als ich Merkels Neun-Punkte-Plan gelesen hatte. Der deutsche Fachkr\u00e4ftemangel reicht offensichtlich bis ins Kanzleramt. Wenn man Sicherheit m\u00f6chte, m\u00fcsste man nur den Sozialstaat wieder auf- und ausbauen. Eine Grundgesetz\u00e4nderung ist dazu nicht notwendig. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Weil das aber alles unterbleibt, ist das Merkelsche Mantra vom \u201eWir schaffen das\u201c einfach eine L\u00fcge, da die Voraussetzungen zum Gelingen nicht bereitgestellt und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander in Opposition gebracht werden.<\/p>\n<p>Zudem k\u00f6nnten k\u00fcnftige kriegsbedingte Traumata ganz erfolgreich dadurch bek\u00e4mpft werden, indem man den Krieg beendet und sie k\u00f6nnten minimiert werden, indem man Waffenlieferungen in Krisengebiete unterl\u00e4sst. Doch auch dazu ist die Bundesregierung nicht bereit.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte Flucht bedingten Stress dadurch minimieren, indem man das Fl\u00fcchtlingswerk der UN mit den Mitteln ausstattet, die man zugesagt hat. Auch das unterl\u00e4sst die Bundesregierung.<\/p>\n<p>Sahra Wagenknecht hat mit ihrer Kritik an Merkel recht. Unrecht haben diejenigen, die Wagenknecht kritisieren, und die auf diese Weise den die Gesellschaft absichtsvoll spaltenden Kurs Merkels st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Aber man muss in der Analyse noch einen Schritt weiter gehen. Das, was in Orlando, Ansbach und W\u00fcrzburg passierte, sind Entladungen von enormem Druck, den eine Gesellschaft erzeugt, die sich selbst immer weiter radikalisiert, die sich zuspitzt.<\/p>\n<p>Wir merken das alle. Die Anzahl der S\u00e4tze, die wir \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen, ohne ausgegrenzt, reglementiert, diffamiert oder einfach nur verlacht zu werden, werden immer weniger. Alternative Ansichten und Meinungen haben immer weniger Platz. Ein Diskurs wie ihn eine Demokratie zum Funktionieren braucht, findet auf keiner Ebene mehr statt. In den Mainstreammedien schon gleich zwei mal nicht.  Er wurde ersetzt durch Reglementierungen und Verbote, Hetze, Sprechverbote, durch Listen des Sagbaren und des Unsagbaren.<\/p>\n<p>Der Anpassungsdruck ist enorm, die Zurichtung des Einzelnen zu einem dem System \u00f6konomisch und politisch dienliches Objekt, nimmt immer sadistischere Z\u00fcge an. Dass das nicht gut gehen kann, ist klar. <\/p>\n<p>Wer nicht Refugees Welcome ruft, ist sofort brauner Mob, ohne dass auch nur ein Argument getauscht worden w\u00e4re. Wer f\u00fcr Russland Position ergreift, ist Putinversteher, ohne dass nur ein Moment sachlich argumentiert worden w\u00e4re. Wer gegen Austerit\u00e4t redet, will auf Pump leben. Wie widerw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Es lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen. Der Diskurs in Deutschland ist auf seinem intellektuellen Tiefpunkt angekommen und tr\u00e4gt autorit\u00e4re, repressive Z\u00fcge. Damit aber schafft er genau die Bedingung, deren es zum Entstehen von Psychosen bedarf. Wir werden uns daher noch lange mit dem Ph\u00e4nomen auseinander setzen m\u00fcssen. Nicht nur, weil wir Kriege am laufenden Band produzieren. Sondern auch, weil unsere Gesellschaft immer enger und engstirniger wird. Das Problem Amoklauf ist im wesentlichen hausgemacht. Es sagt etwas dar\u00fcber aus, wie wir miteinander umgehen.<br \/>\n<br \/>\n<em>Der Beitrag erschien urspr\u00fcnglich auf logon-echon.com. Mit Dank an den Autor f\u00fcr das Recht der Zweitver\u00f6ffentlichung.<\/em><\/p>\n<div style=\"float:left;margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color:rgb(248,109,14);padding:30px;margin-left: 30px;\"><a style=\"color:white;font-size:20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<p><br style=\"clear:both;\" \/><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1515 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1515')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1515').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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