{"id":1543,"date":"2016-08-10T18:00:36","date_gmt":"2016-08-10T17:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=1543"},"modified":"2016-08-11T17:29:16","modified_gmt":"2016-08-11T16:29:16","slug":"kapitel-3-was-orwell-nicht-wusste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/kapitel-3-was-orwell-nicht-wusste\/","title":{"rendered":"Kapitel 3 &#8211; Was Orwell nicht wusste"},"content":{"rendered":"<p><small>&#8222;Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015&#8220; &#8211; was bisher geschah&#8230;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/2016\/08\/07\/1523\/\"> Vorwort: Storytelling \u2013 die Kunst, Geschichten zu erz\u00e4hlen<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/2016\/08\/08\/das-trojanische-pferd\/\">Kapitel 1 &#8211; Das Trojanische Pferd<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/2016\/08\/09\/kapitel-2-ueber-griechische-helden-maerchen-und-mythen\/\">Kapitel 2 &#8211; \u00dcber griechische Helden, M\u00e4rchen und Mythen<\/a><\/small><\/p>\n<p style=\"font-size:20px;\">Allgemeiner Teil: Die Kunst, Geschichten zu erz\u00e4hlen<\/p>\n<p><\/p>\n<p style=\"font-size:20px;\">Kapitel 3 &#8211; Was Orwell nicht wusste<\/p>\n<p><strong>3.1 Warum Fakten und rationale Argumente f\u00fcr die politische Meinungsbildung nebens\u00e4chlich sind<\/strong><\/p>\n<p>George Orwell ging davon aus, dass Menschen vern\u00fcnftig urteilen, wenn man ihnen mit klarer Sprache die durch propagandistischen Sprachgebrauch verschleierten Fakten wieder zug\u00e4nglich macht.<\/p>\n<p>Falsch, sagt der US-amerikanische Linguist und Politikberater George Lakoff in seinem Essay <em>&#8222;What Orwell didn&#8217;t know about the brain, the mind and language&#8220;.<\/em> Fakten und rationale Argumente allein \u00e4ndern keine Einstellung. Der aus der Aufkl\u00e4rung stammende Glaube an den Menschen als vernunftbegabtes, rational denkendes und urteilendes Wesen sei ein Mythos, der von den Neuro- und Kognitionswissenschaften l\u00e4ngst entlarvt worden sei: Denken laufe \u00fcberwiegend unbewusst und emotionsbasiert ab, und zwar in Form von kognitiven Deutungsmustern (Frames), die wiederum meist durch Metaphern strukturiert w\u00fcrden. [32]<\/p>\n<p>Metaphern sind laut Lakoff dabei nicht als blo\u00dfe rhetorische Stilmittel im klassischen Sinn zu verstehen, sondern stellen Denkph\u00e4nomene dar (Theorie der konzeptuellen Metapher). Wir verstehen neue Sachverhalte (Zielbereich) in Begrifflichkeiten eines vertrauten, konkreten Erfahrungsbereiches (Herkunftsbereich). Gerade abstrakte und komplexe Sachverhalte k\u00f6nnen wir laut Lakoff nur in Metaphern denken (metaphorisches Verstehen).<\/p>\n<p>Deswegen gewinne in politischen Auseinandersetzungen nicht derjenige, der auf Faktenvermittlung und rationale Argumentation setzt, sondern derjenige, der die unbewussten kognitiven Deutungsmuster in den K\u00f6pfen der W\u00e4hler aktiviert. Mittel hierf\u00fcr seien bestimmte Bilder und W\u00f6rter, die als Hinweise (cues) bzw. Trigger fungieren und permanent wiederholt werden.<br \/>\nKonservative Politiker, h\u00e4ufig in Techniken des Marketings bewandert, h\u00e4tten dies l\u00e4ngst verstanden, linke Politiker unterl\u00e4gen noch zu h\u00e4ufig der Illusion, mit rationalen Argumenten die W\u00e4hler \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>&#8222;Wir alle m\u00fcssen verstehen, wie das Gehirn, das Denken und die Sprache wirklich funktionieren. Wir m\u00fcssen dieses Wissen effektiv anwenden, um Wahrheiten bedeutsam zu machen und um Wahrheiten die Kraft zu geben, Gehirne zu ver\u00e4ndern.&#8220;<\/em> [33]<\/p>\n<p>In dem 2006 ver\u00f6ffentlichten Diskussionspapier der Bertelsmann Stiftung wird unter Berufung auf Lakoff als Teil einer strategischen Regierungskommunikation ausdr\u00fccklich empfohlen, &#8222;Narrative [zu] entwickeln&#8220;:<\/p>\n<p><em>&#8222;F\u00fcr jeden politischen Reformakteur ist es essentiell, eine verbindende Erz\u00e4hlung (ein &#8222;Narrativ&#8220;) zu entwickeln. [&#8230;] Sprachlich ist bei der Vermittlung von Reformvorhaben zu bedenken, dass W\u00e4hler meist in &#8222;Frames denken&#8220;. Mentale Konzepte lassen sich nicht einfach durch Fakten \u00e4ndern. Dem kommunikativen Framing, dem Besetzen bestimmter Begriffe im Rahmen eines positiven Reformdiskurses, kommt deshalb ein zentraler Stellenwert zu. [&#8230;] Wie der US-Linguist George Lakoff in seinem Buch &#8222;Don&#8217;t think of an Elephant&#8220; eindrucksvoll darlegt, hat die US-Politik die M\u00f6glichkeiten des sprachlichen Framing schon lange f\u00fcr sich entdeckt.&#8220;<\/em> [34]<\/p>\n<p><strong>3.2 Wie man mit W\u00f6rtern das Gehirn der W\u00e4hler ver\u00e4ndert<\/strong><\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr ein Trigger-Wort zur Aktivierung unbewusster Deutungsmuster ist der in Deutschland verwendete Begriff &#8222;Rettungsschirm&#8220; f\u00fcr die Ma\u00dfnahmen der EU, die ab 2010 in der Euro-Krise die Stabilit\u00e4t im Euro-Raum gew\u00e4hrleisten sollen.<br \/>\nDer Schirm als Sonnen- oder Regenschirm wendet N\u00e4sse oder gef\u00e4hrliche Sonnenstrahlen ab. Schutz und Sicherheit stehen auch bei der Deutung des Schirms als Fallschirm im Vordergrund. Der neue abstrakte Sachverhalt des Europ\u00e4ischen Finanzstabilisierungsmechanismus oder der Europ\u00e4ischen Finanzstabilisierungsfazilit\u00e4t (Zielbereich) wird also durch die konkrete, vertraute Erfahrung des Schutz und Sicherheit bietenden Schirms (Herkunftsbereich) verstehbar gemacht. Damit aktiviert der Begriff &#8222;Rettungsschirm&#8220; gleichzeitig ein vollst\u00e4ndiges Deutungsmuster (Frame): eine spezifische Rollenstruktur, ein narratives Erz\u00e4hlmuster mit emotionalem und moralischem Gehalt sowie einer Handlungsempfehlung.<\/p>\n<p><em>&#8222;To frame is to select some aspects of a perceived reality and make them more salient in a communicating text, in such a way as to promote a particular problem definition, causal interpretation, moral evaluation, and\/or treatment recommendation for the item described.&#8220;<\/em> [35]<\/p>\n<p>Dass durch einzelne Trigger-W\u00f6rter vollst\u00e4ndige Deutungsmuster aktiviert werden, verdeutlicht Georg Diez eindr\u00fccklich in seiner Analyse des dem Begriff &#8222;Schirm&#8220; vorangestellten Begriffs &#8222;Rettung&#8220;:<\/p>\n<p><em>&#8222;Seit Jahren ist &#8218;Rettung&#8216; das Wort, das viele Journalisten benutzen, um die Geschichte dieser Krise zu erz\u00e4hlen: Mit einem Wort wird etabliert, wer etwas tut und wer nichts tut, wer aktiv ist und wer passiv, wer am Abgrund steht und wer mit der helfenden Hand herbeieilt.<br \/>\nMit einem Wort werden Schuld und Abh\u00e4ngigkeit hergestellt, mit einem Wort werden Dankbarkeit und Versagen festgelegt, mit einem Wort wird moralisch gerichtet \u2013 die Analyse kommt nicht mehr hinterher, wenn erst mal die emotionale Ebene erreicht ist.<br \/>\nDer Retter ist ja im Recht, das suggeriert dieses Wort, er ist im Besitz der Wahrheit, er hat das Gute auf seiner Seite, er handelt aus h\u00f6heren Motiven \u2013 &#8218;Rettung&#8216; ist deshalb ein Wort, das im Politischen an sich oder im politischen Journalismus als solchem nichts verloren hat, denn es verschleiert die Motive und Interessen, aus denen Politik besteht.<br \/>\nIch habe zum Beispiel noch keine Schlagzeile gelesen, die lautete: &#8218;Merkel rettet die Banken&#8216; &#8211; dabei w\u00e4re auch das eine sehr plausible Verk\u00fcrzung dessen, was in Europa sp\u00e4testens seit 2010 passiert ist.&#8220;<\/em> [36]<\/p>\n<p>Was passiert, wenn Metaphern wie &#8222;Rettungsschirm&#8220; oder &#8222;Hilfspaket&#8220; permanent wiederholt werden? Sie ver\u00e4ndern das Gehirn und werden Teil des Bewusstseins: <em>&#8222;Du kannst nicht das Denken von jemandem ver\u00e4ndern, ohne sein Gehirn zu ver\u00e4ndern.&#8220;<\/em> [37]<\/p>\n<p><em>&#8222;Was sind W\u00f6rter? W\u00f6rter sind neuronale Verkn\u00fcpfungen zwischen gesprochenen und geschriebenen Ausdr\u00fccken und Frames, Metaphern und Narrationen. Wenn wir W\u00f6rter h\u00f6ren, werden nicht nur ihre unmittelbaren Frames und Metaphern aktiviert, sondern auch all die Weltsichten und assoziierten Narrationen mit ihren Emotionen werden aktiviert. W\u00f6rter sind nicht nur W\u00f6rter. Sie aktivieren einen riesigen Bereich an Gehirnmechanismen [&#8230;]. Wenn Sie tagt\u00e4glich wiederholt werden, werden ausgedehnte Bereiche des Gehirns immer und immer wieder aktiviert- und das f\u00fchrt zu Gehirnver\u00e4nderungen. Nicht l\u00f6schbare Gehirnver\u00e4nderungen. Einmal gelernt, kann die neue neuronale Struktur nicht einfach gel\u00f6scht werden. [&#8230;] Jedes Mal, wenn diese W\u00f6rter wiederholt werden, werden all die Deutungsmuster und Metaphern und Weltsicht-Strukturen erneut aktiviert und gest\u00e4rkt.&#8220;<\/em> [38]<\/p>\n<p><strong>3.3 Wie man durch das Geschichtenerz\u00e4hlen Emotionen und politische Einstellungen steuert<\/strong><\/p>\n<p>Zu den unbewussten, metaphorischen Deutungsmustern (Frames), die unser Denken und Handeln bestimmen, geh\u00f6ren laut Lakoff auch kulturelle Narrative wie z.B. dasjenige vom Kampf des Guten gegen das B\u00f6se (overwhelming the evil) mit den spezifischen semantischen Rollen (Schurke, Held, Opfer), einem narrativen Erz\u00e4hlmuster, einer moralischen Lehre sowie einer emotionalen Struktur. Diese nicht selten archetypischen Narrative (s. vorangegangenes Kapitel) erzeugen laut Lakoff konventionalisierte Emotionen: Auf die Verletzung des Helden bzw. Opfers reagieren wir mit \u00c4rger und dem Wunsch danach, dass das Gute siegen und das B\u00f6se bestraft werden m\u00f6ge, den Kampf zwischen Gut und B\u00f6se beobachten wir mit Spannung, der Sieg des Guten erf\u00fcllt uns schlie\u00dflich mit Freude. [39]<\/p>\n<p>Politik, die den Frame solcher Narrative aufruft, kann auf diese Weise gezielt spezifische Emotionen im W\u00e4hler erzeugen, z.B. \u00c4rger, Furcht, Bewunderung:<\/p>\n<p><em>&#8222;Tell a story. Find stories where your frame is built into the story. Build up a stock of effective stories&#8220;<\/em>, r\u00e4t George Lakoff in seinem Buch &#8222;Don&#8217;t think of an elephant!&#8220;. [40]<\/p>\n<p><strong>3.4 Warum man Kindheitserinnerungen im W\u00e4hler aktivieren sollte<\/strong><\/p>\n<p>Zu den meist in der Kindheit erlernten narrativen Deutungsmustern (Frames) geh\u00f6ren auch Familienmetaphern. Unsere fr\u00fcheste Erfahrung mit Regierung bzw. mit dem Regiertwerden ist das Aufwachsen in einer Familie. Auch dieser vertraute, konkrete Erfahrungsbereich der W\u00e4hler wird in der politischen Kommunikation genutzt, um politische Themen entsprechend dem eigenen Wertemodell zu framen. Lakoff nennt zwei konkurrierende Familienframes [41]:<\/p>\n<li>Der &#8222;Strenger-Vater-Moral-Frame&#8220; sei ein Deutungsmuster, das konservative Politik laut Lakoff zur St\u00e4rkung konservativer Werte verwendet: Die Welt ist eine Familie oder auch der Staat ist eine Familie, in der einer mehr zu sagen hat als die anderen. Der &#8222;Vater&#8220; ist unangefochtene Autorit\u00e4t, er entscheidet \u00fcber Richtig oder Falsch, stellt f\u00fcr die aufr\u00fchrerischen Kinder (andere Nationen oder eigene Bev\u00f6lkerung) die Regeln auf. Disziplin ist ein hoher Wert. Das Scheitern in diesem System wird unzureichend entwickelter Selbstdisziplin zugeschrieben. Innerhalb dieses Frames werden die v\u00e4terliche Strenge und die Bestrafung abweichenden Verhaltens als St\u00e4rke bewertet.<\/li>\n<p><\/p>\n<li>Im &#8222;F\u00fcrsorgliche-Familie-Moral-Frame&#8220;, das laut Lakoff eher zum Framen linker Politik geeignet ist, tritt der Dialog an die Stelle des hierarchischen Gehorsams. Die Eltern zeigen und lehren Empathie und \u00dcbernahme von Verantwortung. Die Mitglieder der Gesellschaft sollen Verantwortung f\u00fcr sich selbst und andere \u00fcbernehmen lernen. Nicht staatliche Strenge, sondern Empathie und F\u00fcrsorge sind die vorherrschenden Werte.<\/li>\n<p>Die meisten W\u00e4hler, so Lakoff, haben aufgrund des kulturellen Kontextes beide Familienmodelle als Deutungsmuster zur Verf\u00fcgung. Ein und derselbe Mensch kann au\u00dfenpolitisch z.B. der Strenger-Vater-Moral anh\u00e4ngen (Russland hat gegen die Regeln versto\u00dfen, Russland muss bestraft werden), in Fragen der Innenpolitik dagegen das Wertemodell der F\u00fcrsorgliche-Familie-Moral anwenden (z.B. Empathie und \u00dcbernahme von Verantwortung als Grund\u00fcberzeugung in der Fl\u00fcchtlingspolitik).<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Frage ist: Welches Wertemodell wenden sie &#8211; \u00fcberwiegend unbewusst und reflexiv &#8211; auf die Politik an? Die Antwort: Dasjenige, das \u00fcber Sprache in ihren K\u00f6pfen aktiviert wird.&#8220;<\/em> [42]<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass die Griechenlandpolitik der Bundesregierung im Jahr 2015 vor allem durch den &#8222;Strenger-Vater-Moral-Frame&#8220; kommuniziert wurde (&#8222;Regeln, Vereinbarungen m\u00fcssen eingehalten werden&#8220;), wohingegen die Fl\u00fcchtlingspolitik der Bundesregierung im selben Jahr \u00fcberwiegend durch den &#8222;F\u00fcrsorgliche-Familie-Moral-Frame&#8220; vermittelt wurde (&#8222;freundliches Gesicht zeigen&#8220;, &#8222;Wir schaffen das&#8220;, vergleichbar auch mit Obamas Wahlslogan \u201eYes, we can\u201c).<\/p>\n<p><strong>3.5 Weshalb moralische Emp\u00f6rung wirksamer ist als sachliche Auseinandersetzung<\/strong><\/p>\n<p>Unter keinen Umst\u00e4nden sollte man, warnt Lakoff, die Sprache des politischen Gegners \u00fcbernehmen, auch nicht, um den gegnerischen Frame zu negieren. Dies f\u00fchre nur zur Aktivierung und St\u00e4rkung des negierten Frames, da trotz Negation der Frame im Gehirn aufgerufen werde. <em>&#8222;Denken Sie nicht an einen Elefanten&#8220;<\/em>, mit dieser Aufforderung demonstriert Lakoff die Unm\u00f6glichkeit, nicht an etwas gleichzeitig durch Sprache Benanntes zu denken: &#8222;Wenn du versuchst, nicht an einen Elefanten zu denken, wirst du an einen Elefanten denken.&#8220; [43] Stattdessen sei es zielf\u00fchrender, das jeweilige strittige Thema der eigenen Weltsicht und dem eigenen Wertemodell entsprechend zu reframen, also sprachlich umzudeuten bzw. umzuwerten.<br \/>\nDa Menschen nie au\u00dferhalb von moralischen Frames urteilen w\u00fcrden, sollte (Re-)Framing immer moralbasiert erfolgen (Werte-Framing): <em>&#8222;Moral schl\u00e4gt politische Inhalte.&#8220;<\/em> [44]<\/p>\n<p>Auch Lakoffs Mitarbeiterin Elisabeth Wehling r\u00e4t anl\u00e4sslich einer Veranstaltung der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung zum Thema &#8222;Politisches Framing&#8220;: <em>&#8222;Niemals den Frame des Gegners aufgreifen, sondern dort angreifen, wo man ehrlich moralisch emp\u00f6rt ist&#8220;<\/em>. Am Beispiel des Vorwurfs der &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; erl\u00e4utert die Politik- und Medienberaterin, wie Reframing praktisch umgesetzt werden kann:<\/p>\n<p><em>&#8222;Wenn die L\u00fcgen-Presse ein Konstrukt ist, das von rechtspopulistischen Str\u00f6mungen in die Welt gesetzt wird, die Frage stellen: Wieso ist der Rechtspopulismus darauf angewiesen, dass wir keine gute transparente Berichterstattung haben? Wieso ist er angewiesen auf die Diffamierung? Was versucht er da? Er versucht, die vierte Gewalt im Staat zu demontieren, weil langfristig der Rechtspopulismus oder zumindest seine extremen Auspr\u00e4gungen nicht \u00fcberleben k\u00f6nnen in einer wirklich freien demokratischen Debatte. Das w\u00e4re also eine Geschichte dazu.&#8220;<\/em> [45]<\/p>\n<p>Wehlings Rat an Journalisten, den Begriff &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; in Form einer solchen Geschichte zu reframen, st\u00f6\u00dft bei Journalisten auf dankbare Ohren, wie z.B. ZDF-Chefredakteur Peter Frey im medienpolitik.net-Interview beweist:<\/p>\n<p><em>&#8222;Ich ordne auch den auf die Nazi-Ideologie zur\u00fcckgehenden Begriff &#8218;L\u00fcgenpresse&#8216; so ein \u2013 als Angriff auf die liberale und pluralistische Presse als Grundpfeiler einer funktionierenden Demokratie. Das m\u00fcssen wir als Verantwortliche erkennen. Es geht hier nicht um handwerklich ernsthaft gemeinte Kritik, es geht darum, mit pauschalen Angriffen auf die Presse die Demokratie selbst zu attackieren.&#8220;<\/em> [46]<\/p>\n<p>Die von Lakoff vertretene Technik des kommunikativen &#8222;Reframing&#8220; auch in Form des Geschichtenerz\u00e4hlens geh\u00f6rt zu den zentralen Techniken des NLP, dessen Vertreter aus gutem Grund Lakoffs Forschungsarbeiten als wissenschaftliche Referenz verwenden.<br \/>\nDass der Begriff NLP weder bei Lakoff noch im Strategiepapier der Bertelsmann Stiftung auftaucht, r\u00fchrt daher, dass NLP noch immer &#8211; ob berechtigt oder nicht &#8211; das Image einer Manipulationstechnik anhaftet. Dabei sind NLP-Kommunikationsschulungen l\u00e4ngst nicht nur in den Bereichen Verkauf und Lobbyismus weit verbreitet, sondern auch in der Aus-und Weiterbildung von F\u00fchrungskr\u00e4ften aus Wirtschaft, Politik und (auch \u00f6ffentlich-rechtlichen) Medien. [47]<\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich warnt die Bertelsmann-Expertenkommission vor der &#8222;Missbrauchsanf\u00e4lligkeit&#8220; solcher &#8222;nicht unumstritten[er]&#8220; Methoden im Hinblick auf &#8222;Desinformation oder Propaganda&#8220; [48]. Lakoffs Vorschlag etwa, den Begriff &#8222;Steuer&#8220; durch den Begriff &#8222;Mitgliedsbeitrag&#8220; zu ersetzen, um die Bedeutung der Abgabe f\u00fcr das Gemeinwohl hervorzuheben, sei ein &#8222;Orwellscher Ratschlag&#8220;, der nicht einmal den &#8222;Kichertest&#8220; bestehe, kritisiert der Linguist Steven Pinker. [49]<\/p>\n<p>Es sei in diesem Zusammenhang an den Versuch von ARD-Chefredakteur Sch\u00f6nenborn erinnert, die GEZ-Geb\u00fchr als &#8222;Demokratie-Abgabe&#8220; zu reframen, da die Abgabe &#8222;ein Beitrag zur Funktionsf\u00e4higkeit der Gesellschaft&#8220; sei. [50]<br \/>\nAuch wenn Sch\u00f6nenborns Reframing-Versuch den \u201eKichertest\u201c nicht bestanden hat, lieferte er doch die Legitimation f\u00fcr die am 1. Januar 2013 erfolgte Umwandlung der GEZ-Geb\u00fchr in einen Rundfunkbeitrag.<\/p>\n<p>Der Psychologe Rainer Mausfeld bewertet in seinem viel beachteten Vortrag &#8222;Warum schweigen die L\u00e4mmer?&#8220; die Technik des Reframings (auch Rekontextualisierung genannt) als eine wesentliche Strategie des medialen Meinungs- und Emp\u00f6rungsmanagements. [51]<\/p>\n<p>Lakoff selbst verteidigt seine Methode folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>&#8222;Ist es legitim, die tats\u00e4chlichen Mechanismen des Denkens zu benutzen \u2013 Weltsichten, Frames, Metaphern, Emotionen, Bilder, pers\u00f6nliche Geschichten \u2013 um wichtige Wahrheiten zu erz\u00e4hlen? Ja, zur H\u00f6lle! Es ist gew\u00f6hnlich der einzig funktionierende Weg.&#8220; <\/em>[52]<br \/>\n<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<br \/>\n<SMALL>[32] George Lakoff: What Orwell didn&#8217;t know about the brain, the mind and language, in: Andr\u00e1s Sz\u00e1nt\u00f3: What Orwell didn&#8217;t know. Propaganda and the New Face of American Politics, New York 2007, S. 67-74, hier S. 68.<br \/>\n[33] Ebd., S. 74.<br \/>\n[34] Bertelsmann Stiftung: a.a.O., S. 8.<br \/>\n[35] Robert Entmann: Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm, in: Journal of communication 43 (4) 1993, S. 51-58, hier S. 52.<br \/>\n[36] Georg Diez: Merkels Propagandamaschine, in: Der Spiegel, 26.06.2015.<br \/>\n[37] George Lakoff: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jCXxc_M9EmE\">How to make Friends and manipulate Irrational Voters.<\/a> Vortrag an der New America Foundation, 02.06.2008.<br \/>\n[38] Ders.: What Orwell didn&#8217;t know, a.a.O., S. 70 f.<br \/>\n[39] Ders.: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UseIJAIxR-4\">Retaking political discourse.<\/a> Vortrag am International House, U.C. Berkeley, 01.12. 2011.<br \/>\n[40] Ders.: Don&#8217;t think of an elephant, a. a. O.<br \/>\n[41] s. zum Folgenden: George Lakoff: Retaking political discourse, a.a.O.<br \/>\n[42] Elisabeth Wehling und George Lakoff: <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/id\/08012-20110525.pdf\">Die neue Sprache der Sozialdemokratie<\/a>, hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, April 2011, S. 5.<br \/>\n[43] Dies.: The Little Blue Book. The Essential Guide to Thinking and Talking Democratic, New York 2012, S. 36.<br \/>\n[44] Ebd., S. 37.<br \/>\n[45] Elisabeth Wehling auf einer Veranstaltung der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung zum Thema <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=r8Radhef5eI\">&#8222;Politisches Framing&#8220;<\/a> am 02.03.2016.<br \/>\n[46] Peter Frey im Interview mit medienpolitik.net: <a href=\"http:\/\/www.medienpolitik.net\/2016\/06\/rundfunkdie-empoerung-hat-methode\/\">&#8222;Die Emp\u00f6rung hat Methode&#8220;<\/a>, 20.06.2016.<br \/>\nIn derselben Weise reframed auch der feste freie ARD-Mitarbeiter und Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbandes Frank \u00dcberall den Begriff &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220;: Hinter dem Vorwurf stehe die Ablehnung einer Systempresse, die wiederum die Ablehnung des Systems Demokratie bedeute. Tr\u00e4ger des L\u00fcgen-Presse-Vorwurfs ordnet \u00dcberall deshalb dem &#8222;Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus&#8220; zu. <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/dlf-audio-archiv.2386.de.html?drau%5Bsubmit%5D=1&#038;drau%5Bsearchterm%5D=journalismuskritik&#038;drau%5Bfrom%5D=&#038;drau%5Bto%5D=&#038;drau%5Bbroadcast_id%5D=\">Frank \u00dcberall auf dem 2. K\u00f6lner Forum f\u00fcr Journalismuskritik 2016. <\/a><br \/>\n[47] s. z.B. die <a href=\"http:\/\/www.nlp-professional.de\/referenzen\/\">Kundenliste<\/a> eines gro\u00dfen Anbieters von NLP-Seminaren<br \/>\n[48] Bertelsmann Stiftung: a.a.O.<br \/>\n[49] Steven Pinker: <a href=\"https:\/\/newrepublic.com\/article\/77730\/block-metaphor-steven-pinker-whose-freedom-george-lakoff\">Block that Metaphor!<\/a> TNR, 09.10.2006.<br \/>\n[50] J\u00f6rg Sch\u00f6nenborn: <a href=\"http:\/\/www.ard.de\/home\/intern\/presse\/pressearchiv\/253050\/index.html\">Ein Beitrag f\u00fcr die Funktionsf\u00e4higkeit der Gesellschaft<\/a>, ard.de, 27.12.2012.<br \/>\n[51] Rainer Mausfeld: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Rx5SZrOsb6M\">Warum schweigen die L\u00e4mmer?<\/a> Psychologie, Demokratie und Emp\u00f6rungsmanagement. Vortrag an der Christian-Albrechts-Universit\u00e4t Kiel, 22.06.2015.<br \/>\n[52] George Lakoff: What Orwell didn&#8217;t know, a.a.O., S. 74.<\/SMALL><\/p>\n<p style=\"font-size:20px;\">\nFortsetzung folgt am 11.08.2016<\/p>\n<div style=\"float:left;margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color:rgb(248,109,14);padding:30px;margin-left: 30px;\"><a style=\"color:white;font-size:20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<p><br style=\"clear:both;\" \/><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_1543 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_1543')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_1543').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"action\":\"like\",\"language\":\"de_DE\"},\"twitter\":{\"reply_to\":\"\",\"tweet_text\":\"%20Kapitel%203%20%E2%80%93%20Was%20Orwell%20nicht%20wusste%20%C2%BB%20St%C3%A4ndige%20Publikumskonferenz%20der%20...\",\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Twitter senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"language\":\"de\",\"referrer_track\":\"\"}},\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/publikumskonferenz.de\\\/blog\\\/kapitel-3-was-orwell-nicht-wusste\\\/\",\"post_id\":1543,\"post_title_referrer_track\":\"Kapitel+3+%26%238211%3B+Was+Orwell+nicht+wusste\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015&#8220; &#8211; was bisher geschah&#8230; Vorwort: Storytelling \u2013 die Kunst, Geschichten zu erz\u00e4hlen Kapitel 1 &#8211; Das Trojanische Pferd Kapitel 2 &#8211; \u00dcber griechische Helden, M\u00e4rchen und Mythen Allgemeiner Teil: Die Kunst, Geschichten zu erz\u00e4hlen Kapitel &hellip;<\/p>\n<p class=\"read-more\"> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/kapitel-3-was-orwell-nicht-wusste\/\"> <span class=\"screen-reader-text\">Kapitel 3 &#8211; Was Orwell nicht wusste<\/span> Weiterlesen &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1524,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1543","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1543","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1543"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1543\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1723,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1543\/revisions\/1723"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1543"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1543"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1543"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}