{"id":2749,"date":"2017-04-29T21:42:12","date_gmt":"2017-04-29T20:42:12","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=2749"},"modified":"2017-05-07T09:45:58","modified_gmt":"2017-05-07T08:45:58","slug":"tatort-am-ende-geht-man-nackt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/tatort-am-ende-geht-man-nackt\/","title":{"rendered":"Tatort: &#8222;Am Ende geht man nackt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Foto: BR\/Rat Pack Filmproduktion GmbH\/<br \/>\nQuelle: http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/26688374 \u00a92017<\/em><\/p>\n<p>Sonntag, 9. April, 20.15 Uhr, ARD: <a href=\"http:\/\/www.ardmediathek.de\/tv\/Tatort\/Am-Ende-geht-man-nackt\/Das-Erste\/Video?bcastId=602916&#038;documentId=42066232\">&#8222;Tatort: Am Ende geht man nackt&#8220;<\/a><\/p>\n<p>Das Erziehungs-Fernsehen missbraucht in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit und mit erhobenem Zeigefinger auch den quotentr\u00e4chtigen TATORT als Volkserziehungskrimi, indem es klischeebehaftete Sozialschmonzetten als Nachhilfeunterricht f\u00fcr potentiell oder vermeintlich politisch inkorrekte Biodeutsche produziert. Es werden alle Register gezogen, alle Klischees bedient und die schwarz-wei\u00df-Malerei \u00fcbert\u00fcncht, wie so oft, die Realit\u00e4t. Aufgekl\u00e4rte und zu Empathie f\u00e4hige Rezipienten reagieren auf diese Produktionen zunehmend mit Verst\u00f6rung, insbesondere dann, wenn die fiktionale Beeinflussung der \u00f6ffentlichen Meinung dem Faktencheck nicht standh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Unser Beiratsmitglied Torsten K\u00fcllig verfasste zum Thema <a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/forum\/viewtopic.php?f=30&#038;t=1987&#038;p=6678#p6678\">eine Programmbeschwerde<\/a>, deren Hauptaugenmerk sich auf folgende Aussage (Minute 72\/73) des fiktiven Leiters der TATORT-Fl\u00fcchtlingsunterkunft richtet: <\/p>\n<p><strong><em>\u201eDu musst garantieren, dass du f\u00fcr alles aufkommst. Das hei\u00dft, f\u00fcr den Lebensunterhalt und die Wohnung und du musst alle privat krankenversichern. Die gesetzlichen Krankenkassen schlie\u00dfen deine Angeh\u00f6rigen aus. Du musst daf\u00fcr 10.000 Euro verdienen. Im Monat. Netto.\u201c <\/em><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Grunds\u00e4tzlich gilt: Dramaturgische Freiheit darf auch f\u00fcr einen Tatort-Krimi gelten. Wenn aber der Tatort im Zuge der Einwanderungskrise als Instrument der Aufkl\u00e4rung herangezogen wird- \u00fcber dessen Sinnhaftigkeit hier nicht n\u00e4her eingegangen werden soll- dann m\u00fcssen die darin vorkommenden Fakten absolut stichhaltig und verifizierbar sein. Sonst wird beim Zuschauer das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich gewollt war.<\/p>\n<p>Im besagten Tatort wird ziemlich am Schluss in einer Filmsequenz, als es um den Nachzug von Familienangeh\u00f6rigen eines anerkannten Asylbewerbers ging, von dem verantwortlichen Leiter der Gemeinschaftsunterkunft darauf verwiesen, dass der betreffende Fl\u00fcchtling nunmehr seine Familie nach Deutschland nachholen kann. Allerdings m\u00fcsse er vollst\u00e4ndig den Lebensunterhalt und die Krankenversicherung f\u00fcr diese Personen aufbringen. In diesem Falle ging es um die Summe von 10 000 Euro im Monat. Selbstverst\u00e4ndlich konnte der betreffende anerkannte Asylbewerber diese Summe nicht aufbringen und ging daraufhin wieder in sein Heimatland zur\u00fcck. Es entstand beim Zuschauer der Eindruck eines v\u00f6llig unmenschlichen deutschen Asylverfahrensrechtes. Der Deutungsrahmen war gesetzt. <\/p><\/blockquote>\n<p>Recherchen beim Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge haben ergeben, dass diese im Tatort vorgebrachte Behauptung schlicht und ergreifend falsch war. <\/p>\n<p><strong>BAMF:<\/strong> <em>Wenn ein Ehepartner \/eine Familie (Ehepartner mit Kind) zu dem Partner nach Deutschland ziehen m\u00f6chte\/n, ben\u00f6tigt er\/ben\u00f6tigen sie grunds\u00e4tzlich ein nationales Visum zum Ehegattennachzug \/ Familiennachzug. Beim Nachzug zu Fl\u00fcchtlingen gibt es Erleichterungen. Das Spracherfordernis beim Ehegattennachzug entf\u00e4llt.<br \/>\nWenn der Antrag innerhalb von drei Monaten nach der Anerkennung gestellt wird, entfallen au\u00dferdem noch folgende Voraussetzungen: <\/p>\n<p>&#8211; Es muss kein Lebensunterhalt gesichert sein und<br \/>\n&#8211; der Wohnraum wird nicht gepr\u00fcft. <\/p>\n<p>Die Frist beginnt mit der Unanfechtbarkeit der Anerkennung als Asylberechtigter oder unanfechtbarer Zuerkennung der Fl\u00fcchtlingseigenschaft. Daher ist es wichtig, dass die Frist nicht verpasst wird. Die Frist von drei Monaten wird auch gewahrt, wenn der in Deutschland lebende Ehepartner einen Antrag bei der \u00f6rtlichen Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde stellt. Das Spracherfordernis beim Ehegattennachzug muss auch nach Ablauf der Frist nicht nachgewiesen werden. <\/em><\/p>\n<p>Die Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums Angela Zellner beantwortete eine entsprechende <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/medien\/tatortsicherung\/franken-tatort-am-ende-geht-man-nackt-im-faktencheck-14962123-p2.html\">Anfrage der FA<\/a>Z  wie folgt:<\/p>\n<p><strong><em>\u00dcber den Eintritt der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kann in einem konkreten Fall nur die jeweils zust\u00e4ndige Krankenkasse entscheiden. Generell kann aber nicht davon ausgegangen werden, dass anerkannte Fl\u00fcchtlinge beziehungsweise deren Familienangeh\u00f6rige sich regelhaft privat versichern m\u00fcssten. Vielmehr ist bekannt, dass nach Abschluss der Asylverfahren Fl\u00fcchtlinge mehrheitlich Arbeitslosengeld II beziehen. Sie sind dann kraft Gesetzes nach \u00a7 5 Abs. 1 Ziffer 2a des Sozialgesetzbuches (SGB) V Mitglieder der GKV; die Krankenversicherungsbeitr\u00e4ge werden in diesem Fall durch den SGB II-Leistungstr\u00e4ger \u00fcbernommen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/forum\/viewtopic.php?f=30&#038;t=1987#p6679\">Antwort der Zuschauerredaktion<\/a> fiel erwartungsgem\u00e4\u00df unbefriedigend aus. Gewohnt wortreich wurde mit Textbausteinen jenseits des beanstandeten Themas hantiert und argumentiert wurde auf dreiste Weise mit der vom Beschwerdef\u00fchrer eigens gelieferten Quelle. <\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/forum\/viewtopic.php?f=30&#038;t=1987#p6681\">Antwort des Drehbuchautors<\/a> war \u2013 wenn auch inhaltsbezogen \u2013 zumindest unlogisch.<br \/>\nNicht nur \u201enormalen\u201c Fl\u00fcchtlingen w\u00e4re es in Deutschland, selbst wenn sie einer Arbeit nachgingen, unm\u00f6glich,  f\u00fcr den kompletten Lebensunterhalt ihrer engsten Angeh\u00f6rigen aufzukommen. Eine derartige finanzielle H\u00fcrde w\u00fcrde theoretisch auch den Gro\u00dfteil der deutschen Mittelschicht ruinieren. Den Lebensunterhalt f\u00fcr &#8222;den Schwager, das behinderte Nachbarskind und den schwer kranken Freund&#8220; regelt dar\u00fcber hinaus nicht <a href=\"http:\/\/www.bamf.de\/DE\/Fluechtlingsschutz\/FamilienasylFamiliennachzug\/familienasyl-familiennachzug-node.html\">das Asylgesetz<\/a>. Insofern ist diese \u00dcberlegung &#8211; selbst aus Autorensicht &#8211; gegenstandslos.<\/p>\n<p>Jeder m\u00f6glichen Erkenntnis gehen \u2013 und das wissen Filmschaffende in der Regel \u2013 Emotionen voraus. Welche Emotionen die Zuschauer am Ende eines Filmes haben sollen, wird bereits innerhalb des Drehbuches festgelegt. Gerade wenn sich ein vermeintlich \u201eim Rahmen der dramaturgischen Freiheit der Autoren vertretbare Darstellung des Sachverhaltes\u201c als grobe Fehleinsch\u00e4tzung erweist, sollte offen dar\u00fcber gesprochen werden, auch um die Herausbildung emotionaler Narrative zu verhindern. <\/p>\n<p>Dass auch Filmproduktionen gro\u00dfen Einfluss auf Sichtweisen, das kollektive Ged\u00e4chtnis und die \u00f6ffentliche Wahrnehmung einer Gesellschaft haben, ist unstrittig. Die Darstellung politisch brisanter Themen wird von den politischen Bedingungen und Intentionen bestimmt &#8211; auch oder gerade in Unterhaltungsmedien.<br \/>\nDas Publikum muss deshalb bef\u00e4higt werden, der unreflektierten Emotionalisierung zu widerstehen, Darstellungen kritisch zu hinterfragen und sich umfassend aus den reichlich vorhandenen \u00f6ffentlichen Quellen zu informieren.<\/p>\n<div style=\"float: left; margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_2749 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_2749')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_2749').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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