{"id":4737,"date":"2019-03-10T18:00:42","date_gmt":"2019-03-10T17:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=4737"},"modified":"2019-03-16T13:21:00","modified_gmt":"2019-03-16T12:21:00","slug":"die-ard-berichterstattung-ueber-den-tarifabschluss-im-oeffentlichen-dienst-war-augenwischerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/die-ard-berichterstattung-ueber-den-tarifabschluss-im-oeffentlichen-dienst-war-augenwischerei\/","title":{"rendered":"Die ARD-Berichterstattung \u00fcber den Tarifabschluss im \u00f6ffentlichen Dienst war Augenwischerei"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">\u00a0<strong><u>Dr. Gniffkes Macht um acht<\/u><\/strong><\/p>\n<p>\u201c<strong>Gehaltssprung\u201d \u2013 oder doch nur Trinkgeld?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nachrechnen unerw\u00fcnscht: Die ARD-Berichterstattung \u00fcber den Tarifabschluss im \u00f6ffentlichen Dienst war Augenwischerei<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Br\u00e4utigam<\/em><\/p>\n<p>\u201c<strong>Die Besch\u00e4ftigten im \u00d6ffentlichen Dienst der L\u00e4nder k\u00f6nnen mit deutlichen Einkommensverbesserungen rechnen.\u201d Das behauptet die Tagesschau am 3. M\u00e4rz 2019 um 20 Uhr und beruft sich auf die wortgleiche Stimmungsmache von Arbeitgebervertretern und Gewerkschaftern. Als ob es keinen prinzipiellen Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital mehr g\u00e4be und keine Objektivit\u00e4tspflicht des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks: Alle drei Parteien dr\u00fcckten gemeinsam auf den Schleimbeutel \u201cSozialpartnerschaft\u201d und sonderten Harmonie ab. Millionen von ihrer Arbeit lebende Mitmenschen sollten sich zur\u00fccklehnen und entspannen \u2013 und keiner sollte auf die Idee kommen, die Stichhaltigkeit der Behauptungen mal nachzupr\u00fcfen. <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Hauptausgabe der Tagesschau am 3. M\u00e4rz um 20 Uhr war das Trinkgeld Thema des Aufmachers, obwohl es weit weniger als kneipen\u00fcbliche zehn Prozent ausmacht. Sprecherin Linda Zervakis vor der Kamera im Studio:<\/p>\n<blockquote><p>\u201c<em>Die Besch\u00e4ftigten im \u00f6ffentlichen Dienst der L\u00e4nder k\u00f6nnen mit deutlichen Einkommensverbesserungen rechnen. Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich gestern am sp\u00e4ten Abend auf einen Tarifabschluss verst\u00e4ndigt. Danach sollen die Geh\u00e4lter stufenweise im Umfang von insgesamt 8 Prozent erh\u00f6ht werden, mindestens aber um 240 Euro. Pflegekr\u00e4fte erhalten dar\u00fcber hinaus 120 Euro monatlich. Der Vertrag hat eine Laufzeit von 33 Monaten.\u201d<\/em> (1)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der anschlie\u00dfende Reporterbericht von Andr\u00e9 Kartschall stilisiert zun\u00e4chst den pensionsreifen Gewerkschaftsvorsitzenden Frank Bsirske zum ersch\u00f6pften Helden, wie es das Ritual zur Feier von Tarifabschl\u00fcssen verlangt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201c<em>F\u00fcr ver.di-Chef Bsirske und all die anderen war es eine lange und anstrengende Verhandlungsrunde. Erst am sp\u00e4ten Abend gab es einen Kompromiss &#8230; <\/em>(ebd.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist ja schon gut! Nat\u00fcrlich strengt es an, die Langeweile von Tarifverhandlungen zu ertragen, in denen mit immer gleichen Argumenten und Gegenargumenten \u00fcber ein paar Prozentpunkte an Brutto-Lohn- und Gehaltssteigerungen geredet wird. Am Ende steht, das wei\u00df im Grunde jeder, der beiderseits gewollte faule Kompromiss<\/p>\n<blockquote><p>\u201c<em>&#8230; und der machte klar: Wer im \u00f6ffentlichen Dienst der L\u00e4nder arbeitet, darf mit deutlich mehr Geld rechnen.\u201d <\/em>(Wortlaut der Untertitelung: \u201c<em>&#8230; mit Gehaltsspr\u00fcngen <\/em>[sic!]<em>&#8230;\u201d<\/em>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht rechnen darf hingegen hierbei der geneigte Zuschauer mit Nachrichten-Objektivit\u00e4t, wie sie der Rundfunkstaatsvertrag verlangt:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten und damit zur selbstst\u00e4ndigen Urteilsbildung der B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen beizutragen&#8220;. <\/em>(2)<\/p><\/blockquote>\n<p>Stattdessen lie\u00dfen ARD-aktuell-Chefredakteur Dr. Kay Gniffkes Qualit\u00e4tsjournalisten den Bsirske zur Hochform in Schaumschl\u00e4gerei auflaufen. Der \u201cersch\u00f6pfte\u201d Gewerkschaftsboss im O-Ton:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;&#8230; es war das beste Ergebnis seit vielen Jahren &#8230; ein guter Tag f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten im \u00f6ffentlichen Dienst, aber auch f\u00fcr die B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen&#8230;&#8220; <\/em>(s. Anm. 1)<\/p>\n<p><!--more--><\/p><\/blockquote>\n<p>Alles auf dieser Welt ist relativ. Das zeigen die Details des Vertragsabschlusses: Angeblich 8 Prozent mehr Lohn, zus\u00e4tzliche Verbesserungen von monatlich 120 \u20ac f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte sowie 50 Euro monatlich mehr f\u00fcr die Auszubildenden \u2013 aber eine Laufzeit von 33 (!) Monaten und kr\u00e4ftige Abstriche an anderer Stelle.<\/p>\n<p>Nach Bsirske kommen in der Sendung die Arbeitgebervertreter zu Wort. Sie sehen \u2013 wer h\u00e4tte das nicht geahnt \u2013 den Abschluss ebenfalls positiv. Er sei vorteilhaft, weil er &#8222;Planungssicherheit&#8220; herstelle und &#8222;Raum f\u00fcr Neueinstellungen und zum Abbau von Investitionsstaus&#8220; gebe. Das Volumen der Tariferh\u00f6hung belaufe sich auf 7 Milliarden Euro.<\/p>\n<p>Das Zahlenwerk und die allseits demonstrierte Zufriedenheit wirken beeindruckend und beruhigend normal. Dabei verdienten sie \u00e4u\u00dferst kritische Aufmerksamkeit. \u201cRaum zum Abbau von Investitionsstaus\u201d beispielsweise bedeutet nichts anderes, als dass erhebliche Summen nicht an die Besch\u00e4ftigten weitergegeben, sondern nun f\u00fcr andere Zwecke verwendet werden.<\/p>\n<p>Das kritische Bewusstsein wird mit den Kl\u00f6tzen \u201cacht Prozent mehr Lohn\u201d und \u201csieben Milliarden Volumensteigerung\u201d bet\u00e4ubt. Das ist der Zweck solcher Inszenierungen der \u201cSozialpartner\u201d. Er wird erreicht mithilfe konformistischer, nachvollziehender und \u201chautnaher\u201d Berichterstattung der Hofmedien. Wer das nicht glauben m\u00f6chte, schaue sich die \u201cTagesthemen\u201d-Sendung dieses Abends (3.3.2019) an. Darin wird die Information \u00fcber den Tarifabschluss noch mit einem Star-Portr\u00e4t des vor der Pensionierung stehenden Bsirske gekr\u00f6nt. (3)<\/p>\n<p><strong>Grobe Irref\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Die Meldung \u201c8 Prozent mehr Gehalt\u201c ist grobe Irref\u00fchrung. Das tats\u00e4chliche Ergebnis fiel erheblich niedriger aus. Wider Erwarten war sogar der Internet-Redaktionsgruppe der ARD-aktuell eine Unstimmigkeit aufgefallen. Auf tagesschau.de\u00a0hatte sie am Nachmittag des 3. M\u00e4rz 2019 vorgerechnet, dass f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten nur 7,42% heraus spr\u00e4ngen. (4) Monitum: ver.di und die L\u00e4nder hatten zur Hebung der &#8222;Attraktivit\u00e4t des \u00d6ffentlichen Dienstes&#8220; die Eingangsstufen mit einem Plus von circa 10 Prozent bedacht, also Personen beg\u00fcnstigt, die zumeist noch gar nicht eingestellt sind. Zugerechnet wird dieser rein hypothetische Aufschlag aber dem Gesamtvolumen. Das ist in der Tat ein neuer, unredlicher Trick im Kosmetikk\u00f6fferchen der deutschen Tarifvertrags-Unterh\u00e4ndler.<\/p>\n<p>Neu ist \u00fcberdies, dass Gewerkschaften sich dazu missbrauchen lassen, das Stellenangebot des Arbeitgebers f\u00fcr Einsteiger \u201cattraktiver\u201d zu machen, und zwar zu Lasten der realen Gehaltserh\u00f6hung f\u00fcr die bereits Besch\u00e4ftigten. Als ob es nicht das alleinige Interesse des Arbeitgebers w\u00e4re, sein Jobangebot so reizvoll zu gestalten, dass er keine Besetzungsprobleme hat. Auch das Eigenlob f\u00fcr die 120 Euro \u201cExtra\u201d in der Pflegetabelle beweist, dass die ver.di-Unterh\u00e4ndler das prinzipiell Selbstverst\u00e4ndliche nicht sehen wollten. Der Beamtenbund wertet den Aufschlag als unumg\u00e4nglich. Er schlie\u00dft blo\u00df eine L\u00fccke, die wegen der unterschiedlichen Verg\u00fctung f\u00fcr Pfleget\u00e4tigkeit innerhalb und au\u00dferhalb des \u00d6ffentlichen Dienstes bestanden hat. Es zeigt sich, dass die \u201cSozialpartnerschaft\u201d in Wahrheit l\u00e4ngst zur Sozialkumpanei der Gewerkschaftsspitzen mit ihrem Gegen\u00fcber verkommen ist.<\/p>\n<p>V\u00f6llig untergegangen ist in den vorgef\u00fchrten Berechnungen, dass die Jahres-Sonderzahlung (eine Kombination aus Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld) jetzt f\u00fcr vier Jahre \u201ceingefroren\u201d wurde, also noch ein Jahr \u00fcber die Laufzeit des neuen Tarifvertrages hinaus. (5) Das schmerzt!<\/p>\n<p>Durchgerechnet bleibt vom \u201c8 Prozent Gehaltssprung\u201d h\u00f6chstens ein Plus von 7 Prozent \u00fcbrig. \u00dcber die Laufzeit von 33 Monaten verteilt sind das nur 2,5 Prozent an echtem j\u00e4hrlichem Zuwachs. Unber\u00fccksichtigt bleibt bei dieser Kalkulation, dass das Einfrieren der Jahres-Sonderzahlung dauerhaft ist und alle k\u00fcnftigen Zuw\u00e4chse mindert. (6) Progressive Einkommenssteuer und vor allem die Preissteigerungsraten \u2013 dazu kommen wir hier noch \u2013 reduzieren die Bedeutung dieses Verhandlungsergebnisses weiter.<\/p>\n<p>Wir sehen: Wahrlich kein berauschender Tarifabschluss. Aber die ver.di, die Arbeitgeber und die ARD-aktuell jubelten die \u201cEinigung im Tarifstreit des \u00f6ffentlichen Dienstes der L\u00e4nder\u201d zu einem bombastischen Sonderereignis hoch. Der h\u00f6here Zweck dahinter: verschleiern, dass die Besch\u00e4ftigten des \u00f6ffentlichen Dienstes trotz guter Konjunkturdaten und pr\u00e4chtig gef\u00fcllter Staatskassen und trotz der Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chse nicht angemessen an der erwirtschafteten Wertsteigerung beteiligt werden. Ein Vorgang, den Lohnabh\u00e4ngige in allen Branchen zu sp\u00fcren kriegen. Das Prinzip der Umverteilung von unten nach oben wird streng gewahrt.<\/p>\n<p>Der neue Tarifabschluss habe, so behauptet die Arbeitgeberseite, ein Mehrausgabe-Volumen von 7 Milliarden Euro. Erhebliche Zweifel an der Seriosit\u00e4t dieser Angabe sind angebracht. Aber die ARD-aktuell unterl\u00e4sst den f\u00fcr saubere Berichterstattung entscheidenden Akt: Sie \u00fcberpr\u00fcft die knallige 7-Milliarden-Behauptung nicht. Erst recht unbegreiflich wird das hymnische Ged\u00f6ns, wenn man die 7 Milliarden mit den Summen vergleicht, die die Bundesl\u00e4nder an ihren Besch\u00e4ftigten vorbei zum Fenster hinauswerfen:<\/p>\n<p>Die Steuerzahler in Hamburg und Schleswig-Holstein mussten bereits mindestens 13 Milliarden Euro zur Rettung und schlie\u00dflich beim Verscherbeln der kaputt gewirtschafteten HSH-Nordbank draufzahlen. (7) Ein Ende des Verlustgesch\u00e4fts ist damit aber noch nicht garantiert.<\/p>\n<p>Die Norddeutsche Landesbank, Tr\u00e4ger sind Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, braucht 3.5 Milliarden Euro \u201clieber heute als morgen\u201d, wenn sie nicht pleite gehen soll. (8) Wer zahlt? Was f\u00fcr eine Frage! Als Gehaltszuwachs f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten im \u00d6ffentlichen Dienst beider L\u00e4nder w\u00e4re diese Summe wahrlich besser investiert gewesen.<\/p>\n<p>Baukosten von 5 Milliarden Euro (urspr\u00fcnglich geplant: 2 Milliarden) f\u00fcr den noch immer nicht fertigen Berliner Pannenflughafen BER ergeben ein \u00e4hnliches Bild vom grotesken Umgang mit Steuergeldern. (9)<\/p>\n<p>Betrachten wir die Einnahmeseite der L\u00e4nder. W\u00e4hrend der Laufzeit des neuen Tarifvertrags \u2013 Mehrausgabe angeblich 7 Milliarden Euro \u2013 kommen satte 32 Milliarden Euro mehr an Steuern herein. (10) Nach Adam Riese nehmen die L\u00e4nder also 4,5mal mehr ein, als sie f\u00fcr ihre Besch\u00e4ftigten zus\u00e4tzlich ausgeben. 32 Milliarden Euro h\u00f6here Einnahmen, 7 Milliarden h\u00f6here Personalausgaben: Die Vertreter der Arbeitgeber haben einen 25 Milliarden Euro werten Grund, mit dem Tarifabschluss zufrieden zu sein und dem Arbeiterf\u00fchrer Bsirske auf die Schulter zu klopfen.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen: Die Personalkostensteigerung wird brutto berechnet. Von den Lohn- bzw. Gehaltszuw\u00e4chsen ihrer Besch\u00e4ftigten holen sich die L\u00e4nder aber betr\u00e4chtliche Brocken zur\u00fcck: in Form h\u00f6herer Einkommenssteuern und mittels steigender Einnahmen dank der Mehrwertsteuer und zahlreicher Verbrauchssteuern. Na also, noch einen Extra-Schulterklaps f\u00fcr den Gewerkschafter Bsirske.<\/p>\n<p>Arbeitgeberverb\u00e4nde und Gewerkschaftsspitzen wissen sehr wohl, dass in Deutschland der Reallohn-Index des dritten Quartals des Vorjahres dem Vergleichs-Index von 2015 um 1,5 Prozent hinterherhinkt. Verst\u00e4ndlicher ausgedr\u00fcckt: Die Nettol\u00f6hne und -geh\u00e4lter haben sich schw\u00e4cher entwickelt als die Preise gestiegen sind, seit 2015 entstand ein Minus von 1,5 Prozent. (11) Man nennt das auch: Reallohnverlust.<\/p>\n<p>Zur Wiederherstellung eines vernunftgeleiteten Urteils \u00fcber den Tarifvertragsabschluss f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten des \u00f6ffentlichen Dienstes der L\u00e4nder (Beamte sollen den gleichen Zuwachs erhalten) hilft ein Blick auf die urspr\u00fcngliche Tarifforderung, beschlossen und verk\u00fcndet von der ver.di-Bundestarifkommission am 20. Dezember vorigen Jahres:<\/p>\n<ul>\n<li>6 Prozent mehr Lohn bzw. Gehalt<\/li>\n<li>mindestens jedoch 200 Euro monatlich mehr<\/li>\n<li>Laufzeit: 12 Monate<\/li>\n<li>Verg\u00fctung f\u00fcr Auszubildende: +100 Euro<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damals fl\u00f6tete die ARD-aktuell:<\/p>\n<blockquote><p>\u201c<em>Die Gewerkschaften w\u00e4hnen sich in einer starken Verhandlungsposition. Die Berufe im \u00f6ffentlichen Dienst m\u00fcssten attraktiver werden, Geld gebe es daf\u00fcr genug.\u201d <\/em><\/p>\n<p>O-Ton Bsirske:<\/p>\n<p>\u201c<em>Alle Steuersch\u00e4tzungen, die aktuellste stammt vom Oktober, besagen, dass es einen weiteren Anstieg der Steuereinnahmen gibt, f\u00fcr 2020 sogar um fast sechs Prozent, also wann, wenn nicht jetzt?\u201d <\/em>(12)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie klingt das \u2013 im Vergleich zu dem d\u00fcnnen Tarifvertragsabschluss, den Bsirske und seine Tr\u00f6te ARD-aktuell zum \u201cbesten Ergebnis seit vielen Jahren\u201d aufblasen? Durchgesetzt wurde nicht einmal ein Drittel der urspr\u00fcnglichen Forderung.<\/p>\n<p>Das bedeutet: Entweder erheben die Gewerkschaften zur Ruhigstellung ihrer Mitglieder Fantasieforderungen, oder sie nehmen die Bed\u00fcrfnisse der Lohnabh\u00e4ngigen nicht wahr; von praktizierter Solidarit\u00e4t mit Niedrigl\u00f6hnern, Unterbesch\u00e4ftigten und g\u00e4nzlich arbeitslos Gemachten erst gar nicht zu reden. Eher schon davon, dass Gewerkschaftsfunktion\u00e4re, gleich ob Parteimitglied der Gr\u00fcnen oder der SPD, den Arbeitgebern stets verst\u00e4ndnisinnig und in leicht geb\u00fcckter Haltung entgegenkommen.<\/p>\n<p>Was in der nunmehr beendeten Tarifrunde besonders auffiel: Es ging nur um Lohnprozente f\u00fcr Arbeitsplatzbesitzer. Wichtige strukturelle Forderungen, fr\u00fcher durchaus noch ein Thema, blieben wieder einmal au\u00dfen vor: beispielsweise das Verbot der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsvertr\u00e4gen, die enge Begrenzung der Leiharbeit, der Kampf gegen die Niedriglohnwirtschaft, die verdeckte Arbeitnehmer-\u00dcberlassung und die Scheinwerksvertr\u00e4ge. Seit eine SPD\/Gr\u00fcnen-Regierung diese Pestbeulen am Sozialstaat wachsen lie\u00df, haben sie unsere Gesellschaft, das Solidarbewusstsein, die Kultur unseres Zusammenlebens und das Selbstbewusstsein der arbeitenden Menschen schlimmer zerfressen, als es sich extreme Pessimisten je vorstellen konnten.<\/p>\n<p>Die automatische \u00dcbernahme von Auszubildenden in ein regul\u00e4res, unbefristetes Arbeitsvertragsverh\u00e4ltnis scheint nur ein dilatorischer, kein unabdingbarer Punkt im gewerkschaftlichen Verhandlungskatalog gewesen zu sein. Auch hier ersch\u00fctternde Zahnlosigkeit. Es steht doch fest, dass ein gro\u00dfer Anteil der Besch\u00e4ftigten in den Ruhestand geht und Neubesetzungen zwingend erfolgen m\u00fcssen. Ein tarifvertraglicher Azubi-\u00dcbernahmezwang kam trotzdem nicht zustande. Was f\u00fcr Versager, diese gewerkschaftlichen Arbeitnehmervertreter&#8230;<\/p>\n<p>Die soziale Strategie- und Perspektivlosigkeit unterminiert die noch vorhandenen Reste von Solidarit\u00e4t. So kommen strukturelle Verbesserungen f\u00fcr die Arbeitnehmer innerhalb und au\u00dferhalb der Dienststellen und Betriebe nicht zustande. Die Neulinge bleiben auf huldvolle Gew\u00e4hrung eines Fristvertrags angewiesen, bereits Angestellte auf die gn\u00e4dige Fortsetzung ihres Kettenarbeitsvertrags. Gewerkschaftliche Tarifpolitik stellt nur auf d\u00fcrftige Gehaltszuw\u00e4chse f\u00fcr die \u201cKernbelegschaften\u201d ab. Alles bleibt systemkonform, zur Gaudi der \u201cSozialpartner\u201d, die ihre Tarifvertragseinigung und sich selber feiern.<\/p>\n<p>Entlarvend sind diesbez\u00fcglich die Anmerkungen der deutschen Gewerkschafts-Creme angesichts von Forderungen, den gesetzlichen Mindestlohn gem\u00e4\u00df objektiver Notwendigkeit und dem Sozialstaatsgebot unserer Verfassung anzuheben:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Ob das Ergebnis bei zw\u00f6lf Euro liegen wird, wei\u00df ich nicht. W\u00fcrden es wirklich zw\u00f6lf Euro, w\u00fcrde der Mindestlohn h\u00f6her liegen als die unteren L\u00f6hne in vielen Tarifvertr\u00e4gen.&#8220;<\/em> (DGB-Vorsitzender Hofmann). (13)<\/p>\n<p><em>&#8222;Das 12 Euro-Ziel wirft systematische Zweifel auf&#8230;&#8220; <\/em>(ver.di-Vorsitzender Bsirske). (14)<\/p><\/blockquote>\n<p>Es irritiert die beiden herausragenden Arbeiterf\u00fchrer keineswegs, dass selbst die Bundesregierung errechnet hat: Der Mindestlohn m\u00fcsste 12,63 \u20ac betragen, wenn die Betroffenen im Alter eine Rente oberhalb der Grundsicherung bekommen sollen. (15) Gewerkschaftsfunktion\u00e4re? Was f\u00fcr traurige Figuren!<\/p>\n<p>In Luxemburg liegt der Mindestlohn schon heute bei 11,55 Euro, in Frankreich bei 9,88 Euro, in den Niederlanden bei 9,68 Euro pro Stunde. Das reiche Deutschland steht mit 9,19 Euro Mindestlohn (erst seit 1. Januar) nur auf dem sechsten Platz. (16) Anscheinend hatten Gewerkschafter au\u00dferhalb Deutschlands weniger Einw\u00e4nde dagegen, dass statt ihrer der Gesetzgeber die halbwegs humane Mindestverg\u00fctung der Arbeit verf\u00fcgte und damit mehr erreichte, als sie selber per Tarifvertrag durchsetzen konnten (oder wollten).<\/p>\n<p>Sucht man nach echtem Kampfeswillen und nach charakterfestem Solidarbewusstsein in unserer Gewerkschafter-Elite, genauer, der fleischgewordenen Pleite der \u201csozialen Marktwirtschaft\u201d, dann dr\u00e4ngt sich die Erkenntnis auf: Die Besch\u00e4ftigten in Deutschland werden noch lange auf angemessene L\u00f6hne und tats\u00e4chlich nennenswerte Einkommenszuw\u00e4chse als wertgleiches Entgelt f\u00fcr ihre Leistung warten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Trillerpfeifchen, bunte Luftballons, rote Kappen und markige Parolen auf Transparenten, Bl\u00fcmchen-Verteilung am Internationalen Frauentag, harmlose Warnstreiks zur Vermeidung von Urabstimmungen, Latschdemos am Wochenende und die Gro\u00dfsprecherei der Obergewerkschafter am 1. Mai sind garantiert nicht das Mittel der Wahl f\u00fcr eine absolut notwendige grunds\u00e4tzliche Ver\u00e4nderung. Auch wenn solche harmlosen \u201cEvents\u201d immer eine Helau-Nummer in den Nachrichten der ARD-aktuell &amp; Co. ergeben.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4tsjournaille tr\u00e4gt mit solchen Ablenkungsman\u00f6vern nur zu scheinbarer, gef\u00fchlter Stabilit\u00e4t der \u201cSozialpartnerschaft\u201d bei, nicht zur Aufkl\u00e4rung und Entwicklung von kritischem Bewusstsein aller, die von ihrer Arbeit leben m\u00fcssen und nicht von Kapital. Denn im Interessenkonflikt von Kapital und Arbeit ist der moderne Qualit\u00e4tsjournalist nicht neutral. Er transportiert vielmehr Funktion\u00e4rsspr\u00fcche wie diesen: <em>\u201cAcht Prozent mehr Geld sind ein kr\u00e4ftiger Schluck aus der Pulle.\u201d<\/em> Das D\u00fcnnbier soll besoffen machen.<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>(1) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/ts-30183.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/ts-30183.html<\/a><\/p>\n<p>(2) NDR Staatsvertrag, \u00a7 8, Programmgestaltung, <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/unternehmen\/staatsvertrag100.pdf\">https:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/unternehmen\/staatsvertrag100.pdf<\/a><\/p>\n<p>(3) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/tt-6595.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/tt-6595.html<\/a><\/p>\n<p>(4) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/tarifeinigung-oeffentlicher-dienst-109.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/tarifeinigung-oeffentlicher-dienst-109.html<\/a><\/p>\n<p>(5) <a href=\"https:\/\/www.oeffentlichen-dienst.de\/news\/313-tarifrunde-2019\/2755-entgelttabellen-tv-l.html\">https:\/\/www.oeffentlichen-dienst.de\/news\/313-tarifrunde-2019\/2755-entgelttabellen-tv-l.html<\/a><\/p>\n<p>(6) <a href=\"https:\/\/berlineraktiongegenarbeitgeberunrecht.wordpress.com\/2019\/03\/05\/fuer-dieses-tarifergebnis-haben-wir-nicht-gestreikt\/\">https:\/\/berlineraktiongegenarbeitgeberunrecht.wordpress.com\/2019\/03\/05\/fuer-dieses-tarifergebnis-haben-wir-nicht-gestreikt\/<\/a><\/p>\n<p>(7) <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hamburg_Commercial_Bank\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hamburg_Commercial_Bank<\/a><\/p>\n<p>(8) <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/sachsen-anhalt\/landespolitik\/was-bedeutet-die-krise-nord-lb-100.html\">https:\/\/www.mdr.de\/sachsen-anhalt\/landespolitik\/was-bedeutet-die-krise-nord-lb-100.html<\/a><\/p>\n<p>(9) <a href=\"https:\/\/www.flughafen-berlin-kosten.de\/#fn-1\">https:\/\/www.flughafen-berlin-kosten.de\/#fn-1<\/a><\/p>\n<p>(10) <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/166381\/umfrage\/steuereinnahmen-laut-steuerschaetzung\/\">https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/166381\/umfrage\/steuereinnahmen-laut-steuerschaetzung\/<\/a><\/p>\n<p>(11) \u00a0<a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Publikationen\/Thematisch\/VerdiensteArbeitskosten\/ReallohnNetto\/Reallohnindex.html\">https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Publikationen\/Thematisch\/VerdiensteArbeitskosten\/ReallohnNetto\/Reallohnindex.html<\/a><\/p>\n<p>(12) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/ts-29071.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/ts-29071.html<\/a><\/p>\n<p>(13) <a href=\"https:\/\/www.nrz.de\/politik\/dgb-chef-hoffmann-lehnt-gruenen-plaene-fuer-hartz-iv-ab-id215815093.html\">https:\/\/www.nrz.de\/politik\/dgb-chef-hoffmann-lehnt-gruenen-plaene-fuer-hartz-iv-ab-id215815093.html<\/a><\/p>\n<p>(14) <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/ig-bau-bringt-mindestlohn-von-12-63-euro-ins-spiel-16041584.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/ig-bau-bringt-mindestlohn-von-12-63-euro-ins-spiel-16041584.html<\/a><\/p>\n<p>(15) <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/politik\/inland\/mindestlohn-muesste-laut-ministerium-deutlich-steigen-100.html\">https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/politik\/inland\/mindestlohn-muesste-laut-ministerium-deutlich-steigen-100.html<\/a><\/p>\n<p>(16) <a href=\"https:\/\/www.arbeitsvertrag.org\/mindestlohn-europa\/\">https:\/\/www.arbeitsvertrag.org\/mindestlohn-europa\/<\/a><\/p>\n<p><strong>Das Autoren-Team:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Friedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. 1975 &#8211; 2008 Mitarbeiter des NDR, zeitweise Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats und des ver.di-Betriebsverbandes sowie Referent einer Funkhausdirektorin.<\/p>\n<p>Volker Br\u00e4utigam, Jahrgang 1941, Journalist. 1975 &#8211; 1996 Mitarbeiter des NDR, zun\u00e4chst in der ARD-Tagesschau, nach 1991 in der NDR-Hauptabteilung Kultur. Danach Lehr- und Forschungsauftrag an der Fu-Jen-Uni Taipeh.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung der Autoren:<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Beitr\u00e4ge stehen zur freien Verf\u00fcgung. Wir schreiben nicht f\u00fcr Honorar, sondern gegen die \u201emediale Massenverbl\u00f6dung\u201c (in memoriam Peter Scholl-Latour). Die Texte werden auf der Seite\u00a0<a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\">https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog<\/a>\u00a0dokumentiert.<\/p>\n<p><strong>Edit: Der Beitrag wurde aktualisiert.<\/strong><\/p>\n<div style=\"float: left; margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_4737 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_4737')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_4737').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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