{"id":4812,"date":"2019-04-14T15:16:47","date_gmt":"2019-04-14T14:16:47","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=4812"},"modified":"2019-04-17T21:11:17","modified_gmt":"2019-04-17T20:11:17","slug":"ard-aktuell-bei-kolumbien-gucken-wir-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/ard-aktuell-bei-kolumbien-gucken-wir-weg\/","title":{"rendered":"ARD-aktuell: Bei Kolumbien gucken wir weg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Bildquelle:\u00a0Misereor<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Dr. Gniffkes Macht um acht<\/strong><\/p>\n<p><strong>ARD-aktuell: Bei Kolumbien gucken wir weg<\/strong><br \/>\n<strong> Die Heckensch\u00fctzen der Tagesschau feuern nur auf Ziele nach Vorgabe der Bundesregierung<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Br\u00e4utigam<\/em><\/p>\n<p><strong>Vergleichen ist bekanntlich ein Lernverfahren. R\u00fcckschluss: Wird Ihnen, dem Fernsehnachrichten-Konsumenten, eine bedeutende Vergleichsm\u00f6glichkeit vorenthalten \u2013 f\u00fcr den \u201eNachrichten\u201c-Versender ARD-aktuell ist das Routine \u2013 dann wird Ihnen der Zugang zu Erkenntnissen erschwert, schlimmstenfalls sogar verschlossen. Ihre Entscheidungsf\u00e4higkeit, Ihre soziale Kompetenz, Ihre Souver\u00e4nit\u00e4t sind ber\u00fchrt. Wie das im Einzelfall vor sich geht, soll hier eine Kritik an der Nachrichtengestaltung \u00fcber Kolumbien aufzeigen. Im Unterschied zur verstiegenen Berichterstattung \u00fcber das Nachbarland Venezuela findet der miserable Alltag der Kolumbianer keine Ber\u00fccksichtigung in der Tagesschau. Das \u201eFlaggschiff der ARD\u201c hat Schlagseite. Und das ist gewollt so.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es gilt, vermeintlichen Machtmissbrauch, Mangelwirtschaft, soziale Fehlentwicklungen oder Demokratiedefizite in Russland, in der Volksrepublik China, in Syrien oder jetzt gerade in Venezuela anzuprangern, dann ist die ARD-aktuell kaum zu bremsen. Sie \u201eberichtet\u201c bis zur v\u00f6lligen Abstumpfung des Zuschauers, in allen Formaten und Varianten. Ihre \u00dcbertreibungen relativiert sie nicht, ihre Falschmeldungen korrigiert sie nicht; sie beschuldigt und behauptet, statt getreulich zu beschreiben und zu belegen. Es soll, es muss was h\u00e4ngen bleiben an jenen \u201eRegimes\u201c und \u201eMachthabern\u201c, die nicht so sind und sein wollen, wie der Wertewesten und seine Leitmedien inklusive ARD-aktuell sie gerne h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Vor der eigenen T\u00fcr kehrt man im Wertewesten nicht. Ob Gegengewalt protestierender Gelbwesten in Frankreich, jugendliche pal\u00e4stinensische Opfer israelischer Scharfsch\u00fctzen, faschistoide Rechtsbeugung in spanischen Schauprozessen gegen Katalanen und Basken, Nazi-Umtriebe in der Ukraine oder Friedensdemonstrationen und Blockaden im pf\u00e4lzischen Ramstein: Schon ist die ARD-aktuell wortkarg. Oder Chefredakteur Gniffke l\u00e4sst die \u201eStaatsr\u00e4son-Karte\u201c ziehen, dann folgt ein Propaganda-Exkurs.<\/p>\n<p>Unverkennbar und erweislich orientiert sich die Nachrichtenauswahl dieser Qualit\u00e4tstruppe an Blickwinkel und Partikularinteresse der Merkel-Regierung. Die Gniffkes ecken nicht an. Das unterscheidet Regierungsfunker und Hofberichterstatter vom Journalisten. Der f\u00e4nde sich fragw\u00fcrdig und ver\u00e4chtlich gemacht, wenn man ihn als \u201eQualit\u00e4tsjournalist\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Vergleichen wir die Berichterstattung \u00fcber Kolumbien mit jener \u00fcber den Nachbarstaat Venezuela: Der deutliche Unterschied in der Aufmerksamkeit f\u00fcr Menschenrechts- und Demokratie-Defizite zeigt einen Zynismus, vor dem viele Nachrichtenschreiber der \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nur so strotzen. Zugleich entbl\u00f6\u00dft er, wie weit Gniffkes Leute Heuchelei und Doppelmoral der \u201eWestliche Werte-Gemeinschaft\u201c in den eigenen Arbeitsstil aufgenommen haben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Bundesregierung unterhielt bis zum Rauswurf des Botschafters Kriener aus Venezuela zwar diplomatische Beziehungen zu Caracas, aber von deren Pflege kann seit schon zwei Jahrzehnten keine Rede sein. Geh\u00e4ssig und in typisch deutscher Arroganz abf\u00e4llig betrachten das Kabinett Merkel und die Bundestagsmehrheit den Sozialismus in Venezuela und gestalten den Umgang mit der Regierung Maduro entsprechend. Ganz anders hingegen sehen die deutsche Einsch\u00e4tzung Kolumbiens und der Umgangsstil mit diesem Land aus:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Deutschland und Kolumbien pflegen enge politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Kolumbien geh\u00f6rt zu den Kooperationsl\u00e4ndern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, mit denen die Bundesrepublik auf Basis zwischenstaatlich vereinbarter Vertr\u00e4ge eng zusammenarbeitet. Die Zusammenarbeit besteht seit mehr als 50 Jahren&#8230;.&#8220; (1)<\/p><\/blockquote>\n<p>Was k\u00fcmmert es Merkel und Co., dass 27 (!) Prozent der kolumbianischen Bev\u00f6lkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben \u2013 und die liegt klaftertief unter der deutschen! \u2013 und dass 6,5 Prozent Hungersymptome zeigen? Und was k\u00fcmmert das die Tagesschau? Die hat keine Zeit f\u00fcr Kolumbiens Elende, sie muss doch andauernd wegen der Armen in Venezuela kritteln und st\u00e4nkern&#8230;<br \/>\nEinkommen und Verm\u00f6gen in Kolumbien sind im regionalen wie auch im globalen Vergleich extrem ungerecht verteilt. Nach dem sogenannten Gini-Index (Statistik zur Darstellung von Ungleichverteilungen) geh\u00f6rt Kolumbien zu den zehn L\u00e4ndern mit der gr\u00f6\u00dften Ungleichheit weltweit.<\/p>\n<p>Im Index der &#8222;menschlichen Entwicklung&#8220; liegt Kolumbien 14 R\u00e4nge hinter Venezuela. (2) Von Beachtung und Schutz der Menschenrechte ist in Kolumbien, anders als in Venezuela, kaum eine Spur zu finden. Im Welt-Ranking f\u00fcr Pressefreiheit rangiert Kolumbien auf Platz 130, tief im unteren Drittel. (3) Massen\u00fcberwachung, Morde, schwere K\u00f6rperverletzung, Psychoterror und Einsch\u00fcchterung bestimmen den journalistischen Alltag.<\/p>\n<p>Die Wahrheitskommission zur Befriedung der kolumbianischen Gesellschaft und zur Auss\u00f6hnung mit der FARC-Guerilla (4) sowie die Sonderermittlungseinheit der Generalstaatsanwaltschaft zur Zerschlagung krimineller Organisationen sind auf sich gestellt und werden von der kolumbianischen Regierung kaum unterst\u00fctzt. Die Todesschwadronen der Gro\u00dfgrundbesitzer k\u00f6nnen schalten und walten. Nach Angaben der staatlichen Ombudsbeh\u00f6rde haben Angriffe auf Verfechter der Menschenrechte in den letzten drei Jahren drastisch zugenommen: 431 mutige M\u00e4nner und Frauen wurden in den vergangenen drei Jahren ermordet. Allein im Jahr 2018 waren es 172. Dennoch habe die \u201eNationale Kommission f\u00fcr Sicherheitsgarantien\u201c f\u00fcnf Monate lang nicht getagt, klagt das katholische Hilfswerk Misereor. (5)<\/p>\n<p>Interessieren die miserablen menschenverachtenden Zust\u00e4nde die deutsche Regierung? Nein. Was folgt daraus f\u00fcr die Nachrichtengestaltung der ARD-aktuell? Ignorieren, wegschauen, schweigen. Ergo fand auch der gewaltsame Tod jener elf Menschen nur qualit\u00e4tsjournalistisches Desinteresse, die vor einigen Tagen f\u00fcr ihre Rechte demonstriert hatten und daf\u00fcr mit ihrem Leben bezahlen mussten. (6) Elf Tote? Das waren doch blo\u00df indigene Kolumbianer&#8230;<\/p>\n<p>Die Indigenen (7) hatten protestiert, weil mehr als 1.300 Zusagen nicht eingel\u00f6st worden waren, die ihnen von den letzten Regierungen gegeben worden waren. 1.300 (!) Garantien, unter anderem die gleichberechtigte Aufnahme der ethnischen Gruppen in den Nationalen Entwicklungsplan und die Anerkennung der landlosen Bauern als Rechtssubjekte.<\/p>\n<p>Man bemerke den Unterschied: Wenn ein venezolanischer Gro\u00dfb\u00fcrger Guaid\u00f3 sich selbst zum Pr\u00e4sidenten ernennt, weil ihn die USA f\u00fcr den Putschversuch abgerichtet und geschmiert haben, ist er wochenlang ein Aufmacher-Thema f\u00fcr die Tagesschau. Obwohl er nichts als ein windiger krimineller Aufwiegler ist, dem allerdings Heiko I. der Gro\u00dfe umgehend seinen Segen gab. Wenn hingegen elf kolumbianische Indigene demonstrieren, um zu bekommen, was ihnen zusteht und ihre Regierung ihnen versprach, aber wegen ihres Protests massakriert werden, dann beh\u00e4lt der Qualit\u00e4tsjournalist das f\u00fcr sich. Was sagt solche Nachrichtengewichtung \u00fcber ARD-aktuell aus?<\/p>\n<p>Die Hamburger Experten im Selektieren bieten zwecks Verschleierung ihres Missbrauchs politisch genehme Menschel-Geschichten (engl.: stories with human touch) aus dem Grenzland. Sie lenken das Augenmerk von Kolumbien ab und auf die als \u201ehumanit\u00e4re Hilfsaktion\u201c ausgegebenen Umsturzman\u00f6ver des CIA-Hampelmannes Guaid\u00f3 an der venezolanisch-kolumbianischen Grenze. In der Begleitberichterstattung aus dem kolumbianischen St\u00e4dtchen Cucuta gilt die journalistische Aufmerksamkeit pl\u00f6tzlich dem Los schwangerer Frauen \u2013 aus Venezuela. Das Schicksal verarmter und verfolgter schwangerer Frauen in Kolumbien interessiert hingegen einen Dreck. Herz-Schmerz-Journalismus im Interesse eines reaktion\u00e4ren, von den USA gesponserten Gro\u00dfmauls hat Vorrang. (8)<\/p>\n<p>Das Leid von Frauen und Kindern als Thema der politischen Propaganda gilt nicht erst seit Nazis Gedenken als hocheffektiv. Manipulativer Missbrauch mit der mitmenschlichen Empfindsamkeit scheint in unserer Zeit aber von Krieg zu Krieg an Intensit\u00e4t noch zuzunehmen. ARD-aktuell spielt das widerw\u00e4rtige Spiel mit. Ohne R\u00fccksicht auf staatsvertragliche Pflichten, journalistische Grunds\u00e4tze und berufsethische Grenzen: Der von \u201eWei\u00dfhelmen\u201c angeblich aus Tr\u00fcmmern geborgene Bub Omram und das \u201eTwitterm\u00e4dchen\u201c Bana Alabed aus Aleppo oder auch die im Irakkrieg entf\u00fchrte US-amerikanische Soldatin Jessica Lynch sind Protagonisten daf\u00fcr, wie eine verkommene Journalistenriege das Mitgef\u00fchl ihres Publikums benutzt und parteiisch kanalisiert. (9, 10)<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Schwangere Frauen suchen verzweifelt Hilfe im Nachbarland Kolumbien, die ihnen dort trotz eigener Schwierigkeiten solidarisch gew\u00e4hrt wird&#8220;: Das ist das Schema der Story. Sie assoziiert die Beschuldigung, \u201esozialistische venezolanische Beh\u00f6rden verweigern schwangeren Frauen humanit\u00e4re Unterst\u00fctzung, aber die Kolumbianer, der eigenen Armut trotzend, erweisen sich als grenzenlos hilfsbereit.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Fr\u00fcher fanden solche verlogenen Schmalzgeschichten allenfalls Platz in der Yellow Press. Heute entsprechen sie dem ARD-aktuell-Niveau. Sie erkl\u00e4ren weder den Konflikt in Venezuela noch erhellen sie die Verh\u00e4ltnisse in Kolumbien. Sie sagen nichts Substanzielles \u00fcber S\u00fcdamerika, aber alles \u00fcber redaktionelle Unanst\u00e4ndigkeit. Der hier betrachtete Beitrag entspricht in der Zielsetzung dem, was der US-Geheimdienst CIA vor 15 Jahren schon f\u00fcr die Berichterstattung aus Afghanistan empfohlen hatte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Afghanische Frauen sind der ideale Botschafter, um den Kampf der ISAF-Truppen gegen die Taliban human erscheinen zu lassen.&#8220; (11)<\/p><\/blockquote>\n<p>Unter solch einem Sichtschutz lassen sich die gemeinsten Kriegsverbrechen begehen und kaschieren, in Afghanistan und weltweit. Logisch, er eignet sich auch zum Verschleiern der Lage in Kolumbien. Aktuell hei\u00dft das Gebot: Mund halten \u00fcber Kolumbiens Elend; wenn schon Information, dann \u00fcber Venezuela und nach M\u00f6glichkeit gem\u00e4\u00df der Formel &#8222;M\u00fctter gegen Machthaber Maduro&#8220;.<\/p>\n<p>Warum soviel Verschwiegenheit bez\u00fcglich Kolumbiens? Weil es \u00fcber keine \u00fcberragenden \u00d6lvorkommen verf\u00fcgt und daher nicht von so gro\u00dfer geostrategischer Bedeutung ist wie Venezuela? Weil es als Heimat des Koka-Anbaus und der Drogenkartelle allenfalls literarisches Interesse finden darf? (Wer liest schon noch B\u00fccher). Und weil die deutsche Regierung Kolumbien zum bevorzugten Handelspartner in S\u00fcdamerika auserkoren hat, damit jedoch ebensowenig unangenehm auffallen will wie mit ihrer lebhaften Unterst\u00fctzung vor einem Jahr, Kolumbien als &#8222;globalen Partner&#8220; in das NATO-Milit\u00e4rb\u00fcndnis einzubeziehen? (12) Soll das alles dem kritischen Blick des deutschen Beobachters entzogen bleiben?<\/p>\n<p>Soweit ist die ARD-aktuell inzwischen verkommen: In Kolumbien sind dank seiner erb\u00e4rmlichen sozialen Zust\u00e4nde und der allgegenw\u00e4rtigen m\u00f6rderischen Gewalt 7,5 Millionen Binnenfl\u00fcchtlinge unterwegs (13) \u2013 mehr als in Syrien! \u2013 , die nicht einmal dann Erw\u00e4hnung in der \u00f6ffentlich-rechtlichen Nachrichtenshow finden, wenn die vollkommen beweislos \u00fcber angeblich eine Million (!) Venezolaner berichtet (14), die nach \u2013 ausgerechnet! \u2013 Kolumbien geflohen seien. Kein Wort \u00fcber die unz\u00e4hligen Menschenrechtsverletzungen dortselbst. Nichts \u00fcber das vollst\u00e4ndige Versagen der Beh\u00f6rden, Gewalttaten zu verhindern oder wenigstens strafrechtlich zu verfolgen.<\/p>\n<p>\u00dcber Rechtlosigkeit und Terror schweigt die ARD-aktuell einfach hinweg. Sie schickt lieber der Bundesregierung ergebene Luftk\u00fcsschen nach Berlin und unterschl\u00e4gt derweil die Verbrechen der kolumbianischen Paramilit\u00e4rs und deren Vernetzung mit Armeef\u00fchrung, Gro\u00dfgrundbesitzern und politischem Establishment. Entf\u00fchrung, Folter, Verst\u00fcmmelung und Ermordung von Kritikern, Anschl\u00e4ge auf Gewerkschafter, ungez\u00e4hlte \u201eVerschwundene\u201c, Strafvereitelung seitens der Beh\u00f6rden: \u00dcber dieses Kolumbien berichtet die Tagesschau nicht. (15, 16)<\/p>\n<p>Stattdessen so herum: Unter dem Titel &#8222;Kolumbien: Tief gespalten und verunsichert&#8220; (17) bietet tagesschau.de einen Text nach den Regeln des desinformativen Schreibens: Nenne keine Ursachen und keine Verantwortlichen. Gib keinen Hinweis auf Illegales und Illegitimes. Beschreibe keinen Kontext und keine historischen Zusammenh\u00e4nge. Verschweige vor allem staatliche Repression, verschweige m\u00f6rderisches Treiben der Plutokraten, jener kleinen Oberschicht, die das Volk terrorisiert und verantwortlich ist f\u00fcr das Aufkommen revolution\u00e4rer Guerilla-Organisationen.<\/p>\n<p>ARD-aktuell berichtet in typischer Oberfl\u00e4chlichkeit \u00fcber die festgefahrenen Verhandlungen mit den kolumbianischen Rebellengruppen und \u00fcber das Attentat auf eine Polizeischule mit 21 Toten, ausge\u00fcbt von Guilleros der Gruppe ELN. Unverkennbar teilt die Redaktion dabei aber den Blickwinkel der kolumbianischen Elite. Deshalb findet sich im Text auch kein Wort dar\u00fcber, dass die Vereinten Nationen k\u00fcrzlich in einem Bericht \u00fcber die Lage in Kolumbien nach dem Friedensschluss mit der Rebellengruppe FARC beklagt haben, seither seien 85 von deren ehemaligen K\u00e4mpfern ermordet worden, 14 erst in den letzten drei Monaten. Seit Jahresbeginn seien zudem weitere vier politisch motivierte Morde bekannt geworden. (18) Stattdessen ist bei tagesschau.de zu lesen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Zahlreiche bewaffnete Gruppen streiten sich um das Erbe der FARC, ihre Drogenrouten und Koka-Plantagen \u2013 das Gesch\u00e4ft boomt.&#8220; (s. Anm. 17)<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Halbwahrheit \u00fcber ein vorgebliches \u201eErbe\u201c der FARC als Objekt konkurrierender K\u00e4mpfergruppen ist pure Meinungsmache. Erstens werden dabei die Ursachen der Gewalt ignoriert, n\u00e4mlich die vollkommene Verelendung der Massen in einer anarchische Zust\u00e4nde f\u00f6rdernden Plutokratie. Es wird dabei zugleich \u00fcbergangen, dass neben einigen \u201elinken\u201c bewaffneten Gruppen auch rechtsradikale Paramilit\u00e4rs im Auftrag der Eliten beteiligt sind und dass sogar staatliche Sicherheitskr\u00e4fte beim Handel mit Drogen als einem wesentlichen \u201eWirtschaftsfaktor\u201c mitmachen.<\/p>\n<p>Allein im Jahr 2017 sind laut Verteidigungsminister Luis Carlos Villegas 927 Polizisten und 132 Milit\u00e4rs wegen verschiedener &#8222;Irregularit\u00e4ten&#8220; ihrer \u00c4mter enthoben worden. (19) Welche Verbrechen verbergen sich konkret hinter so einer verschleiernden Formel? Wurden die geschassten Uniformierten in Abh\u00e4ngigkeit von der Schwere ihrer Straftaten verurteilt? Antworten darauf finden sich nicht.<br \/>\nAuch tagesschau.de erweist sich da nicht als bem\u00fcht aufkl\u00e4rerisch. Im Gegenteil, die ARD-aktuell malt ein verst\u00e4ndnisvoll retuschiertes Bild von Kolumbien, ganz im Sinne und im Interesse der deutschen Bundesregierung. Erschiene der \u201eNATO-Globalpartner\u201c Kolumbien verdienterma\u00dfen im Lichte eines von Grund auf verdorbenen und korrupten Staatswesens mit kriminellen Strukturen, dann fiele das zumindest teilweise auf unsere Regierung zur\u00fcck; sie st\u00fcnde unausgesprochen unter Anklage der billigenden Mitwisserschaft und der Kumpanei mit Polit-Gangstern.<\/p>\n<p>Das geht nat\u00fcrlich gar nicht. Es w\u00fcrde schlie\u00dflich best\u00e4tigen, dass jedes Regime, auch ein bez\u00fcglich der Menschenrechtslage indiskutables, aus Berliner Sicht ein Verb\u00fcndeter sein kann, wenn es nur auf transatlantischer \u201eLinie\u201c liegt. Zur Verschleierung dieser amoralischen Ver\u00e4chtlichkeit erzeugen die Regierung und die ihr h\u00f6rigen Medien f\u00fcrs deutsche Publikum eine Fata Morgana mit den Illusionen &#8222;Demokratie&#8220; und &#8222;Menschenrechte&#8220;.<\/p>\n<p>Deutschland ist mit einem Volumen von 2,35 Milliarden Euro (2017) gr\u00f6\u00dfter Handelspartner Kolumbiens in der Europ\u00e4ischen Union. Wie sch\u00e4dlich-sch\u00e4ndlich dieser Handel aussieht, zeigt die Begr\u00fcndung einer Anfrage der Gr\u00fcnen an die Bundesregierung:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Neben Russland und den USA ist Kolumbien der wichtigste Lieferant von Kraftwerkskohle. &#8230; Laut kolumbianischen und internationalen Menschenrechtsorganisationen kommt es beim Steinkohleabbau in Kolumbien zu schweren Menschenrechtsverletzungen und gravierender Umweltzerst\u00f6rung. Die Steinkohlegewinnung f\u00fchrt zu massenhaften Vertreibungen und Gewaltakten gegen die Zivilbev\u00f6lkerung sowie gegen Umweltaktivistinnen und Umweltaktivisten und Kritikerinnen und Kritiker der sozialen und \u00f6kologischen Ausbeutung.&#8220; (20, 21)<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu erg\u00e4nzen w\u00e4re hier: Die kolumbianische Kohleproduktion ist voll im Griff weniger internationaler Konzerne mit Sitz in den USA bzw. der Schweiz; es bestehen auch enge Verbindungen zu deutschen Unternehmen. Menschenrechtler bezeichnen die Herrschaftspraxis der Konzerne \u00fcber die kolumbianischen Ressourcen als &#8222;Kohlekolonialismus&#8220;. Seine Profite werden den Kolumbianern weitgehend vorenthalten und ins Ausland transferiert. (22)<\/p>\n<p>Die Bundesregierung best\u00e4tigt zwar, Kenntnis von Morden, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Steinkohlebergbau zu haben, l\u00e4sst aber gleichzeitig erkennen, dass sie effektiv nichts dagegen unternimmt. Weder werden Sanktionen verf\u00fcgt noch Handelseinschr\u00e4nkungen veranlasst noch politischer Druck in anderer Form ausge\u00fcbt. \u00dcber die Gewaltexzesse habe man \u2013 so die Antwort auf die Anfrage \u2013 zwar mit der kolumbianischen Regierung gesprochen und die Berliner \u201eSorge\u201c hinsichtlich der prek\u00e4ren Menschenrechtssituation und der Bedrohung und Verfolgung von sozialen Aktivisten zum Ausdruck gebracht. Aber letztlich sei es eine Angelegenheit der EU, sich mit der Problematik zu befassen.<\/p>\n<p>Und wie reagieren die Gr\u00fcnen auf solche oberfaulen Ausweichman\u00f6ver? Wie reagiert die gesamte Opposition im Bundestag? Was machen die korporierten Massenmedien aus dem Vorgang? Und die Tagesschau?<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Uns allen hat schei\u00dfegal zu sein, was in Kolumbiens Kohlerevieren wirklich passiert. Hauptsache, wir kriegen, was wir haben wollen&#8230;<\/p>\n<p>Diese \u201eanderen Worte\u201c werden nat\u00fcrlich nicht vom Tagesschau-Sprecher formuliert. Sein Laden vermittelt neutralistisch das Bild einer sachgerecht arbeitenden deutschen Regierung. Obwohl die parteiisch jede Gelegenheit nutzt, verbale Attacken wegen &#8222;Menschenrechtsdefiziten&#8220; gegen Venezuela, China oder Russland zu reiten, zugleich aber auf ganzer Linie humanit\u00e4r und moralisch versagt, wenn wirtschaftliche Interessen unserer Geldeliten ein angemessenes Engagement zum Beispiel in Kolumbien als nicht ratsam erscheinen lassen.<\/p>\n<p>Die Tagesschau ist unabh\u00e4ngig, objektiv und \u00fcberparteilich, sagt ihr Chef. Stimmt ja, es geh\u00f6rt zu Dr. Gniffkes &#8222;vornehmsten Aufgaben &#8230; Illusion zu erzeugen und aufrechtzuerhalten.&#8220; (23)<\/p>\n<p><strong><u>Quellen:<\/u><\/strong><\/p>\n<p>(1) <a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/aussenpolitik\/laender\/kolumbien-node\/-\/201522%23content_l\">https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/aussenpolitik\/laender\/kolumbien-node\/-\/201522#content_l<\/a><br \/>\n(2) <a href=\"http:\/\/hdr.undp.org\/en\/data\">http:\/\/hdr.undp.org\/en\/data<\/a><br \/>\n(3) <a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/kolumbien\/ueberblick\/\">https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/kolumbien\/ueberblick\/<\/a><br \/>\n(4) <a href=\"https:\/\/www.frieden-fragen.de\/entdecken\/aktuelle-kriege\/kolumbien\/was-ist-die-farc.html\">https:\/\/www.frieden-fragen.de\/entdecken\/aktuelle-kriege\/kolumbien\/was-ist-die-farc.html<\/a><br \/>\n(5) <a href=\"https:\/\/www.misereor.de\/presse\/pressemeldungen-misereor\/kolumbien-menschenrechtsverteidiger-innen-schuetzen-friedensgespraeche-muessen-fortgesetzt-werden\/\">https:\/\/www.misereor.de\/presse\/pressemeldungen-misereor\/kolumbien-menschenrechtsverteidiger- innen-schuetzen-friedensgespraeche-muessen-fortgesetzt-werden\/<\/a><br \/>\n(6) <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2019\/04\/224597\/protest-kolumbien\">https:\/\/amerika21.de\/2019\/04\/224597\/protest-kolumbien<\/a><br \/>\n(7) <a href=\"http:\/\/www.indigene.de\/76.html?&amp;L=1\">http:\/\/www.indigene.de\/76.html?&amp;L=1<\/a><br \/>\n(8) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/venezuela-cucuta-103.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/venezuela-cucuta-103.html<\/a><br \/>\n(9) <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Geleaktes-CIA-Dokument-belegt-Kriegspropaganda-3373777.html?seite=all\">https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Geleaktes-CIA-Dokument-belegt-Kriegspropaganda-3373777.html?seite=all<\/a><br \/>\n(10) <a href=\"http:\/\/blauerbote.com\/2017\/07\/26\/kriegspropaganda-mit-kleinen-maedchen\/\">http:\/\/blauerbote.com\/2017\/07\/26\/kriegspropaganda-mit-kleinen-maedchen\/<\/a><br \/>\n(11) <a href=\"https:\/\/file.wikileaks.org\/file\/cia-afghanistan.pdf\">https:\/\/file.wikileaks.org\/file\/cia-afghanistan.pdf<\/a><br \/>\n(12) <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2018\/05\/202241\/kolumbien-globaler-partner-nato\">https:\/\/amerika21.de\/2018\/05\/202241\/kolumbien-globaler-partner-nato<\/a><br \/>\n(13) <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2018\/06\/205090\/binnenfluechtlinge-kolumbien-rekordhoch\">https:\/\/amerika21.de\/2018\/06\/205090\/binnenfluechtlinge-kolumbien-rekordhoch<\/a><br \/>\n(14) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/fluechtlingskrise-venezuela-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/fluechtlingskrise-venezuela-101.html<\/a><br \/>\n(15) <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/products\/aktuell\/2018A19_scm.pdf\">https:\/\/www.swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/products\/aktuell\/2018A19 scm.pdf<\/a><br \/>\n(16) <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/152975\/paramilitarismus-kolumbien%23footnote9_loe2r4e\">https:\/\/amerika21.de\/analyse\/152975\/paramilitarismus-kolumbien#footnote9_loe2r4e<\/a><br \/>\n(17) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/kolumbien-friedensprozess-103.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/kolumbien-friedensprozess-103.html<\/a><br \/>\n(18) <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2019\/01\/220036\/un-bilanz-kolumbien-morde-farc\">https:\/\/amerika21.de\/2019\/01\/220036\/un-bilanz-kolumbien-morde-farc<\/a><br \/>\n(19) <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2017\/12\/191146\/16-militaers-kolumbien-festgenommen\">https:\/\/amerika21.de\/2017\/12\/191146\/16-militaers-kolumbien-festgenommen<\/a><br \/>\n(20) <a href=\"https:\/\/kleineanfragen.de\/bundestag\/19\/7405-steinkohleimporte-aus-kolumbien\">https:\/\/kleineanfragen.de\/bundestag\/19\/7405-steinkohleimporte-aus-kolumbien<\/a><br \/>\n(21) Anm. d. Verf.: Deutschland bezieht aus Kolumbien doppelt so viel Steinkohle, wie es selbst an Braunkohle produziert. Die deutschen Kohlekraftwerke haben einen bis zu 20 Prozent niedrigeren Effizienzgrad als moderne Gaskraftwerke, doch diese mussten wegen der deutschen \u00dcberproduktion von Strom zumeist schon abgeschaltet werden. Ihre Betreiber haben, anders als die der wesentlich klimasch\u00e4dlicheren Kohlekraftwerke, keine staatlichen Abnahmegarantien.<br \/>\n(22) <a href=\"https:\/\/resilienz-aachen.de\/steinkohle-aus-kolumbien-deutschlands-kohlepolitik-im-kontext-der-energiewende\/\">https:\/\/resilienz-aachen.de\/steinkohle-aus-kolumbien-deutschlands-kohlepolitik-im-kontext-der-energiewende\/<\/a><br \/>\n(23) Ulrich Teusch in: \u201eDer Krieg vor dem Krieg\u201c (Vorwort), Westend Verlag, Frankfurt\/Main 2019, ISBN: 978-3-86489-243-1<br \/>\n<strong><em>Das Autoren-Team:\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Friedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. 1975 &#8211; 2008 Mitarbeiter des NDR, zeitweise Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats und des ver.di-Betriebsverbandes sowie Referent einer Funkhausdirektorin.<\/em><\/p>\n<p><em>Volker Br\u00e4utigam, Jahrgang 1941, Journalist. 1975 &#8211; 1996 Mitarbeiter des NDR, zun\u00e4chst in der ARD-Tagesschau, nach 1991 in der NDR-Hauptabteilung Kultur. Danach Lehr- und Forschungsauftrag an der Fu-Jen-Uni Taipeh.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Anmerkung der Autoren:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Unsere Beitr\u00e4ge stehen zur freien Verf\u00fcgung. Wir schreiben nicht f\u00fcr Honorar, sondern gegen die \u201emediale Massenverbl\u00f6dung\u201c (in memoriam Peter Scholl-Latour). Die Texte werden auf der Seite\u00a0<a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\">https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog<\/a>\u00a0dokumentiert.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"float: left; margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_4812 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_4812')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_4812').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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