{"id":4861,"date":"2019-05-11T11:42:42","date_gmt":"2019-05-11T10:42:42","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=4861"},"modified":"2019-05-12T10:29:06","modified_gmt":"2019-05-12T09:29:06","slug":"aus-aktuellem-anlass-historie-des-begriffs-luegenpresse-und-aktuelle-medienkritische-debatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/aus-aktuellem-anlass-historie-des-begriffs-luegenpresse-und-aktuelle-medienkritische-debatten\/","title":{"rendered":"Aus aktuellem Anlass: Historie des Begriffs &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; und aktuelle medienkritische Debatten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Historie des Begriffs &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; und aktuelle medienkritische Debatten<\/strong><\/p>\n<p>Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem K\u00e4mpfer gegen die Zeitungen.<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin ein gro\u00dfer Gegner der Zeitungen\u201c, sagte Herr Wirr, \u201eich will keine Zeitungen.<\/p><\/blockquote>\n<p>So beginnt Bertolt Brechts Geschichte <a href=\"https:\/\/nosologoethevlc.files.wordpress.com\/2013\/03\/brecht-geschichten-keuner.pdf\">\u201eHerr Keuner und die Zeitungen\u201c<\/a> (Seite 14).<\/p>\n<p>Der Vorwurf der &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; ist <a href=\"https:\/\/books.google.com\/ngrams\/graph?content=L%C3%BCgenpresse&amp;case_insensitive=on&amp;year_start=1800&amp;year_end=2020&amp;corpus=20&amp;smoothing=3&amp;share=&amp;direct_url=t1%3B%2CL%C3%BCgenpresse%3B%2Cc0\">alles andere als neu<\/a>.<\/p>\n<p>Den Vorwurf, die Presse w\u00fcrde l\u00fcgen, gab es schon vor \u00fcber <del datetime=\"2015-11-13T18:52:55+00:00\">200<\/del> 400 Jahren, <del datetime=\"2015-11-13T18:52:55+00:00\">der Begriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c wurde vor fast genau 100 Jahren erstmals \u00f6ffentlich verwendet.<\/del>der Begriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c scheint vor fast genau 175 Jahren erstmals \u00f6ffentlich verwendet worden zu sein. Neu ist, in welchem politischen Kontext der Begriff gebraucht wird und dass Medienkritiker mit seiner Hilfe kollektiv und simplifizierend von jenen, die sich angesprochen f\u00fchlen, in die rechte Ecke verbannt werden.<\/p>\n<p>Spannend ist, dass die Zensur lange als Mittel galt, die Zeitungen vom L\u00fcgen abzuhalten.<\/p>\n<p>Im Rahmen der <a href=\"http:\/\/www.linkemedienakademie.de\/\">Linken Medienakademie<\/a> hielt der <a href=\"http:\/\/www.linkemedienakademie.de\/sprecher\/heiko-hilker-medienberater\/\">Medienpolitiker Heiko Hilker<\/a> den <a href=\"http:\/\/www.linkemedienakademie.de\/lima-fragmente\/der-vorwurf-der-luegenpresse-in-vergangenheit-und-gegenwart\/\">Einf\u00fchrungsvortrag zur Historie<\/a> des Begriffs der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c.<\/p>\n<p>Heiko Hilker belegt seine These in seinem Vortrag mit einem R\u00fcckblick in acht Schritten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>1. Blick<\/strong><br \/>\nPolitische Auseinandersetzungen zwischen Zeitungen oder zwischen Zeitungen und Teilen der \u00d6ffentlichkeit \u2013 verbunden mit massiven L\u00fcgenvorw\u00fcrfen \u2013 gibt es in Deutschland erst seit dem 19. Jahrhundert. Zeitungen teilten Informationen bis dahin lediglich mit. Politische Auseinandersetzungen fanden fast ausschlie\u00dflich innerhalb der herrschenden Kreise statt. Dass sich wie in Zeiten der Reformation \u00fcberregional eine \u00f6ffentliche Meinung herausbildete, die auch Einfluss auf Denken und Handeln der sozial Benachteiligten nahm, blieb immer nur auf kurze Zeitr\u00e4ume und konkrete Ereignisse beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Die Zensur jedoch ist \u00e4lter. Lange verstand sie sich vor allem als helfende Kraft. Sie wollte vor allem daf\u00fcr sorgen, dass korrekte Informationen weitergeleitet wurden. Was \u201ekorrekt\u201c war, blieb freilich Ansichtssache. Konsequenterweise weigerte sich die Leipziger B\u00fccherkommission, Sachsens oberste Zensurbeh\u00f6rde, Zeitungen zu zensieren. Ihre Begr\u00fcndung: Sie k\u00f6nne die aus gro\u00dfer Entfernung eingehenden Nachrichten nicht auf deren korrekten Inhalt \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p><strong>2. Blick<\/strong><br \/>\nZu \u00f6ffentlichen politischen Auseinandersetzungen zwischen den Herrschenden und Teilen der Beherrschten kam es erst zum Ende der Aufkl\u00e4rung ab den 1770er Jahren. Nachdem \u00fcber l\u00e4ngere Zeit gesellschaftliche Missst\u00e4nde in verbr\u00e4mter Form dargestellt wurden, wurden jetzt erstmals politische Zeitschriften genutzt, um unverbl\u00fcmt gesellschaftliche Probleme anzusprechen. Eine politische Opposition meldete sich \u00f6ffentlich zu Wort.<br \/>\nDie politischen Zeitschriften erreichten zwar nur eine kleine oppositionelle politische Elite. Sie sorgten dennoch aber auch f\u00fcr eine Gegenreaktion: eine politische, auf Unterdr\u00fcckung zielende Zensur und eine politische Justiz, die politische Pressevergehen mit aller Sch\u00e4rfe verfolgten.<\/p>\n<p><strong>3. Blick<\/strong><br \/>\nNach der Napoleonischen \u00c4ra mit einer beschr\u00e4nkten Pressefreiheit gelang es den F\u00fcrsten nicht, die politische Opposition, die sie zum Teil selber erst gegen das Napoleonische Lager zu Hilfe gerufen hatte, wieder mundtot zu machen. Mit den Karlsbader Beschl\u00fcssen hatten sich die F\u00fcrsten zwar zu einer strengen, auch politischen Zensur verpflichtet. Diese konnte aber bestenfalls einzelne oppositionelle Publikationen unterdr\u00fccken und sogenannte \u201eDemagogen\u201c von der Justiz verfolgen lassen. Es kam zu den \u201eDemagogenverfolgungen\u201c. Auf Dauer lie\u00df sich aber Opposition nicht unterdr\u00fccken. Auseinandersetzungen zwischen Publikationen sowie zwischen Publikationen und gesellschaftlichen Gruppen blieben aber auf die Eliten beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Obwohl als Folge revolution\u00e4rer Vorg\u00e4nge in Frankreich in den 1830er Jahren auch in einigen deutschen Bundesstaaten eine beschr\u00e4nkte Pressefreiheit gew\u00e4hrt oder erk\u00e4mpft wurde, blieben Zeitungen weiterhin kleinen Eliten vorbehalten. Immerhin sorgte die neue Freiheit daf\u00fcr, dass nunmehr auch Zeitungen das politische R\u00e4sonnement nach dem Vorbild der Zeitschriften einf\u00fchrten. Zeitungen erhielten eine politische Tendenz und begannen den politischen Streit mit Bl\u00e4ttern anderer Richtungen. Viele \u201eIntelligenzbl\u00e4tter\u201c (Anzeigenbl\u00e4tter) in kleineren und mittleren St\u00e4dten wandelten sich zu politischen Zeitungen um.<\/p>\n<p>Der politische Streit wurde meist in sehr schlichter, oft diffamierender Weise ausgetragen. So war es z. B. in der Regel vollkommen un\u00fcblich, die gegnerische Argumentationslinie, gegen die polemisiert wurde, sachlich darzustellen. Parteinahme f\u00fcr die Richtung der eigenen Zeitung blieb f\u00fcr die Leser eine Glaubenssache. In dieser Zeit wurde der Begriff L\u00fcgenpresse verwendet, jedoch nicht kontinuierlich. So gab 1835 die Wiener Zeitung die Rede eines Abgeordneten vor der franz\u00f6sischen Deputiertenkammer wieder, der f\u00fcr eine Einschr\u00e4nkung der Pressefreiheit eingetreten war, weil \u201enur durch Unterdr\u00fcckung der L\u00fcgenpresse [\u2026] der wahren Presse aufgeholfen werden\u201c k\u00f6nne. (Wiener Zeitung vom 2. September 1835, S. 990, nach wikipedia, abgerufen am 20.09.2015)<\/p>\n<p>Auch die Episode der 1848er Revolution \u00e4nderte an diesem Zustand wenig. Lediglich die Leserkreise wuchsen vor\u00fcbergehend. Revolutionsbl\u00e4tter waren meist reine Verk\u00fcndungsbl\u00e4tter politischer Programme und hatten keinen tats\u00e4chlichen aktuellen Redaktionsteil. Sie lebten meist nur kurze Zeit. Die Leser verloren auch meist mangels inhaltlicher Substanz bald das Interesse an ihnen.<\/p>\n<p>Neu war, dass seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Presse allgemein vorgehalten wurde, sie sei korrumpiert. Dieser Vorwurf war nicht aus der Luft gegriffen. Zahlreiche deutsche Regierungen und auch Verwaltungen anderer L\u00e4nder waren \u2013 lange vor Bismarck &#8211; von der Vorstellung besessen, eine von ihnen finanziell abh\u00e4ngige Presse zu schaffen, die dann in gew\u00fcnschter Weise in die \u00f6ffentliche Diskussion eingreifen w\u00fcrde. Ihnen kam entgegen, dass die kleinen, meist finanziell darbenden Bl\u00e4tter auf Unterst\u00fctzung angewiesen waren und solche \u201eHilfen\u201c dankbar annahmen. Vor allem Preu\u00dfen und \u00d6sterreich arbeiteten in den deutschen Bundesstaaten fl\u00e4chendeckend mit Pressebestechung. Dem ganzen lag die schlichte Vorstellung zugrunde, dass ein Zeitungsleser die Aussage seiner Zeitung 1:1 in sein Denken \u00fcberf\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>4. Blick<\/strong><br \/>\nSeit den 1870er Jahren gab es die grunds\u00e4tzlichste Ver\u00e4nderung im deutschen Pressewesen. Zeitungslekt\u00fcre wurde f\u00fcr viele Menschen zu einer Notwendigkeit. M\u00f6glich wurde die Zeitungslekt\u00fcre durch den neuen Zeitungstyp des Generalanzeigers (GA), der wegen seiner hohen Auflage, vor allem aber wegen seiner haupts\u00e4chlichen Finanzierung durch Anzeigen einen sehr niedrigen Verkaufspreis besa\u00df. Die weite Verbreitung war aber auch m\u00f6glich, weil die GA sich nicht fest an eine politische Richtung banden und somit f\u00fcr unterschiedlichste Leser genie\u00dfbar war. Insbesondere Gro\u00dfverlage waren jetzt auch tats\u00e4chlich wirtschaftlich gewinnbringend, was ihnen auch politische Unabh\u00e4ngigkeit einbrachte.<\/p>\n<p>Die etwa 3000 politischen Zeitungen auf dem flachen Lande besa\u00dfen diese wirtschaftliche St\u00e4rke nicht. Sie waren auf Zulieferungen (Materndienste, gedruckte Zeitungsm\u00e4ntel u.a.m.) angewiesen, was zur (auch politischen) Uniformit\u00e4t beitrug. Die jetzt vor allem von den Arbeiterparteien und ihren am alten Typ \u201eParteiblatt\u201c klebenden Zeitungen vorgetragene Systemkritik an der \u201eb\u00fcrgerlichen Presse\u201c als Teil des Herrschaftsapparats war bei den kleinen Zeitungen durchaus berechtigt. Bei den unabh\u00e4ngigen Gro\u00dfverlagen in den Gro\u00dfst\u00e4dten traf diese Kritik keineswegs ins Schwarze.<\/p>\n<p>Die &#8211; verglichen mit der Weimarer Republik \u2013 liberale Justiz im Kaiserreich sorgte zudem daf\u00fcr, dass mit Hilfe des Pers\u00f6nlichkeitsrechts Pressefehden in Grenzen gehalten wurden. Kritik von au\u00dfen an der Presse hielt sich in Grenzen. Rechte Au\u00dfenseiter wie v\u00f6lkische und fundamentalistische Antisemiten und deren Presse wurden von den \u00fcbrigen politischen Kr\u00e4ften meist mit Ignoranz in Grenzen gehalten.<br \/>\nZugespitzte Lagerk\u00e4mpfe wie in Frankreich w\u00e4hrend der Dreyfus-Aff\u00e4re erlebte die deutsche Presse vor 1918\/19 zu keiner Zeit. Auseinandersetzungen um Kulturkampf und Sozialistengesetz blieben beschr\u00e4nkte Auseinandersetzungen, die nicht die breite \u00d6ffentlichkeit aufw\u00fchlten.<\/p>\n<p>Ende 1914 erschien allerdings ein Buch mit dem Titel: \u201eDer L\u00fcgenfeldzug unserer Feinde: Die L\u00fcgenpresse\u201c von Reinhold Anton. Im Jahr darauf legte er nach mit \u201eAus der L\u00fcgenwerkstatt. Der L\u00fcgenfeldzug unserer Feinde\u201c. 1916 ver\u00f6ffentlichte er das Pamphlet \u201eDie L\u00fcgenpresse. Der L\u00fcgenfeldzug unserer Feinde: noch eine Gegen\u00fcberstellung deutscher und feindlicher Nachrichten\u201c, das sich mit den Telegrammen der Nachrichtenagenturen \u00fcber den \u201eWeltkrieg 1914\/16\u201c befasste. Hier bescheinigte er stets der eigenen Seite das Monopol auf die Wahrheit.(Rainer Blasius, faz.net, 13.01.2015, http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/unwort-des-jahres-eine-kleine-geschichte-der-luegenpresse-13367848.html, abgerufen am 20.09.2015)<\/p>\n<p><strong>5. Blick<\/strong><br \/>\nDie Ergebnisse des ersten Weltkrieges sorgten f\u00fcr eine bislang ungekannte Polarisierung in der Gesellschaft. Die neu entstandene Weimarer Republik und deren Institutionen sahen sich einer widerspruchsvollen Bek\u00e4mpfung durch nahezu alle ma\u00dfgeblichen politischen Richtungen aus h\u00f6chst unterschiedlichen Motiven und in sehr unterschiedlichem Ma\u00dfe ausgesetzt.<\/p>\n<p>Neu war dabei, dass die Nazibewegung \u201edie\u201c Presse und nicht nur einzelnen Zeitungen als Teil des zu bek\u00e4mpfenden Systems (\u201eSystempresse\u201c) betrachtete. Kern der \u201eSystempresse\u201c waren f\u00fcr die Nazis die Zeitungen der (meist von j\u00fcdischen Familien betriebenen) Berliner Gro\u00dfverlage und die \u201emarxistische Presse\u201c. \u201eL\u00fcge\u201c und \u201eHetze\u201c waren die zentralen Unterstellungen, denen sich seither die \u201eSystempresse\u201c ausgesetzt sah.<\/p>\n<p>Stra\u00dfenverkaufszeitungen bezogen \u2013 wurde zum diffamierenden Kampfwort. Daneben bevorzugte Joseph Goebbels den Begriff Journaille, auch \u201ej\u00fcdische Journaille\u201c.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c kommt weder in Adolf Hitlers Buch \u201eMein Kampf\u201c noch in seinen Reden direkt vor. In \u201eMein Kampf\u201c richtete sich Hitler beispielsweise gegen die \u201eSchmutzpresse\u201c und gegen die \u201emit jedem Mittel der Verleumdung und einer wahrhaft balkenbiegenden L\u00fcgenvirtuosit\u00e4t arbeitende Tagespresse\u201c, insbesondere die \u201esozialdemokratische Presse\u201c. Bei Joseph Goebbels l\u00e4sst sich der Begriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c in dessen Tageb\u00fcchern nachweisen \u2013 so am 18. Januar 1930 und am 20. Dezember 1939. Dabei bezog er sich auf die Auslandspresse.(Rainer Blasius, faz.net, 13.01.2015, http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/unwort-des-jahres-eine-kleine-geschichte-der-luegenpresse-13367848.html, abgerufen am 20.09.2015)<\/p>\n<p>Dass Zeitungsbetriebe auch physisch angegriffen wurden, war ebenfalls neu. Dass die Mehrzahl der Zeitungsbetriebe von eher nazifreundlichen Firmen aus dem Umfeld von DNVP und rechtem Fl\u00fcgel der DVP beliefert wurde, ging in diesem Pressekampf unter und wurde \u2013 ohne gr\u00f6\u00dferen Erfolg \u2013 lediglich von den radikalen Gegnern der Nazis thematisiert.<\/p>\n<p><strong>6. Blick<\/strong><br \/>\nAuch nach in der Zeit des Kalten Krieges wurde der Vorwurf immer wieder ge\u00e4u\u00dfert: zum einen als Vorwurf gegen\u00fcber den Medien des anderen Systems, zum anderen auch innerhalb des Systems.<br \/>\nIm \u201eSchwarzen Kanal\u201c des DDR-Fernsehens sprach Karl-Eduard von Schnitzler von der \u201ekapitalistischen L\u00fcgenpresse\u201c. Das Neue Deutschland bezeichnete westdeutsche oder amerikanische Publikationen bis Anfang der 1970 als L\u00fcgenpresse. Auch in der BRD wird vor allem in linken Kreisen nach dem Dutschke-Attentat unter Verweis auf die vorhergehende Berichterstattung von der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c gesprochen. Dabei bezog man sich nicht nur auf die BILD und andere Zeitungen des Axel-Springer Verlags. Im Herbst 1989 wurde in der DDR das Neue Deutschland als \u201eL\u00fcgenpresse\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p><strong>7. Blick<\/strong><br \/>\nSeit Anfang der 2000er Jahre ist das Wort \u201eL\u00fcgenpresse\u201c insbesondere in neonazistischen und rechtsradikalen Gruppen g\u00e4ngig. Christoph Seils schrieb bereits 2007 in der Zeit, die Kader der rechtsextremen Szene seien sich \u201eeinig \u00fcber den gemeinsamen Feind: den Staat, die Systemparteien, die L\u00fcgenpresse und die Ausl\u00e4nder\u201c.<\/p>\n<p>Im April 2012 wurde der Spruch \u201eL\u00fcgenpresse halt die Fresse!\u201c von Neonazis an das Sonneberger Redaktionsgeb\u00e4ude des Freien Wortes geschmiert, im Mai 2012 an die Fenster der Lokalredaktion der Lausitzer Rundschau in Spremberg, in beiden F\u00e4llen waren die Anl\u00e4sse Berichte der Zeitungen \u00fcber rechtsextreme Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Auch in der Fanszene von Fu\u00dfballvereinen wird seit mindestens drei Jahren immer wieder die Parole \u201eL\u00fcgenpresse halt die Fresse\u201c gerufen.<br \/>\nBei den Pegida-Demonstrationen seit Oktober 2014 wurde das Schlagwort \u201eL\u00fcgenpresse\u201c immer wieder in Sprechch\u00f6ren gerufen. Oft reagierten Demonstranten so darauf, wenn einer der Redner die Berichterstattung der Medien kritisierte.Derartige Sprechch\u00f6re wurden auch gegen\u00fcber Medienvertretern angebracht, die versuchten, Meinungs\u00e4u\u00dferungen oder Interviews von Demonstranten zu erhalten.<\/p>\n<p><strong>8. Blick<\/strong><br \/>\nAls der Ausdruck \u201eL\u00fcgenpresse\u201c zum Unwort des Jahres 2014 gek\u00fcrt wurde, begr\u00fcndete das die Jury so: \u201eMit dem Begriff werden Medien pauschal und ohne Unterschied diffamiert \u2026 Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gef\u00e4hrdung der f\u00fcr die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen un\u00fcbersehbar geworden ist.\u201c<br \/>\nSoweit die Blicke zur\u00fcck. Welche Kritik gibt es aktuell neben der platten Diffamierung? Worin hat diese ihre Ursachen?<\/p>\n<p>So stellt der Medienwissenschaftler Dietrich Leder (Dietrich Leder, Verschw\u00f6rungstheoretiker in der Wagenburg, in: \u201eGrimme 2015\u201c, S. 8.) fest:<\/p>\n<blockquote><p>Die klassischen Massenmedien scheinen auf viele Menschen wie ein monolithischer Block zu wirken, der zu bestimmten Themen und Problemen eine Art von Einheitsmeinung verbreitet und Widerspr\u00fcche nicht zul\u00e4sst.<\/p><\/blockquote>\n<p>Geht es also gar nicht in erster Linie um L\u00fcgen und falsch dargestellte Fakten, sondern kritisieren sie nur, dass sie ihre Meinung nicht wiederfinden? Allerdings gab es in der letzten Zeit genug Gr\u00fcnde \u2013 auch bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern \u2013 an deren Glaubw\u00fcrdigkeit zu zweifeln. Die Frage ist nur, ob hier bewusst falsch berichtet wird oder ob die Einseitigkeit und Oberfl\u00e4chlichkeit nicht nur System hat, sondern auch im System liegt.<\/p>\n<p>Sicher, es gibt Journalistinnen und Journalisten, die eine politische Agenda verfolgen, die Politik machen wollen und bereit sind, einseitig zu berichten. Wenn BILD-Redakteure Politikerinnen und Politiker anrufen, dann haben sie meist f\u00fcr einen schon das passende Zitat f\u00fcr die Geschichte parat.<br \/>\nSicher, es gibt Netzwerke aus Politikerinnen und Politikern, Journalistinnen und Journalisten und Unternehmerinnen und Unternehmern, die zielgerichtet die \u00d6ffentlichkeit beeinflussen wollen, um ihre Interessen zu bef\u00f6rdern. Die Bilderberger sind da nur ein Beispiel.<\/p>\n<p>Und sicher, es gibt Journalistinnen und Journalisten, die aufgrund ihrer Denkhaltung in Netzwerke eingebunden werden und so Zugang zu Exklusivinformationen erhalten, die dann in die Berichterstattung einflie\u00dfen. Dr. Uwe Kr\u00fcger von der Leipziger Universit\u00e4t hat dies gut in seiner Promotion \u201eMeinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten &#8211; eine kritische Netzwerkanalyse\u201c beschrieben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Beispiele f\u00fcr Rudeljournalismus, bei dem die Schwarmintelligenz versagt.<\/p>\n<p>Doch die einseitige oder auch falsche Berichterstattung in einzelnen Medien kann nicht nur auf Netzwerke und Seilschaften abgeschoben werden. Dies w\u00e4re zu einfach. Nicht, weil mich dann sofort der Vorwurf treffen w\u00fcrde, ein \u201eVerschw\u00f6rungstheoretiker\u201c zu sein. (<em>Oftmals sind Verschw\u00f6rungen nichts weiter als Absprachen zwischen Interessengruppen zur Durchsetzung gemeinsamer Ziele. Dies ist in der Politik durchaus \u00fcblich.<\/em>)<\/p>\n<p>Es gibt nach Meinung des Referenten weitere Gr\u00fcnde, die das Gef\u00fchl bef\u00f6rdern, dass die Medien nicht die gesamte Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln.<\/p>\n<p>Bilden die Journalistinnen und Journalisten nicht einen sozial weitgehend abgeschlossenen Kreis, wie Siegfried Weichenberg festgestellt hat? Wie steht es um deren soziale Herkunft? Warum kommen sie nicht aus allen gesellschaftlichen Schichten?<\/p>\n<p>Dazu nur ein Beispiel: <strong>In der Tagesschau-Redaktion in Hamburg gab es 2015 genau eine Redakteurin mit ostdeutscher Herkunft.<\/strong> Wenn bestimmte soziale Milieus vom Journalismus ausgeschlossen sind, dann fehlen auch bestimmte Sichtweisen, dann greift die Berichterstattung unter Umst\u00e4nden zu kurz.<\/p>\n<p>Haben nicht einzelne Medien redaktionelle Leitlinien, \u00fcber welche Themen in welcher Art und Weise zu berichten ist?<\/p>\n<p>So kann der Vorwurf der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c auch entstehen, obwohl nicht gelogen, sondern nur ausgelassen, weggelassen wird.<\/p>\n<p>Stehen die Redaktionen nicht auch unter einem hohen, zumeist auch doppelten Druck? M\u00fcssen sie nicht schnell berichten, um hohe Quoten, Marktanteile und Reichweiten sowie hohe Ums\u00e4tze und Renditen zu generieren? Die Zeit f\u00fcr Recherche nimmt dabei nat\u00fcrlich ab, die Einfallstore f\u00fcr PR werden gr\u00f6\u00dfer. Der Journalismus ist zu einem reinen Gesch\u00e4ftsmodell, eine \u201eMagd des Marktes\u201c geworden. Dies ver\u00e4ndert den Journalismus. Es hat dann auch Folgen f\u00fcr die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien und deren Standards, wenn sich deren Konkurrenten ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass das Internet es viel mehr und viel einfacher als fr\u00fcher erm\u00f6glicht, sich selbst zu informieren, Fakten zu \u00fcberpr\u00fcfen. Damit reicht es nicht mehr aus, wenn Medien nur ein Abbild der zumeist inszenierten Ereignisse geben. Sie m\u00fcssen in die Tiefe gehen, Kontexte bieten, breiter auf verschiedene Sichtweisen eingehen.<\/p>\n<p><strong>Doch die Tagesschau ist immer noch \u2013 seit 60 Jahren \u2013 nur 15 Minuten lang.<\/strong><\/p>\n<p>Doch das Internet und die sozialen Netzwerke erm\u00f6glichen es nicht nur, sich selbst zu informieren, Fakten zu \u00fcberpr\u00fcfen, sondern sie k\u00f6nnen auch daf\u00fcr sorgen, in der je eigenen Sicht gefangen zu bleiben, sich best\u00e4tigt zu f\u00fchlen in seiner Sicht und seiner Kritik an der Berichterstattung der Medien.<br \/>\nHinzu kommt, dass es den etablierten Massenmedien schwer f\u00e4llt, auf Hinweise und Kritik zu reagieren, mit den Nutzerinnen und Nutzern zu kommunizieren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2015\/september\/das-ende-der-deutungshoheit#_ftn1\">Steffen Grimberg schreibt in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr internationale Politik:<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Die Kernfrage lautet: Waren die \u201ealten\u201c, etablierten Kan\u00e4le wie Presse, Radio und Fernsehen also in gewissem Sinne \u2013 und bitte in Anf\u00fchrungsstrichen \u2013 schlicht \u201easozial\u201c \u2013 und sind sie es, da sie ja weiter existieren, am Ende immer noch?<br \/>\nAuch wenn das wahrscheinlich keiner h\u00f6ren will: Die Antwort ist \u201eJa\u201c! Denn ein soziales Miteinander zwischen klassischen medialen Akteuren \u2013 vulgo: Journalisten \u2013 und ihrem Publikum fand von Beginn an schlicht nicht statt. Und schlimmer noch: Die Zeit, in der der Leser\/Zuschauer\/H\u00f6rer in erster Linie der gro\u00dfe Unbekannte war, den man gar nicht besser kennenlernen wollte, ist in vielen Redaktionen immer noch nicht vorbei \u2013 allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Die Rollenverteilung von Sendern und Empf\u00e4ngern war \u00fcber rund anderthalb massenmedial vermittelte Jahrhunderte klar.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Rollenverteilung ist aufgebrochen.<\/p>\n<p>Wenn es langfristig darum geht, den Vorwurf der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c in die Geschichtsb\u00fccher zu verbannen, dann m\u00fcssen Journalismus und Medien kritische Analyse und Aufkl\u00e4rung im sozialen Miteinander leisten. Das m\u00fcssen wir immer wieder einfordern, auch wenn das allein noch nicht reichen wird.<\/p>\n<p>Denn welche Unabh\u00e4ngigkeit, welche Freiheit k\u00f6nnen Medien haben, wenn die Informationen Warencharakter haben?<\/p>\n<p>\u201eDie erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein\u201c, so Karl Marx in der Rheinischen Zeitung (1842). \u201eDeine Freiheit ist nicht meine Freiheit, ruft die Presse dem Gewerbe zu. Wie du den Gesetzen deiner Sph\u00e4re, so will ich den Gesetzen meiner Sph\u00e4re gehorchen.\u201c<\/p>\n<p>Ach so, um zum Beginn zur\u00fcckzukehren: Wie entgegnete denn Herr Keuner dem Herrn Wirr. Herr Keuner sagte:<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin ein gr\u00f6\u00dferer Gegner der Zeitungen: Ich will andere Zeitungen.<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"float: left; margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_4861 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_4861')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_4861').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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