{"id":5203,"date":"2019-12-08T16:05:37","date_gmt":"2019-12-08T15:05:37","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=5203"},"modified":"2019-12-10T21:19:45","modified_gmt":"2019-12-10T20:19:45","slug":"der-fall-steimle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/der-fall-steimle\/","title":{"rendered":"Der Fall Steimle"},"content":{"rendered":"<p><em>Foto: wk1003mike\/Shutterstock.com<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Fall Steimle<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Schicksal des popul\u00e4rsten ostdeutschen Kabarettisten demonstriert, wie kritische Geister heute an den medialen Pranger gestellt und \u201eausgeschaltet\u201c werden.<\/strong><\/p>\n<div class=\"article-meta\">von <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/autoren\/katrin-mcclean\">Katrin McClean<\/a><\/div>\n<div class=\"article-teaser\">\n<p>\u201eDer MDR trennt sich von Uwe Steimle\u201c \u2014 was als lapidare Meldung daher kommt, ist der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt einer medialen Hetzjagd. Der bekannte ostdeutsche Kabarettist geh\u00f6rte zu den wenigen, die noch Biss hatten und wirkliche Systemkritik wagten. Das wurde den Fernsehgewaltigen zu viel. Aus dem Zusammenhang gerissene und zum Skandal aufgebauschte Zitate wurden Steimle zum Verh\u00e4ngnis. Der Vorwurf lautet \u2014 nat\u00fcrlich \u2014, der K\u00fcnstler sei \u201erechts\u201c. Erschreckend ist dabei, dass es einer offiziellen Zensurbeh\u00f6rde gar nicht bedarf. Die Treibjagd auf den Kritiker \u00fcbernimmt bereitwillig ein Kollektiv von Journalisten-Kollegen \u2014 Menschen, die ihren Job als Kontrollinstanz der M\u00e4chtigen im Gegensatz zu Steimle nicht ordentlich machen und statt dessen unbequeme Geister rausmobben. Ein spontaner Beitrag zur Verteidigung und Unterst\u00fctzung dieses mutigen Kabarettisten.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"article\">\n<div class=\"article-content\">\n<p>Uwe Steimle ist der bekannteste Kabarettist aus dem Osten Deutschlands und geh\u00f6rt dort wohl auch zu den beliebtesten. Steimle ist einer, der den klassischen Anspruch von Satire und Kabarett sehr ernst nimmt. Ganz nach Tucholsky, f\u00fcr den Satire die Waffe des kleinen Mannes war, gegen die Kriegstreiber von oben. \u00dcberhaupt haben Satire und Kabarett ihren Ursprung in der Kritik der \u201eObrigkeit\u201c. Das Mindeste, was dem machtlosen Volke bleibt: \u00dcber \u201edie da oben\u201c Witze zu machen. Ein Selbstverst\u00e4ndnis von Satire, das lange galt, bis unter den Nazis erstmals in bis daher nie dagewesener Weise der machtlose Mitb\u00fcrger zum Ziel boshaftester H\u00e4me wurde.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Bei heutigen vermeintlichen Satire-Sendungen stellt mancher nicht selten fest, dass schon wieder viel auf Kosten Dritter gelacht wird, wegen ihrer komischen Aussprache, ihres Alters, ihrer mangelnden Intelligenz. Da wird arrogante H\u00e4me mit Witz verwechselt und wenn es gegen die Obrigkeit geht, dann am meisten gegen die in anderen L\u00e4ndern. Bei Erdogan oder Putin werden deutsche Kabarettisten meistens richtig mutig.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Nur wenige nehmen den urspr\u00fcnglichen Anspruch von Satire noch ernst, einer der besten, Volker Pispers, trat erschreckend fr\u00fch in den Vorruhestand, Erwin Pelzig h\u00e4lt sich auch nur noch als seltener Ersatzmann und die Anstalt traut sich kaum noch auf das Niveau ihrer ersten Sendungen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Uwe Steimle h\u00e4lt da als s\u00e4chsischer Sturkopf seinem Berufsethos die Treue, wettert mit bissigem Spott gegen die deutsche Regierung, etwa gegen ihre wiedergekehrte Kriegsbegeisterung (\u201eFr\u00fcher wurde man wenigstens noch gefragt!\u201c), f\u00fchrt die Heuchelei dieser Regierung in Sachen Fl\u00fcchtlingsfrage vor und macht sich zum Verteidiger des kleinen Mannes. Das ist bei Steimle keine Pose sondern Passion.<\/p>\n<p>In seinem bisherigen TV-Format \u201eSteimles Welt\u201c pr\u00e4sentiert er Menschen aus den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern, also dem Sendegebiet des MDR, die etwas Besonderes geleistet haben. F\u00fcr Menschen, die sich f\u00fcr eine gute Sache einsetzen, kann Steimle sich begeistern und sein Herz schl\u00e4gt f\u00fcr jeden, der auf seine Weise etwas f\u00fcr den kleinen oder gro\u00dfen Frieden tun will oder getan hat. So stellte er zum Beispiel jene Frau vor, die das ber\u00fchmteste Friedenskinderlied unseres Landes geschrieben hat, die \u201ekleine wei\u00dfe Friedenstaube\u201c. Inbr\u00fcnstig m\u00f6chte er die Ossis an ihre guten Seiten erinnern, die sich mit den einstigen Idealen ganz weit weg von rechts befinden.<\/p>\n<blockquote><p>Was hat dieser gute Mann angestellt, dass er als \u201euntragbar\u201c gefeuert wird? Dass er sogar offiziell als \u201eantisemitischer, v\u00f6lkischer Jammer-Ossi\u201c bezeichnet werden darf? Er, der eher ein Jubel-Ossi ist, weil er eigentlich st\u00e4ndig begeistert ist, und alles \u201eganz gro\u00dfe Klasse\u201c findet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die, die ihn loswerden wollen und in aller \u00d6ffentlichkeit diesen Rausschmiss erk\u00e4mpft haben, beziehen sich immer wieder auf dieselben \u00c4u\u00dferungen in Interviews und Kabarett-Programmen.<\/p>\n<p>Steimle hat sich in einer Kabarett-Sendung dar\u00fcber beschwert, dass die USA und Israel Kriege f\u00fchren, f\u00fcr die wir (die Zeche) zahlen m\u00fcssen. Damit hat er Recht, denn tats\u00e4chlich zahlt der deutsche Steuerzahler f\u00fcr US-amerikanische Milit\u00e4rbasen auf deutschem Boden und subventioniert Waffenlieferungen nach Israel. Doch sagen darf man das offenbar nicht. Anstatt Meinungsfreiheit demonstrieren Medien und Politiker die bekannte Meinungsverdrehung: Wer die Kriegspolitik Israels kritisiert, ist Antisemit.<\/p>\n<p>Und einer, der NATO-Kriege kritisiert, dem wird nat\u00fcrlich ganz genau aufs Maul geschaut. Da hat man es bei Steimle jetzt ganz leicht. Denn Steimles Kabarett-Prinzip besteht ja wiederum daraus, dem Volk aufs Maul zu schauen. Manchmal macht er sich dabei zum Sprachrohr, eben wenn es um Kritik an \u201edie da oben\u201c geht und er es f\u00fcr angebracht h\u00e4lt, die Waffe der Satire zu w\u00e4hlen. Wenn Steimle aber merkt, dass es brodelt im Volk, dass Menschen anfangen aufeinander loszugehen, dann versucht er die Fronten mit Spott und Witz aufzuweichen. Es macht Spa\u00df zu sehen, wie er manche Stimmung nachmacht, zum Beispiel gegen Fl\u00fcchtlinge, um sie zwei S\u00e4tze sp\u00e4ter ad absurdum zu f\u00fchren. Oder dem Ganzen einfach eine menschliche Bitte um Toleranz entgegensetzt.<\/p>\n<p>Wer nun b\u00f6se Absichten hegt, der hat\u2018s ganz einfach, der zerrt die \u201eschlimmen\u201c Aussagen heraus und l\u00e4sst den Rest weg. Da steht der Steimle im Regen. Da kann man jetzt zetern: Das hat der wirklich gesagt! Es ist ein dummes Spiel, und es wird bis zum Erbrechen gespielt, obwohl jeder wei\u00df, wie es geht und dass man auf diese Weise so gut wie jeden zur Strecke bringen kann.<\/p>\n<p>Manche Angriffe auf Steimle entlarven dabei die Kulturlosigkeit seiner Kritiker. Etwa wenn man ihm vorwirft, ein T-Shirt mit der Aufschrift \u201eKraft durch Freunde\u201c sei Nazi-verherrlichend. Es ist ein Zitat des ber\u00fchmten Kabarettisten Werner Finck, der zu seiner Zeit noch so verstanden wurde, dass man mit einem kleinen semantischen Trick eine b\u00f6se Ideologie auf den Kopf stellen kann. Doch heute versteht man offenbar so manches nicht mehr, was fr\u00fcher keine Erkl\u00e4rung brauchte.<\/p>\n<p>Etwa dass Medienkritik nicht bedeutet, Kabarettisten so lange fertig zu machen, bis keiner mehr etwas mit ihnen zu tun haben will. Das Medienmagazin ZAPP, urspr\u00fcnglich gegr\u00fcndet, um das Treiben von Presse und Funk kritisch zu beleuchten, scheint seinen Namen immer mehr als K\u00fcrzel f\u00fcr ZensurAPParat zu verdienen. Seine Sendung \u00fcber Steimle vom Juni dieses Jahres ist ein beispielhaftes Werk an Auslassungen, Verdrehungen und grundlosen Behauptungen. Mit einem gerechten Blick auf die Arbeit von Uwe Steimle, auf sein k\u00fcnstlerisches Konzept und seine zentralen Botschaften hat das nichts zu tun. Mehrfach wird verbal Druck auf den MDR ausge\u00fcbt \u2014 wann er sich denn endlich von seinem \u201eunhaltbaren\u201c K\u00fcnstler trenne.<\/p>\n<blockquote><p>Es ist schon irre, dass heute nicht eine Beh\u00f6rde f\u00fcr Zensur die Verfolgung kritischer Geister \u00fcbernimmt, sondern Journalisten sich in ihrem Ehrgeiz darin \u00fcberbieten, einen Kollegen im Medienbetrieb fertig zu machen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch Steimle hat schon eine lange Reihe solcher Angriffe hinter sich. So durfte ihn der gr\u00fcne Kommunalpolitiker Andreas Vorrath als \u201ev\u00f6lkisch-antisemitischen Jammer-Ossi\u201c bezeichnen, um mit solchen Kampfbegriffen ein Ehrenamt Steimles in Dresden zu verhindern, und wurde f\u00fcr diese denkbare schlimmste \u00f6ffentliche Verleumdung von einem Gericht auch noch freigesprochen. Selbstverst\u00e4ndlich haben sich auch die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen bei Wikipedia wieder flei\u00dfig damit besch\u00e4ftigt, jede einzelne haltlose Diffamierung gegen Steimle sorgf\u00e4ltig aufzulisten und als lexikalisches Wissen zu vergolden.<\/p>\n<p>Auch dass Steimle einem Volk, das das Maul aufmacht, erstmal so generell seine Sympathie aussprach, rief in unseren demokratisch freiheitlichen Medien einen regelrechten Skandal hervor und bekam nat\u00fcrlich auch Applaus von rechts. Was dann der schlagende Beweis daf\u00fcr war, dass der konsequent links denkende Steimle nun endlich als \u201eRechter\u201c entlarvt werden konnte.<\/p>\n<p>Als Steimle mutig bei seinen Positionen blieb und in einem Interview die mangelnde Staatsferne der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medienanstalten beklagte, braute sich ein neuer Sturm \u00fcber ihm zusammen. Obwohl jeder Depp wei\u00df, wer in den Aufsichtsr\u00e4ten dieser Anstalten sitzt, erkl\u00e4rte man Steimle f\u00fcr seine sachliche Feststellung zum \u201eReichsb\u00fcrger\u201c, der nicht wisse, wie man seine Meinungsfreiheit zu gebrauchen habe.<\/p>\n<p>In seinem bislang letzten \u00f6ffentlichen Interview, das er am 16. November dieses Jahres der Th\u00fcringer Allgemeinen Zeitung gab, ist man geradezu erstaunt und ich \u2014 ehrlich gesagt voller Bewunderung \u2014, wie dieser Mann es schafft, bei so viel Hysterie, haltlosen und vor allem boshaften Vorw\u00fcrfen, ruhig zu bleiben und seine Arbeit zu machen. Er berichtet darin von Dreharbeiten f\u00fcr die n\u00e4chste Ausgabe von Steimles Welt. Er will \u2014 und leider muss man jetzt schon sagen wollte \u2014 den Arbeitern an der Trasse, wie die Erdgasleitung von Sibirien in die DDR genannt wurde, ein Denkmal setzen. Er spricht darin von seinem Wunsch und seiner Hoffnung auf positive Gemeinschaften, die etwas Gutes und Menschliches bewegen. Man sp\u00fcrt zutiefst: Er ist ein Linker und er ist mit seinen Landsleuten verbunden und w\u00fcnscht sich inst\u00e4ndig, dass sie einen guten humanistischen Weg gehen.<\/p>\n<p>Nach den Angriffen auf seine Person gefragt, erkl\u00e4rt er nur kurz, er sei entsetzt und traurig, dass sein Sender sich nicht sch\u00fctzend vor ihn gestellt habe. Nun gibt sich der Sender emp\u00f6rt, weil er findet, er habe ihn verteidigt. Es gab dem Medienmagazin ZAPP gegen\u00fcber Worte der Beschwichtigung, das ist wahr, doch unter Schutz hat sich Steimle offenbar noch etwas anderes vorgestellt.<\/p>\n<p>Dass sein angeblich ungerechter Vorwurf nun der Grund sein soll, warum man sich von Steimle trennt und seinen ostdeutschen Fans die Lieblingssendung streicht, wirkt absurd. Gerade dieser Rauswurf best\u00e4tigt Steimles Vorwurf ja.<\/p>\n<p>Es ist stark anzunehmen, dass h\u00f6chster Druck auf dem MDR gelastet hat, und man sich von dem Mann trennte, um nicht weiter vom Politb\u00fcro bei ZAPP unter Druck gesetzt zu werden.<\/p>\n<blockquote><p>Ich selbst bin sprachlos und habe mich im Jubil\u00e4umsjahr des Mauerfalls selten so sehr an das politische Klima in der DDR erinnert gef\u00fchlt wie heute.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenigstens will ich mit diesem spontanen Beitrag meine Solidarit\u00e4t mit Uwe Steimle zum Ausdruck bringen.<\/p>\n<p>Wer Uwe Steimle unterst\u00fctzen m\u00f6chte, kann sich an der <a href=\"https:\/\/www.openpetition.de\/petition\/online\/wir-sind-steimles-welt\">Petition<\/a> zum Erhalt der Sendereihe \u201eSteimles Welt\u201c beteiligen.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/Grenzen-der-Satire-Der-MDR-und-Uwe-Steimle,steimle102.html\">ZAPP-Beitrag \u00fcber Steimle<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.thueringer-allgemeine.de\/regionen\/nordhausen\/uwe-steimle-mein-wunsch-ist-dass-bei-der-goldenen-henne-alle-erika-schirmers-friedenstaube-singen-id227660451.html\">Interview mit Steimle<\/a> vom 16. November 2019<br \/>\n<a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Steimle-Interview.pdf\">Steimle Interview<\/a><\/p>\n<div class=\"article-content\"><em>Dieser Beitrag erschien zuerst im Onlinemagazin Rubikon.<\/em><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"float: left; margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_5203 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_5203')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_5203').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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