{"id":5368,"date":"2020-01-28T20:37:19","date_gmt":"2020-01-28T19:37:19","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=5368"},"modified":"2026-10-31T19:01:40","modified_gmt":"2026-10-31T18:01:40","slug":"kreuzzug-gegen-die-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/kreuzzug-gegen-die-aufklaerung\/","title":{"rendered":"Kreuzzug gegen die Aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<h4>Quotendiktatur und anonyme Zensur durch Medien-Intellektuelle sind zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden. Exklusivabdruck aus \u201eKrieg nach innen, Krieg nach au\u00dfen\u201c.<\/h4>\n<p><em>Ein Beitrag von Michael Schneider<\/em><\/p>\n<p>Der Schlachtruf des Neoliberalismus \u201eAlle Macht den M\u00e4rkten!\u201d bedeutet auch f\u00fcr die Multimedia-Industrie Markterweiterung um jeden Preis. Infolgedessen wird heute die Programmpolitik der gro\u00dfen Multimedia-Konzerne gnadenlos dem Diktat der Quote unterworfen. Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch \u201eKrieg nach innen, Krieg nach au\u00dfen \u2014 und die Intellektuellen als \u201aSt\u00fctzen der Gesellschaft\u2018?\u201c, herausgegeben von Klaus-J\u00fcrgen Bruder, Christoph Bialluch, J\u00fcrgen G\u00fcnther. (1)<\/p>\n<p>Durch das Privateigentum an den Medien und die Patronage der gro\u00dfen Werbekunden erfolgt eine generelle Anpassung der Programmausrichtung an die Bed\u00fcrfnisse der gro\u00dfen Firmen, denen die Medien Marktsegmente potentieller Verk\u00e4ufer vermitteln. Der Marktwert eines Mediums aber wird von seiner Profitrate bestimmt, und diese h\u00e4ngt im Wesentlichen vom Volumen und der Kaufkraft der ver\u00e4u\u00dferbaren Marktsegmente ab, welche die Tarife der Werbezeiten bestimmen. Das zentrale Operationsziel des Massenmediums liegt daher in der Erh\u00f6hung der Zahl seiner H\u00f6rer, Leser oder Zuschauer, nicht in einem breiten Angebot hochwertiger Unterhaltung und Information.<\/p>\n<p>Sendungen, die wenig Publikum anziehen, das hei\u00dft vor den anonymen Zensurinstanzen der Einschaltquoten und \u201eratings\u201d versagen, finden keine Werbefinanzierung und fallen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aus dem Programm heraus. Das Programm-Resultat dieser kommerziell-quantitativen Logik ist der sichere Dreischnitt zum Profit der Aktion\u00e4re: Sport, Gewalt, Krimis und Sex. Diese sind denn auch zum wahren \u201eOpium des Volkes\u201d geworden.<\/p>\n<p>Kan\u00e4le, die t\u00e4glich 24 Stunden Sportereignisse, Musik- und Videoclips \u00fcbertragen, seichte Serien, vor allem Krimis und Thriller, Soaps, endloses Talkshow-Gequassel, Zeichentrickfilme f\u00fcr Kinder und Warenverkauf per Bildschirm, telemarketing, zusammen mit \u201einteraktiven Programmen\u201d, bei denen dem Zuschauer bei Anruf des entsprechenden Kanals ein Gewinn versprochen wird, komplettieren das von den Kommunikationsexperten und Programmdirektoren zusammengestellte \u201eMenu\u201d und besetzen wohl \u00fcber neunzig Prozent der Sendezeiten f\u00fcr die Bewohner des \u201eglobal village\u201d. Der sogenannte \u201ePluralismus des Programmangebotes\u201d, der durch eine Vielzahl neuer TV-Kan\u00e4le scheinbar beglaubigt wird, ist pure Augenwischerei. In Wahrheit herrscht eine bet\u00e4ubende Einfalt und was nicht passt, wird passend gemacht.<\/p>\n<p>Mit der Herausbildung der weltumspannenden Multimedia-Konzerne im \u201eglobal village\u201d hat sich der Kampf um Marktanteile derart versch\u00e4rft, dass auch die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender immer mehr unter Druck geraten sind und die Quote zu ihrem obersten Leitprinzip erhoben haben, auch wenn ihre Programmchefs dieses Faktum brutum noch so sehr zu bem\u00e4nteln suchen. Auch das ZDF und die ARD-Anstalten sahen sich, angesichts der Konkurrenz der zahllosen privaten Anbieter, gezwungen, ihre Programmgestaltung in vielen Bereichen derjenigen der privaten Schmuddelsender anzupassen, unter anderem durch Ausweitung der Talkshow-Programme, durch Einkauf trivialster TV-Serien und Soaps, durch K\u00fcrzung oder Streichung kritischer Nachrichtenmagazine, Reportagen und Features. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Rundfunk.<\/p>\n<p>Die Diktatur der Quote aber hat letzten Endes eine viel nachhaltigere und wirksamere Zensur \u2014 und Selbstzensur \u2014 im Gefolge, als jede staatliche Zensurbeh\u00f6rde sie durchzusetzen verm\u00f6chte. Denn sie vollzieht sich anonym, vermittelt nur \u00fcber den Druck und die \u201enat\u00fcrliche Auslese\u201d des Marktes, darum ist sie auch schwerer fassbar und angreifbar als die klassische Zensur einer staatlichen Aufsichtsbeh\u00f6rde. An deren Stelle ist heute die anonyme Zensur des Marktes getreten, die sich als Schere im Kopf der meisten Medienmacher reproduziert.<\/p>\n<p>Die Medien als vierte Gewalt im Staate nehmen denn auch immer weniger ihre kritische und aufkl\u00e4rerische Kontrollfunktion wahr, die ihnen das Grundgesetz zuweist.<\/p>\n<blockquote><p>Unter dem Diktat der Einschaltquote und der Auflagensteigerung degenerieren sie vielmehr zu Agenturen einer globalen Unterhaltungs- Zerstreuungs- und Verdummungsindustrie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gehaltvolle Berichterstattung und Kultur aber, die der Aufkl\u00e4rung und kritischen Selbstverst\u00e4ndigung der B\u00fcrger dienen k\u00f6nnte, rutschen ab ins Dritte Programm, ins Nachtprogramm oder in die exklusiven Minorit\u00e4ten-Programme, Arte, 3sat, Phoenix; denn sie dr\u00fccken die Einschaltquote. Im Rauschen der multimedialen Bilder- und Informationsflut, die uns Tag f\u00fcr Tag berieselt, wirken die wenigen gehaltvollen Sendungen und Berichte wie Tropfen im Ozean.<\/p>\n<h5>Medienmogule und Meinungsmonopole<\/h5>\n<p>Die versch\u00e4rfte Konkurrenz auf dem Medien- und Printmarkt und der versch\u00e4rfte Kampf um die Marktanteile f\u00fchren \u2014 wie auch in anderen Bereichen der freien Wirtschaft \u2014 zu gigantischen Konzentrationsprozessen, mit dem Resultat, das heute wenige Medienmultis und Medienmogule den internationalen Unterhaltungs- Informations- und Meinungsmarkt beherrschen.<\/p>\n<p>Rupert Murdoch beispielsweise, ein wahrhaftiger \u201eglobal Player\u201d, beherrscht 70 Prozent des Zeitungsmarktes in Australien, 40 Prozent des Zeitungsmarktes in Gro\u00dfbritannien \u2014 unter anderem geh\u00f6rt ihm das m\u00e4chtige Boulevardblatt <em>The Sun<\/em> \u2014, 25 Prozent des amerikanischen Fernsehmarktes, den gr\u00f6\u00dften Satellitensender Asiens, der von Israel bis Kamtschatka sendet, den kompletten Pay-TV-Markt in England und eines der gr\u00f6\u00dften Hollywoodstudios, von seinen Buchverlagen, Multimedia-Aktivit\u00e4ten und Zeitschriften ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Murdoch ist so m\u00e4chtig, dass er ganze Regierungen kaufen kann. Mit seinen Preiskriegen zwang er alteingesessene und ehrw\u00fcrdige britische Bl\u00e4tter in die Knie. \u00c4hnlich liegen die Verh\u00e4ltnisse beim amerikanischen Medienmogul Ted Turner. Die Einschaltquoten des Nachrichtenkanals von CNN liegen derzeit bei ca. hundert Millionen Haushalten in 210 L\u00e4ndern. Durch die Fusion von Time Warner Inc. und Turner Broadcasting System Inc. mit dem Internet-Dienstleister AOL entstand der gr\u00f6\u00dfte Medienkonzern der Welt.<\/p>\n<p>Die grundgesetzlich verankerte Presse- und Informationsfreiheit \u2014 droht sie nicht, angesichts des gezielten Einsatzes globaler Medienmacht, zu einem r\u00fchrenden Anachronismus, zu einem altehrw\u00fcrdigen Residuum aus dem liberalen Ideenfundus der b\u00fcrgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts zu werden?<\/p>\n<p>Am Beispiel des Golfkrieges von 1991 konnte man sehen, wie die US-Propagandal\u00fcgen und die Bilder der vom Pentagon zensierten Kriegsberichterstattung, die per CNN um den Globus gingen, die Welt\u00f6ffentlichkeit manipulierten, bis auch der letzte deutsche TV-Moderator und Nachrichtensprecher und das letzte deutsche K\u00e4seblatt die Propagandal\u00fcgen des Pentagons, unter anderem bez\u00fcglich der sog. Brutkastenl\u00fcge, gehorsamst wiederk\u00e4uten. Im Falle des Golfkrieges von 2003 allerdings konnte \u2014 dank der allzu offenkundigen L\u00fcgen der Bush-Regierung und der vielen Patzer der US-Propagandaabteilungen, vor allem aber dank der massiven Mobilisierung und Aufkl\u00e4rung einer weltweiten Friedensbewegung \u2014 dieser globale mediale Konsens nicht mehr hergestellt werden. Ein Hoffnungszeichen f\u00fcr die Zukunft!?<\/p>\n<p>Umso durchschlagender war die multimediale Gleichschaltung im Falle des NATO-Krieges gegen das serbische Rest-Jugoslawien gewesen, ein Krieg, der ebenfalls ohne die UNO und \u201eout of area\u201d, ohne Kriegserkl\u00e4rung und v\u00f6lkerrechtliche Grundlage gef\u00fchrt wurde. Der mediale Konsens, dass es sich hierbei um einen \u201egerechten Krieg\u201d zur Verhinderung einer \u201ehumanit\u00e4ren Katastrophe\u201d handle, wurde in den \u201efreien Demokratien des Westens\u201d so fl\u00e4chendeckend und effizient durchgesetzt, wie man es sonst nur von totalit\u00e4ren Regimen kennt.<\/p>\n<p>Dieser Konsens erstreckte sich \u00fcber das gesamte Rechts- Liberal- Pseudolinks- Spektrum, welches von Axel Springers Imperium \u00fcber Rudolf Augsteins Nachrichtenblatt, \u00fcber den <em>Tagesspiegel<\/em>, die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>, <em>Die Zeit<\/em> bis zur <em>taz<\/em> reichte. Und h\u00e4tten zwei mutige Redakteure des kritischen ARD-Magazins \u201eMonitor\u201d nicht vor Ort nachrecherchiert, h\u00e4tte die deutsche \u00d6ffentlichkeit wohl nie erfahren, dass es sich bei etlichen \u201eDokumenten\u201d und \u201eBeweisst\u00fccken\u201d, mittels derer Rudolf Scharping bei seinen t\u00e4glichen Pressekonferenzen der deutschen \u00d6ffentlichkeit zu suggerieren suchte, im Kosovo gehe es darum, ein \u201ezweites Auschwitz\u201d zu verhindern, um manipulierte und get\u00fcrkte Propaganda-Materialen der albanischen paramilit\u00e4rischen Organisation U\u00c7K und der ihr nahe stehenden Geheimdienste handelte.<\/p>\n<h5>Die neuen Medien-Intellektuellen<\/h5>\n<p>Die medial gesteuerte \u00d6ffentlichkeit hat auch das Bild und die Rolle der Intellektuellen radikal ver\u00e4ndert, wie R\u00e9gis Debray in seinem Aufsehen erregenden Buch <em>I.F. Suite et Fin<\/em> (Paris 2001) dargelegt hat. Die Abbreviatur I.F. steht f\u00fcr \u201eintellectuel fran\u00e7ais\u201d, also \u201eFranz\u00f6sische Intellektuelle\u201d. In groben Z\u00fcgen zeichnet Debray die Karriere des franz\u00f6sischen Intellektuellen vom \u201eurspr\u00fcnglichen Intellektuellen\u201d, \u201eintellectuel original\u201d, zum \u201eendg\u00fcltigen Intellektuellen\u201d, \u201eintellectuel terminal\u201d, nach \u2014 eine Diagnose, die sich problemlos auch auf die Karrieren deutscher Intellektuellen beziehen lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Mit den \u201eurspr\u00fcnglichen Intellektuellen\u201d verbindet sich die Aff\u00e4re Dreyfus, in der auch der Begriff des Intellektuellen als Kampfbegriff gepr\u00e4gt worden ist. Bekanntlich setzte sich der Schriftsteller \u00c9mile Zola damals gegen die \u00dcbermacht der \u00f6ffentlichen Meinung wie fast der gesamten Elite in Wirtschaft, Staat und Milit\u00e4r f\u00fcr den j\u00fcdischen Offizier Alfred Dreyfus ein, der zu Unrecht des Landesverrats bezichtigt und in einem unbeschreiblichen Milit\u00e4rstrafverfahren verurteilt worden war. Zola wurde mit seinem ber\u00fchmten <em>J\u2019Accuse\u2026!<\/em> Stilbildend, nicht nur f\u00fcr das intellektuelle Frankreich. Er und viele andere europ\u00e4ische Intellektuelle und Schriftsteller standen f\u00fcr Aufkl\u00e4rung und Emanzipation, Autonomie und Kritik und bildeten \u2014 obschon machtlos \u2014 eine Gegenmacht zur Realpolitik und zum herrschenden Konsens.<\/p>\n<p>Der \u201eendg\u00fcltige Intellektuelle\u201d dagegen \u2014 so Debray \u2014 ist keine Gegenmacht mehr, er steht nicht mehr f\u00fcr eine \u201edritte Sache\u201d, er streitet nicht mehr f\u00fcr eine alternative und gerechtere Gesellschaftsform, sondern er wechselt seine geistigen und politischen Magazine im Rhythmus der Konjunktur aus, um am Mainstream teilzuhaben. So wird er zum Bestandteil des Betriebs der M\u00e4chtigen in den Medien, beziehungsweise zum Sprachrohr der Eliten in Politik und Wirtschaft. Er ist zum Medienintellektuellen geworden, der erstens sich selbst verkauft und vermarktet, und zweitens das, was der Betrieb verlangt.<\/p>\n<p>Zu den derzeit bekanntesten Medienintellektuellen der franz\u00f6sischen Szene geh\u00f6ren Bernard-Henri L\u00e9vy, Andr\u00e9 Glucksmann und Philippe Sollers, die sich in allen Gazetten und Medien mit ihren pfannenfertigen Instant-Meinungen, seichten Hypothesen und Fast-Think-Prognosen tummeln. Leicht lassen sich zu ihnen die zeitgen\u00f6ssischen deutschen Pendants aufz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Exemplarisch, ja, un\u00fcbertroffen f\u00fcr den flinken Wechsel von Meinungen und Ansichten im Gezeitenwechsel der politischen Konjunkturen ist der ehemalige <em>Kursbuch<\/em>-Herausgeber Hans-Magnus Enzensberger. Alles erlaubt, au\u00dfer schlecht geschrieben? Den Ruf als wendigster Intellektueller der Bundesrepublik Deutschland hat sich der Essayist und Schriftsteller Enzensberger \u00fcber Jahrzehnte hinweg erworben. Nicht von ungef\u00e4hr w\u00e4hlte er schon fr\u00fch den \u201efliegenden Robert\u201d zu seinem Schutzheiligen und Markenzeichen: \u201eEskapismus, ruft ihr mir zu\/ vorwurfsvoll. Was denn sonst, antworte ich, bei diesem Sauwetter\u201d.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht der Ort, um Enzensbergers rasante politische Kehrtwendungen, die schroffen Thesen, die er meist ein paar Jahre sp\u00e4ter durch ebenso schroffe Antithesen annullierte und ersetzte, nachzuzeichnen. Treffend sprach Peter R\u00fchmkorf schon fr\u00fch von \u201eGesellschaftspolitischen Luftbuchungen\u201d eines \u201eerstaunlich gelenkigen\u201d Entfesselungsk\u00fcnstlers\u2026 \u201eWas bleibt, ist das h\u00fcbsche Bild eines Faschingsprinzen, der seine zerfetzelten Manifeste und Glaubensartikel mit grazi\u00f6sen Verabschiedungsgesten hinter sich wirft.\u201d<\/p>\n<p>Enzensberger, der tonangebende und h\u00f6chstbezahlte Kulturkritiker des Landes, der im Laufe seiner langen publizistischen Laufbahn so gut wie alles wieder zur\u00fcckgenommen und negiert hat, wof\u00fcr der ehemalige Achtundsechziger und <em>Kursbuch<\/em>-Herausgeber einmal stand, wurde folgerichtig zum Sprachrohr des neuen Zynismus \u2014 flexibel bis zur Identit\u00e4tslosigkeit \u2014 und damit zum Lieblingsintellektuellen des liberalen und konservativen Feuilletons, in Sonderheit der <em>FAZ<\/em>, deren Weltbild er fr\u00fcher einmal mit scharfer Zunge zerpfl\u00fcckt hatte.<\/p>\n<h5>Aller Aufkl\u00e4rung \u00fcberdr\u00fcssig<\/h5>\n<p>Unter den epochalen Str\u00f6mungen in der Geschichte wird wohl keine so sehr gescholten wie die der Aufkl\u00e4rung. Seit langem schon, nicht erst nach der deutschen Wiedervereinigung, geh\u00f6rt es im deutschen Literatur- und Wissenschaftsbetrieb zum guten Ton, die Aufkl\u00e4rung f\u00fcr alle m\u00f6glichen Fehlentwicklungen der Moderne verantwortlich zu machen, ja, diese rundherum f\u00fcr \u201eobsolet\u201d zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Exemplarisch f\u00fcr die konjunkturbewusste Aufk\u00fcndigung der Rolle des engagierten, der Aufkl\u00e4rung verpflichteten Intellektuellen ist der Fall des Schriftstellers und stets medienpr\u00e4senten Zeitkommentators Martin Walser. \u201eEngagement als Pflichtfach f\u00fcr Schriftsteller\u201d lautete einst der programmatische Titel seines Rundfunk-Vortrages von 1967, was f\u00fcr ihn damals bedeutete: eine Haltung des \u201eradikalen Zweifels\u201d und der Aufkl\u00e4rung \u2014 Aufkl\u00e4rung vor allem \u00fcber den von den meisten Deutschen im \u201eDritten Reich\u201d geteilten Rassismus und Nationalismus, der nach Auschwitz gef\u00fchrt hat. Dieses Grundmuster aufkl\u00e4rerischer Weltsicht gab Walser 1979 in seinem Essay \u201eH\u00e4ndedruck mit Gespenstern\u201c preis. Darin hei\u00dft es: \u201eDie Nation ist im Menschenma\u00df das m\u00e4chtigste geschichtliche Vorkommen.\u201d<\/p>\n<p>Seither adaptierte er immer h\u00e4ufiger Argumente und Sprache der \u201ekonservativen Revolution\u201d. Begriffe wie Aufkl\u00e4rung, Emanzipation, Intellektueller, Kritik, Utopie wurden f\u00fcr ihn pl\u00f6tzlich zu negativen Reizw\u00f6rtern. Worte wie Nation, Volk, Heimat, Deutschtum dagegen gewannen an Bedeutung. Allein Volk\u201d und \u201eNation\u201d \u2014 so Walser \u2014, erf\u00fcllten das Bed\u00fcrfnis nach Sinn und Geborgenheit.<\/p>\n<p>In seinem Essay \u201eVerrat der Intellektuellen\u201c, einem weitgespannten und gl\u00e4nzend recherchierten Parcours durch die restaurative Geisteslandschaft des vereinten Deutschland, res\u00fcmiert der Literaturwissenschaftler Stephan Reinhardt:<\/p>\n<p><em>\u201eWalser stellte sich fr\u00fch ein auf die neuen Winde des Zeitgeistes, die nun von rechts wehten [\u2026]. Er mutierte wie Montaignes Cham\u00e4leon zum Sprachrohr etlicher konservativer Denk- und Sprachmuster, darunter auch des ethnischen Homogenit\u00e4tsdenkens. Die Rechte und die rechte Mitte dankten es ihm.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Mitschuld am gewaltt\u00e4tigen Rechtsextremismus trage \u2014 so Walser 1993 in seinem Essay \u201eDeutsche Sorgen\u201c \u2014 die \u201eLinke\u201d. Indem sie alles Nationale \u201eausgeklammert und r\u00fcckhaltlos kritisch behandelt habe, habe sie es in den Untergrund gezwungen und so das Treiben der Skinhead und Neonazis erst provoziert. Dass der zunehmende Rechtsdrall, der Aufstieg und Erfolg rechtsradikaler und fremdenfeindlicher Parteien in Europa, vor allem aber in Ostdeutschland und Osteuropa, etwas mit den Zumutungen der Globalisierung und den sozialen Verheerungen und Verwerfungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik zu tun hat, auf diese Idee kommt Martin Walser nicht. \u201eIst nicht doch eher die im Namen der Globalisierung vollzogene Rationalisierung Ursache der Misere\u201d, fragt der ostdeutsche Schriftsteller Christoph Hein. \u201eDie dritte Welt ist \u00fcberall. Ostdeutschland als Avantgarde der Globalisierung: Wo das Kapital flieht, kommt der Nationalismus zur\u00fcck.\u201d<\/p>\n<p>Dass Ernst J\u00fcnger \u2014 seit langem geadelt von dem Historiker Ernst Nolte, dem Literaturwissenschaftler und Herausgeber des <em>Merkur<\/em>, Karl Heinz Bohrer, und dem langj\u00e4hrigen Feuilletonchef der <em>FAZ<\/em>, Frank Schirrmacher, \u2014 zur Galions- und Referenzfigur der \u201eNeuen Rechten\u201d wurde, verwundert nicht. In der Wochenzeitung <em>Junge Freiheit<\/em>, dem wichtigsten Publikationsorgan der Neuen Rechten, spielt er die Rolle des S\u00e4ulenheiligen.<\/p>\n<p>Sehr verwunderlich allerdings war Botho Strau\u00df\u2019 Schulterschluss mit J\u00fcngers gegenaufkl\u00e4rerischem Weltbild in seinem viel diskutiertem <em>Spiegel<\/em>-Essay von 1993: \u201eAnschwellender Bocksgesang\u201c. Strau\u00df, dessen fr\u00fche Prosa und sensible Zeitst\u00fccke dem Innenleben bundesrepublikanischer Wohlstands-B\u00fcrger auf den Puls f\u00fchlten, erkl\u00e4rte darin das Zeitalter des \u201ekritischen Bewusstseins\u201d f\u00fcr beendet und rief mit seinem Leitbild-Wechsel eine Trendwende nach rechts aus. An den Pranger stellt er den Freiheits- und Emanzipationsgedanken der Aufkl\u00e4rung und diejenigen, die diese Idee nicht auf dem Pop-Altar der Postmoderne geopfert wissen wollen \u2014 allen voran die liberale Linke. Im Gefolge Nietzsches h\u00e4tten diese linken Leute, warf Strau\u00df voller Verachtung vor, \u201eein Heer von Sp\u00f6ttern, Atheisten und frivolen Insurgenten\u201d etabliert, das heute die Macht und das Sagen habe.<\/p>\n<p>Diese linke atheistische Sp\u00f6tter-Heer, habe durch seine \u201eVerh\u00f6hnung des Eros\u2026des Soldaten\u2026der Kirche, Tradition und Autorit\u00e4t\u201d, die \u201e\u00dcberlieferung\u201d verdorben und eine Katastrophe angerichtet. An die Stelle dieses \u201efaulen Befreiungszaubers\u201d geh\u00f6re das Programm einer \u201eGegenaufkl\u00e4rung\u201d. Sie habe der \u201eH\u00fcter des Unbefragbaren, der Tabus und der Scheu\u201d zu sein. Denn Wirklichkeit, Geschichte und Gegenwart w\u00fcrden gepr\u00e4gt und bestimmt durch mythische und magische Muster.<\/p>\n<p>Es ist wohl bezeichnend f\u00fcr den deutschen Literaturbetrieb der Nachwende-Zeit, dass dieses, an J\u00fcnger und Heidegger erinnernde, dunkle und elit\u00e4re Geraune sogleich von zahllosen Kommentatoren als \u201etiefe Einsicht\u201d geadelt wurde. Wenn Strau\u00df in seinem Antiaufkl\u00e4rungs-Manifest von \u201eDemokratismus\u201d spricht, f\u00e4llt er \u2014 wie etliche andere \u201eDenker\u201d und Historiker der Neuen Rechten \u2014 in gef\u00e4hrliche vordemokratische Denkmuster zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Platz schaffen f\u00fcr ein neues Nationalgef\u00fchl \u2014 gebetsm\u00fchlenhaft propagieren das nicht nur Martin Walser und Botho Strau\u00df, sondern auch Historiker wie Arnulf Baring, Hage Schulze, Michael St\u00fcrmer, der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, und viele andere, in der Schwundform der Phrase auch der ehemalige Leiter des Kulturressorts im <em>Spiegel<\/em>, Matthias Matussek, in seinem nationalen Erbauungsbuch \u201eWir Deutschen\u201c. In der Sprache der Politiker hei\u00dft das, Deutschland m\u00fcsse, entsprechend seiner mit der Einheit gewachsenen Gr\u00f6\u00dfe und wirtschaftlichen St\u00e4rke, auch wieder \u201emehr Verantwortung in der Welt\u201d \u00fcbernehmen, und seinen, aus altem Schuldgef\u00fchl und \u201enegativem Patriotismus\u201d resultierenden milit\u00e4rischen Absentismus endlich \u00fcberwinden.<\/p>\n<h5>Von Sozialisten zu Bellizisten<\/h5>\n<p>\u201eFrieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.\u201d Dieser oft zitierte Satz von Willy Brandt dr\u00fcckt aus, was nach der Katastrophe und den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs weithin in Deutschland Konsens war. Deshalb: \u201eNie wieder Krieg!\u201d Doch mit dem Zweiten Golfkrieg von 1991 wurde dieser Konsens zum ersten Mal schwer ersch\u00fcttert.<\/p>\n<blockquote><p>Im Klima einer beginnenden Gegenaufkl\u00e4rung und unter dem Trommelfeuer US-amerikanischer Kriegspropaganda transformierten sich smarte, wortgewandte Intellektuelle, K\u00fcnstler und Wissenschaftler zu aalglatten Opportunisten und Bellizisten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Allen voran Hans Magnus Enzensberger, der \u2014 getreu der CIA-Sprachregelung \u2014 in Saddam Hussein einen \u201eWiederg\u00e4nger Hitlers\u201d sah, und die deutsche Friedensbewegung der Appeasement-Politik beschuldigte. Ins gleiche Horn tutete Wolf Biermann, der den deutschen Friedensaktivisten vorwarf, sie lie\u00dfen sich von Antiamerikanismus, Antizionismus und Pal\u00e4stinenserromantik leiten, und ihnen nachrief. \u201eNa dann! Bindet Euer Pal\u00e4stinenser-Tuch fester, wir sind geschiedene Leute!\u201d Seither \u00fcberbietet er sich in eisenfressenden Antipazifismus-Bekenntnissen. Und wurde daf\u00fcr auch noch \u2014 Welch Groteske der Geschichte! \u2014 mit dem Heinrich Heine-Preis bedacht.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war es eine best\u00fcrzende Erfahrung, zu erleben, wie etliche ehemalige Linke und Sozialisten aus meinem n\u00e4heren Bekanntenkreis pl\u00f6tzlich zu marktschreierischen Bellizisten mutierten und f\u00fcr die \u201enaiven Pazifisten\u201d und \u201eweltfremden Gutmenschen\u201d, ob sie nun Horst-Eberhard Richter oder Eugen Drewermann hie\u00dfen, nur noch Spott und Hohn \u00fcbrig hatten.<\/p>\n<p>Zugleich machte ich, der ich in den Achtzigerjahren noch in vielen, auch \u00fcberregionalen Zeitungen und Bl\u00e4ttern hatte publizieren k\u00f6nnen, pl\u00f6tzlich die Erfahrung einer schroffen medialen Ausgrenzung. Zwei Jahre nach dem Zweiten Golfkrieg schrieb ich eine kritische Reportage \u00fcber die amerikanischen Kriegsverbrechen am Golf und \u00fcber die Auswirkungen des nachfolgenden Sanktionsregimes, denen \u2014 nach Sch\u00e4tzungen von UNICEF \u2014 eine Million irakischer Zivilisten, die H\u00e4lfte davon Kinder, zum Opfer fielen. Wie Sauerbier bot ich diese Reportage den deutschen Tages- und Wochenzeitungen an: Niemand wollte sie drucken.<\/p>\n<p>Das zivilisatorische Krebsgeschw\u00fcr Krieg \u2014 Denn gibt es Kriege, gab es sie je ohne zivile Opfer? \u2014 war wieder zur selbstverst\u00e4ndlichen Option geworden. Und so fand auch der NATO-Angriff auf Serbien \u2014 die rotgr\u00fcne \u201eEnttabuisierung des Milit\u00e4rischen\u201d als Beispiel eines angeblich gerechten Krieges, der ein neues Auschwitz verhindern sollte, wie es Joschka Fischer formulierte \u2014 entschiedene Bef\u00fcrworter bei vielen ehemaligen Linken wie Hans Magnus Enzensberger, Hans Christoph Buch, Peter Schneider, Daniel Cohn-Bendit, Cora Stephan, Katharina Rutschky, ebenso bei Historikern wie Karl Otto Hondrich, Josef Joffe und Herfried M\u00fcnkler, e tutti quanti. Desgleichen in Frankreich bei den sogenannten \u201eNeuen Philosophen\u201d Andr\u00e9 Glucksmann, Alain Finkielkraut und Bernard-Henri L\u00e9vy. Statt \u00f6ffentlich dar\u00fcber zu r\u00e4sonieren, warum sich Kriege nun mal nicht vermeiden lassen \u2014 st\u00fcnde es Intellektuellen und Wissenschaftlern denn nicht viel besser an, \u00f6ffentlich dar\u00fcber nachzudenken, wie und unter welchen Umst\u00e4nden sich Kriege vielleicht doch vermeiden lie\u00dfen?<\/p>\n<h5>Kollektiver Autismus der Medien-Intellektuellen<\/h5>\n<p>Kehren wir noch einmal zu Regis Debrays Kritischer Ph\u00e4nomenologie der heutigen \u201eMedienintellektuellen\u201d zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Von der Form der Scheindebatten in Talk-Shows, \u00fcber die fast t\u00e4glich wechselnden Anl\u00e4sse, die als \u201eAn- und Aufrei\u00dferthemen\u201d von zwei, drei Leitmedien intoniert und von allen anderen dann beflissen \u00fcbernommen werden, bis zu den Umgangsformen der \u00f6ffentlichen Debattanten erweist sich das Gesch\u00e4ft der Medienintellektuellen \u2014 so Debray \u2014 als \u201ekollektiver Autismus\u201d.<\/p>\n<blockquote><p>Der Medien-Intellektuelle begreift und definiert sich nur noch durch sein Milieu, das sich seinerseits durch sein Medium \u2014 Fernsehkanal, Radiosender, Zeitung \u2014 definiert. Sein mediales Ich bildet sich nur noch im Milieu von seinesgleichen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Entsprechend verk\u00fcmmern die intellektuellen Debatten von fr\u00fcher \u2014 Sartre etwa brauchte in seiner Auseinandersetzung mit Camus 1952 noch drei\u00dfig Seiten in der Zeitschrift <em>Les Temps modernes<\/em> \u2014 zum kurzatmig-fernsehgerechten W\u00f6rterzank, in dem ein paar Begriffe hin- und her geschossen werden.<\/p>\n<p>Als besonders medienwirksam erweisen sich hierbei die zu Chiffren erstarrten Namen von Orten, an denen gro\u00dfe Verbrechen stattgefunden haben und die im Modus dieser Banalisierung und videocliphaften Verk\u00fcrzung vollkommen austauschbar geworden sind: \u201eAuschwitz\u201d, \u201eKolymna\u201d, \u201eRuanda\u201d, \u201eScrebreniza\u201d und so weiter. Auch der bedenkenlose Vergleich v\u00f6llig inkommensurabler historischer Konstellationen geh\u00f6rt l\u00e4ngst zum \u201eguten Ton\u201d im Mediensalon: Die \u2014 von den Amerikanern zusammengekaufte \u2014 Kriegskoalition gegen Saddam Hussein von 1990\/91 steht dann f\u00fcr den Kriegseintritt der Westalliierten auf dem europ\u00e4ischen Schauplatz 1943, also f\u00fcr den \u201eGro\u00dfen Antifaschistischen Befreiungskrieg gegen Hitler-Deutschland\u201d, und die Bombardierung Belgrads 1999 erscheint dann ebenso unumg\u00e4nglich wie die Bombardierung Berlins 1943 bis 45.<\/p>\n<p>Die Interventionen der Medienintellektuellen zeichnen sich nach Debray dadurch aus, dass sie einen winzigen Anlass nehmen, um darauf mit einem \u00dcberma\u00df an \u201egeschwollenen W\u00f6rtern\u201d zu antworten. Ihr einziges Ziel sei, ihre im Rhythmus der Konjunktur wechselnden subalternen Meinungen unter die Leute zu bringen, und ihren eigenen Marktwert zu erhalten.<\/p>\n<p>Nicht wenige franz\u00f6sische und deutsche Medienintellektuelle waren fr\u00fcher Mitglieder kommunistischer Sekten und stramme Marxisten-Leninisten, nicht selten auch gl\u00e4ubige Nachbeter von Stalin \u00fcber Mao bis Pol Pot und als solche blind f\u00fcr deren Verbrechen. Ihren \u2014 mit der Implosion des Sowjetsystems einhergehenden \u2014 Bedeutungsverlust und ihr schlechtes Gewissen kompensieren sie heute mit der Gleichsetzung von allem und jedem, mit \u201eVerh\u00e4ltnisbl\u00f6dsinn in jeder Preislage\u201d. Im Kosovo droht dann angeblich ein \u201ezweites Auschwitz\u201d, und Slobodan Milo\u0161evi\u0107 oder Saddam Hussein erscheinen in ihren Kolumnen und Fernsehstatements als Kopien von Hitler.<\/p>\n<p>Als in der Wolle eingef\u00e4rbte Ideologen machen die Medienintellektuellen ihre vermeintliche \u201eantiideologische\u201d und \u201eideologiefreie\u201d Orientierung zur \u201eIdeologie \u00e0 la mode\u201d. Und nichts ist ihnen verhasster als jener vom Aussterben bedrohte Typus des \u201eengagierten Intellektuellen\u201d und Schriftstellers, der sich noch in der Tradition von \u00c9mile Zola, Jean-Paul Sartre und Pierre Bourdieu, von Heinrich Mann, Bertolt Brecht und G\u00fcnter Grass, als kritischer Herausforderer und Entlarver des herrschenden Zeitgeistes begreift und f\u00fcr die Verlierer der Geschichte Partei ergreift, statt mit fliegenden Fahnen zu ihren derzeitigen Siegern \u00fcberzulaufen, wie es die Nachwende-Intellektuellen in West- und Ostdeutschland scharenweise getan haben.<\/p>\n<h5>Der Kreuzzug gegen die Utopie<\/h5>\n<p>Da die BRD sich gegen\u00fcber der DDR stets als \u201edie Richtige\u201d, als Republik ohne Fehl und Tadel darstellte und ihr Modell schlechthin als vorbildlich empfand und empfindet \u2014 dies wurde ihr ja auch von einer Mehrheit der DDR-B\u00fcrger f\u00fcrs Erste best\u00e4tigt \u2014, hat sie sich der gro\u00dfen Chance begeben, den Umbruch und die Reformdiskussion, die mit der Wende in der DDR einsetzte, auch f\u00fcr sich selbst frucht- und nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>Es gibt eben nichts Besseres in Europa, ja, auf Erden als das \u201eModell Bundesrepublik\u201d lautete der selbstzufriedene Konsens ihrer Partei- Wirtschafts- und Meinungsf\u00fchrer, die denn auch kurzerhand, allen voran Joachim C. Fest in der <em>FAZ<\/em>, das \u201eEnde jeglicher Utopien\u201d verk\u00fcndet haben. Seither wird jeder Sollwert, der \u00fcber den glorreichen Ist-Zustand der deutschen Gesellschaft hinausweist, erst recht jede \u201ekonkrete Utopie\u201d, im Sinne der Vorstellung von etwas Besserem\u201d, als \u201edemagogisches Hirngespinst\u201d, oder als \u201eR\u00fcckfall in den Steinzeit-Kommunismus\u201c denunziert.<\/p>\n<p>Das TINA-Syndrom \u2014 das meint: \u201eThere Is No Alternative\u201d, das in der alternativlosen Kanzlerin Angela Merkel inkarniert zu sein scheint \u2014 hat sich denn auch wie Mehltau \u00fcber die ganze Gesellschaft gelegt.<\/p>\n<p>Leider haben sich auch viele namhafte Ex-Linksintellektuelle der Bundesrepublik, die nicht selten ihre quicke Anpassung an den Zeitgeist als politischen Reifeprozess verkauften, an der Verketzerung der Utopie beteiligt \u2014 und tun dies noch heute. Das Nachtreten auf die am Boden liegende \u201erealsozialistische Leiche\u201d wurde in den Neunzigerjahren geradezu zum Lieblings-Hobby einer Intellektuellen-Schicht und der ihnen nahestehenden Feuilletons, die ohne Skrupel eine Art selbsternanntes Tribunal gegen die literarische DDR-Prominenz errichteten. Selbst DDR-Schriftsteller wie Christa Wolf, Heiner M\u00fcller, Stefan Heym, Volker Braun und andere, die in einem schwierigen Verh\u00e4ltnis von Kritik und Teilsolidarit\u00e4t mit dem jetzt pauschal als \u201eUnrechtsregime\u201d titulierten SED-Staat standen, wurden nun pl\u00f6tzlich als \u201eopportunistische Mitl\u00e4ufer\u201d entlarvt.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Kampagne stellten die bundesdeutschen Feuilletons bereitwilligst ihre Spalten zur Verf\u00fcgung. \u201eDie Geistes- und Sozialwissenshaften der DDR sind nicht mehr als eine W\u00fcste\u201d, befand der Pr\u00e4sident der bundesdeutschen Max-Planck-Gesellschaft. Die <em>FAZ<\/em> sattelte drauf, indem sie erkl\u00e4rte, dass die zu \u201eHelden der Utopie erkl\u00e4rten K\u00fcnstler, Schriftsteller und Geisteswissenschaftler\u201d dem SED-Regime schamlos gedient h\u00e4tten, \u201esozusagen in der ersten Reihe der Ideologie.\u201d Bald beteiligte sich auch die \u00fcbrige Presse bis hin zur <em>taz<\/em> an der kulturellen S\u00e4uberung der DDR. Die fr\u00fcheren Freunde der DDR-Kultur verwandelten sich nun in deren sch\u00e4rfste Inquisitoren: Die Kunst der feinen Anspielung entpuppte sich auf einmal als \u201eSklavensprache\u201d. Der fr\u00fcher einmal als \u201eZonen-Beckett\u201d apostrophierte Heiner M\u00fcller r\u00fcckte an den M\u00fcll heran, Christa Wolf war als SED-\u201eStaatsdichterin\u201d entlarvt. Besenrein sollte das \u00f6stliche Gel\u00e4nde \u00fcbergeben werden.<\/p>\n<p>So galt denn auch die weltweit renommierte Berliner \u201eAkademie der Wissenschaften\u201d den Herren des neuen Deutschlands nicht als erhaltenswert. Zum 31. Dezember 1991 wurde sie komplett \u201eabgewickelt\u201d wie eine \u00fcberz\u00e4hlige H\u00fchnerfarm. Mit einem Schlag wurden 12.000 Wissenschaftler, darunter viele renommierte und international anerkannte, sowie 1.500 habilitierte, zu Professoren berufene Akademiker samt allen Mitarbeitern entlassen, ihre Berufsbiografien von einem Tag auf den anderen entwertet und zerst\u00f6rt. Auch gegen die Entlassungsorgien an den ostdeutschen Hochschulen \u2014 an der Uni Leipzig etwa wurden drei Viertel der Dozenten und wissenschaftlichen Assistenten entlassen \u2014 regte sich in den alten Bundesl\u00e4ndern keinerlei Einspruch, geschweige denn Protest, dabei hatten doch auch viele westdeutsche Linke unter der Berufsverbotspraxis der Siebziger- und Achtzigerjahren gelitten.<\/p>\n<p>Wie Arno Hecht, Autor und Medizin-Professor an der Universit\u00e4t Leipzig in seiner gr\u00fcndlichen Studie \u201eDie Wissenschaftselite Ostdeutschlands. Feindliche \u00dcbernahme oder Integration?\u201c zu Recht vermutet, sollte durch die Entlassung und soziale Liquidierung von drei Vierteln der ostdeutschen Wissenschaftler und Hochschulintelligenz vor allem verhindert werden, dass das vereinte Deutschland durch das gesellschaftskritische und antikapitalistische Potential der ostdeutschen Hochschulintelligenz kontaminiert werden w\u00fcrde. So wurde vorsorglich auch an den ostdeutschen Universit\u00e4ten, die ja bald demselben Bologna-Prozess unterworfen wurden wie die Hochschulen im Westen, f\u00fcr die Austreibung des kritischen und oppositionellen Denkens gesorgt. Zu den Spesen des deutschen Vereinigungsprozesses geh\u00f6rte denn auch eine neue \u201eAffirmative Kultur\u201d, in der f\u00fcr den Blochschen \u201eGeist der Utopie\u201d jedenfalls kein Platz mehr war.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die prek\u00e4re Arbeitssituation der meisten Hochschul-Mitarbeiter. An vielen deutschen Unis haben \u2014 dank der nach neoliberalen Prinzipien vorgenommenen Umstrukturierung \u2014 drei Viertel der Mitarbeiter nur noch befristete und schlecht bezahlte Arbeitsvertr\u00e4ge und m\u00fcssen sich m\u00fchsam von Semester zu Semester, von Projekt zu Projekt durchhangeln. Da \u00fcberlegt man es sich dann schon, ob man seinen Studenten einen Kurs \u00fcber das Marxsche \u201eKapital\u201c oder doch lieber einen Kurs \u00fcber die unverf\u00e4ngliche \u201eSystemtheorie\u201c von Niklas Luhmann anbietet.<\/p>\n<p>In den befristeten Werk- und Arbeitsvertr\u00e4gen der meisten Hochschul-Angeh\u00f6rigen ist denn auch die materielle Basis f\u00fcr ihr oft beklagtes \u201eAnpassertum\u201d zu sehen, das moralisch zu verurteilen ziemlich billig w\u00e4re. Zu verurteilen ist dagegen die von den m\u00e4chtigen Wirtschaftsverb\u00e4nden, Lobbys und Stiftungen, allen voran die Bertelsmann-Stiftung, und ihren dienstbaren Geistern geschaffene prek\u00e4re Situation der Geistesarbeiter, \u00fcberhaupt der Bologna-Prozess, in dessen Folge nur noch Expertentum gef\u00f6rdert wird, wodurch ein Typ von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Journalisten entsteht, der vom selbstbewusst seine Rechte einfordernden und wehrhaften \u201eCitoyen\u201d, wie er sich in Frankreich derzeit in der Massenbewegung der \u201eGelbwesten\u201d zeigt, weit entfernt ist.<\/p>\n<blockquote><p>Eine Gesellschaft jedoch, die sich das Tr\u00e4umen verbietet \u2014 und verbieten l\u00e4sst \u2014 und jedwede Utopie verketzert, begibt sich auch ihrer Ver\u00e4nderungs- und Entwicklungsm\u00f6glichkeiten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie wird ein stehendes, fauliges Gew\u00e4sser, ein sterbenslangweiliger Verein f\u00fcr Allianzversicherte Wohlstandsb\u00fcrger. Einer der sch\u00f6nsten und k\u00fchnsten Parolen der 68-Revolte, die wir damals mit roter Farbe an die Mauern der Freien Universit\u00e4t Berlins gepinselt hatten, war \u201eDIE PHANTASIE AN DIE MACHT!\u201c In der Tat br\u00e4uchten wir l\u00e4ngst wieder eine neue au\u00dferparlamentarische Opposition, die \u2014 um mit Karl Marx zu reden \u2014 \u201edie Verh\u00e4ltnisse dadurch zum Tanzen bringt, dass sie ihnen ihre eigene Melodie vorspielt!\u201d<\/p>\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>(1) Klaus-J\u00fcrgen Bruder, Christoph Bialluch, J\u00fcrgen G\u00fcnther (Hrsg.): \u201eKrieg nach innen, Krieg nach au\u00dfen \u2014 und die Intellektuellen als \u201aSt\u00fctzen der Gesellschaft\u2018?\u201c, 350 Seiten, Westend Verlag, 2. Dezember 2019<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Krieg-nach-innen-Krieg-nach-aussen.html?listtype=search&amp;searchparam=Klaus%20J%C3%BCrgen%20bruder\">https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Krieg-nach-innen-Krieg-nach-aussen.html?listtype=search&amp;searchparam=Klaus%20J%C3%BCrgen%20bruder<\/a><\/p>\n<p>Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Christoph Bialluch, Klaus-J\u00fcrgen Bruder und J\u00fcrgen G\u00fcnther: \u201eKrieg nach innen, Krieg nach au\u00dfen \u2014 und die Intellektuellen als &#8218;St\u00fctzen der Gesellschaft&#8216;?\u201c, 350 Seiten, Westend Verlag, 2.Dezember 2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"float: left; margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_5368 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_5368')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_5368').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"action\":\"like\",\"language\":\"de_DE\"},\"twitter\":{\"reply_to\":\"\",\"tweet_text\":\"%20Kreuzzug%20gegen%20die%20Aufkl%C3%A4rung%20%C2%BB%20St%C3%A4ndige%20Publikumskonferenz%20der%20...\",\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Twitter senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"language\":\"de\",\"referrer_track\":\"\"}},\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/publikumskonferenz.de\\\/blog\\\/kreuzzug-gegen-die-aufklaerung\\\/\",\"post_id\":5368,\"post_title_referrer_track\":\"Kreuzzug+gegen+die+Aufkl%C3%A4rung\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quotendiktatur und anonyme Zensur durch Medien-Intellektuelle sind zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden. Exklusivabdruck aus \u201eKrieg nach innen, Krieg nach au\u00dfen\u201c. Ein Beitrag von Michael Schneider Der Schlachtruf des Neoliberalismus \u201eAlle Macht den M\u00e4rkten!\u201d bedeutet auch f\u00fcr die Multimedia-Industrie Markterweiterung um jeden Preis. &hellip;<\/p>\n<p class=\"read-more\"> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/kreuzzug-gegen-die-aufklaerung\/\"> <span class=\"screen-reader-text\">Kreuzzug gegen die Aufkl\u00e4rung<\/span> Weiterlesen &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[405,190,336,137],"class_list":["post-5368","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-news","tag-krieg","tag-propaganda","tag-quotenterror","tag-zensur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5368","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5368"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5368\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13081,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5368\/revisions\/13081"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}