{"id":5858,"date":"2020-09-20T08:34:50","date_gmt":"2020-09-20T07:34:50","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=5858"},"modified":"2020-09-25T10:06:59","modified_gmt":"2020-09-25T09:06:59","slug":"menetekel-mali","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/menetekel-mali\/","title":{"rendered":"Menetekel Mali"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Beitrag von R\u00fcdiger Raul<\/em><\/p>\n<p>Der Milit\u00e4rputsch in Mali bedroht die westlich gepr\u00e4gte Stabilit\u00e4tsarchitektur in der Sahel-Zone. Damit scheint dort nun ein weiterer Krisenherd mit unkalkulierbaren Folgen f\u00fcr den Wertewesten zu entstehen.<\/p>\n<p><strong>Mali, Minsk und Hongkong<\/strong><\/p>\n<p>Mali ist weit weg sowohl f\u00fcr die deutsche \u00d6ffentlichkeit als auch f\u00fcr die Meinungsmacher hierzulande. Die Vorg\u00e4nge in Wei\u00dfrussland bestimmen die Schlagzeilen der Medien in Europa: Vorw\u00fcrfe von Wahlf\u00e4lschung, Proteste der Bev\u00f6lkerung gegen einen autokratischen Herrscher, Forderungen nach Neuwahlen oder gar Absetzung des Autokraten. Putin wird die Mitschuld an den Zust\u00e4nden in Wei\u00dfrussland gegeben. Denn er h\u00e4lt seine sch\u00fctzende Hand \u00fcber Lukaschenko, so die Sicht des Westens und seiner Meinungsmacher.<\/p>\n<p>All das, was \u00fcber Wei\u00dfrussland und Putin von den westlichen Medien in Umlauf gebracht wird,&nbsp; gilt aber genau so f\u00fcr die Situation in Mali. <em>\u201eGegen den jetzt abgesetzten Pr\u00e4sidenten Boubacar Keita hatte es seit Juni Massenproteste gegeben\u201c.<\/em> (1) Wo war die Unterst\u00fctzung des Westens f\u00fcr die Protestierenden in Mali, wo die ausf\u00fchrliche Berichterstattung der westlichen Medien? Anders als in Wei\u00dfrussland flossen keine Millionen zur Unterst\u00fctzung der Opposition.<\/p>\n<p>Auch Malis B\u00fcrger <em>\u201ewarfen dem Pr\u00e4sidenten die Manipulation der Parlamentswahl vom M\u00e4rz und April vor. [ Diese hatte] bereits 2018 stattfinden sollen\u201c<\/em> (2), wurde damals aber aus Sicherheitsgr\u00fcnden abgesagt. Als sie dann endlich f\u00fcr 2020 angesetzt worden war, wurde der Kandidat der Opposition, Soumaila Ciss\u00e9, nur wenige Tage vor der Wahl verschleppt. Trotz \u00e4hnlicher Verst\u00f6\u00dfe, die man in Wei\u00dfrussland aufs sch\u00e4rfste verurteilt, wurde das Wahlergebnis in Mali dennoch international anerkannt.<\/p>\n<p>All das geschah unter den Augen des Wertewestens, der seit Jahren mit starker Milit\u00e4rpr\u00e4senz im Land ist. Es ist nicht bekannt, dass westliche Vertreter ihr politisches Gewicht in dem Ma\u00dfe in Mali f\u00fcr die Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit und B\u00fcrgerrechten eingesetzt hatten, wie man es jetzt aus \u00e4hnlichem Anlass in Wei\u00dfrussland oder Hongkong versucht. Der Westen hielt also ebenso sch\u00fctzend die Hand \u00fcber Keita, wie man es im Falle Lukaschenkos Putin zum Vorwurf macht.<\/p>\n<p>Einhellige Emp\u00f6rung schlug China aus den westlichen Medien entgegen, als die Wahlen in Hongkong aus Sicherheitsgr\u00fcnden wegen Corona verschoben wurden. Von allen Seiten hagelte es Kritik und neue Sanktionen. Als 2019 Demonstranten das Parlament in Hongkong st\u00fcrmten und verw\u00fcsteten, hatte die westliche Presse viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Demonstranten. Scharf wurden dagegen die chinesischen Sicherheitskr\u00e4fte f\u00fcr ihr \u201ebrutales\u201c Vorgehen verurteilt.<\/p>\n<p>Als Demonstranten in diesem Jahr in Bamako versuchten, das Parlament zu st\u00fcrmen, antworteten <em>\u201ePolizei und Milit\u00e4r mit Tr\u00e4nengas, Gummigeschossen und scharfer Munition\u201c.<\/em> (3) W\u00e4hrend gegen\u00fcber China eine Welle der Entr\u00fcstung in Gang gesetzt worden war, geschah in Mali bei vergleichbarem Anlass nichts, kein Aufschrei der Emp\u00f6rung, keine Sanktionen. Selbst die gemeinsamen Milit\u00e4roperationen mit der malischen Armee liefen uneingeschr\u00e4nkt weiter.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>Undurchsichtig<\/strong><\/p>\n<p>Die Lage in Mali und der Sahel-Zone insgesamt ist nicht leicht zu durchschauen. Das liegt zum einen daran, dass westliche Politik kein gro\u00dfes Interesse an Berichten \u00fcber Vorg\u00e4nge hat, die dem eigenen Ansehen schaden und dar\u00fcber hinaus auch in der eigenen Gesellschaft vielleicht f\u00fcr Unruhe sorgen k\u00f6nnten. Denn anders als in Wei\u00dfrussland sind in Mali und der Sahel-Zone westliche Staaten aktiv und damit auch mitverantwortlich f\u00fcr die dortigen Vorf\u00e4lle.<\/p>\n<p>Zum anderen haben die westlichen Medien wenig Interesse an Themen, aus denen sich keine Aufregung oder Emotionalisierung herleiten lassen. Medien, besonders die privaten, leben von der Aufmerksamkeit, die sie \u00fcber Aufreger schaffen k\u00f6nnen. Das sorgt f\u00fcr Interesse bei den Medienkonsumenten und sp\u00fclt Geld in die Kassen. Je mehr Interesse, um so h\u00f6her Auflagen, Leserzahl und damit die Einnahmen aus Anzeigen und Aufrufen.<\/p>\n<p>Das mangelnde Interesse der Medien an Mali und der Sahel-Zone erkl\u00e4rt sich aber auch daraus, dass die meisten Berichterstatter und Kommentatoren die Vorg\u00e4nge dort nicht verstehen. Sie k\u00f6nnen sich die Vorg\u00e4nge in der islamischen Welt nur unter dem Blickwinkel von Religionskonflikten und islamistischem Terror erkl\u00e4ren. Vorg\u00e4nge, die diesem Muster nicht entsprechen, werden entweder ausgeklammert oder aber durch neue Theorien beziehungsweise \u201eExpertenmeinungen\u201c der&nbsp; herrschenden Sichtweise angepasst, wodurch sie aber auch immer widerspr\u00fcchlicher werden.<\/p>\n<p>Die meisten Berichterstatter gewinnen ihre Informationen nicht aus ihrer Anwesenheit vor Ort, sondern erhalten sie von Dritten, deren Interessen nicht immer klar sind, bzw aus Berichten von&nbsp; Nachrichten-Agenturen, die \u00e4hnlich denken wie sie selbst. Das erschwert den unvoreingenommen Blick auf&nbsp; Stimmungen und Entwicklungen in den betroffenen Gesellschaften.<\/p>\n<p>Als Peter Scholl-Latour \u00fcber den Vietnam-Krieg berichtete, konnte er eine Woche lang hautnah aus dem Lager des Vietkong berichten. Er befand sich in dessen Hoheitsbereich und f\u00fchrte Interviews mit dessen F\u00fchrer. Das waren authentische Aussagen von offiziellen Vertretern der Gegenseite. Der westliche Medienkonsument konnte also aus dem Munde des Vietkong dessen Ansichten zu den Vorg\u00e4ngen h\u00f6ren und sich ein ausgewogenes Bild machen, wenn er denn gewollt hat.<\/p>\n<p>Das ist heute nicht mehr m\u00f6glich. Der Westen besonders die USA haben aus der Niederlage in S\u00fcdost-Asien gelernt. Denn der Vietnam-Krieg ging zu einem nicht unerheblichen Teil in eigenen Land verloren durch die Berichterstattung \u00fcber die Gr\u00e4uel der Amerikaner und die L\u00fcgen ihrer Politiker. Dem hat man vorgebeugt.<\/p>\n<p><strong>Betreute Berichterstattung<\/strong><\/p>\n<p>Heute gibt es f\u00fcr den westlichen Medienkonsumenten so gut wie keine authentischen Berichte und Stellungnahmen mehr von der Seite, die vom Wertewesten bek\u00e4mpft wird. Alle Meldungen, die er \u00fcber die Vorg\u00e4nge in Konfliktgebieten erh\u00e4lt, sind vermittelt durch westliche Medien und westliche Geheimdienste.<\/p>\n<p>Seit fast 20 Jahren f\u00fchren westliche Staaten in Afghanistan und anderen Staaten der islamischen Welt \u201eKrieg gegen den Terror\u201c. Der Medienkonsument hierzulande hat immer nur die Informationen und Stellungnahmen erhalten, die ihm westliche \u201eTerrorismus-Experten\u201c, westliche Nachrichten-Agenturen, westliche Medien, westliche Politiker und westliche Geheimdienste haben zukommen lassen.<\/p>\n<p>Direkte Berichte aus den Kriegsgebieten waren fast immer \u201eembedded\u201c. Das hei\u00dft, Berichterstatter bekamen von den Milit\u00e4rs nur das zu sehen, was die westliche \u00d6ffentlichkeit erfahren sollte. Betreute Berichterstattung f\u00fcr betreutes Denken.<\/p>\n<p>Durch diese gelenkte Information ist nicht nur den Medienkonsumenten sondern auch den Meinungsmachern selbst das politische Einsch\u00e4tzungsverm\u00f6gen verloren gegangen. Das politische Urteilsverm\u00f6gen bez\u00fcglich gesellschaftlicher Vorg\u00e4nge verk\u00fcmmert in den westlichen Gesellschaften immer mehr.<\/p>\n<p>Mit dem Untergang der Sowjetunion ist nicht nur ein politisches System untergegangen, sondern es verschwand auch das, was den Sozialismus ideologisch ausgemacht hatte: die materialistische Weltanschauung. Dass diese Betrachtungsweise besonders in den westlichen Gesellschaften weitgehend verloren gegangen ist, macht sich bemerkbar in der Qualit\u00e4t von Analysen und Berichten.<\/p>\n<p>Heutige Berichterstattung ist weitgehend gepr\u00e4gt von emotionaler Parteinahme und der Bewertung der Ereignisse nach der Messlatte moralisch-idealistischer Vorstellungen. Das Herausarbeiten, Offenlegen und Einordnen von gesellschaftlichen Grundlagen und Entwicklungen, die Darstellung historischer und sozialer Zusammenh\u00e4nge ist eine Disziplin, die von den meisten Berichterstattern, aber auch von sogenannten Experten kaum mehr beherrscht wird.<\/p>\n<p>So werden die Vorg\u00e4nge in Mali und der Sahel-Zone haupts\u00e4chlich auf das Wirken von Dschihaddisten und Islamisten zur\u00fcckgef\u00fchrt, ohne dass erkl\u00e4rt wird, was der Unterschied zwischen beiden ist. Haben Islamisten und Dschihadisten von einander abweichenden Motive und&nbsp; Ziele oder all die anderen Gruppen wie Al Qaida, Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqmi) oder&nbsp; Jamaa Nusrat ul Islam wa-l Muslimin, die von den Berichterstattern erw\u00e4hnt werden?<\/p>\n<p>Es ist noch nicht einmal klar, ob sie sich selbst so nennen oder ob ihnen diese Bezeichnungen von anderen gegeben werden. So entsteht ein un\u00fcberschaubarer Wirrwarr von Akteuren. Diese Verwirrung ist nicht den Verh\u00e4ltnissen geschuldet sondern haupts\u00e4chlich der Verwirrung derer, die die Ereignisse zu deuten versuchen. Sie selbst haben keine Orientierung, wie eine Kl\u00e4rung solcher gesellschaftlichen Fragen und Erscheinungen angegangen werden kann.<\/p>\n<p>Man versteht die Besonderheiten in den islamisch gepr\u00e4gten Gesellschaften nicht und erkennt nicht die Grundlagen, auf denen diese Gesellschaften ruhen und die sich in ihnen vollziehenden Entwicklungen. Die meisten westlichen Berichterstatter betrachten und beurteilen diese Vorg\u00e4nge mit ihrem westlichen Denken, ihren westlichen Ma\u00dfst\u00e4ben, ihren westlichen Theorien \u00fcber Politik und Gesellschaft.<\/p>\n<p>Weil sie kein anderes Verst\u00e4ndnis von gesellschaftlichen Entwicklungen haben, deuten sie die Vorg\u00e4nge dort in erster Linie oberfl\u00e4chlich als religi\u00f6se Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten und dann wieder zwischen Christen und Moslems.<\/p>\n<p>Man kann die Auseinandersetzungen zwischen den Anh\u00e4ngern des FC Bayern und Werder Bremen als Konflikte zwischen Fu\u00dfball-Fans sehen. Da in Bayern der katholische, in Norddeutschland aber eher eine evangelische Glaubensrichtung vorliegt, kann man sie aber auch als religi\u00f6se Konflikte darstellen. Das h\u00e4ngt ab von der Kompetenz des Berichterstatters, seiner F\u00e4higkeit zu sachgerechter Analyse, aber auch von Interessen.<\/p>\n<p><strong>Von Islamisten und Dschihaddisten<\/strong><\/p>\n<p>Verdeutlicht werden soll diese Verwirrung anhand von Berichten der Frankfurter Allgemeine Zeitung \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse und Entwicklung in Mali und der Sahel-Zone. Die Destabilisierung Nordafrikas nach der Ermordung Gaddafis f\u00fchrte aus der Sicht des westlichen Berichterstatters in Mali zu einer<em> \u201eSpaltung des Landes durch Tuareg-K\u00e4mpfer und Islamisten\u201c.<\/em> (4)<\/p>\n<p>Was Tuareg-K\u00e4mpfer sind, ist klar, erfolgt doch hier eine eindeutige Zuordnung nach Stammeszugeh\u00f6rigkeit. Doch schwieriger wird es bei den in diesem Zusammenhang ebenso erw\u00e4hnten Islamisten? Wer soll das sein? Zum ethnischen Merkmal (Tuareg) wird nicht nur ein religi\u00f6ses sondern zugleich auch noch ein scheinbar politisches als neues Merkmal (Islamist) hinzugef\u00fcgt, das Unterschiede bzw unterschiedliche Interessen zwischen den Akteuren andeuten soll.<\/p>\n<p>Aus Stammeszugeh\u00f6rigkeit und&nbsp; Religionszugeh\u00f6rigkeit wird ein Gegensatz geschaffen, der zudem noch politisch eingef\u00e4rbt wird. Diesen Gegensatz schafft der Berichterstatter. Jedoch die von ihm als Islamisten bezeichneten K\u00e4mpfer k\u00f6nnen genauso gut die Tuareg selbst sein. Denn diese sind ja beides: Tuareg und Muslime. Dessen aber scheint sich der Berichterstatter nicht bewusst zu sein.<\/p>\n<p>Wie will er denn vom fernen Deutschland aus beide unterscheiden? Die Tuareg sind \u00e4u\u00dferlich vielleicht noch leicht als solche zu erkennen. Wie aber erkennt man Islamisten? Gibt es f\u00fcr diese eindeutige \u00e4u\u00dferliche Erkennungsmerkmale oder haben sie Mitgliedsausweise, die sie wie Identit\u00e4tskarten am Revers tragen? Einfache praktische Fragen, die sich die Berichterstatter nicht zu stellen scheinen. Sie \u00fcbernehmen das Bild von religi\u00f6s bedingten Konflikten und verfestigen es damit.<\/p>\n<p>Der \u201eAufmarsch der Islamisten in Mali, vor allem aber der \u201eAl Qaida im islamischen Maghreb (Aqmi)\u201c (5) wurde 2013 von franz\u00f6sischen Elitetruppen blutig niedergeschlagen. Hatte es sich aber in den Berichten zuvor noch um Tuareg-K\u00e4mpfer und Islamisten gehandelt, so hat der Berichterstatter nun auch Al Qaida unter den Aufst\u00e4ndischen entdeckt. Und in einem Beitrag vom 20.8.20 stellt Thilo Thielke von Kapstadt aus fest: <em>\u201eIslamisten, die dem Terrornetz Al Qaida nahe stehen, rivalisieren mit jenen des Islamischen Staates.<\/em>\u201c (6)<\/p>\n<p>Da in den Berichten von 2013 weder von Al Qaida noch vom Islamischen Staat die Rede war,&nbsp; stellt sich die Frage nach dem Ursprung dieser Information.&nbsp; Hat der Berichterstatter seine Informationen aus erster Hand, also von Al Qaida und Islamischem Staat selbst? Wie sollen sich diese einerseits von den Tuareg und dann auch von Islamisten und Dschihadisten unterscheiden? Was beim ersten Hinsehen noch unzweifelhaft erscheint, wird bei genauerer Untersuchung immer unklarer.<\/p>\n<p>Nach der Niederschlagung des Aufstands im Norden Malis durch franz\u00f6sische Truppen ist \u201eein Teil der bewaffneten Islamisten in W\u00fcstenverstecke gefl\u00fcchtet, andere verbergen sich zwischen der Bev\u00f6lkerung\u201c. (7) Dieses Untertauchen in der Bev\u00f6lkerung ist aber nur m\u00f6glich, wenn die Untergetauchten von der Bev\u00f6lkerung nicht als Fremde angesehen und behandelt werden im Gegensatz zu den Soldaten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Einfluss der sogenannten Dschihadisten immer mehr w\u00e4chst, n\u00e4hrt die Aufstandsbek\u00e4mpfung durch Armee und ausl\u00e4ndische Truppen den Widerstand. Mitverantwortlich daf\u00fcr d\u00fcrfte die H\u00e4rte sein, \u201emit der die franz\u00f6sischen Truppen Islamisten im Sahel verfolgen. Zuweilen f\u00e4llt dabei das Wort \u201eSkalpj\u00e4ger\u201c. (8) Diese Information kommt nicht von Islamisten, Dschihadisten oder den Bewohnern der Sahel-Zone als Betroffene sondern von Bundeswehroffizieren als Zeugen der Ereignisse.<\/p>\n<p><strong>Hinter den Begriffen<\/strong><\/p>\n<p>Was aber sind die Motive und Interessen derjenigen, die sich in immer gr\u00f6\u00dferer Zahl gegen die westlichen Soldaten stellen. Denn es kann nicht \u00fcbersehen werden und wird auch in der westlichen Presse nicht verschwiegen, dass in der Sahel-Zone Aufst\u00e4nde und kriegerische Auseinandersetzungen dramatisch zugenommen haben. \u201eOhne die Unterst\u00fctzung der fremden Truppen \u2026 w\u00fcrde Malis Armee vermutlich innerhalb k\u00fcrzester Zeit von den Islamisten \u00fcberrannt werden\u201c.(9)<\/p>\n<p>Aber diese Unruhe betrifft nicht nur Mali. Sie erstreckt sich mittlerweile in einem breiten Band von Somalia an der Ostk\u00fcste Afrikas \u00fcber den ganzen Kontinent bis Nigeria im Westen. Angesichts der unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen dieser L\u00e4nder, kann nicht alles mit dem Wirken von Islamisten oder Dschihadisten erkl\u00e4rt werden. Es muss auch noch andere Umst\u00e4nde geben, die die Menschen in Aufruhr versetzen.<\/p>\n<p>Die Niederschlagung der Aufst\u00e4nde und die Stabilisierungsversuche in den Staaten der Sahel-Zone durch westliche und UN-Truppen haben die Lebensumst\u00e4nde der Menschen nicht verbessert. Der Reichtum an Bodensch\u00e4tzen kommt der Bev\u00f6lkerung nicht zugute. Die Kosten f\u00fcr die Kriegsf\u00fchrung fressen die Budgets der Staaten auf. Die Regierungen der Region sind abh\u00e4ngig von Investoren und Geldgebern. Aber diese bestimmen die Bedingungen f\u00fcr ihre Investition oder sie bleiben aus.<\/p>\n<p>Als Merkel 2019 die Sahel-Zone besuchte, hatte sie viele gute Absichten im Gep\u00e4ck, aber nichts Konkretes. <em>\u201eDie Bundesregierung hofft, dass europ\u00e4ische Investoren sich k\u00fcnftig mehr f\u00fcr diese Region interessieren\u201c.<\/em> (10) Aber das Interesse bei Investoren an instabilen Regionen ist gering. <em>\u201eEs ist noch nicht einmal eine Wirtschaftsdelegation mit in die Sahel-Zone gekommen.\u201c<\/em> (11)<\/p>\n<p>Angesichts dieser Lage und Aussichten ist ein Erstarken der sogenannten islamistische Str\u00f6mungen kein Zufall, nicht weil sie islamistisch sind, sondern weil sie f\u00fcr die Menschen eine Alternative zur bisher erfolglosen politischen Praxis der prowestlichen Regierungen zu sein scheinen. Bereits 2013 <em>\u201estieg der Einfluss muslimischer Verb\u00e4nde, \u2026 die sich als Alternative zum herk\u00f6mmlichen Politbetrieb empfahlen\u201c.<\/em> (12) Und seither ist die Lage nicht besser geworden.<\/p>\n<p><em>\u201eDerzeit stammt nur etwa die H\u00e4lfte der Haushalte der Sahel-L\u00e4nder aus eigenen Steuereinnahmen, die andere H\u00e4lfte von internationalen Gebern. Einen gro\u00dfen Teil des Budgets \u2013 zwischen 15 und 20 Prozent \u2013 geben die Staaten f\u00fcr Sicherheit aus \u2026 Wenn die L\u00e4nder wirtschaftlich nicht auf eigenen F\u00fc\u00dfen stehen\u201c<\/em> (13), wird eine langfristige Stabilisierung der Region kaum gelingen. Aber<em> \u201eniemand hat ein Konzept zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit oder zur Reform des darniederliegenden Bildungssystems\u201c <\/em>(14). Wie sollen da Hoffnung und Zuversicht aufkommen?<\/p>\n<p>Als das Milit\u00e4r in Mali die Macht \u00fcbernahm, jubelten die Menschen auf den Stra\u00dfen. Dem waren wochenlange Proteste und gewaltsame Auseinandersetzungen vorausgegangen. Sie richteten sich nicht nur gegen die abgesetzten Politiker sondern auch gegen die fremden Truppen im Land. <em>\u201eDie Parole \u201eTod Frankreich und seinen Verb\u00fcndeten\u201c war erst vor wenigen Tagen auf den Schildern von Demonstranten in Bamako zu lesen \u2026 [,und sie werden] immer h\u00e4ufiger als Besatzungsmacht beschimpft und aufgefordert, das Land zu verlassen\u201c. <\/em>(15)<\/p>\n<p><em>\u201eDie Forderung eines Abzugs der franz\u00f6sischen Truppen findet in allen f\u00fcnf Sahel-Staaten Geh\u00f6r\u201c.<\/em> (16) Die&nbsp; franz\u00f6sische Armee l\u00e4uft Gefahr, verjagt zu werden, <em>\u201eweil sie als St\u00fctze der korrupten und autorit\u00e4ren afrikanischen F\u00fchrungseliten wahrgenommen\u201c <\/em>(17) wird.<\/p>\n<p><strong>Ver\u00e4nderte Wahrnehmung<\/strong><\/p>\n<p>Offensichtlich wird auch den westlichen Berichterstattern die Widerspr\u00fcchlichkeit zwischen den wirklichen Ereignissen und ihrem westlich bestimmten Blickwinkel auf die Ereignisse immer deutlicher. Solch massive gesellschaftliche Verwerfungen und Auseinandersetzungen lassen sich nicht alleine aus einer Islamismus-Theorie erkl\u00e4ren. Die westliche Darstellung religi\u00f6ser Konflikte als Ursache der Unruhe in der Sahel-Zone bekommt Risse.<\/p>\n<p>So stellt der Berichterstatter fest, dass im Stamm der Dogon, einem der gro\u00dfen St\u00e4mme der Sahel-Zone <em>\u201edie gro\u00dfe Mehrheit \u2026 mittlerweile muslimisch ist. Andere h\u00e4ngen dem katholischen Glauben an\u201c.<\/em> (18) Die Religion scheint also dem Stamm selbst weniger bedeutend zu sein, als es bisher den westlichen Berichterstattern war. Jedenfalls scheint dort das Zusammenleben von Christen und Muslimen unproblematisch zu sein.<\/p>\n<p>Immer \u00f6fter kommen in der Berichterstattung nun die grundlegenden Fragen der Lebensumst\u00e4nde in den Blick westlicher Kommentatoren. <em>\u201eDie gegenw\u00e4rtigen Auseinandersetzungen sind auch ein Kampf um die immer knapper werdenden Ressourcen\u201c. <\/em>(19) Dementsprechend geht es bei den Konflikten weniger um religi\u00f6se Fragen, wie westliche Berichterstatter es den Medienkonsumenten oft zu erkl\u00e4ren versuchen. Denn<em> \u201einsbesondere der Konflikt zwischen den Ackerbauern \u2026 und den Viehz\u00fcchtern \u2026 eskaliert zusehends.\u201c<\/em> (20)<\/p>\n<p>Da geht es nicht um Glaubensfragen, sondern um die f\u00fcr das \u00dcberleben wichtigen Fragen von Wasserrechten und Landnutzung. <em>\u201eAls Reaktion auf die wachsende Unsicherheit im Land bildeten viele der 18 gr\u00f6\u00dften Volksgruppen Malis Milizen zur Selbstverteidigung. Immer h\u00e4ufiger eskalieren seitdem K\u00e4mpfe um Wasser und Weideland.\u201c <\/em>(21) <em>\u201eDie Lage ist heute schlimmer als 2012 \u2026 die Sicherheitslage ist eine einzige Katastrophe, die Wirtschaft kollabiert. Der Unmut \u00fcber die dieses Chaos habe die Menschen schlie\u00dflich auf die Barrikaden getrieben\u201c. <\/em>(22)<\/p>\n<p>Es scheint den westlichen Berichterstattern schwer zu fallen, sich von dem Bild des Islamismus als Verantwortlichem f\u00fcr alle Konflikte in der islamischen Welt zu l\u00f6sen. Es war und ist immer noch auch ein sehr einfaches und weithin akzeptiertes Erkl\u00e4rungsmuster, das den unterschiedlichsten Interessen und Ansichten im Westen gerecht wird. Dennoch widerspricht dieses Bild immer h\u00e4ufiger den Gegebenheiten in der Realit\u00e4t, was die Berichterstatter zunehmend in&nbsp; Erkl\u00e4rungsnot bringt.<\/p>\n<p>So stellt man \u00fcberrascht fest, <em>\u201edass ausgerechnet jene Dschihadisten, die den Konflikt lange Zeit nach Kr\u00e4ften befeuert haben, jetzt als Vermittler auftreten und sich das entstandene Machtvakuum zunutze machen. \u2026 Es sind Krieger der Jamaa Nusrat ul Islam wa-l Muslimin, des westafrikanischen Ablegers des Terronetzwerks Al Qaida\u201c<\/em>. (23) Nach den Worten des Berichterstatters sind sie die Leute, die daf\u00fcr gesorgt haben, dass die verfeindeten St\u00e4mme <em>\u201ezusammensitzen und Friedensgespr\u00e4che f\u00fchren\u201c.<\/em> (24)<\/p>\n<p>Das vermittelt ein anderes Bild als das bisher bekannte. Vielleicht war gerade das Machtvakuum, das in weiten Landstrichen Malis schon vor Absetzung der prowestlichen Regierung entstanden ist, die Voraussetzung daf\u00fcr, dass die St\u00e4mme Malis sich nun ohne die Einflussnahme durch fremde Interessen um ihre eigenen Belange k\u00fcmmern und sie unter sich selbst regeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>(1) Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.8.2020: Unangenehme Fragen nach dem Putsch.<\/p>\n<p>(2) FAZ vom 25.8.2020: Schritte nach vorn, aber nicht sofort.<\/p>\n<p>(3) FAZ vom 14.7.2020: Neue Richter und neue Regierung<\/p>\n<p>(4) FAZ vom 10.11.2012: Verantwortung f\u00fcr Afrika<\/p>\n<p>(5) FAZ vom 6.2.2013: Die alten Herren und die Islamisten<\/p>\n<p>(6) FAZ vom 20.8.20: Die n\u00e4chste Errettung des malischen Volkes<\/p>\n<p>(7) <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/mali-zentrum-der-tuareg-erobert\/7711600.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/mali-zentrum-der-tuareg-erobert\/7711600.html<\/a><\/p>\n<p>(8) FAZ vom 21.11.2018: Den Frieden sch\u00fctzen, Islamisten t\u00f6ten<\/p>\n<p>(9) FAZ vom 25.8.2020: Schritte nach vorn, aber nicht sofort<\/p>\n<p>(10) FAZ vom 2.5.2019: Auf der Suche nach einem besseren Leben<\/p>\n<p>(11) ebenda<\/p>\n<p>(12)&nbsp; FAZ vom 6.2.2013: Die alten Herren und die Islamisten<\/p>\n<p>(13) ebenda<\/p>\n<p>(14) ebenda<\/p>\n<p>(15) FAZ vom 31.8.2020: Die Unruhe nach dem Putsch<\/p>\n<p>(16) FAZ vom 15.1.20: Das Sahel-Trauerspiel<\/p>\n<p>(17) ebenda<\/p>\n<p>(18) FAZ vom 12.6.20: Vom Kampf um Ressourcen zum Kampf des Glaubens<\/p>\n<p>(19) ebenda<\/p>\n<p>(20) FAZ vom 20.8.20: Die n\u00e4chste Errettung des malischen Volkes<\/p>\n<p>(21) ebenda<\/p>\n<p>(22) FAZ vom 31.7.20: Ein Salafist an der Spitze des Protests<\/p>\n<p>(23) ebenda<\/p>\n<p>(24) ebenda<\/p>\n<p><strong>R\u00fcdiger Rauls Buchver\u00f6ffentlichungen:<\/strong><\/p>\n<p>Krieg um Syrien <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/1697260446\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p>Wie funktioniert Geld?&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B013RWL1TQ\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p>Kolonie Konzern Krieg &#8211; Stationen kapitalistischer Entwicklung&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B01MG6AL4K\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p>Zukunft Sozialismus oder die Grenzen des Kapitalismus&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B01LY0AGOG\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p>Die Entwicklung der fr\u00fchen Gesellschaften-Die Geschichte Afghanistans&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B00VAVPMO2\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p>Was braucht mein Kind?&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B00FEC6X3M\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p>Sp\u00e4te Wahrheit (Prosa)&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B00CQLYOS0\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p><strong>Herausgeber von:<\/strong><\/p>\n<p>Imre Szabo: Die Hinterm\u00e4nner ( ein politischer Krimi) <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B00BAYM1ZM\">Buchbeschreibung<\/a><\/p>\n<p>Imre Szabo: Die Unsichtbaren ( ein politischer Krimi)<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/1539064301\"> Buchbeschreibung<\/a><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<div style=\"float: left; margin-top: 20px; text-align: left;\"><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_5858 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_5858')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_5858').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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