{"id":7836,"date":"2023-02-20T18:10:16","date_gmt":"2023-02-20T17:10:16","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=7836"},"modified":"2023-02-20T18:10:19","modified_gmt":"2023-02-20T17:10:19","slug":"buerger-traeumen-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/buerger-traeumen-medien\/","title":{"rendered":"B\u00fcrger tr\u00e4umen Medien"},"content":{"rendered":"<header class=\"header-normal\">\n<div class=\"header-content\">\n<p><em>Foto: Tero Vesalainen\/Shutterstock.com<\/em><\/p>\n<p><strong>Menschen von nebenan haben aufgeschrieben, wie der Journalismus organisiert werden m\u00fcsste, damit wir mit ihm zufrieden sein k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"article-meta\">Beitrag von <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/autoren\/michael-meyen\">Michael Meyen<\/a><\/div>\n<div class=\"article-teaser\">\n<p><strong>Informationskontrolle in der Hand des Souver\u00e4ns. Ein \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk, der tats\u00e4chlich denen geh\u00f6rt, die ihn bezahlen. Eine Webseite, die unsere Beschwerden dorthin bringt, wo sie geh\u00f6rt werden k\u00f6nnen, und eine Stiftung, die G\u00fctesiegel f\u00fcr Medienqualit\u00e4t verteilt. Vielleicht sogar eine Revolution, weil es keinen richtigen Journalismus in der falschen Gesellschaft geben kann. Mehr als 30 B\u00fcrger haben sich monatelang den Kopf zerbrochen \u00fcber eine neue Kommunikationsordnung (1). Wenn man ihre Ideen b\u00fcndelt, sieht man, was alles schiefl\u00e4uft und wie wenig eine Utopie braucht.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/header>\n<div class=\"article\">\n<div class=\"article-content\">\n<p>Eine Kolumne, die Medienrealit\u00e4t hei\u00dft, ist eine Art M\u00fcllkippe. Frust abladen. Auf die Leitmedien schimpfen, Staat, Parteien und Beh\u00f6rden anklagen, B\u00fccher verrei\u00dfen. Irgendetwas gibt es immer. Wenn der Journalismus seinen Job machen w\u00fcrde, h\u00e4tten die Angstmacher keine Chance. Dann w\u00fcrden wir in aller Ruhe reden \u2014 \u00fcber Kriege und \u00fcber Viren genauso wie \u00fcber Forscher, die vom nahen Untergang der Welt singen. Wir w\u00fcrden dann schnell sehen, dass es Gegenargumente gibt, Alternativen und vor allem keinen Grund zur Panik. <em>Rubikon<\/em> lebt, weil das nicht passiert. Und <em>Rubikon<\/em> ist nicht allein, weil eine M\u00fcllkippe nicht reicht f\u00fcr all das, was erg\u00e4nzt, eingeordnet, widerlegt werden muss.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Aber:<\/p>\n<blockquote><p>Wer immer nur dagegen ist, verliert irgendwann die Welt aus dem Blick, in der er gern leben w\u00fcrde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich: Ich wei\u00df, woran ich die Leitmedien messe. In Kurzform: Auftrag \u00d6ffentlichkeit. Alle Themen und alle Perspektiven, ohne dass dem Publikum gesagt wird, was es von diesem zu halten hat und was von jenem. Ich wei\u00df auch, warum die Redaktionen an diesem Auftrag scheitern und ihn deshalb inzwischen am liebsten umschreiben w\u00fcrden (2). Das hei\u00dft aber noch lange nicht, dass ich es besser machen k\u00f6nnte, und schon gar nicht, dass ich etwas in der Tasche habe, wenn ich morgen als Medienminister aufwache.<\/p>\n<p>Ganz stimmt dieser letzte Satz nicht mehr. Ich muss dazu etwas ausholen und von einem Forschungsverbund erz\u00e4hlen, den ich 2017 beim Wissenschaftsministerium in Bayern beantragt habe. Es ging um die \u201e<a href=\"https:\/\/fordemocracy.de\/\">Zukunft der Demokratie<\/a>\u201c und vor allem um den Wunsch, den Elfenbeinturm zu verlassen und all das aufzugreifen, was jenseits der Universit\u00e4t l\u00e4ngst gedacht und gewusst wird. Auch hier wieder in Kurzform: die Menschen nicht nur befragen und deuten, sondern ernst nehmen und im Zweifel selbst schreiben lassen. B\u00fcrgerwissenschaft sozusagen.<!--more--><\/p>\n<p>Mein eigenes Projekt in diesem Verbund hie\u00df \u201eMedia Future Lab\u201c und hat in Schritt eins erst einmal alles eingesammelt, was es zum Journalismus der Gegenwart zu sagen gibt. Realit\u00e4t und Idealismus in den Redaktionen, Gegenpositionen von Paul Schreyer \u00fcber Jens Wernicke und Marcus B. Kl\u00f6ckner bis zu Florian R\u00f6tzer, linken Aktivismus und Volkes Stimme, geh\u00f6rt zum Beispiel bei \u201eCorona-Gespr\u00e4chen in M\u00fcnchen und Oberbayern\u201c oder \u201eam Rande der Wahrheit in Hildburghausen\u201c (3). Die Fachgemeinschaft hat dieses Buch von einem prominenten Kollegen in den Papierkorb werfen lassen. Tenor: Kennen wir schon, brauchen wir nicht. Viel zu nah an Verschw\u00f6rungstheoretikern und Corona-Leugnern. Und dann wird noch nicht mal gegendert (4).<\/p>\n<p>Dieses Buch war allerdings ohnehin nur Mittel zum Zweck. Schritt zwei sollte ein B\u00fcrgergutachten liefern: Wie k\u00f6nnen \u2014 vielleicht sogar: wie m\u00fcssen \u2014 wir den Journalismus organisieren, um den Glaubw\u00fcrdigkeitsverlust zu stoppen und L\u00fcgenpresse-Rufe obsolet zu machen? Ein solches \u201eB\u00fcrgerbuch\u201c gibt es jetzt, mit etlichen Sternchen im Text und einigen Verbeugungen vor den G\u00f6tzen Coronas (5). So ein Verriss aus ber\u00fchmter Feder hinterl\u00e4sst Spuren.<\/p>\n<p>Ich bin zwar Projektleiter geblieben, habe das Ergebnis aber erst gesehen, als es aus der Druckerei kam. Man braucht etwas Geduld, um die Texte der B\u00fcrger zu finden und diesen Kern von dem Ges\u00e4usel zu trennen, das um ihre Entstehung gemacht wird. Der Kern aber ist gut. Aus diesem Kern kann etwas wachsen.<\/p>\n<p>Das beginnt mit Frieder Sch\u00e4dlich aus Zwickau, einem der wenigen Beteiligten, der nicht nur beim Vornamen genannt wird. Frieder sagt: Die Leitmedien sind nicht zu reformieren. Es lohnt sich nicht einmal, \u00fcber eine Reform nachzudenken, weil Leitmedien immer die Interessen der Macht transportieren. Frieder spricht deshalb \u00fcber eine andere Gesellschaft. Weniger Egoismus, Basis- und R\u00e4tedemokratie, \u00e4hnliche Werte trotz unterschiedlicher Bildung. Der neue Journalismus, sagt Frieder, komme dann von ganz allein und bringe nur noch das, was wir brauchen, um mitdenken und mitmachen zu k\u00f6nnen \u2014 \u201eunabh\u00e4ngig, wahrheitsgem\u00e4\u00df, ohne fremde Macht- oder finanzielle Interessen\u201c (6).<\/p>\n<p>Dass Jimmy Gerum an eine Reform des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks glaubt, d\u00fcrfte sich herumgesprochen haben. Jimmy war schon im ersten Buch dabei, damals noch unter Pseudonym. Seine Medienkritik gibt es jetzt auch im zweiten Buch, ausgeformt in einer M\u00fcnchner Arbeitsgruppe, die einen gro\u00dfen Bogen schl\u00e4gt von der Regierungsn\u00e4he des Journalismus \u00fcber das Herzland und Tabus bis zur Geldtheorie und einem Menschenbild, das <em>Homo democraticus<\/em> hei\u00dft und das Fundament ist, auf dem vor \u00fcber einem Jahr erst der \u201e<a href=\"https:\/\/leuchtturmard.de\/\">Leuchtturm ARD<\/a>\u201c gebaut wurde und nun seit mehr als 30 Wochen ein \u201eMedien-Mahn-Marathon\u201c mit Aktionen im ganzen Land. Wenn man so will: Jimmy Gerum hat nicht auf ein B\u00fcrgerbuch gewartet, sondern einfach gemacht. Ausgang offen.<\/p>\n<p>Seine Arbeitsgruppe hat derweil eine \u201eVerfassungsutopie\u201c formuliert. Untertitel: \u201eWie der Rat f\u00fcr Nachhaltiges Informieren den demokratischen Selbstbetrug stoppt\u201c (7). Nachhaltig tats\u00e4chlich gro\u00dfgeschrieben und wie die meisten Adjektive \u00fcberfl\u00fcssig \u2013 in diesem Fall ganz besonders, da das Wort eher Teil des Problems zu sein scheint als seine L\u00f6sung. Geschenkt. Auf den Inhalt kommt es an. 150 Mitglieder in Vollzeit, zur H\u00e4lfte gew\u00e4hlt, zur H\u00e4lfte ausgelost und einem Auftrag verpflichtet, der vorab so breit wie m\u00f6glich diskutiert werden soll. Die drei Vorschl\u00e4ge aus Jimmys alter Gruppe: auf die Gewichtung von Themen und Argumenten achten, Interessen und Befangenheiten offenlegen und so f\u00fcr Transparenz sorgen sowie Vers\u00f6hnung ansto\u00dfen zwischen den Leitmedien und ihren Kritikern.<\/p>\n<blockquote><p>Zentral ist der Schluss: ohne Ausgewogenheit bei den Informationen keine freie Meinungsbildung und damit keine Demokratie. In M\u00fcnchen sieht man das nicht anders als Frieder Sch\u00e4dlich in Zwickau. Nicht alle Sachsen sind pessimistisch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von hier stammen drei Ideen, die auf den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk zielen \u2013 auf den Kanal, den wir alle bezahlen m\u00fcssen und der deshalb gewisserma\u00dfen von selbst zum Thema wird, wenn man B\u00fcrger nach ihren Medientr\u00e4umen fragt. Am weitesten sind dabei sechs Leipziger gekommen, die ihr Papier mit einer \u201eVision\u201c beginnen. Ein Rundfunk, der die Politik kontrolliert und allen geh\u00f6rt. Ein Journalismus, der frei ist \u201evon \u00f6konomischen und strukturellen Zw\u00e4ngen\u201c und offen f\u00fcr jeden. \u201eTechnik zur Ver\u00f6ffentlichung stellt der \u00d6RR zur Verf\u00fcgung.\u201c Und, nicht unwichtig: \u201eQualit\u00e4t\u201c statt \u201eQuote\u201c (8).<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel, um solche W\u00fcnsche wahr werden zu lassen: ein Rundfunkrat, der ausgelost und so geschult und bezahlt wird, dass er das Programm tats\u00e4chlich beobachten und \u00fcberall dort eingreifen kann, wo aus Journalismus \u201eMeinungsmanipulation, ideologische Propaganda oder Desinformation\u201c wird. Neben dieser Feuerwehr schlagen die Leipziger feste Arbeitsvertr\u00e4ge vor, den Verzicht auf jedes Outsourcing und damit auf jede Bereicherung zulasten der Allgemeinheit sowie ein Transparenzregister, das Netzwerke genauso offenlegt wie Mitgliedschaften, Werdegang und Besitz.<\/p>\n<p>Auf den knapp 20 Seiten dieser \u201eArbeitsgruppe Leipzig\u201c gibt es noch mehr und vor allem gute Gr\u00fcnde, am Ende aber steht ein Zitat von Heiko Hilker, in den 1990ern einer der wichtigsten K\u00f6pfe der <a href=\"https:\/\/medienblog.hypotheses.org\/1413\">DT64-Bewegung<\/a> und heute einer der wenigen Rundfunkpolitiker, die diesen Namen verdienen. Hilker, seit einer Ewigkeit im <em>MDR<\/em>-Rundfunkrat, glaubt nicht an eine Reform des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks: \u201eEr m\u00fcsste sch\u00f6pferisch zerst\u00f6rt werden, aber Sie werden ihn nicht neu gr\u00fcnden k\u00f6nnen. Weil es sofort eine massive Auseinandersetzung mit anderen Interessengruppen g\u00e4be. In dieser Gesellschaft wird das nicht gehen. Erst wenn sich das gesellschaftliche System ver\u00e4ndert, kann sich auch ein Mediensystem reformieren, wie damals nach 1989\u201c (9). Damit sind wir wieder bei Frieder Sch\u00e4dlich.<\/p>\n<p>Vermutlich sieht das auch Maren M\u00fcller so, seit 2014 Kopf der \u201eSt\u00e4ndigen Publikumskonferenz der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien\u201c. Die Programmbeschwerden, die dieser Verein auf seiner <a href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/forum\/\">Webseite<\/a> dokumentiert, sind Legion. Mir war vom ersten Tag an klar: F\u00fcr das Projekt \u201eMedia Future Lab\u201c gibt es keine bessere Partnerin. In Marens Gruppe sind zwei Vorschl\u00e4ge gewachsen, die das flankieren, was die Leipziger planen: ein Tool, auf dem jeder f\u00fcr alle sichtbar unterbringen kann, was ihm nicht gef\u00e4llt, sowie ein Stiftungskonzept (10). Arbeitstitel: Medientest. \u00dcber die Details l\u00e4sst sich streiten. Brauchen wir wirklich \u201eQualit\u00e4tssiegel\u201c und \u201eWarnhinweise\u201c? Reichen nicht Stipendien, Tagungen, Aufkl\u00e4rung? \u00dcberhaupt: Was ist mit Hilfe zur Selbsthilfe \u2013 mit dem, was fr\u00fcher Medienkompetenz hie\u00df und heute eher Informationsautonomie oder Journalismushygiene genannt werden sollte?<\/p>\n<p>Egal. Wenn Intendanten, Gremien und Parteien ihre Sonntagsreden zur Medienreform ernst meinen und nicht auf eine Revolution aus dem Hause Sch\u00e4dlich warten wollen, dann haben sie jetzt einen Anfang. Sie sehen hier auch, dass man keine Angst haben muss und die B\u00fcrger einfach machen lassen kann. Ich sage das auch zu mir selbst. Mein Menschenbild, das dieses Projekt getragen hat, ist seit dem Fr\u00fchjahr 2020 ersch\u00fcttert. Ein Dank an Frieder, Jimmy und Maren, ein Dank an die Leipziger und die vielen nicht Erw\u00e4hnten. Mit euch k\u00f6nnen Medientr\u00e4ume Wirklichkeit werden.<\/p>\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>(1) Vergleiche Alexis von Mirbach: Medientr\u00e4ume. Ein B\u00fcrgerbuch zur Zukunft des Journalismus. Herbert von Halem, K\u00f6ln 2023<br \/>\n(2) Vergleiche Michael Meyen: Die Propaganda-Matrix. Der Kampf f\u00fcr freie Medien entscheidet \u00fcber unsere Zukunft, M\u00fcnchen, Rubikon 2021<br \/>\n(3) Vergleiche Alexis von Mirbach, Michael Meyen: Das Elend der Medien. Schlechte Nachrichten f\u00fcr den Journalismus. Herbert von Halem, K\u00f6ln 2021<br \/>\n(4) Vergleiche Siegfried Weischenberg: <a href=\"https:\/\/journalistik.online\/ausgaebe-03-2021\/wie-gross-ist-das-elend-der-medien\/\">Wie gro\u00df ist das \u201eElend der Medien\u201c?<\/a> In: Journalistik Nummer 3\/2021, Seite 199 bis 217<br \/>\n(5) Alexis von Mirbach (Anmerkung 1)<br \/>\n(6) Ebenda, Seite 89<br \/>\n(7) Ebenda, Seite 118 bis 127<br \/>\n(8) Ebenda, Seite 133 bis 150. Auch die Zitate im folgenden Absatz stammen aus dem Papier der \u201eArbeitsgruppe Leipzig\u201c.<br \/>\n(9) Ebenda, Seite 151<br \/>\n(10) Ebenda, Seite 160 bis 178<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_7836 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_7836')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_7836').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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