{"id":847,"date":"2015-09-05T16:19:01","date_gmt":"2015-09-05T15:19:01","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=847"},"modified":"2017-04-16T19:02:21","modified_gmt":"2017-04-16T18:02:21","slug":"offener-brief-an-die-vertreterinnen-der-botschaft-der-russischen-foederation-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/offener-brief-an-die-vertreterinnen-der-botschaft-der-russischen-foederation-in-berlin\/","title":{"rendered":"Offener Brief an die VertreterInnen der Botschaft der Russischen F\u00f6deration in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Vertreterinnen &#038; Vertreter der Botschaft der Russischen F\u00f6deration in Berlin,<\/p>\n<p>seit Beginn der Ukraine-Krise haben die deutschen Leser von f\u00fchrenden Printorganen und die Zuschauer\/H\u00f6rer der audiovisuellen Medien, darunter vor allem des zwangsweise von der gesamten Bev\u00f6lkerung finanzierten \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks &#038; &#8211; Fernsehens, in einem bislang ungekannten Ma\u00dfe gegen die offensichtlich russophobe Ausrichtung ihres \u00f6ffentlichen Diskurses heftig &#038; nachhaltig protestiert. Zu einsichtig war es, dass die mediale Darstellung Ihres Landes &#038; unseres gro\u00dfen Nachbarlandes von Beginn an darauf ausgerichtet war, in der Bev\u00f6lkerung eine feindselige und aggressive Einstellung gegen\u00fcber Russland zu verbreiten und tief zu verankern.<\/p>\n<p>Dies ist bislang nicht gelungen; stattdessen hat die Befremdung der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber ihrer medialen &#038; politischen Repr\u00e4sentation in einem Ma\u00dfe zugenommen, das den Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft auf Dauer ernsthaft gef\u00e4hrden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Denn als einzige Reaktion auf die argumentativ gut begr\u00fcndeten &#038; mit zahlreichen empirischen Belegen (per Links) bespickten Publikumsproteste erfolgte, nachdem zensorische Eingriffe in die Foren das Bild der Leserreaktionen in der \u00d6ffentlichkeit nicht entscheidend verschleiern konnten (viele wichen dann einfach auf alternative Foren aus;  Medienwatchblogs erhielten regen Zulauf), eine konzertierte Publikumsbeschimpfung. Im glimpflichsten Fall wurden die Leser, denen offensichtlich ein eigenst\u00e4ndiges Denkverm\u00f6gen nicht zugetraut wird, als &#8222;Opfer russischer Propaganda&#8220; dargestellt  (als seien US- &#038; transatlantische Netzwerke sowie Nato-PR in Deutschland nicht tausendfach pr\u00e4senter als Stimmen &#038; Portale der Russischen F\u00f6deration). B\u00f6sartiger noch war die Unterstellung, es handle sich bei kritischen Foristen um bezahlte &#8222;Trolle&#8220; der russischen Geheimdienste oder um therapiebed\u00fcrftige Neurotiker, die aufgrund des russischen Siegs im Zweiten Weltkrieg oder der Jahrzehnte dauernden Kulisse auf Westdeutschland gerichteter russischer Atomwaffen im Kalten Krieg ein \u201eStockholm-Syndrom\u201c entwickelt h\u00e4tten, im vulg\u00e4rfreudianischen Jargon die Bezeichnung f\u00fcr eine masochistische Identifikation mit einem gewaltt\u00e4tigen Entf\u00fchrer. <\/p>\n<p>Die gleichen Leute, die es offensichtlich f\u00fcr pathologisch halten, dass die deutsche Bev\u00f6lkerung als Konsequenz aus der Erfahrung zweier  blutiger Weltkriege eine aggressive Konfrontationspolitik gegen\u00fcber Russland in der \u00fcberw\u00e4ltigen Mehrheit entschieden ablehnt, empfinden es anscheinend als v\u00f6llig nat\u00fcrliche Konsequenz der Katastrophe des Naziregimes, von da an blind jeder militaristischen Hegemonialpolitik der Vereinigten Staaten zu folgen, auch wenn diese in einen Krieg mit Russland f\u00fchren k\u00f6nnte. Verstehe das, wer mag! Ich jedenfalls halte die Tatsache, dass die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Deutschen die obige Logik als abstrus erachtet, f\u00fcr den Beweis, dass die Bev\u00f6lkerung geistig &#038; psychisch in deutlich besserer Verfassung ist als ihre Vertreter, die offensichtlich nicht nur \u201ein einer anderen Welt\u201c leben als der russische Pr\u00e4sident (O-Ton Frau Merkel),  sondern auch als die Mehrheit des eigenen Volks. <\/p>\n<p>Wer einen Eindruck davon erhalten will, in welchem Ma\u00dfe auch politische Repr\u00e4sentationsorgane dazu neigen, die obstinate Bev\u00f6lkerung demagogisch anzugehen &#038; geachtete Politiker, die sich f\u00fcr eine neue Kooperation mit Russland stark gemacht haben, zu diffamieren, nur um eine antirussische Meinungshoheit durchzusetzen &#038; zu sichern, der schaue sich den Eingangsartikel der <a href=\"http:\/\/epaper.das-parlament.de\/2015\/33_34\/index.html#\/16\">aktuellen Ausgabe des Publikationsorgans<\/a> des Deutschen Bundestags <a href=\"http:\/\/www.das-parlament.de\/2015\/33_34\/titelseite\/-\/384988\">\u201eDas Parlament\u201c<\/a> an. <\/p>\n<p>Der schrill aufgemachte &#038; von dem Historiker Gert Koenen verfasste Artikel \u201eDer Putin-Komplex\u201c gleich auf der Titelseite k\u00fcndigt schon in der \u00dcberschrift die Absicht an, nicht nur den russischen Pr\u00e4sidenten, sondern auch alle jenen Deutschen, die sich f\u00fcr die friedliche Kooperation Deutschlands &#038; Russlands auf Augenh\u00f6he &#038; der Basis eines selbstverst\u00e4ndlichen gegenseitigen Grundrespekts einsetzen, zu diskreditieren. Zu klar benennt n\u00e4mlich das Wort \u201eKomplex\u201c, dass Koenen jede andere als die offiziell feindselige Haltung gegen\u00fcber einer demokratisch legitimierten russischen Regierung, die derzeit laut Umfragen in diesem geopolitischen Konflikt von 81% der Russinnen &#038; Russen unterst\u00fctzt wird, als krankhaft zu charakterisieren gedenkt. Doch Koenens Diffamierungsarsenal beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf die (ziemlich miese) Taktik des Pathologisierens politscher Gegner, sondern greift auch bereitwillig zum Mittel des politischen Rufmords. <\/p>\n<p>Ein Beispiel: Koenen stellt das Engagement unterschiedlicher Altpolitiker aller etablierten Parteien, den friedenspolitischen Konsens der 70er und 80er Jahre &#038; den Rechtsstatus des Grundgesetzes zu erhalten, als die derzeit gr\u00f6\u00dfte demokratische Binnengef\u00e4hrdung der Bundesrepublik Deutschland dar, indem er deren aktuelle Friedensinitiative (u.a. den Aufruf <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/2014-12\/aufruf-russland-dialog\">&#8222;Nicht in unserem Namen!\u201c<\/a>) als <strong>&#8222;eine weit ausgef\u00e4cherte Querfront von Egon Bahr \u00fcber den Strau\u00df-Intimus Winfried Scharnagl bis zur Gr\u00fcnen Antje Vollmer&#8220;<\/strong> bezeichnet. <\/p>\n<p>Die gew\u00fcnschte Konnotation ist hier:<br \/>\nWer die bilateralen Beziehungen zu Russland immer noch an den Maximen der Brandtschen Ostpolitik &#038; der friedenspolitischen Ausrichtung unserer Verfassung orientieren will, bereitet einem russischen Putin=Hitler ebenso den Weg wie der antirepublikanische Coup des Kabinetts Schleicher 1932 einst Adolf Hitler. Dass die hierin unterschwellig implizierte Gleichstellung des russischen Pr\u00e4sidenten mit dem schrecklichsten Diktator der Menschheitsgeschichte, der zudem noch am Tod von 27 Millionen Sowjetb\u00fcrgern schuld ist, f\u00fcr russische Ohren (aber nicht minder f\u00fcr unsere!) unertr\u00e4glich ist, versteht sich von selbst. <\/p>\n<p>Aber es wird auch deutlich, in welch absurder Weise alle Gegner der aggressiven Hegemonialpolitik der Nato nicht nur (den Feindbildern des Kalten Krieges entsprechend) etwa als \u201eAltstalinisten\u201c ausgerufen, sondern sogar in die pro-nazistische Ecke gestellt werden: Die Vokabel &#8222;Querfront&#8220; geistert schon seit geraumer Zeit als Beschimpfung aller sich explizit f\u00fcr den Frieden einsetzender Menschen durch den offiziellen Mediendiskurs. (Denn bekanntlich waren die Nazis ja so friedensliebend!)  Ein wirklicher Begriff ist da aber schon lange nicht mehr beim Worte; die Kombattanten an der Diffamierungsfront scheinen vielmehr jede Bezeichnung als legitim zu befinden, die den politischen Gegner, hier jegliche Friedensfreunde, unterhalb der G\u00fcrtellinie trifft. Dies bezeugt die \u00dcbertragung dieser Bezeichnung auf hoch gesch\u00e4tzte Altpolitiker recht gut: Es  zieht jedem historisch auch nur halbwegs Gebildeten die Schuhe aus, wenn sie selbst in ein Parlamentsorgan Eingang findet. <\/p>\n<p>Denn die Politiker, von denen hier insinuiert wird, dass ihre Artikulation politischer Gemeinsamkeiten einen Grund biete, an ihrer Treue zum demokratischen Rechtsstaat zu zweifeln (denn der Terminus &#8222;Querfront&#8220; bezeichnet historisch ja nun mal den Versuch eines [zun\u00e4chst missgl\u00fcckten] nationalkonservativen Putschversuchs mit Hilfe eines Teils der Nazis gegen die Weimarer Republik), sind samt &#038; sonders Mitglieder solcher Parteien, die auf Landes- &#038; Bundesebene diverse Male bereits Regierungskoalitionen eingegangen sind. Angesichts dessen d\u00fcrfte die Existenz eines \u201agemeinsamen politischen Nenners\u2018 nicht allzu verd\u00e4chtig sein: Was \u2013 bitte &#8211; hat dann das politische Erbe des gerade erst verstorbene Egon Bahr (SPD) mit dem Ansinnen Kurt von Schleichers gemein, einen Putsch gegen den demokratischen Rechtsstaat der Weimarer Republik durchf\u00fchren zu wollen? Nat\u00fcrlich nichts. Was Winfried von Scharnagel mit nationalbolschewistischen Mitgliedern des ADGB (Allgemeinen Deutsche Gewerkschaftsbundes) von 1932? Nat\u00fcrlich ebenso wenig. Was Antje Vollmer, evangelische Pfarrerin, Urgestein der Partei Die Gr\u00fcnen &#038; der westdeutschen Friedensbewegung, mit dem F\u00fchrer eines Fl\u00fcgels der NSDAP, Gregor Strasser? Nat\u00fcrlich weniger als nichts. Hier wird einfach blind draufgehauen.<\/p>\n<p>Eben deshalb sind die Protagonisten der Konfrontationslogik aber auch zum Scheitern verurteilt und man sollte klar sehen, dass die Steigerung ihrer Aggression ein sicheres Zeichen ihrer Niederlage im Kampf um die \u00f6ffentliche Meinung ist.<\/p>\n<p>Denn alles, was in der deutschen Zivilgesellschaft der f\u00fcnf letzten Jahrzehnte intensiv diskutiert wurde, hielt Eingang in den Schulunterricht, den jeder \u00fcber die finstere Zeit der Nazi-Herrschaft von klein an erlebt. Deshalb entlarvt eine solche auf Eskalation und Hetze ausgerichtete Feindpropaganda jeder Mittelstufensch\u00fcler ohne Schwierigkeiten. Denn die strukturellen Grundz\u00fcge dieser menschenfeindlichen Rhetorik erlernen Schulklassen in zahlreichen Unterrichtsvorhaben im Deutsch- &#038; Geschichtsunterricht der weiterf\u00fchrenden Schulen, wo goebbelsche Reden, Wahlplakate der NSDAP &#038; die Hetzartikel eines Julius Streichers kleinschrittig analysiert werden. Dass D\u00e4monisierung, eine manich\u00e4ische Weltsicht, eine starke Gut\/B\u00f6se-Dichotomie, eine Schwarz-Wei\u00df-Zeichnung der Realit\u00e4t sowie die Pathologisierung wie Dehumanisierung des Gegners strukturelle Merkmale der Nazi-Propaganda waren, lernt jeder Sch\u00fcler, sobald er imstande ist, den Namen des daf\u00fcr verantwortlichen Propagandaministers Joseph Goebbels richtig zu schreiben. Je st\u00e4rker sich die aktuelle Diffamierungswelle dem strukturell ann\u00e4hert, umso mehr wird die Ablehnung der damit verbundenen Konfrontationspolitik gegen Russland in der deutschen \u00d6ffentlichkeit verst\u00e4rkt &#038; zementiert.<\/p>\n<p>Denn es ist, allen Behauptungen zum Trotz, keine generelle Apologie russischer Regierungspolitik, die sich im Zorn der deutschen Leser ausdr\u00fcckt (f\u00fcr Demokraten ist es ausschlie\u00dflich die Angelegenheit der B\u00fcrgerinnen &#038; B\u00fcrger der Russischen F\u00f6deration, wer wie Russland regiert!), sondern das Insistieren darauf, die eigene Regierung auf eine kooperative, friedliche &#038; dem gegenseitigen Grundrespekt fu\u00dfende gemeinsamen Friedenspolitik aller L\u00e4nder Europas (inklusive Russlands) zu verpflichten &#038; allen politischen Kr\u00e4ften \u2013 gerade auch in der EU &#038; der Nato, aber auch in der Ukraine \u2013 entschieden die Rote Karte zu zeigen, wenn sie weiter in Richtung Konfrontation marschieren wollen. Dies gilt ganz besonders f\u00fcr die Elite eines weit entfernt auf einem anderen Kontinent liegenden Landes, die sich seit 1990 einbildet, um der Sicherung der eigenen Hegemonie willen andere Teile der Welt in Krieg &#038; Verderben schicken zu d\u00fcrfen (- in der tr\u00fcgerischen Hoffnung, von den Konsequenzen bliebe dauerhaft das eigene Land verschont!)<\/p>\n<p>Denn niemand von uns, der klar bei Verstand ist, kann wollen, dass unsere Kinder so schreckliche Zeiten durchmachen m\u00fcssen wie unsere Eltern &#038; Gro\u00dfeltern, dass der Hass &#038; die Gewalt, die so viele Seelen vergiftet haben, sich in unseren Umgang miteinander dauerhaft einnistet und dass das kostbare Gut der Vers\u00f6hnung, die doch so weitgehend in den Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erreicht schien, derart fahrl\u00e4ssig &#038; leichtsinnig beiseite geworfen wird.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass in Russland gesehen wird, wie breit &#038; umfassend der Protest der deutschen Bev\u00f6lkerung (&#038; \u00e4hnliches gilt f\u00fcr viele andere EU-L\u00e4nder auch) gegen die medialen Stimmen der Verachtung &#038; Aufr\u00fcstung war &#038; ist &#8211; &#038; wie wenig von diesem aggressiven Kriegsgeschrei die Menschen innerlich angenommen haben. Die Menschen im Donbass haben bereits einen schrecklichen &#038; blutigen Preis f\u00fcr diesen sinnlosen Willen zur Konfrontation zahlen m\u00fcssen! Deshalb wird es h\u00f6chste Zeit, dass die Anh\u00e4nger der Eskalationspolitik einsehen, dass sie den  Kampf um die \u201ehearts and minds\u201c der Bev\u00f6lkerung schon lange verloren haben. Zum Schweigen bringen werden sie uns jedenfalls nicht. Der Zustand  unseres gemeinsamen Kontinents &#038; die Zukunft unserer Kinder h\u00e4ngen davon ab, dass alle Menschen guten Willens sich von den Scharfmachern nicht abbringen lassen, Frieden &#038; Zusammenarbeit in Europa gegen die Stimmen von Gewalt &#038; Krieg zu erk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Mit freundschaftlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>( &#038; im Einklang mit jenen 56-63% der Deutschen, die sich [je nach Umfrage] von unseren Medien in der Causa des Ukraine-Konflikts nicht vertreten f\u00fchlen)<\/p>\n<p>Anja B\u00f6ttcher     <\/p>\n<div style=\"float:left;margin-top: 20px;\"><span style=\"background-color:rgb(248,109,14);padding:30px;margin-left: 30px;\"><a style=\"color:white;font-size:20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/div>\n<p><br style=\"clear:both;\" \/><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_847 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_847')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_847').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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