{"id":8967,"date":"2024-02-22T15:25:47","date_gmt":"2024-02-22T14:25:47","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=8967"},"modified":"2026-07-21T12:02:56","modified_gmt":"2026-07-21T11:02:56","slug":"verloren-zwischen-rechts-und-links","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/verloren-zwischen-rechts-und-links\/","title":{"rendered":"Verloren zwischen Rechts und Links"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Verw\u00e4sserung der Begriffe Rechts und Links sorgt f\u00fcr Verunsicherung. K\u00f6nnen sie \u00fcberhaupt noch Orientierung bieten? Einen Ausweg aus der gesellschaftlichen Krise scheinen sie nicht zu bieten. Dazu bedarf es anderer Herangehensweisen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Beitrag von R\u00fcdiger Rauls<\/em><\/p>\n<p><strong>Dumm gelaufen<\/strong><\/p>\n<p>Seit Corona ist die Welt nicht mehr, wie sie war. Eigentlich aber hatte das weltanschauliche Durcheinander bereits mit der Klima-Bewegung Fridays for Future (FfF) begonnen. Sie hatte die westliche Wertewelt in Unordnung gebracht und besonders eine junge Generation von Obersch\u00fclern in Aufruhr und Panik versetzt. Die altgedienten Wertemissionare des politischen Westens waren von dieser Bewegung auf dem falschen Fu\u00df erwischt worden, auch wenn sie sie sich sp\u00e4ter zu Nutzen zu machen wussten.<\/p>\n<p>Diese Spr\u00f6sslinge des westlichen Denkens forderten gerade von der eigenen Elterngeneration die Einhaltung des von ihnen selbst aufgestellten Wertekatalogs. Aus der Angst vor dem Untergang durch den drohenden Klimakollaps verlangten sie einen verantwortungsvolleren Umgang mit Klima und Natur. Im Interesse der eigenen Zukunft sollten weniger Treibhausgase ausgesto\u00dfen werden, was bedeutete weniger Industrieproduktion auf der Basis von fossilen Brennstoffen, aber auch privaten Konsumverzicht.<br \/>\nDamit brachten sie ihre Altvorderen in Zugzwang. Denn westliches Denken war nicht auf Verzicht ausgerichtet sondern auf Wachstum. Es waren ja gerade Wohlstand und Konsum, womit die westlichen Eliten sich das eigene Volk gewogen machten und hielten. Beide waren zwar keine idealistischen Werte, aber immerhin stabile gesellschaftliche Grundlagen. Die meisten Menschen wollen auch nicht mehr. Die gepriesenen westlichen Werte waren eher als Druckmittel gedacht gegen sogenannte Schurkenstaaten und weniger f\u00fcr den Hausgebrauch.<\/p>\n<p>Diesen Konflikt zwischen dem Appell der eigenen Jugend f\u00fcr die Einhaltung der eigenen Werten einerseits und der Erwartung des \u00fcberwiegenden Teils der Bev\u00f6lkerung nach einem komfortablen Leben andererseits war man nicht in der Lage, politisch in Einklang mit einander zu bringen. Man entschied sich f\u00fcr die Beibehaltung der Werteorientierung. Anderenfalls w\u00e4re eine ideologische Abgrenzung gegen\u00fcber Staaten wie China und Russland als den gr\u00f6\u00dften Herausforderern der westlichen Vorherrschaft nur mehr schwer m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise \u00fcbte die eigene Bev\u00f6lkerung keinen Druck auf ihre Regierung aus zur Abkehr von dieser Klimapolitik. Die meisten Menschen waren unschl\u00fcssig, was davon zu halten war. Die Diskussionen \u00fcber das Thema waren eine Randerscheinung in ihrem Leben, eher \u00e4rgerlich, aber nichts womit man sich besch\u00e4ftigen wollte. Schon gar nicht wollte man von neunmalklugen Obersch\u00fclern als Rechte oder Nazis beschimpft werden, wenn man anderer Meinung war.<br \/>\nDenn solche Vorw\u00fcrfe kamen immer \u00f6fter, wenn sich Klimaapostel argumentativ nicht mehr zu helfen wussten und auch die Wissenschaft ihre Sichtweise nicht mehr st\u00fctzte. Kritik an deren Ansichten und Argumentationsstil kam in der Regel von Kr\u00e4ften, die nicht dem woken sondern eher einem konservativen Milieu angeh\u00f6rten. Das machte es leicht, solche Andersdenkenden in die rechte Ecke zu schieben.<\/p>\n<p>Eine Folge dieser Verunglimpfung war, dass sich sachliche Kritik immer mehr aus dieser Diskussion zur\u00fcckzog, weil sie auch immer mehr auf der Ebene des pers\u00f6nlichen Empfindens und immer weniger auf der Ebene der Sachverhalte gef\u00fchrt wurde. Andersdenkende mundtot zu machen, indem man ihre Ansichten als rechts bezeichnete und sie selbst als Nazis, war eine weitere Folge, die sehr schnell Schule machte. \u00dcberrumpelt davon, dass sich das eigene Wertedenken nun gegen sie selbst richtete, wussten besonders die etablierten Parteien dieser ideologischen Herausforderung nichts entgegen zu setzen. In ihrer bisher betriebenen moralisierenden Diskussionskultur war ihnen sachliche Argumentationskraft abhanden gekommen.<br \/>\nAus dieser Schw\u00e4che heraus zogen sie es vor, auf der woken Welle mitzureiten. Denn wer wollte schon als Nazi bezeichnet werden und wie wollte man das Gegenteil beweisen? Nazi-Vorw\u00fcrfe griffen um sich wie ein Lauffeuer. Als rechts galt, was nicht dem Denken des woken Milieus entsprach.<\/p>\n<p><strong>Dramatischer Wandel<\/strong><\/p>\n<p>Hatte sich die Auseinandersetzung um das Klima noch weitgehend abseits vom Alltag der meisten Menschen abgespielt und sie deswegen wenig ber\u00fchrt, so \u00e4nderte sich deren Lebenssituation zum Teil dramatisch mit Corona, sp\u00e4testens aber mit den antirussischen Sanktionen. In deren Augen war die Klimadebatte weitgehend intellektuelles Geschwurbel gewesen, dagegen waren der Lockdown sowie die Preisexplosion f\u00fcr Lebensmittel und Energie existenzbedrohend. Innerhalb eines halben Jahrzehnts war die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen in Deutschland nicht mehr wieder zu erkennen.<\/p>\n<p>All diese Entwicklungen sorgten f\u00fcr eine bisher kaum gekannte Verunsicherung in der Gesellschaft. Diese wurde zudem verst\u00e4rkt durch eine orientierungslose Regierung mit wenig Bezug zu der Alltagssituation des gr\u00f6\u00dften Teils der Bev\u00f6lkerung. Mit ihren Fehleinsch\u00e4tzungen bez\u00fcglich des Krieges in der Ukraine, ihren widerspr\u00fcchlichen politischen Entscheidungen und der mangelnden fachlichen Eignung des zust\u00e4ndigen Personals konnten sie zu keiner Zeit der Bev\u00f6lkerung das Gef\u00fchl von Sicherheit und Verl\u00e4sslichkeit bieten.<\/p>\n<p>Sie waren Getriebene, die nicht dem Kompass der eigenen Interessen folgten sondern den Forderungen, die von den USA und der Ukraine gestellt wurden. Besonders die Regierungsparteien verloren dadurch immer mehr an Boden, w\u00e4hrend die Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) und das B\u00fcndnis Sahra Wagenknecht (BSW) sie politisch zunehmend in die Zange nahmen. Gerade im Zuwachs der AfD sah man eine Bedrohung f\u00fcr die eigene Politik, denn dieser war offensichtlicher Beleg f\u00fcr das eigene politische Versagen und die wachsende Distanz zur Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Besonders in Fragen der Zuwanderung, der Vertretung deutscher Wirtschaftsinteressen und ihrer Einstellung zu Russland und dem Ukrainekrieg warf man der AfD vor, populistisch zu sein und die westlichen Werte zu verraten. Aus \u201epopulistisch\u201c wurde \u201erechts\u201c in der Hoffnung, damit die Hinwendung zur AfD stoppen zu k\u00f6nnen. Rechts zu sein, populistisch, v\u00f6lkisch oder auch immer \u00f6fter faschistisch, waren Eigenschaften, die \u00f6ffentliche Bannung mit sich brachten. Diese Etikettierung hatte sich seit der Klimabewegung bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Rechts war schlecht. Da bedurfte es keiner Argumente mehr, keiner Inhalte, keiner nachvollziehbaren Erkl\u00e4rungen und keiner \u00fcberzeugenden Sichtweisen mehr. Rechts wurde zu einer Gefahr f\u00fcr den Zusammenhalt der Gesellschaft, was auch nicht von der Hand zu weisen war, weil die Gesellschaft sich immer mehr von den Altparteien den neuen zuwandte. Das Gemeinwesen zerf\u00e4llt entlang den Interessen.<\/p>\n<p><strong>Alles was rechts ist<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen merken, dass das gesellschaftliche Fundament auf dem Treibsand der Ver\u00e4nderung br\u00fcchig wird. Viele geben der Regierung und ihren Parteien die Schuld an dieser Entwicklung. Das ist nicht von der Hand zu weisen, denn schlie\u00dflich treffen sie die politischen Entscheidungen, deren Auswirkungen die Bev\u00f6lkerung zu sp\u00fcren bekommt.<\/p>\n<p>Die Anh\u00e4nger der Regierungsparteien dagegen sehen die AfD und die Rechten schlechthin als die Ursache des Zerfalls. Doch k\u00f6nnen erstere selbst immer weniger darlegen, was als rechts anzusehen ist. Das geht nur selten \u00fcber das Herunterbeten von Schlagworten hinaus. Noch schwerer f\u00e4llt es ihnen, den Unterschied zu ihrem eigenen Denken deutlich zu machen.<\/p>\n<p>Der Verfall der Diskussionskultur und des politischen Bewusstseins ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass man ohne die Inhalte einer Aussage zu kennen, schon wei\u00df, dass sie rechts sind. Man urteilt nach Signalw\u00f6rtern, die man mit rechts oder auch links in Verbindung bringen kann, nach Gedankeng\u00e4ngen, die \u00c4hnlichkeiten zu rechtem Gedankengut zu haben scheinen. Ob die Vermutung zutreffend ist, wird an der Wirklichkeit kaum noch \u00fcberpr\u00fcft. Das schafft nicht nur politische Verbl\u00f6dung, sondern f\u00fchrt auch zur Ver\u00f6dung von Einsch\u00e4tzungsverm\u00f6gen und Realit\u00e4tssinn.<\/p>\n<p>Aber die Ver\u00e4nderungen in der Welt und der eigenen Gesellschaft schreiten voran und treffen auf eine immer weiter um sich greifende Ratlosigkeit. Kopflosigkeit jedoch l\u00f6st die gesellschaftlichen Probleme nicht, versch\u00e4rft sie vielmehr. Ausfluss dieser verzweifelten Suche nach gesellschaftlicher Festigkeit sind die modernen Veitst\u00e4nze der demokratischen Mitte, die \u00fcberall in der Republik Zulauf haben. Aber ohne klares Ziel bringen auch sie keine Erl\u00f6sung von der Ungewissheit. Diese sucht man in der Mobilisierung gegen rechts, was immer das sein mag. Hier sieht man derzeit die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung.<br \/>\nUm Schaden abzuwenden pilgern selbst jene zu Zehntausenden zu den Veranstaltungen der gesellschaftlichen Abbitte, die bisher nie eine Demonstration besucht hatten. Man hofft, damit Druck auf die Rechten zu machen. Sie sollen erkennen, dass sie auf dem Holzweg sind. Sie sollen umkehren, damit die Gesellschaft wieder ins Lot kommt. Aber wohin sollen sie zur\u00fcck? Wo ist sie geblieben, die gesellschaftliche Kuschelecke, in der man sich in einem unbestimmten Gef\u00fchl von Zusammenhalt an einander schmiegte und sich geborgen f\u00fchlte?<\/p>\n<p>Den meisten jener Pilger f\u00fcr das gesellschaftliche Heil werden vermutlich nicht klar benennen k\u00f6nnen, was an einer Ansicht rechts oder links ist. Sie sind ver\u00e4ngstigt und wollen eigentlich nur jene Sicherheit zur\u00fcck haben, die vor einem halben Jahrzehnt noch so selbstverst\u00e4ndlich war. Das ist verst\u00e4ndlich, und niemandem steht es zu, sich dar\u00fcber zu erheben. Aber diese Demonstrationen und die Einteilung der Welt in Rechts und Links, in Gut und B\u00f6se bringen die alten Gewissheiten nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Interessen als Kompass<\/strong><\/p>\n<p>Aus dem Labyrinth der gesellschaftlichen Verwirrung und Verunsicherung bieten die Begriffe Rechts und Links keinen Ausweg. Sie sorgen eher daf\u00fcr, dass sich das Karussell des Taumels nur noch schneller dreht. Diese Begriffe sind Nebelkerzen, Irrlichter, die vom richtigen Weg ablenken. Denn von wo gesehen ist Links links und Rechts rechts? Von der Mitte? Die Mitte von heute ist nicht mehr dort, wo sie sich vor einem halben Jahrzehnt befand. Wie weit nach links oder rechts ist die Mitte inzwischen von sich selbst abger\u00fcckt?<\/p>\n<p>All diese Koordinaten sind willk\u00fcrlich und unzuverl\u00e4ssig. Sie werden alleine vom Standpunkt des Betrachters zu Rechts oder Links. Ein objektives Rechts oder Links gibt es nicht. Diese Richtungsangaben k\u00f6nnen sich jederzeit verschieben, was gerade die wenigen vergangenen Jahre zeigen. Nicht Mitte, Links und Rechts sind die Koordinaten, die uns den Weg erschlie\u00dfen, sondern unsere Interessen. Diese zu erkennen, ist aber eine der schwierigsten \u00dcbungen, denn dazu bedarf es eines klaren politischen Bewusstseins \u00fcber die eigene Stellung in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Als welchen Teil der Gesellschaft verstehen wir uns selbst? Betrachten wir uns als Teil der einfachen Leute oder eher als jene, die sich \u00fcber diese erheben, sie vielleicht als Schlafschafe verachten? Verstehen wir uns als diejenigen, die die materiellen Werte der Gesellschaft erschaffen, oder eher als jene, die sie sich aneignen? Verstehen wir uns als jene, die eine Gesellschaft aufbauen wollen, die f\u00fcr alle gleiche Voraussetzungen bereit h\u00e4lt, um das eigene Leben zu meistern? Oder sehen wir uns eher als solche, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind, denen die Interessen, W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse der anderen egal sind?<br \/>\nMit welchem Bewusstsein gehen wir an uns heran und an die Gesellschaft, in der wir leben? Aus dieser unserer Stellung leiten sich unsere Interessen ab. Was brauchen wir und Unseresgleichen f\u00fcr ein menschenw\u00fcrdiges Leben in gesicherten Verh\u00e4ltnissen und eine freundliche Zukunft f\u00fcr unsere Kinder? Das gilt es zu formulieren, und da kann es uns egal sein, ob die einen es rechts nennen oder die anderen links. Entscheidend ist, dass es sich dabei um unsere Interessen handelt und dass f\u00fcr diese Interessen ein Weg erarbeitet werden muss, auf dem sie Wirklichkeit werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>R\u00fcdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog <a href=\"https:\/\/ruedigerraulsblog.wordpress.com\/\">Politische Analyse<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_8967 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_8967')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_8967').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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