{"id":9047,"date":"2024-03-21T08:25:36","date_gmt":"2024-03-21T07:25:36","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=9047"},"modified":"2026-07-21T12:02:17","modified_gmt":"2026-07-21T11:02:17","slug":"macrons-feldzuege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/macrons-feldzuege\/","title":{"rendered":"Macrons Feldz\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0Die Streitpunkte innerhalb der NATO scheinen nicht weniger werden zu wollen. Zuletzt haben die \u00c4u\u00dferungen Macrons \u00fcber den Einsatz europ\u00e4ischer Truppen die Unstimmigkeiten im B\u00fcndnis vergr\u00f6\u00dfert. Was treibt ihn an, der doch vor nicht all zu langer Zeit noch als Vermittler zwischen der NATO und Russland aufzutreten versucht hatte?<\/strong><\/p>\n<p><em>Beitrag von R\u00fcdiger Rauls<\/em><\/p>\n<p><strong>Westliche Entschlossenheit<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend russische Truppen immer weiter nach Westen vordringen, scheint nicht nur die ukrainische Armee unter der Artillerie Russlands zusammenzubrechen, sondern auch das NATO-B\u00fcndnis immer mehr von innen unter Druck zu kommen. Die Geschlossenheit, die noch bei der M\u00fcnchener Sicherheitskonferenz als letzter \u201eSilberschweif\u201c der Hoffnung erkannt worden war, scheint zu schwinden.<\/p>\n<p>Anders als gedacht, hat Macrons Ank\u00fcndigung nach\u00a0 Abschluss der Unterst\u00fctzer-Konferenz in Paris, den Einsatz von NATO-Truppen nicht auszuschlie\u00dfen, eher zu weniger als zu mehr innerer Festigkeit gef\u00fchrt. Die trotzige Entschlossenheit von M\u00fcnchen hat nicht lange gehalten. Das zeigt sich besonders an der Weigerung des deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz, Taurus-Marschflugk\u00f6rper an die Ukraine zu liefern. Mit einer f\u00fcr ihn seltenen Klarheit lehnte er diese Forderung ab: \u201eIch bin der Kanzler, und deshalb gilt das\u201c(1).<\/p>\n<p>Der Kanzler wei\u00df warum, und auch die vier Offiziere, die vermutlich hinter dem R\u00fccken der politischen F\u00fchrung Pl\u00e4ne zur Bombardierung der Krimbr\u00fccke schmiedeten, wissen um die Gefahren des Taurus. Deshalb sollte ja auch die \u00d6ffentlichkeit nicht erfahren, wer hinter einem eventuellen Anschlag steckte. Sie wissen, dass dieses Ger\u00e4t im Unterschied zu allen bisher gelieferten Waffen, Moskau erreichen kann und damit das Herz Russlands. Besonders die USA waren bisher fest entschlossen, den Ukrainern nichts zu geben, womit diese h\u00e4tten Russland angreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Trotzdem gibt es Kr\u00e4fte in Deutschland, die unbedingt den Taurus in die Ukraine bringen wollen. Dabei m\u00fcssten sie den Unterschied zwischen ihm und den gelieferten Leopard-Panzern kennen, den sie verharmlosen. Glauben sie allen Ernstes, dass gerade sie und ihre Kinder und ihre Enkel verschont bleiben, wenn Russland auf die Bedrohung seiner Existenz atomar antwortet? Denn dieser Unterschied in der Reichweite macht den Unterschied in der Reaktion Russlands. Oder sind sie sich so sicher, dass Russlands Warnungen nicht ernst genommen werden m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Zu diesem Streit in der deutschen Politik gesellt sich auf europ\u00e4ischer und transatlantischer Ebene der Streit um die Entsendung von NATO-Soldaten. Macron hat ihn vom Zaun gebrochen und damit den Spaltpilz im B\u00fcndnis ges\u00e4t. In Polen und Frankreich geht der Riss sogar durch die Regierungen.<\/p>\n<p>Im NATO-B\u00fcndnis wird heftig um klare Linien gerungen in Streitfragen, die man selbst aufgeworfen hat, weil man die Aussichtslosigkeit der Lage nicht wahr haben will.<\/p>\n<p>Aber statt sich der Vernunft zu ergeben und, wie der Papst riet, die \u201ewei\u00dfe Flagge\u201c zu hissen, versch\u00e4rft man die Zust\u00e4nde im eigenen B\u00fcndnis durch gef\u00e4hrliche Vorschl\u00e4ge, die keine L\u00f6sungen bringen, sondern nur weitere Probleme schaffen. Statt in Verhandlungen mit Russland einzutreten, versucht man mit einem letzten Aufgebot an Blut und Leben, das Unvermeidliche hinauszuschieben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der politische Westen um Geschlossenheit ringt im Wirrwarr der unterschiedlichen gesellschaftlichen und nationalen Interessen, nimmt die russische Armee eine ukrainische Stellung nach der anderen ein. Gest\u00fctzt auf eine gefestigte Gesellschaft erobern russische Soldaten eine Ortschaft nach der anderen, immer weiter Richtung Westen wie einst im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg.<\/p>\n<p><strong>Nationale Heimlichkeiten<\/strong><\/p>\n<p>Was der Westen jahrelang als Vorteil und St\u00e4rke seines gesellschaftlichen Systems ausgegeben hat, entwickelt sich unter Belastung immer mehr zum seinem Nachteil: Das ist die Breite der zum Teil widerspr\u00fcchlichen Interessen. Dieser Nachteil ist bisher nie offensichtlich geworden, weil der politische Westen in den vergangenen Jahrzehnten nie gr\u00f6\u00dferen Herausforderungen durch vergleichbare Gegner ausgesetzt gewesen war. Seine wirtschaftliche und milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit waren nie wirklich ernsthaft in Frage gestellt worden.<\/p>\n<p>Die NATO-Staaten haben sich bis zum Ukraine-Krieg in ihren bisherigen wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Konflikten immer L\u00e4ndern gegen\u00fcber gesehen, die ihnen in jeder Hinsicht unterlegen waren. Auch wenn die Eins\u00e4tze in der islamischen Welt meistens scheiterten, so haben sie in den Staaten der Expeditionsheere selbst wenig gesellschaftliche Verwerfungen hervorgerufen. Man zog sich wieder zur\u00fcck, und damit war das Thema erledigt. Geblieben sind die gewaltigen Schuldenberge.<\/p>\n<p>Nun aber, unter der Verwicklung in einen indirekten Krieg gegen Russland in der Ukraine und der wachsenden Konkurrenz der chinesischen Industrie und ihrer Produkte, behindern diese unterschiedlichen Interessen entschlossenes Handeln. Das gilt nicht nur innerhalb der westlichen Gesellschaften, sondern auch im Rahmen des transatlantischen B\u00fcndnisses selbst. Immer wieder m\u00fcssen nationale Sonder-Interessen durch lange Diskussions- und \u00dcberzeugungsprozesse in Einklang gebracht werden, um gemeinsames Handeln zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Dabei wird nicht immer mit offenen Karten gespielt, und die wahren Beweggr\u00fcnde f\u00fcr das Handeln der einzelnen Beteiligten werden oftmals nicht klar benannt. So ist beispielsweise Macrons Handeln nicht nachvollziehbar &#8211; weder f\u00fcr die franz\u00f6sische \u00d6ffentlichkeit noch\u00a0 f\u00fcr die B\u00fcndnispartner. Ist er sich der Wirkung seiner Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Truppenentsendungen nicht bewusst oder will er nicht wahrhaben, dass seine Ideen das B\u00fcndnis in Unordnung bringen und dessen Schlagkraft dadurch beeintr\u00e4chtigen?<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es sogar andere Motive, die ihn antreiben und die er der franz\u00f6sischen wie auch der transatlantischen \u00d6ffentlichkeit nicht bekannt gibt. Vordergr\u00fcndig ging es ihm vielleicht wirklich um die Verbesserung der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine und die Leistungssteigerung des B\u00fcndnisses gegen\u00fcber Russland. Dennoch scheinen aber nationale franz\u00f6sische eine gr\u00f6\u00dfere Rolle zu spielen als das \u00fcbergeordnete B\u00fcndnis-Interesse oder gar das gemeinsame politische, der Ukraine zum Sieg \u00fcber Russland zu verhelfen.<\/p>\n<p>So hat beispielsweise seine lange aufrecht erhaltene Forderung, Waffen und Munition nur in Rahmen der EU zu beschaffen, die Kampfkraft der Ukraine infolge des dadurch verursachten Munitionsmangels erheblich geschw\u00e4cht. Diese Forderung diente haupts\u00e4chlich dem Verkaufsinteresse der franz\u00f6sischen R\u00fcstungsindustrie, die \u201evon gro\u00dfen Zuw\u00e4chsen profitieren konnte\u201c(2) und mittlerweile zum zweitgr\u00f6\u00dften Waffenexporteur weltweit aufgestiegen ist.<\/p>\n<p><strong>Macrons Vergeltung<\/strong><\/p>\n<p>Anscheinend versucht der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident auf dem R\u00fccken der Ukraine und vermutlich auch der B\u00fcndnispartner, Vorteile f\u00fcr sein eigenes Land herauszuholen und Sonderinteressen zu bedienen. Es ist nicht klar, was er bezweckt mit seinem diplomatischen Aktionismus. Denn \u201elediglich polnische, tschechische und baltische Politiker hatten positiv auf Macrons Anregung reagiert. Auch in Frankreich selbst stie\u00dfen seine \u00c4u\u00dferungen auf Kritik\u201c(3).<\/p>\n<p>So h\u00e4lt auch der franz\u00f6sische Verteidigungsminister S\u00e9bastien Lecornu nichts von einem solchen Vorhaben und widerspricht dem Pr\u00e4sidenten \u2013 wie auch die franz\u00f6sische Opposition. Macron jedoch sieht im Vorr\u00fccken der Front in Richtung Odessa oder Kiew ein konkretes Szenario f\u00fcr die Entsendung von Truppen. Auch der Hinweis, \u201edass die franz\u00f6sische Armee nicht \u00fcber die Mittel verf\u00fcge, um ein milit\u00e4risches Kr\u00e4ftemessen mit Russland einzugehen\u201c(4), hat bei ihm Emp\u00f6rung hinterlassen statt Einsicht.<\/p>\n<p>Um f\u00fcr seine Truppenpl\u00e4ne zu werben, bereist Macron europ\u00e4ische Hauptst\u00e4dte. Dabei haben sich besonders die gro\u00dfen Staaten der NATO wie die USA, Gro\u00dfbritannien und auch Deutschland eindeutig gegen seine Pl\u00e4ne f\u00fcr die Entsendung von Truppen in die Ukraine gewandt. Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto betonte, dass die Bef\u00fcrworter Polen und Frankreich nicht f\u00fcr die gesamte NATO sprechen. Und selbst NATO-Generalsekret\u00e4r Stoltenberg steht den Pl\u00e4nen ablehnend gegen\u00fcber, wissend um die Zerrei\u00dfprobe, die sie f\u00fcr das B\u00fcndnis bedeuten w\u00fcrden.\u00a0 Die isolierte Stellung des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten im B\u00fcndnis ist offensichtlich, nur er selbst scheint sie nicht zu sehen oder sehen zu wollen. Immer weniger ist zu erkl\u00e4ren, was ihn antreibt.<\/p>\n<p>Einen Hinweis auf handfeste Interessen gibt es im Zusammenhang seines Treffens mit den Vertretern der franz\u00f6sischen Parteien vom Donnerstag, den 7.3. dieses Jahres, wo er weiterhin auf seinen Pl\u00e4nen zur Entsendung von Truppen beharrte. Dort begr\u00fcndete er seine Haltung mit der Aggressivit\u00e4t Russlands und der Bedrohung, die von ihm ausgehe. \u201eAls Signale f\u00fcr die russische Aggressivit\u00e4t wurden die st\u00e4rker werdenden Cyberangriffe, die Attacken auf franz\u00f6sische Interessen in Afrika und im Nahen Osten\u201c(5) genannt. Daher also scheint der Wind zu wehen.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident ist der schlechte Verlierer, der es nicht ertragen kann, dass die Afrikaner nicht mehr nach der franz\u00f6sischen Pfeife tanzen wollen und sich stattdessen lieber mit Russland einlassen. Dabei geht es nicht nur um Prestige sondern um handfeste Interessen. Denn immerhin haben sich in den letzten Jahren mehrere Staaten der Sahelzone mit ihren gro\u00dfen Vorkommen an Bodensch\u00e4tzen aus der franz\u00f6sischen Abh\u00e4ngigkeit frei gemacht. Die franz\u00f6sischen Atomkraftwerke haben von dort Uran zu Vorzugspreisen bezogen. Stattdessen weiteten dort Russland und China ihren Einfluss aus, und Frankreich muss sich nach neuen Liefreanten umschauen.<\/p>\n<p>Nun sieht es so aus, als nutze Macron die Gelegenheit, auf dem R\u00fccken der Ukrainer und der NATO-Verb\u00fcndeten sich an Russland f\u00fcr diese Verluste in Afrika zu r\u00e4chen. In der Sahelzone hatte Frankreich alleine gegen\u00fcber Russland keine Chance gehabt, da sich auch die dortigen Regierungen\u00a0 von Frankreich abgewendet hatten. Nun aber, mit der NATO im R\u00fccken und mit den Ukrainern als Kanonenfutter sieht die Sache schon anders aus. Die Gelegenheit ist g\u00fcnstig, Russland im\u00a0 eigenen Hinterhof entgegen zu treten und dort auch wirtschaftliche Vorteile zu erringen \u2013 zum Beispiel durch Waffengesch\u00e4fte mit Armenien.<\/p>\n<p>Macron z\u00fcndelt an Russlands S\u00fcdgrenzen, indem er ein bilaterales Verteidigungsabkommen mit der Republik Moldau schlie\u00dft. Vordergr\u00fcndig will man \u201edie Souver\u00e4nit\u00e4t und Sicherheit des Landes st\u00e4rken\u201c(6). Auch Armenien soll nun von Frankreich besch\u00fctzt werden, nat\u00fcrlich mit Waffen aus franz\u00f6sischer Produktion, damit es sich von Russland l\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Es ist nicht klar, ob diese Initiativen mit Zustimmung oder gar auf Gehei\u00df der NATO stattfinden. Aber fraglich ist, ob die Zusagen an Moldau und Armenien nicht eher das B\u00fcndnis weiter belasten, als dass sie eine St\u00e4rkung darstellen. Sie er\u00f6ffnen zwar neue Fronten gegen\u00fcber Russland, schaffen aber auch neue Verpflichtungen. Dabei gelingt es dem politischen Westen kaum, die alten gegen\u00fcber der Ukraine zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>(1) Frankfurter Allgemeine Zeitung(FAZ) vom 10.3.2024: Der Kampf der gro\u00dfen Egos<\/p>\n<p>(2) FAZ vom 12.3.2024: Frankreich steigt zur Nummer Zwei der Waffenexporteure auf<\/p>\n<p>(3) FAZ vom 10.3.2024: Ukraine lobt Macrons Gedankenspiele<\/p>\n<p>(4) FAZ vom 10.3.2024: Ohne rote Linien gegen einen Feind, der keine Grenzen kennt.<\/p>\n<p>(5) ebenda<\/p>\n<p>(6) <a href=\"https:\/\/web.de\/magazine\/politik\/russland-krieg-ukraine\/frankreich-moldau-unterzeichnen-verteidigungsabkommen-39407688\">https:\/\/web.de\/magazine\/politik\/russland-krieg-ukraine\/frankreich-moldau-unterzeichnen-verteidigungsabkommen-39407688<\/a><\/p>\n<p>R\u00fcdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog <a href=\"https:\/\/ruedigerraulsblog.wordpress.com\/\">Politische Analyse<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_9047 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_9047')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_9047').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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