{"id":9396,"date":"2024-07-17T11:23:12","date_gmt":"2024-07-17T10:23:12","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=9396"},"modified":"2026-07-21T11:53:57","modified_gmt":"2026-07-21T10:53:57","slug":"angst-vor-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/angst-vor-russland\/","title":{"rendered":"Angst vor Russland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die europ\u00e4ischen M\u00e4chte f\u00fchlen sich von Russland bedroht. Dabei war es doch gerade Russland das mehrmals von Westen her \u00fcberfallen worden war nicht umgekehrt. Woher kommt die Angst vor der Gefahr aus dem Osten?<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0Beitrag von R\u00fcdiger Rauls<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Geschichtliche Tatsachen<\/strong><\/p>\n<p>Mit Vorg\u00e4ngen und Erfahrungen aus der Vergangenheit kann die Angst vor Russland weder erkl\u00e4rt noch begr\u00fcndet werden. Niemals in der europ\u00e4ischen Geschichte war Russland in jenen westlichen Staaten einmarschiert, die sich heute von ihm bedroht sehen. Die Invasionen Russland im Westen waren immer Reaktionen auf die Invasion westlicher Staaten. Eine russische Initiative zur Eroberung westlicher Gebiete hat es nie gegeben, h\u00f6chstens beteiligte man sich an den Raubz\u00fcgen anderer Staaten wie den polnischen Teilungen, bei denen Preu\u00dfen und \u00d6sterreich treibende Kr\u00e4fte waren, oder aber dem Hitler-Stalin-Pakt zur Aufteilung Polens.<\/p>\n<p>Die Weltkriege sind die bekanntesten Beispiele von Invasionen aus Richtung Westen. Weniger bekannt ist die Beteiligung westlicher Nationen an der versuchten Niederschlagung der russischen Revolution von 1917\/18. Nach der Abdankung des Zaren hatten die deutschen Milit\u00e4rs die Gunst der Stunde genutzt und ihren Vormarsch in Russland fortgesetzt. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk mit neuen sowjetischen Regierung befanden sich gro\u00dfe Teile der Ukraine, Wei\u00dfrusslands und des Baltikums unter deutsche Herrschaft. Sogar das durch die russische Revolution unabh\u00e4ngig gewordene Polen f\u00fchrte 1920\/1 Krieg gegen die Sowjetunion, um sich weitere Gebiete einzuverleiben. Aber sowohl Polen als auch Deutsche wurden von der Roten Armee zur\u00fcckgeschlagen.<\/p>\n<p>Im Jahre 1918 landeten Expeditionsheere der Entente aus franz\u00f6sischen, englischen und amerikanischen Truppen im Osten Russlands zur Unterst\u00fctzung der Wei\u00dfgardisten im Kampf gegen die Bolschewiki. Im selben Jahr besetzten franz\u00f6sische und griechische Truppen die Krim und Odessa. Im Osten Russlands waren 70.000 Japaner einmarschiert, hatten Wladiwostok eingenommen und sogar eine eigene Republik gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Sie alle wollten der proletarischen Revolution den Garaus\u00a0 machen und die russischen Verh\u00e4ltnisse in ihrem Sinn neu regeln. Doch bald musste sich die franz\u00f6sische Schwarzmeerflotte zur\u00fcckziehen, weil ihre Matrosen meuterten und die rote Fahne gehisst hatten aus Solidarit\u00e4t mit der russischen Revolution. Der von au\u00dfen unterst\u00fctzte B\u00fcrgerkrieg in der Sowjetunion dauerte bis weit in die 1920er Jahre.<\/p>\n<p>Danach blieben dem Land nur wenige Jahre des Friedens, bis 1941 dann erneut deutsche Truppen einmarschierten. Ihr erkl\u00e4rtes Ziel war die Eroberung eines neuen Lebensraums im Osten. Politisch ging es dem Faschismus um die Vernichtung der nach seiner Sicht bolschewistisch-j\u00fcdischen Untermenschen und deren kommunistische Diktatur. Vier Jahre tobte der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion, hinterlie\u00df Millionen von Toten, verw\u00fcstete St\u00e4dte, Verarmung, Elend und Hunger.<\/p>\n<p>All diese L\u00e4nder, die seinerzeit Russland und die UdSSR \u00fcberfallen hatten, sind dieselben, die sich heute bedroht f\u00fchlen. Sie bereuen nicht angerichtetes Leid sondern stellen sich dar als Opfer eines Leides, das ihnen noch gar nicht zugesto\u00dfen ist. Sie sind potentielle Opfer eines potentiellen Leids, das sie sich selbst ausdenken, aber im Unterschied zu Russland bisher nicht wirklich erfahren haben.<\/p>\n<p>Ist dieses vorgegebene Mitleiden der Versuch, unterschwellig empfundene Schuld zu tilgen? Oder ist es schlicht und einfach nur die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Leid, das die Herrschenden aus den westlichen L\u00e4ndern V\u00f6lkern in aller Welt im Laufe der Jahrhunderte zugef\u00fcgt haben. Will man all dieses Leid vergessen machen, indem man sich heute selbst als Bedrohte darstellt, sozusagen als Leidensgenossen in spe?<\/p>\n<p><strong>Selbstt\u00e4uschung<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Angesichts des Niedergangs der F\u00e4higkeit zu analytischem Denken im Westen kann es nat\u00fcrlich sein, das selbst gro\u00dfe Teile der westlichen F\u00fchrungskr\u00e4fte sich all dieser Tatsachen aus der eigenen Geschichte nicht mehr bewusst sind. Die allgemeine Verdummung bis hinauf in die obersten F\u00fchrungsebenen sollte nicht untersch\u00e4tzt werden. Es ist erschreckend, wie viele Menschen im Westen sich all dieser geschichtlichen Tatsachen nicht bewusst sind beziehungsweise sie nicht wahrhaben wollen. Einiges an diesem Denken ist vielleicht Kalk\u00fcl, das meiste jedoch politische \u00dcberzeugung beziehungsweise Ignoranz.<\/p>\n<p>So verwundert es nicht, dass selbst ein gro\u00dfer Teil der westlichen F\u00fchrungskr\u00e4fte ganz offensichtlich zu tiefst davon \u00fcberzeugt ist, dass Russland den Krieg wieder nach Europa gebracht hat. Das ist immer wieder zu h\u00f6ren in politischen Sichtweisen und Stellungnahmen. Dass der Krieg durch NATO-Staaten gegen\u00fcber Jugoslawien erstmals wieder seit 1945 in Europa Einzug hielt, ist vielen dieser F\u00fchrungskr\u00e4fte gar nicht mehr bewusst, so unglaublich das auch sein mag.<\/p>\n<p>Sie haben es vergessen, verdr\u00e4ngt, die j\u00fcngeren vielleicht sogar nie gewusst. Zudem hat man sich \u00fcber die Jahre erfolgreich eingeredet, dass zwischen dem eigenen Handeln damals und dem russischen heute ein Unterschied besteht. Die \u00d6ffentlichkeit in und au\u00dferhalb der Talkshows und Magazine der \u00d6ffentlich-Rechtlichen gab sich damit zufrieden. Niemand hinterfragte, worin denn dieser Unterschied bestehen soll. Hinzu kommt, dass man sich im Recht f\u00fchlt aufgrund der \u00dcberlegenheit der eigenen Werte, f\u00fcr die man vorgibt einzutreten.<\/p>\n<p>Man will nicht wahrhaben, dass die Tatsachen anders sind als das Bild, das man sich von ihnen macht. Die westlichen F\u00fchrer sind sich nicht mehr der Tatsachen bewusst, dass sie selbst es waren, die an die russischen Grenzen heran ger\u00fcckt sind. Sie haben vergessen oder verdr\u00e4ngt, dass sie diejenigen waren, die die Zusagen gegen\u00fcber Russland gebrochen haben, keine Ausweitung des NATO-Gebiets vorzunehmen. Nach vielen Warnungen reagierte Russland nun darauf, und der politische Westen fiel aus allen Wolken.<\/p>\n<p>Weil sich Polen und die baltischen Staaten tats\u00e4chlich bedroht f\u00fchlen, fordern sie die Errichtung von Befestigungsanlagen entlang ihren Grenzen zu Russland und Wei\u00dfrussland, die Russlands Armee am weiteren Vordringen hindern sollen. Es sind Sperranlagen, weniger Vorbereitungen f\u00fcr Angriffe auf russisches Gebiet. War der sogenannte Eiserne Vorhang von den Staaten des Warschauer Paktes errichtet worden als Schutz vor westlichen Angriffen, so zeigen die Forderungen nach Sperranlagen heute, wie sehr sich die NATO inzwischen in der Defensive sieht. Einen Angriff auf Russland scheint man sich selbst nicht mehr zuzutrauen.<\/p>\n<p>Die westlichen Meinungsmacher aus Medien, Wissenschaft und Politik glauben ihren eigenen Schreckensszenarien, dass nach einer Niederlage der Ukraine Russland sich mit diesem Sieg nicht\u00a0 zufrieden geben wird. Sie sind fest davon \u00fcberzeugt, dass Moskau weiter nach Westen ausgreifen wird. Das ist zwar zum Teil Stimmungsmache, aber im Kern entspricht es ihrem eigenen Denken, und dieses Denken ist der Kern ihrer Angst. Sie bef\u00fcrchten, dass Russland genau so handeln k\u00f6nnte, wie sie es tun w\u00fcrden, wenn sie an Russlands Stelle w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Es entspricht ihrem eigenen Denken, nicht nachzulassen, wenn ein Gegner schwach scheint und man sich sicher sein konnte, dass er sich ihrer \u00dcbermacht nicht erwehren kann. Das war so in Jugoslawien, wo sie keine Ruhe gaben, bis das Land zerst\u00fcckelt war. Das war auch so bei den erfolgreichen Farbenrevolutionen im postsowjetischen Raum. Je erfolgreicher dieses Vorgehen war, um so \u00f6fter setzte man darauf. Die Zeit und Umst\u00e4nde waren g\u00fcnstig und wieso sollte man die Gunst der Stunde nicht f\u00fcr den eigenen Vorteil nutzen?<\/p>\n<p>Wenn sie Russland w\u00e4ren, w\u00fcrden sie so handeln, denn so haben sie es selbst immer gehalten. Sie haben die Osterweiterungen der NATO vorangetrieben, als sie sich sicher waren, dass Russland zu schwach ist, um diesem Vordringen etwas entgegen zu setzen. Sie hielten es immer noch f\u00fcr schwach und \u00fcbersch\u00e4tzten die eigene St\u00e4rke, als sie begannen, die Ukraine aufzur\u00fcsten. Trotz der Niederlagen in Afghanistan und im arabischen Raum, die sie schnell \u00fcbergangen haben, waren sie zu Beginn des Krieges immer noch fest davon \u00fcberzeugt, dass sie\u00a0 Russland zerlegen k\u00f6nnten wie seinerzeit Jugoslawien.<\/p>\n<p><strong>Bedroht von allen Seiten<\/strong><\/p>\n<p>Im dem Ma\u00dfe wie die Ukraine im Krieg gegen Russland schw\u00e4cher wird, wachsen die \u00c4ngste und Warnungen vor der russischen Bedrohung. Die Medien werden nicht m\u00fcde, die Bev\u00f6lkerung damit in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie \u00fcberschlagen sich f\u00f6rmlich in der Schaffung von Bedrohungsszenarien. Man sucht nach Wegen, die Verteidigungsf\u00e4higkeit der Armeen und die Abwehrbereitschaft der Bev\u00f6lkerung zu erh\u00f6hen. Auch eine Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht r\u00fcckt immer n\u00e4her. \u00d6ffentliche Diskussionen und Appelle, kriegst\u00fcchtig werden zu m\u00fcssen, verst\u00e4rken den Eindruck h\u00f6chster Gefahr.<\/p>\n<p>Statt das eigene Verhalten von Sachlichkeit und Besonnenheit leiten zu lassen, werden kurzsichtige Entscheidungen getroffen, die von \u00c4ngsten, Wunschdenken oder gar Wahnvorstellungen getrieben sind. Kopflosigkeit regiert, getrieben von \u00dcberheblichkeit einerseits und Selbstt\u00e4uschung auf der anderen. Die Entscheidungstr\u00e4ger im politischen Westen sind au\u00dfer Stande, die Grunds\u00e4tze des russischen Handelns zu erkennen und zu verstehen. Noch weniger aber scheinen sie sich dar\u00fcber im Klaren zu sein, was eigentlich sie selbst antreibt und welche politischen Ziele sie verfolgen. Was will man erreichen in diesem Konflikt mit Russland oder auch mit China oder gar mit beiden?<\/p>\n<p>Die F\u00fchrungen des politischen Westens sehen sich als Opfer, bedroht von allen Seiten. China zerst\u00f6rt mit seinen \u00dcberkapazit\u00e4ten unsere Wirtschaft. Russland will uns \u00fcberfallen und unsere Demokratie zerschlagen.\u00a0 Rechte bedrohen unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, Moslems wollen uns \u00fcberv\u00f6lkern und unsere Kultur abschaffen. Und dann ist da auch noch der Klimawandel. Die Bev\u00f6lkerungen im Westen sind in Panik. Sie sind von den Meinungsmachern in Medien, Politik und Wissenschaft kopflos gemacht und ohne Orientierung zur\u00fcck gelassen worden.<\/p>\n<p>Diese schaffen \u00c4ngste, weil sie selbst Ver\u00e4ngstigte sind. Sie glauben selbst an die Gefahren, mit denen sie die Menschen beunruhigen. Es\u00a0 sind ihre eigenen \u00c4ngste, die sie in ihren Medien und Erkl\u00e4rungen zur Lage in der Welt verbreiten. Sie sind die Wohlhabenden, die um ihren Wohlstand f\u00fcrchten. Das ist der Kern ihrer Angst. Russen, Chinesen, Zuwanderer, die Bezieher von B\u00fcrgergeld, sie alle bedrohen mit ihren Interessen und Anspr\u00fcchen den Wohlstand, den die Wohlhabenden sich erworben haben. Freiheit, Demokratie, unser westliches Lebensgef\u00fchl und all die anderen wohlklingenden Werte sind nur andere Worte daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Der politische Westen und seine Eliten haben keinen Plan, auch wenn so manche nicht m\u00fcde werden, gerade einen solchen hinter all dem Chaos zu vermuten. Sie geben sich wissend oder tun geheimnisvoll oder ergehen sich in d\u00fcsteren Andeutungen. Aber mit dieser Wichtigtuerei spielen sie gerade jenen in die H\u00e4nde, die f\u00fcr Ver\u00e4ngstigung sorgen. Die F\u00fchrungskr\u00e4fte im Westen sind Getriebene, planlos getrieben von den inneren Widerspr\u00fcchen ihrer Gesellschaften. Welch ein sinnvoller Plan soll dahinter stecken, sich gleichzeitig mit Russland und China anzulegen, nachdem man vor einer Armee von afghanischen Bauern Rei\u00dfaus hatte nehmen m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Da fehlt jegliche realistische Einsch\u00e4tzung der Lage und der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse sowohl bei den F\u00fchrungskr\u00e4ften wie auch bei ihren Kritikern. Wer glaubt denn allen Ernstes, dass Leute wie Baerbock, Biden, von der Leyen und wie sie sonst noch alle hei\u00dfen m\u00f6gen in den Machtzentralen des politischen Westens einen realistischen und tiefgehenden \u00dcberblick \u00fcber die Entwicklungen in der Welt haben?<\/p>\n<p>Russland hat eine Straegie f\u00fcr seinen Krieg und seine politischen Ziele im Rest der Welt, besonders im Rahmen der BRICS-Staaten. China hat eine f\u00fcr seine wirtschaftliche und politische Entwicklung. Das ist erkennbar in ihrem unaufgeregten Handeln und ruhigen Vorgehen. Dass der politische Westen all das nicht hat, das gerade macht seine Angst aus und sein Gef\u00fchl der Bedrohung.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>R\u00fcdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog <a href=\"https:\/\/ruedigerraulsblog.wordpress.com\/\">Politische Analyse<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_9396 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_9396')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_9396').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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