{"id":9814,"date":"2024-10-04T10:58:37","date_gmt":"2024-10-04T09:58:37","guid":{"rendered":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/?p=9814"},"modified":"2024-10-06T15:49:00","modified_gmt":"2024-10-06T14:49:00","slug":"wer-hat-den-ukraine-krieg-verursacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/wer-hat-den-ukraine-krieg-verursacht\/","title":{"rendered":"Wer hat den Ukraine-Krieg verursacht?"},"content":{"rendered":"<p><em>Quelle Beitragsbild: Netzfund<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Hauptursache des Ukraine-Krieges ist der NATO-Beitritt der Ukraine, der vom Westen angestrebt wurde. Den \u201erussischen Imperialismus\u201c gibt es nicht wirklich, sondern dieser wurde erfunden, um Russland die Schuld geben zu k\u00f6nnen. Das begr\u00fcndet der bekannte US-Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer von der University of Chicago. Er entkr\u00e4ftet dabei auch die \u00fcblichen Gegenargumente. Die klaren und n\u00fcchternen Schilderungen von Mearsheimer sind eine gesundende Wohltat inmitten gef\u00e4hrlicher Kriegstreiberei. Dieser kann durch klare Gedanken Kraft genommen werden.<\/strong><\/p>\n<p><em>Beitrag von John J. Mearsheimer (\u00dcbersetzung von Thomas Mayer)<\/em><\/p>\n<p>Die Frage, wer f\u00fcr den Krieg in der Ukraine verantwortlich ist, ist seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 ein sehr umstrittenes Thema.<\/p>\n<p>Die Antwort auf diese Frage ist von enormer Bedeutung, denn der Krieg war aus verschiedenen Gr\u00fcnden eine Katastrophe, von denen die wichtigste darin besteht, dass die Ukraine praktisch zerst\u00f6rt wurde. Sie hat einen betr\u00e4chtlichen Teil ihres Territoriums verloren und wird wahrscheinlich noch mehr verlieren, ihre Wirtschaft liegt in Tr\u00fcmmern, eine riesige Zahl von Ukrainern wurde intern vertrieben oder ist aus dem Land geflohen, und sie hat Hunderttausende von Opfern zu beklagen. Nat\u00fcrlich hat auch Russland einen hohen Blutzoll gezahlt. Auf strategischer Ebene sind die Beziehungen zwischen Russland und Europa, ganz zu schweigen von Russland und der Ukraine, auf absehbare Zeit vergiftet, was bedeutet, dass die Gefahr eines gr\u00f6\u00dferen Krieges in Europa auch dann noch bestehen wird, wenn der Krieg in der Ukraine zu einem eingefrorenen Konflikt wird. Wer die Verantwortung f\u00fcr diese Katastrophe tr\u00e4gt, ist eine Frage, die nicht so schnell verschwinden wird, sondern eher noch an Bedeutung gewinnen d\u00fcrfte, je mehr Menschen das Ausma\u00df der Katastrophe bewusst wird.<\/p>\n<p>Die g\u00e4ngige Meinung im Westen ist, dass Wladimir Putin f\u00fcr den Krieg in der Ukraine verantwortlich sei. Die Invasion zielte darauf ab, die gesamte Ukraine zu erobern und sie zu einem Teil eines gr\u00f6\u00dferen Russlands zu machen, so die Argumentation. Sobald dieses Ziel erreicht sei, w\u00fcrden die Russen ein Imperium in Osteuropa errichten, \u00e4hnlich wie es die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg getan habe. Daher stellt Putin letztlich eine Bedrohung f\u00fcr den Westen dar, der man mit aller Macht begegnen muss. Kurz gesagt, Putin ist ein Imperialist mit einem Masterplan, der sich nahtlos in die reiche russische Tradition einf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Das alternative Argument, mit dem ich mich identifiziere und das im Westen eindeutig in der Minderheit ist, lautet, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verb\u00fcndeten den Krieg provoziert haben. Damit soll nat\u00fcrlich nicht geleugnet werden, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist und den Krieg begonnen hat. Die Hauptursache des Konflikts ist jedoch der NATO-Beschluss, die Ukraine in das B\u00fcndnis aufzunehmen, was praktisch alle russischen F\u00fchrer als existenzielle Bedrohung ansehen, die beseitigt werden muss. Die NATO-Erweiterung ist jedoch Teil einer umfassenderen Strategie, die darauf abzielt, die Ukraine zu einem westlichen Bollwerk an Russlands Grenze zu machen. Ein Beitritt Kiews zur Europ\u00e4ischen Union (EU) und die F\u00f6rderung einer farbigen Revolution in der Ukraine &#8211; die Umwandlung des Landes in eine prowestliche liberale Demokratie &#8211; sind die beiden anderen S\u00e4ulen dieser Politik. Die russische F\u00fchrung f\u00fcrchtet alle drei Bereiche, aber am meisten f\u00fcrchtet sie die NATO-Erweiterung. Um dieser Bedrohung zu begegnen, hat Russland am 24. Februar 2022 einen Pr\u00e4ventivkrieg begonnen.<\/p>\n<p>Die Debatte dar\u00fcber, wer den Ukraine-Krieg verursacht hat, ist k\u00fcrzlich aufgeflammt, als zwei prominente westliche Politiker &#8211; der ehemalige US-Pr\u00e4sident Donald Trump und der prominente britische Abgeordnete Nigel Farage &#8211; das Argument vorbrachten, dass die NATO-Erweiterung die treibende Kraft hinter dem Konflikt sei. Es \u00fcberrascht nicht, dass ihre \u00c4u\u00dferungen von den Verfechtern der konventionellen Meinung mit einem heftigen Gegenangriff beantwortet wurden. Es ist auch erw\u00e4hnenswert, dass der scheidende NATO-Generalsekret\u00e4r Jens Stoltenberg im vergangenen Jahr zweimal sagte, dass &#8222;Pr\u00e4sident Putin diesen Krieg begonnen hat, weil er die T\u00fcr der NATO schlie\u00dfen und der Ukraine das Recht verweigern wollte, ihren eigenen Weg zu w\u00e4hlen&#8220;. Kaum jemand im Westen hat dieses bemerkenswerte Eingest\u00e4ndnis des NATO-Chefs in Frage gestellt, und er hat es auch nicht zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p>Mein Ziel ist es, einen \u00dcberblick \u00fcber die wichtigsten Punkte zu geben, die die Ansicht st\u00fctzen, dass Putin nicht in die Ukraine einmarschiert ist, weil er ein Imperialist ist, der die Ukraine zu einem Teil eines gr\u00f6\u00dferen Russlands machen will, sondern vor allem wegen der NATO-Erweiterung und der Bem\u00fchungen des Westens, die Ukraine zu einer westlichen Hochburg an der Grenze Russlands zu machen. <!--more-->***<\/p>\n<p>Lassen Sie mich mit den <strong>SIEBEN WICHTIGSTEN GR\u00dcNDEN<\/strong> f\u00fcr die Ablehnung der herk\u00f6mmlichen Meinung beginnen.<\/p>\n<p><strong>ERSTENS gibt es schlicht und ergreifend keine Beweise aus der Zeit vor dem 24. Februar 2022, dass Putin die Ukraine erobern und in Russland eingliedern wollte. Vertreter der g\u00e4ngigen Meinung k\u00f6nnen keine Schriftst\u00fccke oder Aussagen von Putin nennen, die darauf hindeuten, dass er die Ukraine erobern wollte.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man sie zu diesem Punkt befragt, liefern die Verfechter der konventionellen Meinung Hinweise, die wenig oder gar nichts mit Putins Motiven f\u00fcr die Invasion der Ukraine zu tun haben. Einige betonen zum Beispiel, dass er sagte, die Ukraine sei ein &#8222;k\u00fcnstlicher Staat&#8220; oder kein &#8222;echter Staat&#8220;. Solche undurchsichtigen \u00c4u\u00dferungen sagen jedoch nichts \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr seinen Kriegseintritt aus. Dasselbe gilt f\u00fcr Putins Aussage, er betrachte Russen und Ukrainer als &#8222;ein Volk&#8220; mit einer gemeinsamen Geschichte. Andere weisen darauf hin, dass er den Zusammenbruch der Sowjetunion als &#8222;die gr\u00f6\u00dfte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts&#8220; bezeichnete. Aber Putin sagte auch: &#8222;Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie zur\u00fcckhaben will, hat kein Hirn.&#8220; Andere wiederum verweisen auf eine Rede, in der er erkl\u00e4rte: &#8222;Die moderne Ukraine wurde vollst\u00e4ndig von Russland geschaffen, genauer gesagt, vom bolschewistischen, kommunistischen Russland.&#8220; Aber das ist kaum ein Beweis daf\u00fcr, dass er an der Eroberung der Ukraine interessiert war. Au\u00dferdem sagte er in der gleichen Rede: &#8222;Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir die Ereignisse der Vergangenheit nicht \u00e4ndern, aber wir m\u00fcssen sie zumindest offen und ehrlich zugeben.&#8220;<\/p>\n<p>Um zu beweisen, dass Putin die gesamte Ukraine erobern und Russland einverleiben wollte, muss man nachweisen, dass er 1) dieses Ziel f\u00fcr erstrebenswert hielt, 2) es f\u00fcr machbar hielt und 3) die Absicht hatte, dieses Ziel zu verfolgen. Es gibt in den \u00f6ffentlichen Aufzeichnungen keine Beweise daf\u00fcr, dass Putin erwog, geschweige denn beabsichtigte, die Ukraine als unabh\u00e4ngigen Staat zu beenden und sie zu einem Teil Gro\u00dfrusslands zu machen, als er am 24. Februar 2022 seine Truppen in die Ukraine schickte.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es erhebliche Beweise daf\u00fcr, dass Putin die Ukraine als unabh\u00e4ngiges Land anerkannte. In seinem bekannten Artikel vom 12. Juli 2021 \u00fcber die russisch-ukrainischen Beziehungen, der von Bef\u00fcrwortern der konventionellen Meinung oft als Beweis f\u00fcr seine imperialen Ambitionen angef\u00fchrt wird, sagt er dem ukrainischen Volk: &#8222;Ihr wollt einen eigenen Staat gr\u00fcnden: Ihr seid willkommen!&#8220; Zur Frage, wie Russland die Ukraine behandeln sollte, schreibt er: &#8222;Es gibt nur eine Antwort: mit Respekt.&#8220; Er schlie\u00dft seinen langen Artikel mit den folgenden Worten ab: &#8222;Und wie die Ukraine aussehen wird &#8211; das m\u00fcssen ihre B\u00fcrger entscheiden.&#8220; Diese Aussagen stehen im direkten Widerspruch zu der Behauptung, Putin wolle die Ukraine in ein gr\u00f6\u00dferes Russland eingliedern.<\/p>\n<p>In demselben Artikel vom 12. Juli 2021 und erneut in einer wichtigen Rede am 21. Februar 2022 betonte Putin, dass Russland &#8222;die neue geopolitische Realit\u00e4t, die nach der Aufl\u00f6sung der UdSSR entstanden ist&#8220;, akzeptiere. Diesen Punkt wiederholte er ein drittes Mal am 24. Februar 2022, als er ank\u00fcndigte, Russland werde in die Ukraine einmarschieren. Insbesondere erkl\u00e4rte er: &#8222;Wir haben nicht vor, ukrainisches Territorium zu besetzen&#8220;, und machte deutlich, dass er die ukrainische Souver\u00e4nit\u00e4t respektiere, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: &#8222;Russland kann sich nicht sicher f\u00fchlen, sich nicht entwickeln und nicht existieren, wenn es sich einer st\u00e4ndigen Bedrohung durch das Territorium der heutigen Ukraine ausgesetzt sieht.&#8220; Das hei\u00dft, Putin war nicht daran interessiert, die Ukraine zu einem Teil Russlands zu machen, sondern er wollte sicherstellen, dass sie nicht zu einem &#8222;Sprungbrett&#8220; f\u00fcr westliche Aggressionen gegen Russland wird.<\/p>\n<p><strong>ZWEITENS gibt es keinerlei Hinweise daf\u00fcr, dass Putin eine Marionettenregierung f\u00fcr die Ukraine vorbereitete, in Kiew prorussische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten aufbaute oder irgendwelche politischen Ma\u00dfnahmen verfolgte, die eine Besetzung des gesamten Landes und dessen letztendliche Eingliederung in Russland erm\u00f6glichen w\u00fcrden.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Fakten widersprechen der Behauptung, Putin sei daran interessiert gewesen, die Ukraine von der Landkarte zu tilgen.<\/p>\n<p><strong>DRITTENS: Putin hatte nicht ann\u00e4hernd genug Truppen, um die Ukraine zu erobern. <\/strong><\/p>\n<p>Beginnen wir mit den Gesamtzahlen. Ich sch\u00e4tze seit langem, dass die Russen mit h\u00f6chstens 190.000 Soldaten in die Ukraine einmarschiert sind. General Oleksandr Syrskyi, der derzeitige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkr\u00e4fte, sagte k\u00fcrzlich in einem Interview mit The Guardian, dass die russische Invasionstruppe nur 100.000 Mann stark war. The Guardian hatte diese Zahl bereits vor Beginn des Krieges genannt. Es ist unm\u00f6glich, dass eine Truppe von 100.000 oder 190.000 Mann die gesamte Ukraine erobern, besetzen und in ein Gro\u00dfrussland eingliedern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Bedenken Sie, dass die Wehrmacht beim deutschen \u00dcberfall auf die westliche H\u00e4lfte Polens im September 1939 etwa 1,5 Millionen Mann z\u00e4hlte. Die Ukraine ist geografisch mehr als dreimal so gro\u00df wie die westliche H\u00e4lfte Polens im Jahr 1939, und in der Ukraine leben im Jahr 2022 fast doppelt so viele Menschen wie in Polen zum Zeitpunkt des deutschen \u00dcberfalls. Wenn wir die Sch\u00e4tzung von General Syrskyi akzeptieren, dass 100.000 russische Truppen im Jahr 2022 in die Ukraine einmarschierten, bedeutet dies, dass Russland \u00fcber eine Invasionsstreitmacht verf\u00fcgte, die 1\/15 der Gr\u00f6\u00dfe der deutschen Streitkr\u00e4fte war, die in Polen einmarschierten. Und diese kleine russische Armee marschierte in ein Land ein, das sowohl territorial als auch von der Bev\u00f6lkerungszahl her viel gr\u00f6\u00dfer war als Polen.<\/p>\n<p>Abgesehen von den Zahlen stellt sich die Frage nach der Qualit\u00e4t der russischen Armee. Zun\u00e4chst einmal handelte es sich um eine milit\u00e4rische Streitkraft, die in erster Linie dazu bestimmt war, Russland vor einer Invasion zu sch\u00fctzen. Es handelte sich nicht um eine Armee, die f\u00fcr eine Gro\u00dfoffensive zur Eroberung der gesamten Ukraine, geschweige denn zur Bedrohung des \u00fcbrigen Europas, ger\u00fcstet war. Au\u00dferdem lie\u00df die Qualit\u00e4t der Kampftruppen zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, da die Russen nicht mit einem Krieg rechneten, als sich die Krise im Fr\u00fchjahr 2021 zuzuspitzen begann. Daher hatten sie kaum Gelegenheit, eine qualifizierte Invasionstruppe auszubilden. Sowohl qualitativ als auch quantitativ war die russische Invasionstruppe nicht ann\u00e4hernd mit der deutschen Wehrmacht der sp\u00e4ten 1930er und fr\u00fchen 1940er Jahre vergleichbar.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte argumentieren, dass die russische F\u00fchrung dachte, das ukrainische Milit\u00e4r sei so klein und so unterlegen, dass ihre Armee die ukrainischen Streitkr\u00e4fte leicht besiegen und das ganze Land erobern k\u00f6nnte. Tats\u00e4chlich wussten Putin und seine Leutnants sehr wohl, dass die Vereinigten Staaten und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten das ukrainische Milit\u00e4r seit Ausbruch der Krise am 22. Februar 2014 bewaffnet und ausgebildet hatten. Die gro\u00dfe Bef\u00fcrchtung Moskaus war, dass die Ukraine de facto Mitglied der NATO werden w\u00fcrde. Au\u00dferdem beobachteten die russischen F\u00fchrer, wie die ukrainische Armee, die gr\u00f6\u00dfer war als ihre Invasionstruppen, zwischen 2014 und 2022 im Donbass erfolgreich k\u00e4mpfte. Ihnen war sicherlich klar, dass das ukrainische Milit\u00e4r kein Papiertiger war, der schnell und entschlossen besiegt werden konnte, zumal es \u00fcber eine starke R\u00fcckendeckung durch den Westen verf\u00fcgte.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich waren die Russen im Laufe des Jahres 2022 gezwungen, ihre Armee aus der Oblast Charkiw und aus dem westlichen Teil der Oblast Cherson abzuziehen. Damit gab Moskau Gebiete auf, die seine Armee in den ersten Tagen des Krieges erobert hatte. Es steht au\u00dfer Frage, dass der Druck der ukrainischen Armee eine Rolle dabei spielte, den russischen R\u00fcckzug zu erzwingen. Vor allem aber erkannten Putin und seine Gener\u00e4le, dass sie nicht \u00fcber gen\u00fcgend Kr\u00e4fte verf\u00fcgten, um das gesamte Gebiet, das ihre Armee in Charkiw und Cherson erobert hatte, zu halten. Also zogen sie sich zur\u00fcck und schufen besser kontrollierbare Verteidigungspositionen. Dies ist kaum das Verhalten, das man von einer Armee erwarten w\u00fcrde, die aufgebaut und ausgebildet wurde, um die gesamte Ukraine zu erobern und zu besetzen. Tats\u00e4chlich war sie f\u00fcr diesen Zweck nicht konzipiert und konnte daher diese Herkulesaufgabe nicht bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p><strong>VIERTENS: In den Monaten vor Kriegsbeginn versuchte Putin, eine diplomatische L\u00f6sung f\u00fcr die sich anbahnende Krise zu finden.<\/strong><\/p>\n<p>Am 17. Dezember 2021 sandte Putin ein Schreiben an Pr\u00e4sident Joe Biden und NATO-Chef Stoltenberg, in dem er eine L\u00f6sung der Krise auf der Grundlage einer schriftlichen Garantie vorschlug, dass: 1) die Ukraine der NATO nicht beitreten w\u00fcrde, 2) keine Angriffswaffen in der N\u00e4he der russischen Grenzen stationiert w\u00fcrden und 3) die seit 1997 nach Osteuropa verlegten NATO-Truppen und -Ausr\u00fcstung nach Westeuropa zur\u00fcckverlegt w\u00fcrden. Was auch immer man von der Machbarkeit einer Einigung auf der Grundlage von Putins Er\u00f6ffnungsforderungen halten mag, \u00fcber die die Vereinigten Staaten keine Verhandlungen f\u00fchren wollten, es zeigt, dass er versuchte, einen Krieg zu vermeiden.<\/p>\n<p><strong>F\u00dcNFTENS: Unmittelbar nach Beginn des Krieges hat Russland der Ukraine die Hand gereicht, um Verhandlungen zur Beendigung des Krieges und zur Ausarbeitung eines Modus Vivendi zwischen den beiden L\u00e4ndern aufzunehmen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau begannen in Wei\u00dfrussland nur vier Tage nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Diese wei\u00dfrussische Schiene wurde schlie\u00dflich durch eine israelische und eine Istanbuler Schiene ersetzt. Alle verf\u00fcgbaren Beweise deuten darauf hin, dass Russland ernsthaft verhandelte und nicht an der \u00dcbernahme ukrainischen Territoriums interessiert war, mit Ausnahme der Krim, die es 2014 annektiert hatte, und m\u00f6glicherweise des Donbass. Die Verhandlungen endeten, als die Ukrainer auf Dr\u00e4ngen Gro\u00dfbritanniens und der Vereinigten Staaten die Verhandlungen abbrachen, die zum Zeitpunkt ihrer Beendigung gute Fortschritte gemacht hatten.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus berichtet Putin, dass er, als die Verhandlungen stattfanden und Fortschritte machten, gebeten wurde, als Geste des guten Willens die russischen Truppen aus dem Gebiet um Kiew abzuziehen, was er am 29. M\u00e4rz 2022 tat. Keine westliche Regierung und kein ehemaliger Politiker hat diese Behauptung Putins angefochten, die in direktem Widerspruch zu seiner Behauptung steht, er wolle die gesamte Ukraine erobern.<\/p>\n<p><strong>SECHSTENS: Abgesehen von der Ukraine gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Putin die Eroberung anderer osteurop\u00e4ischer L\u00e4nder ins Auge gefasst hat.<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist die russische Armee nicht einmal gro\u00df genug, um die gesamte Ukraine zu \u00fcberrennen, ganz zu schweigen von dem Versuch, die baltischen Staaten, Polen und Rum\u00e4nien zu erobern. Au\u00dferdem sind alle diese L\u00e4nder NATO-Mitglieder, was mit ziemlicher Sicherheit einen Krieg mit den Vereinigten Staaten und ihren Verb\u00fcndeten bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>SIEBTENS: Kaum jemand im Westen behauptete, Putin habe imperiale Ambitionen, seit er im Jahr 2000 die Macht \u00fcbernahm, bis zum Beginn der Ukraine-Krise am 22. Februar 2014. Zu diesem Zeitpunkt wurde er pl\u00f6tzlich zum imperialen Aggressor. Warum? Weil die westlichen Staats- und Regierungschefs einen Grund brauchten, ihm die Schuld f\u00fcr die Krise zu geben. <\/strong><\/p>\n<p>Der wohl beste Beweis daf\u00fcr, dass Putin in den ersten vierzehn Jahren seiner Amtszeit nicht als ernsthafte Bedrohung angesehen wurde, ist die Tatsache, dass er auf dem NATO-Gipfel im April 2008 in Bukarest ein geladener Gast war, auf dem das B\u00fcndnis bekannt gab, dass die Ukraine und Georgien schlie\u00dflich Mitglieder werden w\u00fcrden. Putin war nat\u00fcrlich erz\u00fcrnd \u00fcber diese Entscheidung und machte seinem Unmut Luft. Sein Widerstand gegen diese Ank\u00fcndigung hatte jedoch kaum Auswirkungen auf Washington, da das russische Milit\u00e4r als zu schwach eingesch\u00e4tzt wurde, um eine weitere NATO-Erweiterung zu verhindern, so wie es auch bei den Erweiterungswellen von 1999 und 2004 zu schwach gewesen war, um sie aufzuhalten. Der Westen glaubte, er k\u00f6nne Russland die NATO-Erweiterung noch einmal aufzwingen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem war die NATO-Erweiterung vor dem 22. Februar 2014 nicht darauf ausgerichtet, Russland einzud\u00e4mmen. Angesichts des traurigen Zustands der russischen Milit\u00e4rmacht war Moskau nicht in der Lage, die Ukraine zu erobern, geschweige denn eine revanchistische Politik in Osteuropa zu verfolgen. Der ehemalige US-Botschafter in Moskau, Michael McFaul, der ein entschiedener Verfechter der Ukraine und scharfer Kritiker Putins ist, stellt bezeichnenderweise fest, dass die Einnahme der Krim durch Russland im Jahr 2014 vor Ausbruch der Krise nicht geplant war; es war eine impulsive Reaktion auf den Putsch, der den prorussischen F\u00fchrer der Ukraine st\u00fcrzte. Kurz gesagt, die NATO-Erweiterung war nicht dazu gedacht, eine russische Bedrohung einzud\u00e4mmen, weil der Westen nicht glaubte, dass es eine solche gab.<\/p>\n<p>Erst als im Februar 2014 die Ukraine-Krise ausbrach, begannen die Vereinigten Staaten und ihre Verb\u00fcndeten pl\u00f6tzlich, Putin als gef\u00e4hrlichen F\u00fchrer mit imperialen Ambitionen und Russland als ernsthafte milit\u00e4rische Bedrohung zu beschreiben, die die NATO eind\u00e4mmen m\u00fcsse. Dieser abrupte Wechsel der Rhetorik sollte einem wesentlichen Zweck dienen: dem Westen die M\u00f6glichkeit zu geben, Putin f\u00fcr die Krise verantwortlich zu machen und den Westen von der Verantwortung freizusprechen. Es \u00fcberrascht nicht, dass diese Darstellung Putins nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 deutlich an Zugkraft gewann.<\/p>\n<p>Eine Abweichung von der g\u00e4ngigen Meinung ist erw\u00e4hnenswert. Einige argumentieren, dass die Entscheidung Moskaus, in die Ukraine einzumarschieren, wenig mit Putin selbst zu tun hat und stattdessen Teil einer expansionistischen Tradition ist, die lange vor Putin bestand und tief in der russischen Gesellschaft verwurzelt ist. Dieser Hang zur Aggression, der angeblich von inneren Kr\u00e4ften und nicht von Russlands \u00e4u\u00dferem Bedrohungsumfeld angetrieben wird, hat im Laufe der Zeit praktisch alle russischen F\u00fchrer dazu gebracht, sich ihren Nachbarn gegen\u00fcber gewaltt\u00e4tig zu verhalten. Es l\u00e4sst sich nicht leugnen, dass Putin in dieser Geschichte das Sagen hat oder dass er Russland in den Krieg gef\u00fchrt hat, aber es hei\u00dft, dass er wenig Einfluss hat. Fast jeder andere russische F\u00fchrer h\u00e4tte genauso gehandelt.<\/p>\n<p>Es gibt zwei Probleme mit diesem Argument. Erstens ist es nicht widerlegbar, da der langj\u00e4hrige Charakterzug in der russischen Gesellschaft, der diesen aggressiven Impuls hervorrufe, nie identifiziert wurde. Es hei\u00dft, die Russen seien schon immer aggressiv gewesen &#8211; egal, wer an der Macht ist &#8211; und w\u00fcrden es auch immer sein. Es ist fast so, als ob es in ihrer DNA l\u00e4ge. Die gleiche Behauptung wurde einst \u00fcber die Deutschen aufgestellt, die im zwanzigsten Jahrhundert oft als angeborene Aggressoren dargestellt wurden. Derartige Argumente werden in der akademischen Welt aus gutem Grund nicht ernst genommen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem bezeichnete zwischen 1991 und 2014, als die Ukraine-Krise ausbrach, kaum jemand in den Vereinigten Staaten oder Westeuropa Russland als von Natur aus aggressiv. Au\u00dferhalb Polens und der baltischen Staaten wurde die Angst vor russischer Aggression in diesen 24 Jahren nicht h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dfert, was man erwarten w\u00fcrde, wenn die Russen zu Aggressionen veranlagt w\u00e4ren. Es scheint klar, dass das pl\u00f6tzliche Auftauchen dieser Argumentation eine bequeme Ausrede war, um Russland die Schuld f\u00fcr den Ukrainekrieg zu geben.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Lassen Sie mich einen anderen Gang einlegen und die <strong>DREI HAUPTGR\u00dcNDE<\/strong> darlegen, die daf\u00fcr sprechen, dass die NATO-Erweiterung die Hauptursache f\u00fcr den Ukraine-Krieg war.<\/p>\n<p><strong>ERSTENS sagten russische F\u00fchrer aller Art vor Kriegsbeginn wiederholt, dass sie die NATO-Erweiterung in die Ukraine als eine existenzielle Bedrohung betrachten, die beseitigt werden muss. <\/strong><\/p>\n<p>Putin hat diese Argumentation bereits vor dem 24. Februar 2022 mehrfach \u00f6ffentlich dargelegt. In einer Rede vor dem Vorstand des Verteidigungsministeriums am 21. Dezember 2021 erkl\u00e4rte er: &#8222;Was sie in der Ukraine tun oder versuchen oder planen, findet nicht Tausende von Kilometern entfernt von unserer Landesgrenze statt. Es geschieht direkt vor unserer Haust\u00fcr. Sie m\u00fcssen verstehen, dass wir uns einfach nirgendwo mehr hin zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen. Glauben sie wirklich, dass wir diese Bedrohungen nicht wahrnehmen? Oder glauben sie, dass wir tatenlos zusehen werden, wie Bedrohungen f\u00fcr Russland entstehen?\u201c Zwei Monate sp\u00e4ter, auf einer Pressekonferenz am 22. Februar 2022, nur wenige Tage vor Kriegsbeginn, sagte Putin: \u201eWir sind kategorisch gegen einen NATO-Beitritt der Ukraine, weil dies eine Bedrohung f\u00fcr uns darstellt, und wir haben Argumente, die dies unterst\u00fctzen. Ich habe in diesem Saal wiederholt dar\u00fcber gesprochen.\u201c Dann machte er deutlich, dass er begreift, dass die Ukraine ein Defacto-Mitglied der NATO werde. Die Vereinigten Staaten und ihre Verb\u00fcndeten, sagte er, &#8222;pumpen die derzeitigen Kiewer Machthaber weiterhin mit modernen Waffentypen voll&#8220;. Er fuhr fort, dass Moskau, wenn dies nicht gestoppt werde, &#8222;mit einem bis an die Z\u00e4hne bewaffneten &#8218;Antirussland&#8216; dastehen w\u00fcrde. Das ist v\u00f6llig inakzeptabel.&#8220;<\/p>\n<p>Auch andere f\u00fchrende russische Politiker &#8211; darunter der Verteidigungsminister, der Au\u00dfenminister, der stellvertretende Au\u00dfenminister und der russische Botschafter in Washington &#8211; betonten die zentrale Bedeutung der NATO-Erweiterung als Ausl\u00f6ser der Ukraine-Krise. Au\u00dfenminister Sergej Lawrow brachte es auf einer Pressekonferenz am 14. Januar 2022 auf den Punkt: &#8222;Der Schl\u00fcssel zu allem ist die Garantie, dass die NATO nicht nach Osten expandieren wird.&#8220;<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt oft das Argument, die russischen Bef\u00fcrchtungen seien unbegr\u00fcndet, weil es keine Chance gebe, dass die Ukraine dem B\u00fcndnis in absehbarer Zukunft beitreten w\u00fcrde, wenn \u00fcberhaupt. Tats\u00e4chlich wird behauptet, die Vereinigten Staaten und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten h\u00e4tten der Aufnahme der Ukraine in die NATO vor dem Krieg wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aber selbst wenn die Ukraine dem B\u00fcndnis beitreten w\u00fcrde, w\u00e4re dies keine existenzielle Bedrohung f\u00fcr Russland, da die NATO ein Verteidigungsb\u00fcndnis ist. Daher kann die NATO-Erweiterung weder eine Ursache der urspr\u00fcnglichen Krise gewesen sein, die im Februar 2014 ausbrach, noch des Krieges, der im Februar 2022 begann.<\/p>\n<p>Diese Argumentation ist falsch. Tats\u00e4chlich bestand die westliche Reaktion auf die Ereignisse von 2014 darin, die bestehende Strategie zu verdoppeln und die Ukraine noch n\u00e4her an die NATO heranzuf\u00fchren. Das B\u00fcndnis begann 2014 mit der Ausbildung des ukrainischen Milit\u00e4rs und bildete in den folgenden acht Jahren durchschnittlich 10.000 Soldaten pro Jahr aus. Im Dezember 2017 beschloss die Trump-Regierung, Kiew mit \u201eVerteidigungswaffen\u201c zu versorgen. Andere NATO-L\u00e4nder zogen bald nach und lieferten noch mehr Waffen an die Ukraine. Dar\u00fcber hinaus begannen die ukrainische Armee, Marine und Luftwaffe, an gemeinsamen Milit\u00e4r\u00fcbungen mit NATO-Streitkr\u00e4ften teilzunehmen. Die Bem\u00fchungen des Westens, das ukrainische Milit\u00e4r zu bewaffnen und auszubilden, erkl\u00e4ren zu einem gro\u00dfen Teil, warum es im ersten Kriegsjahr so \u200b\u200bgut gegen die russische Armee abschnitt. Eine Schlagzeile im Wall Street Journal vom April 2022 lautete: \u201eDas Geheimnis des milit\u00e4rischen Erfolgs der Ukraine: Jahrelange NATO-Ausbildung.\u201c<\/p>\n<p>Abgesehen von den laufenden Bem\u00fchungen des B\u00fcndnisses, das ukrainische Milit\u00e4r zu einer schlagkr\u00e4ftigeren Kampftruppe zu machen, die an der Seite der NATO-Truppen operieren kann, gab es im Westen im Laufe des Jahres 2021 eine neue Begeisterung f\u00fcr die Aufnahme der Ukraine in die NATO. Gleichzeitig vollzog Pr\u00e4sident Zelensky, der nie viel Enthusiasmus f\u00fcr eine Aufnahme der Ukraine in das B\u00fcndnis gezeigt hatte und im M\u00e4rz 2019 auf der Grundlage einer Plattform gew\u00e4hlt wurde, die zur Zusammenarbeit mit Russland bei der Beilegung der anhaltenden Krise aufrief, Anfang 2021 einen Kurswechsel und bef\u00fcrwortete nicht nur die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, sondern vertrat auch eine harte Linie gegen\u00fcber Moskau.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Biden, der im Januar 2021 ins Wei\u00dfe Haus einzog, hatte sich seit langem f\u00fcr die Aufnahme der Ukraine in die NATO eingesetzt und war ein Superfalke gegen\u00fcber Russland. Es \u00fcberrascht nicht, dass die NATO am 14. Juni 2021 auf ihrem j\u00e4hrlichen Gipfel in Br\u00fcssel ein Kommuniqu\u00e9 herausgab, in dem es hie\u00df: &#8222;Wir bekr\u00e4ftigen den auf dem Gipfel von Bukarest 2008 gefassten Beschluss, dass die Ukraine Mitglied des B\u00fcndnisses wird.&#8220; Am 1. September 2021 besuchte Zelensky das Wei\u00dfe Haus, wo Biden klarstellte, dass die Vereinigten Staaten &#8222;fest entschlossen&#8220; seien, &#8222;die euro-atlantischen Bestrebungen der Ukraine zu unterst\u00fctzen&#8220;. Am 10. November 2021 unterzeichneten Au\u00dfenminister Antony Blinken und sein ukrainischer Amtskollege Dmytro Kuleba ein wichtiges Dokument &#8211; die &#8222;Charta der strategischen Partnerschaft zwischen den USA und der Ukraine&#8220;. Das Ziel beider Parteien, so hei\u00dft es in dem Dokument, ist es, &#8222;das Engagement f\u00fcr die Durchf\u00fchrung tiefgreifender und umfassender Reformen in der Ukraine zu unterstreichen, die f\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Integration in die europ\u00e4ischen und euro-atlantischen Institutionen erforderlich sind.&#8220; Es bekr\u00e4ftigt auch ausdr\u00fccklich das Engagement der USA f\u00fcr die &#8222;Bukarester Gipfelerkl\u00e4rung von 2008&#8220;.<\/p>\n<p>Es scheint kaum Zweifel daran zu geben, dass die Ukraine auf dem besten Weg war, bis Ende 2021 Mitglied der NATO zu werden. Dennoch argumentieren einige Bef\u00fcrworter dieser Politik, dass sich Moskau keine Sorgen \u00fcber dieses Ergebnis h\u00e4tte machen m\u00fcssen, denn &#8222;die NATO ist ein Verteidigungsb\u00fcndnis und stellt keine Bedrohung f\u00fcr Russland dar&#8220;. Aber das ist nicht die Meinung Putins und anderer russischer Politiker \u00fcber die NATO, und es kommt darauf an, was sie denken. Kurz gesagt, es steht au\u00dfer Frage, dass Moskau den Beitritt der Ukraine zur NATO als eine existenzielle Bedrohung ansah, die nicht hingenommen werden durfte.<\/p>\n<p><strong>ZWEITENS erkannte eine betr\u00e4chtliche Anzahl einflussreicher und hoch angesehener Pers\u00f6nlichkeiten im Westen vor dem Krieg, dass die Expansion der NATO &#8211; insbesondere in die Ukraine &#8211; von der russischen F\u00fchrung als t\u00f6dliche Bedrohung angesehen werden und schlie\u00dflich zur Katastrophe f\u00fchren w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p>William Burns, der heute die CIA leitet, aber zum Zeitpunkt des NATO-Gipfels in Bukarest im April 2008 US-Botschafter in Moskau war, verfasste ein Memo an die damalige Au\u00dfenministerin Condoleezza Rice, in dem er die russischen \u00dcberlegungen zur Aufnahme der Ukraine in die Allianz pr\u00e4gnant beschreibt. &#8222;Der Beitritt der Ukraine zur NATO&#8220;, so schrieb er, &#8222;ist f\u00fcr die russische Elite (nicht nur f\u00fcr Putin) die klarste aller roten Linien. In den mehr als zweieinhalb Jahren, in denen ich Gespr\u00e4che mit den wichtigsten russischen Akteuren gef\u00fchrt habe, von Scharfmachern in den dunklen Nischen des Kremls bis hin zu Putins sch\u00e4rfsten liberalen Kritikern, habe ich noch niemanden gefunden, der die Aufnahme der Ukraine in die NATO als etwas anderes betrachtet als eine direkte Herausforderung f\u00fcr die russischen Interessen.&#8220; Die NATO, so sagte er, &#8222;w\u00fcrde als ein strategischer Fehdehandschuh angesehen werden. Das heutige Russland wird darauf reagieren. Die russisch-ukrainischen Beziehungen w\u00fcrden auf Eis gelegt &#8230; Das w\u00fcrde einen fruchtbaren Boden f\u00fcr russische Einmischungen auf der Krim und in der Ostukraine schaffen.&#8220;<\/p>\n<p>Burns war 2008 nicht der einzige westliche Entscheidungstr\u00e4ger, der erkannte, dass die Aufnahme der Ukraine in die NATO mit Gefahren verbunden war. Auf dem Bukarester Gipfel sprachen sich sowohl die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Nicolas Sarkozy gegen eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine aus, weil sie wussten, dass dies Russland alarmieren und ver\u00e4rgern w\u00fcrde. Merkel erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich ihre Ablehnung: &#8222;Ich war mir sehr sicher, &#8230; dass Putin das nicht einfach zulassen wird. Aus seiner Sicht w\u00e4re das eine Kriegserkl\u00e4rung&#8220;.<\/p>\n<p>Um noch einen Schritt weiter zu gehen: Zahlreiche amerikanische Politiker und Strategen sprachen sich in den 1990er Jahren gegen die Entscheidung von Pr\u00e4sident Clinton aus, die NATO zu erweitern, als diese Entscheidung noch zur Debatte stand. Diesen Gegnern war von Anfang an klar, dass die russische F\u00fchrung darin eine Bedrohung ihrer lebenswichtigen Interessen sehen w\u00fcrde und dass diese Politik letztlich in eine Katastrophe m\u00fcnden w\u00fcrde. Die Liste der Gegner umfasst prominente Pers\u00f6nlichkeiten des Establishments wie George Kennan, sowohl Pr\u00e4sident Clintons Verteidigungsminister William Perry als auch seinen Vorsitzenden des Vereinigten Generalstabs, General John Shalikashvili, Paul Nitze, Robert Gates, Robert McNamara, Richard Pipes und Jack Matlock, um nur einige zu nennen.<\/p>\n<p>Die Logik von Putins Position sollte f\u00fcr Amerikaner, die seit langem der Monroe-Doktrin verpflichtet sind, vollkommen verst\u00e4ndlich sein. Diese besagt, dass keine entfernte Gro\u00dfmacht ein B\u00fcndnis mit einem Land in der westlichen Hemisph\u00e4re eingehen und ihre milit\u00e4rischen Streitkr\u00e4fte dort stationieren darf. Die Vereinigten Staaten w\u00fcrden einen solchen Schritt als existenzielle Bedrohung auffassen und alles tun, um diese Gefahr zu beseitigen. Dies geschah nat\u00fcrlich auch w\u00e4hrend der Kubakrise 1962, als Pr\u00e4sident Kennedy den Sowjets klar machte, dass ihre Atomraketen aus Kuba abgezogen werden m\u00fcssten. Putin ist zutiefst von derselben Logik beeinflusst. Schlie\u00dflich wollen Gro\u00dfm\u00e4chte nicht, dass sich entfernte Gro\u00dfm\u00e4chte in ihrem Hinterhof ansiedeln.<\/p>\n<p><strong>DRITTENS: Die zentrale Bedeutung der tiefen Angst Russlands vor einem NATO-Beitritt der Ukraine wird durch zwei Entwicklungen seit Kriegsbeginn verdeutlicht.<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Istanbuler Verhandlungen, die unmittelbar nach Beginn der Invasion stattfanden, machten die Russen deutlich, dass die Ukraine eine \u201edauerhafte Neutralit\u00e4t\u201c akzeptieren m\u00fcsse und der NATO nicht beitreten k\u00f6nne. Die Ukrainer akzeptierten die Forderung Russlands ohne ernsthaften Widerstand, sicherlich weil sie wussten, dass es sonst unm\u00f6glich w\u00e4re, den Krieg zu beenden. In j\u00fcngerer Zeit, am 14. Juni 2024, stellte Putin zwei Forderungen, die die Ukraine erf\u00fcllen m\u00fcsse, bevor er einem Waffenstillstand und der Aufnahme von Verhandlungen zur Beendigung des Krieges zustimmen w\u00fcrde. Eine dieser Forderungen war, dass Kiew &#8222;offiziell&#8220; erkl\u00e4rt, &#8222;dass es seine Pl\u00e4ne, der NATO beizutreten, aufgibt&#8220;.<\/p>\n<p>Das alles ist nicht \u00fcberraschend, denn Russland hat die Ukraine in der NATO immer als existenzielle Bedrohung gesehen, die um jeden Preis verhindert werden muss. Diese Logik ist die treibende Kraft hinter dem Ukraine-Krieg.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist aus der Verhandlungsposition Russlands in Istanbul sowie aus Putins \u00c4u\u00dferungen zur Beendigung des Krieges in seiner Ansprache vom 14. Juni 2024 klar ersichtlich, dass er nicht daran interessiert ist, die gesamte Ukraine zu erobern und sie zu einem Teil eines gr\u00f6\u00dferen Russlands zu machen.<\/p>\n<p><sup>***<\/sup><\/p>\n<p>John Joseph Mearsheimer (* 14. Dezember 1947 in Brooklyn, New York City) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler an der University of Chicago. Sein Schwerpunkt ist die Analyse internationaler Beziehungen aus der Perspektive des offensiven Neorealismus, den er erstmals 2001 in seiner Monografie The Tragedy of Great Power Politics darstellte.<\/p>\n<p>Dieser Text von John J. Mearsheimer erschien am 5.8.2024 auf <a href=\"https:\/\/substack.com\/@mearsheimer\/p-147357385\">https:\/\/substack.com\/@mearsheimer\/p-147357385<\/a>. Vielen Dank f\u00fcr die Genehmigung des Autors zum Abdruck der deutschen \u00dcbersetzung. Die \u00dcbersetzung wurde von Thomas Mayer erstellt.<\/p>\n<p>Neben der NATO-Osterweiterung gibt es weitere Faktoren die zum Ukraine-Krieg f\u00fchrten, zum Beispiel der Nationalismus in der Ukraine und die Unterdr\u00fcckung der ethnisch-russischen Bev\u00f6lkerung. Ausf\u00fchrlich sind die vielschichtigen Hintergr\u00fcnde des Ukraine-Krieges geschildert in dem Buch von <strong>Thomas Mayer: Wahrheitssuche im Ukraine-Krieg \u2013 Um was es wirklich geht<\/strong>, 600 Seiten, ISBN 978-3-89060-863-1, Infos zum Buch: <a href=\"https:\/\/kurzelinks.de\/h10a\">https:\/\/kurzelinks.de\/h10a<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"background-color: #f86d0e; padding: 30px; margin-left: 30px;\"><a style=\"color: white; font-size: 20px;\" href=\"https:\/\/publikumskonferenz.de\/blog\/foerdermitgliedschaft\/\">F\u00f6rdermitglied werden<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_9814 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_9814')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_9814').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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