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Programmbeschwerde: Stuss – oder Perfidie – mit einem Wort

Hier veröffentlichen wir externe Programmbeschwerden mit freundlicher Genehmigung der Beschwerdeführer. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die in den Beschwerden thematisierten Anliegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Beschwerdeführer liegen und diese nicht automatisch die Meinung der Forenbetreiber wiederspiegeln.
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Maren

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Programmbeschwerde: Stuss – oder Perfidie – mit einem Wort

Beitrag21. Februar 2018, 21:13

Programmbeschwerde: Stuss – oder Perfidie – mit einem Wort

http://www.tagesschau.de/multimedia/sen ... 24235.html (u.a.)
http://www.tagesschau.de/ausland/syrien ... i-103.html
http://www.tagesschau.de/multimedia/sen ... 24253.html

Sehr geehrte Rundfunkräte,

erlauben Sie die schlichte Rückfrage: Wenn´s bei ARD-aktuell schon im Kleinen nicht sauber klappt, wie sollte es dieser Redaktion dann im Großen gelingen? Guckt eigentlich der promovierte Chefredakteur Gniffke die Sendungen selbst noch an, die er zu verantworten hat? Wissen Sie was darüber? Oder ist Ihnen das inzwischen auch schon egal?

Text einer Studiomeldung am 19. Februar in den Tagesschau-Ausgaben 17 Uhr und 20 Uhr (frühere Sendungen dieses Tages haben wir nicht mehr überprüft):

Einen Monat nach Beginn der türkischen Offensive in Nordsyrien will die Regierung in Damaskus offenbar die kurdische Miliz YPG unterstützen. Syrische Medien berichten über eine entsprechende Einigung. Danach sind regierungstreue syrische Kräfte bereits in dem Gebiet im Norden im Einsatz. Sie stünden kurz vor dem Einmarsch in die umkämpfte Enklave Afrin (...)

Auch auf der Internet-Seite tagesschau.de wird der Quatsch verbreitet:

Syriens Kurden und die Regierung in Damaskus haben sich über die Entsendung von regierungstreuen Kräften nach Afrin geeinigt, um dort den Luftraum und die Grenze gegen türkische Angriffe zu verteidigen. Nach einem Bericht des syrischen Staatsfernsehens stehen regierungsnahe Truppen, sogenannte Volkskräfte, kurz vor einem Einmarsch in die kurdische Enklave Afrin im Nordwesten des Landes.

Zwar verläuft die Grenze zwischen der Türkei und Syrien in dieser Region nicht geradlinig, sondern das syrische Afrin ragt etwas ins türkische Staatsgebiet hinein, so wie Tschechien im Oberfränkischen in das deutsche Gebiet hineinragt; die syrische Provinz Afrin liegt aber nicht als vom Mutterstaat vollständig abgetrennte Insel im türkischem Staatsgebiet. Erst dann könnte von einer „Enklave“ gesprochen werden. Das hätte die Tagesschau-Redaktion mit einem Blick auf ihre eigene Landkarte feststellen können, mit der sie ihre Meldung illustrierte.

Hilfreich wäre ein zweiter Blick in den Brockhaus gewesen, bitte nachschlagen unter „E“ (wie „Eselei“). Aber dazu langt es offenbar zeitlich in der Redaktion nicht mehr, und nicht mal die jederzeit greifbare Wikipedia wurde zu Rate gezogen:

Eine Enklave (von französisch enclaver, ‚umschließen‘) ist ein Staatsgebiet, das vollständig vom Gebiet eines anderen Staates umschlossen ist, also keine Grenze zu einem zweiten Staat und keinen eigenen Zugang zur hohen See hat. Beispiele sind Büsingen am Hochrhein, Lesotho, San Marino und die Vatikanstadt. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Enklave

Am 20. Februar wurde der „Enklave“-Quatsch bei ARD-aktuell noch immer nicht abgestellt, sondern in einer neuen Variante geboten: „Kurdenenklave“. Sowohl in der Studiomeldung als auch als Schriftzug auf zwei Fotos zur Hintergrund-Illustration. Ein halbwegs nachdenklicher Redakteur hätte den Stuss schon deshalb nicht verzapft, weil selten verwendete Fremdwörter in einer Informationssendung für ein Millionenpublikum nichts verloren haben.

Pure Gedankenlosigkeit von gestressten Nachrichtenredakteuren? Die neue Wortverbindung „Kurdenenklave“ nährt einen anderen Verdacht: Sie ist typisch für die Sprachschöpfungen der prowestlichen Nachrichtenagenturen, und die dienen nun mal dem Transport transatlantischer Propaganda.

Die USA wünschen sich schon lange ein kurdisches eigenstaatliches Gebilde in dieser Region, weil es einen Dauerkonflikt begründen würde zwischen Türken, Syrern, Irakern, Iranern, Armeniern und Aserbeidschanern; „balkanisieren“ ist seit der Zerschlagung Jugoslawiens der gebräuchliche Begriff für diese Politik. „Teile und herrsche“: Die Scheingründe für ein permanentes militärisches Engagement der USA zur Kontrolle der gesamten Region wären geschaffen. Das entsprechende Interesse Washingtons ist nachweisbar, Außenminister Tillerson hatte erst jüngst angekündigt, eine kurdische 30 000 Mann starke „Grenztruppe“ in Nordsyrien schaffen zu wollen. Die plötzlich häufige Verwendung von „Kurdenenklave“ passt gut in den Rahmen einer US-konformen Akzeptanzstrategie.

Kritische Distanz zu Dergleichen und Nachdenklichkeit bei der Arbeit sind allerdings nicht Sache von Qualitätsjournalisten der ARD-aktuell. Die haben für sowas keine Zeit. Sie müssen als Wasserträger Einsatz zeigen. Und liefern nur Gründe für Beschwerden über die Verletzung ihrer staatsvertraglichen Pflichten. Zu nennen sind besonders die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit, Vollständigkeit der Informationen, Verarbeitung nach „anerkannten journalistischen Grundsätzen“. Zu denen gehört es nicht, entweder nur idiotische oder gar doch perfide propagandistische Wortschöpfungen wie „Kurdenenklave“ mit ihren giftigen Widerhaken in die Welt zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer
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Maren

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Re: Programmbeschwerde: Stuss – oder Perfidie – mit einem Wort

Beitrag12. März 2018, 19:26

Von: publikumsservice@tagesschau.de
Betreff: Antwort. Ihre E-Mail vom 21. Februar 2019

Sehr geehrter Herr Klinkhammer,
sehr geehrter Herr Bräutigam,

vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 21. Februar, zu der wir gerne Stellung nehmen. Sie kritisieren die Verwendung des Begriffs "Enklave" im Zusammenhang mit der von Kurden kontrollierten syrischen Region Afrin in unseren Meldungen in der "Tagesschau" und auf tagesschau.de.

Sie zitieren die Internet-Enzyklopädie Wikidepia:

Eine Enklave (von französisch enclaver, ‚umschließen‘) ist ein Staatsgebiet, das vollständig vom Gebiet eines anderen Staates umschlossen ist, also keine Grenze zu einem zweiten Staat und keinen eigenen Zugang zur hohen See hat. Beispiele sind Büsingen am Hochrhein, Lesotho, San Marino und die Vatikanstadt.

In der selben Quelle heißt es im folgenden Absatz: In übertragener Bedeutung spricht man auch von Enklaven, wenn sich in einem sonstigen geografischen Gebiet ein Einsprengsel eines anderen Gebietes befindet, etwa bei Verbreitungsgebieten von Tier- oder Pflanzenarten (zum Beispiel eine Nadelwaldenklave in einem großen Laubwald), Siedlungs- oder Sprachinseln, verschiedenen Konfessionsgebieten usw. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Enklave

Kurdische Milizen kontrollieren große Gebiete im Norden Syriens. Die kurdisch kontrollierte Region Afrin ist von diesem Kurdengebiet abgetrennt. Sie grenzt an Gebiete, die von Regierungstruppen und Oppositionsgruppen kontrolliert werden, außerdem an türkisches Staatsgebiet. Der Begriff "Enklave" ist unserer Meinung in diesem Zusammenhang also nicht falsch.

Einen Verstoß gegen die Programmgrundsätze sehen wir nicht.

Mit freundlichen Grüßen
Publikumsservice ARD-aktuell
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Maren

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Re: Programmbeschwerde: Stuss – oder Perfidie – mit einem Wort

Beitrag12. März 2018, 19:27

Sehr geehrte Rundfunkräte,

wir hatten am 21.2.2018 eine Programmbeschwerde an Sie gerichtet. Obwohl Ihr Vorsitzender u.a. verpflichtet ist (Art. 17 GG), den Eingang der Beschwerde zu bestätigen, haben wir von ihm nichts gehört. Insoweit bitten wir um eine Stellungnahme.

Statt der Bestätigung des Vorsitzenden bekamen wir eine E-mail von der Gniffke-Redaktion, zu der wir folgendes anmerken:

Die Antwort unterstreicht, dass die selbsternannten "Qualitätsjournalisten" trotz unserer Belehrung weiterhin Schwierigkeiten haben, den Unsinn ihrer Darstellung zu begreifen.

Zu dem rechtfertigenden Hinweis, kurdische Milizen kontrollierten große Teile Nordsyriens , ist anzumerken, dass Syrien ein multiethnischer und multireligiöser Staat ist, in dem zwar gebietsweise Kurden und andere Gruppen die Kontrolle haben und das staatliche Gewaltmonopol infrage stellen. Von Enklaven zu sprechen ist dennoch unzulässig und manipulativ. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass dies auch Dr. Gniffke dies begreift.

Mit freundlichen Grüßen

F. Klinkhammer, V. Bräutigam

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