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Unvollständiges vom Arbeitsmarkt

Hier veröffentlichen wir externe Programmbeschwerden mit freundlicher Genehmigung der Beschwerdeführer. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die in den Beschwerden thematisierten Anliegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Beschwerdeführer liegen und diese nicht automatisch die Meinung der Forenbetreiber wiederspiegeln.
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Maren

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Unvollständiges vom Arbeitsmarkt

BeitragMo 4. Sep 2017, 17:14

PB: Unvollständiges vom Arbeitsmarkt

http://www.tagesschau.de/multimedia/sen ... 21541.html
http://www.tagesschau.de/multimedia/sen ... -5471.html

Sehr geehrte NDR-Rundfunkräte,

wie üblich desinformierten Tagesschau und Tagesthemen ihr Millionenpublikum am 31. August über die Zustände auf dem „Arbeitsmarkt". Erneut, trotz aller Gegenargumente, übermittelten sie lediglich die Teilstatistik über in diesem Monat als arbeitslos registrierte Menschen – 2.545.000 – , meldeten die daraus resultierende Arbeitslosenquote – 5,7 Prozent – und unterschlugen die verharmloste Arbeitslosigkeit der vielen anderen, die weniger als 14 Stunden pro Woche Arbeit haben, in „Maßnahmen“ der Bundesagentur untergebracht sind o.ä. Statistisch erfasst sind sie in der Rubrik „Unterbeschäftigung“.

Es wäre ein Leichtes gewesen, der ARD-aktuell-Meldung wenigstens diesen Satz (Pressemitteilung der Bundesagentur für Arbeit) hinzuzufügen:

Die Unterbeschäftigung, die auch Personen in entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und in kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit mitzählt, belief sich im August auf 3.481.000 Personen und das zu vervollständigen mit dem eigenen Hinweis.

Die Unterbeschäftigungsquote betrug damit 7,7 %.

Quelle: https://statistik.arbeitsagentur.de/Sta ... aubild.pdf

Eine Gesamtschau auf Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung unterließ zwar auch die Bundesagentur, aber die ARD-aktuell hätte sie zur Einordnung der Nachricht leisten müssen

Die Gesamtquote für Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung betrug danach im August 13,4 Prozent. Folglich war jeder siebte Erwerbsfähige in Deutschland intweder arbeitslos oder hatte als Unterbeschäftigter weniger als 14 Stunden Arbeit pro Woche.

Eine Aufrechnung nach Adam Riese. Unterlassen, weil die Redaktion lieber eine mediale Schlaftablette sendet, als den braven Michel aufzuschrecken und der politischen Funktionselite unseres Landes in die Parade zu fahren. Deshalb wurde die brisante Aufrechnung auch nicht auf Tagesschau.de geboten, wo ARD-aktuell nur eine kleine Information über die Unterbeschäftigung in der Rubrik Wirtschaft versteckte. In einer Nische also, in die eine überwältigende Mehrheit der TV-Zuschauer ohnehin nicht guckt.

Von welch gravierendem Belang die zurückgehaltenen Informationen sind, erklärt die Bundesagentur für Arbeit selbst, sogar für Qualitätsjournalisten verstehbar: Mit dem Statistik-Konzept der Unterbeschäftigung wird ein möglichst umfassendes Bild vom Defizit an regulärer Beschäftigung (am ersten Arbeitsmarkt) in einer Volkswirtschaft gegeben.

Quelle: https://statistik.arbeitsagentur.de/Nav ... g-Nav.html

Zwar hat auch ARD-aktuell gemäß NDR-Staatsvertrag (§5, Programmauftrag) einen objektiven und umfassenden Überblick über das ... Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Jedoch gehört für Qualitätsjournalisten derTagesschau das umfassende Bild von fehlender Arbeit in unserer Volkswirtschaft nicht in diesen Rahmen der Vollständigkeitspflicht. Es wird nicht mal unterm Ladentisch, bei tagesschau.de, komplett wiedergegeben. Auch dort wird nämlich nicht (nach Adam Riese) die Berechnung der Gesamtquote vorgenommen: 13,4 %, jeder siebte Erwerbsfähige sozial abgehängt.

Sehr geehrte Rundfunkräte, In Ihrem Gremium sitzen auch einige Gewerkschaftsvertreter. Wenigstens die müssten, wären sie nicht vollkommen rundgelutscht worden in Ihrem Club Harmonia, gegen die tendenziöse Berichterstattung der ARD-aktuell Einspruch einlegen. Anwälte der lohnabhängig arbeitenden Menschen sind unter Ihnen schwerer zu finden als eine Nadel im Heuhaufen. Der Rundfunkrat findet anscheinend auch eher Dr. Gniffkes Unverschämtheit in Ordnung, mit der er unsere vorige Beschwerde zum gleichen Gegenstand zurückwies: Es sei in allen Angebotsformaten der ARD-aktuell leider kein Platz für einen ausführlicheren monatlichen Bericht über die Arbeitsmarktentwicklung.

Diese arrogante und zynische Dreistigkeit ist erklärlich, weil Dr. Gniffke den Platz in der Tagesschau natürlich anderweitig braucht, z.B. für umfangreiche Reportagen von der Frankfurter Börse oder für eine mediale Totenmesse für die vor 20 Jahren verunglückte Lady Di.

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer
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Maren

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Re: Unvollständiges vom Arbeitsmarkt

BeitragFr 6. Okt 2017, 20:15

Von: l.marmor@ndr.de
Betreff: Ihre E-Mail

Sehr geehrter Herr Klinkhammer,
sehr geehrter Herr Bräutigam,

in Ihrer E-Mail vom 4. September 2017 kritisieren Sie erneut die Berichterstattung von ARD-aktuell.

Ich habe die verantwortliche Redaktion gebeten, zu Ihrer Kritik Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme finden Sie im Anhang.
Stellungnahme_Statistik_geschwärzt.pdf
(7.67 MiB) 10-mal heruntergeladen


Aus meiner Sicht liegt kein Verstoß gegen die Programmgrundsätze des NDR oder sonstige Vorschriften vor. Durch die Übersendung dieser Stellungnahme bringe ich dies zum Ausdruck.

Mit freundlichen Grüßen

Lutz Marmor

Intendant des Norddeutschen Rundfunks
Rothenbaumchaussee 132
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Maren

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Re: Unvollständiges vom Arbeitsmarkt

BeitragFr 6. Okt 2017, 20:17

Programmbeschwerde - Arbeitslosenstatistik - 4.9.17

Sehr geehrte Rundfunkräte,

die Stellungnahme des NDR ist unzureichend, unlogisch und geht auf wesentliche Aspekte der Beschwerde nicht ein. So hatten wir zum Beispiel angeregt, der Meldung den Hinweis beizufügen: "Die Unterbeschäftigung, die auch Personen in entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und in kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit mitzählt, belief sich im August auf 3.481.000 Personen“ und das zu vervollständigen mit dem eigenen Hinweis: "Die Unterbeschäftigungsquote betrug damit 7,7 %."

Diese kurze Ergänzung wäre gewiss keine zeitliche Überdehnung der Meldung gewesen. Dass sie unterblieb, ist ein Beleg dafür, dass ARD-aktuell sich vor allem als Verlautbarungsagentur der Regierung versteht und ungeprüft deren Informationen übernimmt, anstatt den eigenen Grips zu bemühen. Dass ARD-aktuell zu unserem Vorschlag schweigt und stattdessen wieder einmal die alte Leier von ihrer parteipolitischen Unabhängigkeit anstimmt, unterstreicht die Berechtigung unserer Rüge.

Was die Ausführungen weiter zeigen. Der Redaktion ist sehr wohl bewusst, dass ihre Meldungen über Arbeitslosenstatistiken in den Hauptsendungen viel mehr manipulative Meinungsmache als Information sind. Sonst würde die Chefredaktion nicht ausdrücklich hervorheben, eine vergleichsweise korrektere Darstellung auf Tagesschau.de veröffentlicht zu haben. Dazu ist zum wiederholten Male anzumerken: Tagesschau.de spielt im Vergleich zu den TV-Hauptausgaben eine völlig nachgeordnete Rolle. Sie erreicht in der Regel nicht einmal 20% der Konsumentenzahl der Hauptausgabe der Tagesschau. Sie hat allenfalls Feigenblatt-Funktion. Außerdem hat Tagesschau.de eine Vielzahl von Unterkategorien, was logischerweise dazu führt, dass der spezielle Alibi-Beitrag tatsächlich von nur wenigen Teilnehmern gelesen wird.

Des weiteren: Als Rechtfertigung für die desinformierende Meldung über den Arbeitsmarkt beziehen die Chefredaktion ARD-aktuell und der NDR-Intendant sich ausdrücklich auf die Kürze einer Information. Mit anderen Worten: Meldungen dürfen falsch sein, wenn sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten.

Man sieht: ARD-aktuell bietet nicht nur ein manipuliertes Programm. Sie versucht auch noch, das mit missratenen Argumenten fern jeder Logik zu rechtfertigen. Wir bleiben deshalb bei unserer Rüge der desinformierenden Berichterstattung.

F. Klinkhammer, V. Bräutigam

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