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Desinformierende Berichterstattung über Glyphosat-Zulassung

Hier veröffentlichen wir externe Programmbeschwerden mit freundlicher Genehmigung der Beschwerdeführer. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die in den Beschwerden thematisierten Anliegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Beschwerdeführer liegen und diese nicht automatisch die Meinung der Forenbetreiber wiederspiegeln.
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Maren

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Desinformierende Berichterstattung über Glyphosat-Zulassung

BeitragMi 29. Nov 2017, 20:51

Eingabe: Desinformierende Berichterstattung über Glyphosat-Zulassung

http://www.tagesschau.de/multimedia/sen ... 22931.html
http://www.tagesschau.de/multimedia/sen ... -5655.html

Sehr geehrte NDR Rundfunkräte,

sachfremd auf die Folgen für mögliche Koalitionsgespräche in Berlin orientiert, inhaltlich irreführend, unvollständig und teilweise falsch informierte ARD-aktuell über das EU-Zulassungsverfahren für das Unkraut-Vernichtungsmittel Glyphosat. Studio-Antext in der TS-20-Uhr-Ausgabe:

„Die EU-Mitgliedsstaaten haben die Lizenz für das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat um weitere fünf Jahre verlängert. Monatelang war über die erneute Zulassung für die hochwirksame und ebenso umstrittene Substanz gerungen worden. Jetzt belastet die Entscheidung in Brüssel die Bemühungen zur Regierungsbildung in Berlin. Denn nach mehrfachen Enthaltungen....“


„Die EU-Mitgliedstaaten haben“ und nicht: „Eine Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten hat“. Mit einem solchen Bockschuss geht eine 20-Uhr-Nachricht bei ARD-aktuell los....


In den Tagesthemen fand die unangemessene Akzentuierung auf die Koalitionsdebatte gleich in der Anmoderation des Aufmachers statt:

„... schon am Abend ärgern sich die Roten nun schwarz. In die Beratungen der SPD platzte nämlich die Nachricht, dass die EU einer erneuten Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat zugestimmt hat. ...“


Falsch, unvollständig und irreführend war die Nachrichtengestaltung in beiden Sendungen, TS und TT, aus folgenden Gründen:

- Es handelt sich um einen Beschluss des Landwirtschaftsausschusses der EU-Kommission. „Die EU hat beschlossen“ (ARD-aktuell) ist eine grobe, unzulässige Simplifizierung. Denn:

- Der Beschluss hat keine verpflichtende Auswirkung auf die nationale Gesetzgebung der EU-Mitglieder. Deutschland könnte Glyphosat auf nationaler Ebene die Zulassung entziehen. Frankreich und Italien haben bereits bekundet, dass sie bei ihrem Verbot des Herbizids bleiben werden.

- Abstimmungsergebnis und Abstimmungsverhalten der Mitgliedsstaaten wurden nicht dargestellt: 18 der 28 EU-Länder stimmten dafür. Sie repräsentieren 65,71 Prozent der europäischen Bevölkerung. Für eine qualifizierte Mehrheit waren nur 55 Prozent der Staaten nötig, die 65 % der Bevölkerung repräsentieren.

- Es fehlte die wichtige Antwort auf die Frage „Wer hat in der EU-Kommission zugestimmt, wer nicht?"

- Es fehlte die wichtige Information, dass die nötige qualifizierte Mehrheit bei einer Stimmenthaltung Deutschlands nicht zustande gekommen und damit die Lizenzverlängerung für Glyphosat über das Jahresende hinaus auf EU-Ebene gescheitert wäre. Bei zwei vorausgegangenen Abstimmungen dieses Ausschusses in den vergangenen Monaten war wegen der deutschen Enthaltung die Lizenzverlängerung nicht erfolgt.

- Die EU-politischen Konsequenzen für den überraschenden deutschen Schwenk wurden mit keinem Wort erwähnt. Vor allem Frankreich hatte auf die deutsche Enthaltung vertraut.

- Unterlassen wurde der Hinweis, dass die EU grundsätzlich industriepolitischen Interessen den Vorrang vor ökologischen Notwendigkeiten einräumt und Deutschland mit Blick auf die Pharmaindustrie dabei ein Spitzenreiter ist. Das Herbizid Glyphosat verursacht nicht nur Artensterben in der Flora, sondern auch in der Fauna (Stichwort: Bienensterben).

- Es unterblieb ein Hinweis darauf, wer Hersteller des Herbizids ist und im vorliegenden Fall seine marktpolitischen Interessen durchgesetzt hat: Die Bayer-Monsanto AG.

Quellen u.a.:

http://lostineu.eu/vertrauensbruch-in-b ... etresponse
https://netzfrauen.org/2016/10/04/47345/
https://netzfrauen.org/2015/06/05/niede ... s-roundup/
https://www.heise.de/tp/features/Glypho ... 02874.html

Die zu erwartende Verteidigung der Chefredaktion ARD-aktuell, über viele dieser Aspekte habe man bereits in früheren Sendungen berichtet, schon aus Platzgründen seien sie nicht noch einmal unterzubringen gewesen, es sei stattdessen eine Konzentration auf die neuen Implikationen für die deutsche Innenpolitik erfolgt und journalistisch vertretbar,
wäre eine missbräuchliche Interpretation des Programmauftrags. Der verlangt schließlich vollständige und umfassende Information und eine von parteipolitischen Interessen freie Berichterstattung. Dass der Papst zu Ostern den Segen Urbi et Orbi spendet und dass zu Neujahr für Millionen Euro Feuerwerk gezündet wird, das wird auch jedes Mal berichtet und nicht einfach mit dem Hinweis weggelassen, dass diese Informationen schon früher einmal gesendet worden seien.

Der ungewöhnliche Querschuss des der CSU angehörenden Landwirtschaftsministers, die Folgen für das Verhältnis im geschäftsführenden Kabinett sowie zwischen Union und SPD und die weiteren Auswirkungen auf die Sondierungsvorhaben der Parteien waren gesondert zu behandeln.

Zu guter Letzt die formale Kritik am saumäßigen Deutsch, das ARD-aktuell wie gewohnt gebraucht: „Mehrfache“ Enthaltungen“ statt „mehrmalige“, „über die Zulassung für die Substanz gerungen“ – grauslich, einfach grauslich. ARD-aktuell liefert Qualitätsjournalismus, behauptet Chefredakteur Dr. Gniffke. Von selbst käme man nicht darauf.

Freundliche Grüße

Volker Bräutigam, Friedhelm Klinkhammer
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Maren

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Re: Desinformierende Berichterstattung über Glyphosat-Zulassung

BeitragDo 30. Nov 2017, 20:41

Von: gremienbuero@ndr.de
Betreff: Ihre Programmbeschwerde vom 29.11.2017 / "Glyphosat"

Ihre Programmbeschwerde vom 29.11.2017

Sehr geehrter Herr Bräutigam, sehr geehrter Herr Klinkhammer,

ich bestätige den Eingang Ihrer o.g. Beschwerde.

Gemäß § 7 der Geschäftsordnung des NDR Rundfunkrates ist zunächst dem Intendanten des Norddeutschen Rundfunks die Möglichkeit einzuräumen, zu Beschwerden Stellung zu nehmen. Ich habe Ihr Anliegen daher an Herrn Lutz Marmor weitergeleitet mit der Bitte, Ihnen innerhalb eines Monats eine Antwort zukommen zu lassen.

Sollte die Antwort des Intendanten Sie nicht zufriedenstellen, können Sie sich erneut an den Rundfunkrat wenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Günter Hörmann
Vorsitzender NDR Rundfunkrat
_____________________________
NORDDEUTSCHER RUNDFUNK
Gremienbüro

Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg
Tel. (040) 4156-3506
Fax (040) 4156-3452
E-Mail: gremienbuero-beschwerden@ndr.de
_____________________________
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Maren

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Re: Desinformierende Berichterstattung über Glyphosat-Zulassung

BeitragDo 11. Jan 2018, 20:29

Sehr geehrter Herr Klinkhammer,
sehr geehrter Herr Bräutigam,

in Ihrer E-Mail vom 29. November 2017 kritisieren Sie erneut die Berichterstattung von ARD-aktuell.

Ich habe die verantwortliche Redaktion gebeten, zu Ihrer Kritik Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme finden Sie im Anhang.
Stellungnahme_Glyphosat.pdf
(1.63 MiB) 6-mal heruntergeladen


Aus meiner Sicht liegt kein Verstoß gegen die Programmgrundsätze des NDR oder sonstige Vorschriften vor. Durch die Übersendung dieser Stellungnahme bringe ich dies zum Ausdruck.

Mit freundlichen Grüßen

Lutz Marmor

Intendant des Norddeutschen Rundfunks
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Maren

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Re: Desinformierende Berichterstattung über Glyphosat-Zulassung

BeitragDo 11. Jan 2018, 20:31

Sehr geehrte Rundfunkräte,

die Stellungnahme des NDR stellt uns nicht zufrieden.

Herr Dr. Gniffke nennt objektiv falsche Faktendarstellungen sprachliche Verknappungen.

Wir sehen das anders, zumal sprachliche Genauigkeit zu den anerkannten journalistischen Grundsätzen zählt und nicht durch Schlampereien zu ersetzt werden kann.

Im einzelnen:

Entgegen der Darstellung des Herrn Chefredakteurs ist es natürlich wichtig zu erfahren, wer gegen die Einführung von Glysophat gestimmt hat: Insbesondere gehört in diesem Fall z.B. Frankreich zu den Staaten, mit denen Deutschland grundsätzlich Einvernehmen zu erzielen versucht. Dass in diesem Fall darauf verzichtet wurde, zeigt ein weiteres Mal den politischen Egoismus der deutschen Regierung innerhalb der EU, die auch in anderen Fragen deutlich wird.

Der Herr Gniffke meint: "Anders als die Beschwerdeführer behaupten, hat nicht der Landwirtschaftsausschuss der EU-Kommission über die Verlängerung der Zulassung entschieden."

Selbstverständlich hat der Ausschuss über die Verlängerung entschieden, nachzulesen in den entsprechenden Veröffentlichungen.

Genauso richtig ist es, dass Deutschland trotz der Abstimmung die weitere Verwendung von Glysophat im eigenen Land verweigern kann.

Der Chefredakteur – in seinem Gefolge auch der Intendant Marmor – verlautbaren weiter: "In der Tat können in einem Beitrag nicht alle Aspekte eines Themenkomplexes dargestellt werden. Der unserem Programmauftrag entsprechenden Pflicht zur umfassenden Berichterstattung kommen wir nach unserer Auffassung bei Betrachtung der Gesamtheit unserer Nachrichtenangebote nach".

Alle deutschen Rudel-Medien haben relativ deutlich und umfassend auf die Probleme von Glysophat hingewiesen, nur "Gniffke & friends" nicht. Wichtige Aspekte wie den Krebsverdacht nahezu auszuklammern, passt zu Gniffkes Nachrichtenverständnis und seinem Trend zum Regierungsjournalismus. Dass er sich dennoch auf eine pflichtgemäße Berichterstattung beruft, entspricht seinem Verständnis von Realsatire.

Keine Stellungnahme findet sich zu unserem Vorwurf:

"Zu guter Letzt die formale Kritik am saumäßigen Deutsch, das ARD-aktuell wie gewohnt gebraucht: „Mehrfache“ Enthaltungen“ statt „mehrmalige“, „über die Zulassung für die Substanz gerungen“ – grauslich, einfach grauslich. ARD-aktuell liefert Qualitätsjournalismus, behauptet Chefredakteur Dr. Gniffke. Von selbst käme man nicht darauf."

Insoweit wurde ebenfalls gegen die Programmrichtlinien verstoßen, denn zu den journalistisch anerkannten Grundsätzen zählt auch der korrekte Gebrauch der deutschen Sprache.

Wir beziehen uns im übrigen auf unsere Ausführungen in der Beschwerde vom 29.11.17 und bleiben bei unserem Vorwurf, dass die Programmrichtlinien verletzt wurden.

Mit freundlichen Grüßen

F. Klinkhammer, V. Bräutigam

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