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Zeit - Wissen 20.04.2014

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Maren

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Zeit - Wissen 20.04.2014

Beitrag4. Dezember 2014, 19:43

1) Was wollten Sie mit Ihrer Online-Petition gegen Markus Lanz ursprünglich erreichen: Sollte tatsächlich so viel Druck aufgebaut werden, dass das ZDF über die Absetzung der Sendung "Lanz" zu diskutieren hätte, oder war das Ziel - aus einer Verärgerung heraus und damit recht spontan - 'nur' ein Schuss vor den Bug?

Es sollte eine Veränderung hinsichtlich der Qualität und des Anspruchs innerhalb des Formates hergestellt werden. Die Sendung mit S. Wagenknecht war ja nicht der erste grobe Ausrutscher bei Lanz Talkshow (ich erinnere an das unsägliche Interview mit Dirk Müller), aber sie war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Skandalisierung von Meinungen, das Bloßstellen von politisch missliebigen Gästen vor Millionenpublikum, sowie das offensichtlich geplante Zusammenspiel zweier Männer(Jörges + Lanz) um einen weiblichen Talkgast fertig zu machen, hat nichts mit dem Bildungs- und Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Medien zu tun. Wer diese Art prolliges Dschungelcamp mag, soll zu den Privaten wechseln.

2) Waren Sie überrascht von der Resonanz, die die Petition hatte?

Ja. Allerdings wäre dieser Erfolg ohne die unzähligen Multiplikatoren innerhalb der überregionalen Medien nicht denkbar gewesen. Mit jedem neuen Medienbericht wuchs die Zahl der MitzeichnerInnen.

3) Was hat Sie mehr gewundert: die vielen Unterzeichner oder die teils massive Kritik in den traditionellen Medien (und ihrer Online-Ableger), die Ihnen vorhielten, den Mob auf einen wehrlosen Einzelnen zu hetzen, dessen "Berufsverbot" Sie anstrebten?

Gewundert hat mich die enorme Anzahl der MitzeichnerInnen spätestens dann nicht mehr, als mir die Rolle der Presse in diesem Spiel klar wurde. In der ersten Woche hatte ich darüber hinaus überhaupt keine Zeit mich zu wundern, weil ich rund um die Uhr zwischen Interviews und Postfach gefangen war. Ich habe bis heute bei weitem nicht alles gesehen, gelesen oder gehört was berichtet wurde. Momentan bin ich dabei die Berichterstattung in einem Wiki zusammenzufassen.

Ein Berufsverbot habe ich nie angestrebt. Herr Lanz hätte mit seinen Qualitäten eine große Zukunft beim Privatfernsehen. Ich wollte diese Art peinlichen Schmuddeltalk nur nicht weiterhin von BeitragszahlerInnen alimentiert wissen.

Übrigens, die gleichen Medien, die einst den Ex-Bundespräsidenten belagerten und hetzten, bis er nur noch ein Schatten seiner selbst war, seine Ehe und Reputation zerstört war, werfen mir als Einzelperson vor, einen "Mob" gegen einen „Wehrlosen“ zu steuern? Lächerlicher und bigotter geht es ja wohl nicht. Zumal die ehrabschneidende Begrifflichkeit „Mob“ die MitzeichnerInnen in einer Art beleidigt, die völlig unangemessen ist, insbesondere wenn sie von „seriösen“ Medien geäußert wird. Vielleicht besteht ja ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Zeitungssterben und der KonsumentInnenbeschimpfung?

4) Wie erklären Sie sich, dass manche Kritiker so weit gingen, Vergleiche mit antisemitischen Aktionen der Nationalsozialisten anzustellen?

Das ist mir insbesondere bei Joffes Artikel in der DER ZEIT aufgefallen und zeugt meiner Meinung nach lediglich von der Phantasielosigkeit der schreibenden Zunft beim Kampf um die Deutungshoheit von Zeitgeschehen bei gleichzeitigen Abgrenzungsversuchen von den Mitbewerbern. DIE ZEIT greift öfter als andere Medien zur Nazikeule und verharmlost damit in skandalöser Weise den Nationalsozialismus, indem sie völlig abwegige Übereinstimmungen von antisemitischen Aktionen der Nationalsozialisten zu vergleichsweise belanglosen Dingen der Neuzeit zieht. Vielleicht wissen die Verfasser solchen Unfugs nicht, dass sie sich eine Anzeige nach § 130 Strafgesetzbuch einhandeln können, wenn sie im Zustand der geistigen Zurechnungsfähigkeit den Nationalsozialismus verharmlosen.

5) Was hat Sie zur frühzeitigen Beendigung der Unterschriftensammlung bewogen?

Die Mitzeichnungen hatten ziemlich an Dynamik verloren (siehe Statistik: https://www.openpetition.de/petition/st ... unkgebuehr) und die Stimmung in der Presse nahm immer absonderliche Ausmaße an. Darüber hinaus zogen viele UnterstützerInnen (ca. 2%) ihre Unterschrift zurück und der Stress mit meinem überquellenden Postfach nahm kein Ende. Außerdem fand ich, dass 233.355 Mitzeichnungen eine komfortable Größe darstellen und es auch seitens des Herrn Lanz zu deutlichen Reaktionen kam. Er entschuldigte sich bei Frau Wagenknecht, der Sender analysierte die Sendung und räumte Fehler ein. Es war einfach der richtige Zeitpunkt die Petition zu beenden, auch um die mediale Aufmerksamkeit noch in eine positivere Richtung lenken zu können - die Gründung unserer Initiative „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e.V.“. http://forum.publikumskonferenz.de

6) Würden Sie eine solche Aktion ad personam noch einmal starten oder sehen Sie das im Rückblick eher kritisch?

Petitionen gegen eine Person sind natürlich problematisch und openPetition hat schon Konsequenzen gezogen. Allerdings hätte ein weniger polarisierender Titel bei weitem nicht diesen Erfolg nach sich gezogen. Dennoch: Herr Lanz wird seit Anbeginn seiner Verantwortung für „Wetten dass…?“ von Medien aller Couleur niedergeschrieben. Aktionen ad personam tausendfach. Ohne Reue und Skrupel. Einfach mal Google nutzen und den gesammelten medialen Shitstorm, inklusive der Leser-Kommentare, gegen die Person Lanz verfolgen. Was glauben Sie wohl, macht dem „wehrlosen“ Menschen Lanz mehr zu schaffen? Die nicht enden wollende Kritikschwemme der traditionellen Medien und großen Blätter dieser Republik nach jeder verkorksten Sendung „Wetten dass…?“, oder die Petition einer unbekannten Einzelperson, die noch dazu aus dem Osten kommt und "oh Wunder" sächsisch spricht?

Aber um Ihre Frage zu beantworten: Nein, ich würde es nicht wieder tun.


7) Sind Online-Petitionen Ihrer Meinung nach Instrumente einer basisdemokratischen Willensbildung? Wo liegen mögliche Gefahren (auch für die/den Initiator/in einer solchen Petition)?


Online-Petitionen sind die genialste Erfindung seit Bestehen des Internet und eignen sich hervorragend zum Bündeln von Anliegen aller Art.

Ich bin ein großer Fan von internetbasierten Beteiligungsformen und suche gerade mit meinen MitstreiterInnen der „Ständigen Publikumskonferenz“ nach geeigneten Formaten für Mitbestimmung und Bewertung der Programmangebote der Öffentlich-Rechtlichen. Gefahren sehe ich nicht, außer gelegentlichen Stalkern, die man sich bei Aktionen dieser Art einfangen kann. Allerdings sehe ich Grenzen und die liegen eindeutig in der mangelnden Verifizierbarkeit der teilnehmenden NutzerInnen. Wenn ich ernsthafte Veränderungen herbeiführen will, dann brauche ich „echte“ Menschen hinter den Accounts und keine Fakeadressen oder Trollprofile.

Ein wunderbares Beispiel für rechtssichere Online-Beteiligung ist Liquid Friesland. https://www.liquid-friesland.de/ Dort können sich alle Bewohnerinnen des Landkreises mittels Internet an kommunalpolitischen Themen, Abstimmungen, Ideen und Diskussionen beteiligen. Vom Jugendlichen bis zu den RentnerInnen machen dort alle mit. Sicherlich interessant für Ihre SchülerInnen.

Die Zukunft ist nicht analog.

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