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Empörung und Schweigen im Fall Kirill Serebrennikow

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Maren

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Empörung und Schweigen im Fall Kirill Serebrennikow

Beitrag30. Juli 2018, 20:23

Empörung und Schweigen im Fall Kirill Serebrennikow.

Eine Fallstudie zur Propaganda durch Nachrichtenunterdrückung


I.
Vorgeschichte: Kirill Serebrennikow ist ein weltweit gefeierter kritischer Star-Theaterregisseur aus Russland, den der russische Staat wegen vorgeschobener absurder Vorwürfe der Veruntreuung öffentlicher Fördergelder seit 2017 unter Hausarrest hält und damit mundtot machen möchte – so zumindest die offiziell westlich empfohlene Lesart ;-))

In den westlichen Medien wurde über diesen Fall bislang ausführlich berichtet. Politiker haben sich empört; aufrechte Kulturschaffende aus aller Welt offene Briefe an Putin verfasst, mit der Forderung, die politisch motivierten frei erfundenen Vorwürfe sofort fallen zu lassen. Die Oper Stuttgart hat weithin sichtbar mit einem Banner „Free Kirill“ auf der Fassade Haltung gezeigt. Das Hessische Staatstheater widmete dem verfolgten Künstler eine beachtete provokante Installation.

II.
Doch nun – eine unerwartete Wendung: Da hat doch Serebrennikow tatsächlich vor zwei Wochen umfangreiche illegale Geschäftspraktiken eingeräumt, bei einem Gerichtstermin am 18. Juli 2018 in Moskau. Zumindest in D wäre das als Untreue, gewerbsmäßige Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Sozialbetrug im besonders schweren Fall gewertet. Ein Unternehmer in Deutschland müsste für das, was sich Serebrennikow geleistet hat, mit einer landjährigen Haftstrafe rechnen.

Nur in Russland ist das offenbar anders – da versucht das totalitäre System den freien Künstler zu knechten, in dem es ihm zuerst hohe Fördermittel genehmigt, dann aber fies und hinterhältig auf die Einhaltung arbeitsrechtlicher und steuerrechtlicher Bestimmungen pocht und den Künstler damit in seinem kreativen Schaffensdrang behindert.

Ganz schlimm ;-))

III.
Die Medien sind nun in der Zwickmühle: wie nun darüber berichten? Denn es ist klar: Zur Propaganda gegen Russland eignet der Fall Serebrennikow leider nicht mehr.

So wird es ab jetzt totgeschwiegen: Nur ganz wenige deutsche Medien haben den Termin vor zwei Wochen überhaupt erwähnt: nur Welt, DLF und Tagesspiegel. Aber dabei heißt es ausschließlich: Der Hausarrest wurde verlängert, wie böse! Die Tatsache, dass der beschuldigte Star-Regisseur illegale Geschäftspraktiken eingeräumt hat, die auch in D strafbar wären, wird mit keiner einzigen Silbe erwähnt. Kommentarfunktion fehlt.

In englischsprachigen Medien: das gleiche Bild. Aber auch RT und Sputnik haben die Causa offenbar verpennt.

Ich bin mal gespannt, ob Serebrennikow in unseren Medien jemals wieder Erwähnung findet – oder ob er zusammen mit Pawlenski, Babchenko, Skripal und vielen anderen auf der Deponie des abgearbeiteten Propagandamaterials landet und damit in der Versenkung. ;-))

IV. Anhang: Details und Quellen
Ausführlicher zur Sache: Serebrennikow hat ausgesagt, dass sein Theater die überwiesenen Gelder aus der öffentlichen Förderung in Bar abgehoben und verwendet hat, um Schauspieler, sonstiges Personal und Lieferanten über Jahre schwarz in Bar zu bezahlen, um Steuern (und vermutlich auch Sozialabgaben?) einzusparen.

Aber dafür fehlt ihm jedes Unrechtsbewusstsein. Er gibt sich nicht reumütig, sondern kämpferisch. Seine Verteidigungsstrategie: Er habe ja nichts für sich privat gestohlen, sondern durch die „Steueroptimierung“ mehr Projekte realisieren können. Außerdem sei er Künstler und verstehe von Geld sowieso nichts.

Quellen dazu:
Vollständige Aussage von Serebrennikow vor Gericht (detailreich aber langatmig): https://tvrain.ru/articles/ukrali_i_pro ... de-467921/, (beim oppositionellen TV-Sender „Doschd“, mit Google Translator verständlich).

Hier kurze Zusammenfassung: https://www.kommersant.ru/doc/3689493, ebenfalls mit Google Translator.

Bewertung der Aussage von Serebrennikow:
Seine Verteidigungs-Argumentation ist natürlich unhaltbar. Denn Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Sozialbetrug sind keine Bagatelldelikte, vor allem nicht bei dem Umfang von 133 Mio. Rubel. Damit könnte man eine Theatertruppe von 100 Menschen über 3 Jahre lang auf Höhe des russischen Durchschnittslohns schwarz beschäftigen.

In D wären für Vergleichbares ca. 12 Mio. € nötig. Dieses Ausmaß würde in D als besonders schwerer Fall mit hoher krimineller Energie der Täter gewertet. Jeder Theaterdirektor oder Unternehmer, der ähnliches in D aufgezogen oder auch nur toleriert hätte, müsste mit harter Strafverfolgung rechnen. Und auch der Vorwurf der Untreue würde erhoben: Wenn ein Manager in D von einem Unternehmenskonto Bargeld abhebt und eine „schwarze Kasse“ bildet, um damit illegale Geschäfte zu finanzieren, macht er sich der Untreue gegenüber dem Unternehmen strafbar.

Aber vielleicht sind ja auch bei uns Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung durch die Kunstfreiheit geschützt, sofern sie von einem Künstler begangen werden? Das müsste mal jemand testen ;-))

Beitrag von Diogenes

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