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Beschwerde/Anregung: Erst recherchieren, dann berichten

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Maren

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Beschwerde/Anregung: Erst recherchieren, dann berichten

Beitrag3. Juli 2018, 15:02

Norddeutscher Rundfunk
Intendant
Herrn Marmor
Rothenbaumchaussee 132
20149 Hamburg


Radio Bremen
Intendanz
Diepenau 10
28195 Bremen


Beschwerde/Anregung: Erst recherchieren, dann berichten

Sehr geehrter Herr Marmor,
sehr geehrter Herr Metzger

nach Angaben der Polizei ist am 11.06.2018 ein Mann in seiner Wohnung von mehreren Personen niedergeschlagen und dabei schwer verletzt worden. Angeblich dachten die Angreifer, sie hätten den Mann in einer Reportage über Pädosexuelle erkannt, die das RTL-Magazin „Punkt 12" am Mittag gesendet hatte. Allerdings handelt es sich bei dem Mann, der überfallen wurde, nicht um den aus der Reportage, sagt die Polizei. Er soll inzwischen nicht mehr in Lebensgefahr schweben. Die Gruppe von bis zu zehn Männern, die den Fernsehbeitrag gesehen hatten und sich offenbar als Rächer von missbrauchten Kindern aufspielen wollten, glaubte, den Mann und die Adresse erkannt zu haben. Noch während der laufenden Sendung zogen sie zur Wohnung des 50-Jährigen und schlugen ihn halb tot.

In Folge des Vorfalls wurde gegen den Privatsender RTL wegen seines reißerischen Beitrags, der unmittelbar einen Lynchangriff auf einen völlig unschuldigen Bremer zur Folge hatte, von der Bremer Staatsanwaltschaft ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet.


Im April 2018 gab eine „Enthüllung“ eines Recherchenetzwerkes von Süddeutscher Zeitung, NDR und Radio Bremen über vermeintlich schwerwiegende Vorgänge in der Außenstelle Bremen des BAMF den Startschuss für eine wochenlange medienübergreifende Rufmordkampagne gegen die langjährige Leiterin des Bremer BAMF, Ulrike B.. In den Radionachrichten war in Dauerschleife vom „Korruptionsskandal beim BAMF in Bremen“ die Rede, in den nächsten Tagen standen ähnlich reißerische Schlagzeilen in vielen Presseorganen auf Seite eins.

Der Vorwurf: Angeblich habe die Beamtin gemeinsam mit drei Rechtsanwälten und einem Dolmetscher etwa 2000 Asylanträge rechtswidrig positiv beschieden. Ein verdächtigter Anwalt habe dazu sogar Asylbewerber in angemieteten Bussen nach Bremen bringen lassen. Die Frage der Bestechlichkeit und der Vorwurf eines Korruptionsskandals standen permanent im Raum und werden bis zum heutigen Tag in den Internetangeboten der ARD durch die entsprechenden Aufmacher („Asyl-Skandal“, „Korruption beim BAMF“, „Ging es um Geld oder Menschlichkeit“ etc.), insinuiert. (Siehe Anhang)

Der Zusammenhang der vom Rechercheverbund „enthüllten“ BAMF-Affäre mit dem eingangs beschriebenen, aus der Schmuddelecke von RTL geborenem, Lynch-Mob ist schnell hergestellt:

Zitat Prof. Dr. Henning Ernst Müller: „Über die Identität der schon 2016 versetzten langjährigen Leiterin des BAMF in Bremen konnte sich jeder Internet-Nutzer in kürzester Zeit informieren. Etliche einschlägige „flüchtlingskritische“ Betreiber von Blogs bzw. Accounts auf Facebook und Twitter taten das und veröffentlichten den vollständigen Namen, Bilder und weitere persönliche Daten der Hauptbeschuldigten. Sie schrieben dazu Texte, die diese Beamtin im beleidigenden bis hasserfüllten Duktus geradezu als Inkarnation des Bösen darstellen. Sie sei für horrende Schäden verantwortlich, ausgelöst durch die seit der unrechtmäßigen Anerkennung der Asylbewerber ihnen zugeflossenen Sozialleistungen und Unterkunftskosten. Die darunter von anonymen Lesern hinzugefügten Kommentare übertreffen dies noch. Ich werde solche Quellen nicht verlinken, aber sie sind wohl bezeichnend für ein aus dem Ruder laufendes Netz, wenn eine konkrete Person mit Straftatverdacht konfrontiert wird: Weder die Unschuldsvermutung noch eine auch nur ansatzweise menschliche Regung bleibt dann erhalten. Eine anonyme Masse wird zum Rufmord-Mob, der sich durch die Rechercheergebnisse der seriösen Presse und Sender, die man doch sonst auch gern der Lüge bezichtigt, geradezu ermuntert fühlt. Und Staatssekretär Mayer aus dem Innenministerium macht mit, er spricht bei Anne Will von "hoch kriminellen Mitarbeitern" des BAMF.“

Ihnen ist damit hoffentlich klar, welche Klientel Ihr Anteil des „Recherchenetzwerkes“ mit der Enthüllung eines vermeintlichen Skandals bei einer Bundesbehörde bedienen? Sie geben denen Wasser auf die Mühlen, die Ihnen zwar sonst in der Regel kein Wort glauben, aber in diesem Fall bereitwillig der Diffamierung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des BAMF folgen. Es wurde durch das Mitwirken von NDR und Radio Bremen in der Öffentlichkeit eine Stimmung befördert, die Ihre Redakteure im Tagesgeschäft dann wieder bitter beklagen, wenn rechte Kreise die Begriffe „Asyltourismus“ und „Asylmafia“ im Munde führen. Im Wissen, dass die teils chaotischen Zustände (insbesondere in den Jahren 2015/16) im BAMF eine unmittelbare Folge politischer Fehlentscheidungen und asylpolitischer Irrlichterei in Regierungskreisen waren, delegieren Ihre Rechercheure die Verantwortung von der Politik an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des BAMF.

Das, was immer hängenbleibt, sind skandalträchtige Storys und Verschwörungstheorien, die im explizitem Fall vom öffentlich-rechtlich finanzierten Jugendangebot „Funk“ unter dem Deckmantel der Satire für weitere Stimmung unter dem Bevölkerungsteil sorgen wird, der es „schon immer gewusst“ hat.

https://www.youtube.com/watch?v=KoynbMdjNyQ

Inzwischen ist klar, dass von den vermeintlichen Fakten im ursprünglichen Bericht der SZ so gut wie nichts der Wahrheit entspricht. Nun ist es leider so, dass die private Presse schreiben kann was sie will, auch wenn sich die Berichte oftmals als „Fake-News“ entpuppen. In diesen gar nicht so seltenen Fällen runzelt der Presserat kurz die Stirn und es geht weiter wie gehabt.

Daher ist es nicht nachvollziehbar, dass sich öffentlich-rechtlich finanzierte und mit einem klaren Auftrag ausgestattete Journalisten auf Rechercheverbünde mit privaten und klar interessengeleiteten Medienbetrieben einlassen. Verlautbarungsjournalismus und Kaffeesatzleserei in diversen Verbünden sind für eine seriöse Berichterstattung nicht geeignet: Wenn der NDR oder besser noch Radio Bremen (!) wissen wollen, was es in der Außenstelle des BAMF in Bremen (!) mit den „ominösen Bussen“ auf sich hat oder warum dort Anträge aus anderen Außenstellen bearbeitet wurden, so empfiehlt es sich in aller Regel die Pressestelle des Bundesamtes oder die Ausländerbehörden zu kontaktieren und im Sinne der Wahrheitsfindung einfach nachzufragen.

Im Fall der schlecht recherchierten und in Rufmord mündenden Berichte des Verbundes von NDR, Radio Bremen und SZ, stellt sich wiederholt die Frage, ob die Beitragszahler dafür zuständig sind, ein privatwirtschaftliches und gewinnorientiertes Unternehmen wie die SZ zu subventionieren. Es muss doch im Interesse einer objektiven und auftragsgemäßen Berichterstattung laut Staatsvertrag möglich sein, mit den Milliardeneinnahmen aus den Rundfunkbeiträgen eigenständige Rechercheabteilungen in den Sendern aufzubauen, die nicht auf die Mitwirkung der Süddeutschen Zeitung oder anderer Blätter angewiesen sind.

Quellen:
https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/35235/3970250
http://www.migazin.de/2018/06/27/medien ... f-affaere/
https://www.lto.de/recht/hintergruende/ ... -woanders/
https://community.beck.de/2018/06/14/de ... -recherche

Aus Gründen der Transparenz wird dieses Schreiben auf der Webseite des Vereins index.php veröffentlicht.

Mit freundlichen Grüßen

Maren Müller

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Maren

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Re: Beschwerde/Anregung: Erst recherchieren, dann berichten

Beitrag28. Juli 2018, 10:01

Es erreichte uns ein sehr ansprechendes und ausführliches Statement aus dem Hause NDR, namentlich unterzeichnet von der sellvertretenen Leiterin des Ressorts Investigation, Frau Adelhardt. Es wurde trotz ausführlicher Intervention gegen den Hauptvorwurf, Teil einer Rufmordkampagne gewesen zu sein, nicht vollumfänglich auf die Kritikpunkte eingegangen. Insofern wird eine Replik unvermeidlich sein.
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BAMF_NDR_Antwort.pdf
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