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Eingabe: Venezuela-Opposition

Hier veröffentlichen wir externe Programmbeschwerden mit freundlicher Genehmigung der Beschwerdeführer. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die in den Beschwerden thematisierten Anliegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Beschwerdeführer liegen und diese nicht automatisch die Meinung der Forenbetreiber wiederspiegeln.
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Maren

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Eingabe: Venezuela-Opposition

BeitragMo 6. Nov 2017, 19:21

Eingabe: Venezuela-Opposition

https://www.tagesschau.de/ausland/sacha ... s-121.html

Sehr geehrte Rundfunkräte,

erneut hat Dr. Gniffke sein Propaganda-Köfferchen geöffnet. Diesmal hat es wieder Venezuela erwischt:

"In Venezuela entmachtet und eingesperrt, in Europa geehrt. Das EU-Parlament zeichnet die demokratische Opposition des lateinamerikanischen Landes mit dem diesjährigen Sacharow-Preis aus. In der Heimat steht sie unter massivem Druck von Präsident Maduro. "

Die Formulierungen "entmachtet" und "eingesperrt" sind negativ konnotiert, sie haben mit einer objektiven Nachrichtensprache nichts zu tun und verstoßen schon deshalb gegen die Programmrichtlinien.

Zudem: Opposition ist immer „machtlos“, sonst wäre sie nicht Opposition; einsperren kann man allenfalls Oppositionelle, nicht eine komplette Opposition, es werden mit dem Satz auch Grundregeln logischen Denkens ignoriert. Der Begriff "demokratische Opposition" ist manipulativ, da er argumentationslos unterstellt, dass die Gegner dieser Oppostion insgesamt antidemokratisch seien. Dabei unterschlägt ARD-aktuell: Gerade erst vor ein paar Wochen haben Wahlen in Venezuela stattgefunden, aus denen die herrschenden Maduro-Sozialisten als eindeutige Sieger hervorgegangen sind. Gegenüber 2016 haben sie bei den Gouverneurswahlen um 14% auf 54% zugelegt und 18 von 23 Mandaten gewonnen. Dem US-Präsidenten Trump blieb es vorbehalten, unmittelbar nach der Verkündung des Ergebnisses zu behaupten, es seien Wahlfälscher am Werk gewesen. Nicht einmal die EU-Außenbeauftragte Mogerini mochte Trump bestätigen, schon gar nicht wollten das die Wahlbeobachter vor Ort.

Bezeichnenderweise hat ARD-aktuell die Bekanntgabe dieses Wahlergebnisses in den Nachrichten für das deutsche Publikum unterlassen. Positivmeldungen über ein sozialistisch orientiertes Gemeinwesen, noch dazu eines unter Sanktions- und Embargodruck der USA (dem Hort der Menschenrechte, der Demokratie und der Friedfertigkeit überhaupt) sind bei ARD-aktuell nicht drin.

Wohl aber bietet dieses transatlantische Propagandazentrum nun in Endlosschleife Halb- und Pseudoinformationen über den angeblich unmittelbar bevorstehenden Staatsbankrott Venezuelas. Die Betrachtung, dass dies wie im Beispielsfall Argentinien unter Umständen die einzige humanitär vertretbare Überlebensstrategie eines Staates ist, der sich einer kapitalistischen Supermacht nicht unterwerfen mag, kommt für die Qualitätsjournalistentruppe der ARD-aktuell als Betrachtungsweise nicht infrage, ebenso wenig wie ein Blick auf zahlreiche informative Fakten, die über Venezuela verfügbar sind, von „Amerika21“ bis „Telepolis“.

Wer sich dergestalt einseitige Informationen zu Eigen macht, kann nur tendenziös berichten. Das Europaparlament ist, ebenso wie der UN-Sicherheitsrat, zwar eine Quelle, aber eben keine neutrale - und sollte nur eine unter mehreren sein. Kleine Information am Rande: Die reiche Oberschicht Venezuelas, vulgo: „Opposition“ hat für Kapitalabflüsse ins Ausland und die massive Warenverknappung im Inland gesorgt. Dass z.B. Kolumbien den Export von Medikamenten nach Venezuela verweigert, geht auf die kriminellen Aktivitäten eben der venezolanischen Oberklasse zurück.

Keine regierende Partei bleibt fehlerfrei, erst recht nicht eine, die sich gegen wirtschaftliche Erpressung seitens einer Supermacht zur Wehr setzen muss. Die vielen wirtschaftlichen Sanktionen der USA gegen Venezuela und deren mangelnde Rechtsgrundlagen hat ARD-aktuell nie zum Thema gemacht; auch nicht, dass die venozolanische „Opposition“ Gewalttäter und Kriminelle organisierte, die den Straßenkampf bestritten.

Logischerweise gab es auch keine Infos geschweige denn Erklärungsversuche der ARD-aktuell dafür, dass die regierenden „Chavisten“ nach den Frühjahrskrawallen derzeit im Aufwind sind. Nachdenken darüber findet nicht statt, also wird es auch nicht initiiert. Die Tagesschau legt Wert auf ihre Schlagseite. Hilfestellung: Die Bevölkerung Venezulas hat es mutmaßlich einfach satt, die Gewalttätigkeiten ihrer "demokratischen" Oppsition zu ertragen.

Es heisst:

"In dem lateinamerikanischen Land wurden bei einer Protestwelle gegen die Entmachtung des von der Opposition dominierten Parlaments zwischen April und Juli mehr als 120 Menschen getötet.“

Wer da wen erschlug, wer da wen mit Benzin übergoss und anzündete, wird nicht mitgeteilt.

Die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer weist darauf hin, dass zum Manipulationsrepertoire gehört, wichtige Informationen wegzulassen oder durch Passivkonstruktionen zu ersetzen. Diese Manipulation wird "Agent-Deletion" genannt, die Verantwortlichen und ihre Interessen werden dadurch praktisch unsichtbar gemacht. So auch in dieser Nachricht. Das Verschweigen der Täter vermittelt unausgesprochen den Eindruck, als trage die Regierung die ausschließliche Verantwortung für die Toten.

Der Menschenrechtsbeauftragte Saab untersuchte die Fälle im einzelnen und kam demgenüber zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Toten nicht auf das Konto von Regierung oder Sicherheitskräften gehe.

Dieser Bericht zeigt exemplarisch, wie ARD-aktuell manipuliert. Dies verstößt gegen die Programmrichtlinien.

Mit freundlichen Grüßen

F. Klinkhammer, V. Bräutigam
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Maren

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Re: Eingabe: Venezuela-Opposition

BeitragDi 5. Dez 2017, 21:27

Von: l.marmor@ndr.de
Betreff: Ihre E-Mail

Sehr geehrter Herr Klinkhammer,
sehr geehrter Herr Bräutigam,

in Ihrer E-Mail vom 6. November 2017 kritisieren Sie erneut die Venezuela-Berichterstattung von ARD-aktuell.

Ich habe die verantwortliche Redaktion gebeten, zu Ihrer Kritik Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme finden Sie im Anhang.
Stellungnahme_Venez_geschwärzt.pdf
(1.3 MiB) 13-mal heruntergeladen


Aus meiner Sicht liegt kein Verstoß gegen die Programmgrundsätze des NDR oder sonstige Vorschriften vor. Durch die Übersendung dieser Stellungnahme bringe ich dies zum Ausdruck.

Mit freundlichen Grüßen

Lutz Marmor
Intendant des Norddeutschen Rundfunks
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Maren

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Re: Eingabe: Venezuela-Opposition

BeitragDi 5. Dez 2017, 21:28

Eingabe: Venezuela - 6.11.2017


Sehr geehrte Rundfunkräte,

die Stellungnahme des Intendanten und seines Chefredakteurs ist krude und unbrauchbar.

Schon im Absatz „Fakt ist...“ geht der desinformative Rechtfertigungsversuch der NDR-Granden in die nächste Runde, diesmal mit dem Ziel, die Rundfunkräte zu leimen.

Fakt ist, dass in Venezuela auch die zwangsweise Auflösung des Parlaments ein legaler Akt ist, weil dort dem Präsidenten das Recht zusteht, die Schließung zu verfügen und eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen, die das Parlament ersetzt. Fakt ist ferner, dass nicht nur Oppositionspolitiker, sondern alle mit Strafverfahren rechnen müssen, die gewaltsam Widerstand gegen den Präsidenten leisten - und darum handelte es sich hier. Ob sie auch zu hohen Strafen verurteilt werden, steht auf einem anderen Blatt. Dass ihnen solche Strafen „drohen“, ist kalter Kaffee und rechtsstaatliche Norm, nicht nur in Venezuela, aber die Formulierung zeigt erneut die manipulativen Absichten der Chefredaktion bei der Rechtfertigung der schrägen ARD-aktuell-Berichterstattung.

ARD-aktuell behauptet zwar nicht wortwörtlich, dass die Regierung Maduro für die Todesopfer bei den Protestaktionen der Opposition verantwortlich sei, aber das wird indirekt unterstellt, und damit ist es nicht minder eine der üblen Manipulationen in der Venezuela-Berichterstattung. Es steht längst fest, dass die allermeisten Toten nicht auf das Konto der Behörden und Ordnungskräfte gehen, sondern auf das der gewalttätigen Opposition. Das Schema der versteckten Schuldzuweisung ist der Berichterstattung über Libyen, Syrien und der Ukraine entnommen.

Dr. Gniffke versucht außerdem, über das Faktum hinwegzureden, dass bestimmte „renommierte“ Preise sehr wohl nicht nach Verdienst, sondern in politischer Absicht und als Einmischungsversuch in innere Angelegenheiten fremder Länder vergeben werden; zu diesen Preisen gehört auch der Sacharow-Preis. Der ist eben nicht nur eine neutrale Würdigung für friedenspolitische Verdienste. Stellungnamen wie die hier vorliegende müssten ein Intendant und ein Rundfunkrat eigentlich als unverschämte Provokation empfinden. Sie als Vertreter der gesellschaftlich relevanten Gruppen können einem leid tun wegen der Zumutungen, die Sie abzunicken bereit sind. Ersparen wollen wir es Ihnen aber nicht.

Freundliche Grüße

F. KLinkhammer, V. Bräutigam

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