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Tagesschau.de: Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen

Hier veröffentlichen wir externe Programmbeschwerden mit freundlicher Genehmigung der Beschwerdeführer. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die in den Beschwerden thematisierten Anliegen ausschließlich in der Verantwortung der jeweiligen Beschwerdeführer liegen und diese nicht automatisch die Meinung der Forenbetreiber wiederspiegeln.
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Maren

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Tagesschau.de: Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen

Beitrag7. März 2020, 15:42

Dresden, 29.02.2020


Norddeutscher Rundfunk
Anstalt des öffentlichen Rechts
z. Hd. Herrn Intendant Joachim Knuth
Rothenbaumchaussee 132

20149 Hamburg

Programmbeschwerde gegen den Beitrag auf tagesschau.de „Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen“ vom 13.2.2020


Sehr geehrter Herr Knuth,

hiermit lege ich gegen den o. b. Beitrag Programmbeschwerde ein. In dem von mir kritisierten Beitrag „Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen“ vom 13.2.2020 ging es um die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens. Im letzten Absatz wird gemutmaßt, was der Grund für die Bombardierung der Dresdner Innenstadt mit den mehreren 10.000 Toten vorwiegend zivilen Opfern gewesen sein könnte.

Zitat:

„Bei den Angriffen durch britische und amerikanische Bomber am 13. und 14. Februar 1945 starben nach Schätzungen etwa 25.000 Menschen. Große Teile des historischen Stadtkerns und angrenzender Wohnviertel wurden zerstört. Nach Einschätzung britischer Historiker war vor allem das Ziel, die Eisenbahn-Infrastruktur zu zerstören und so die Verlegung deutscher Truppen zur Ostfront zu stoppen.“


Ich bin Dresdner und historisch sehr interessiert, mir sind derlei Einschätzungen bisher nicht bekannt. Auch hat die Historikerkommission dies in ihrem Abschlussbericht nicht erwähnt. (https://www.dresden.de/media/pdf/infobl ... V1_14a.pdf)

Ich auch im Besitz einer Luftaufnahme nach der Bombardierung vom 13. Februar, aus der klar hervorgeht, dass es kaum Beschädigungen der Bahnanlagen gegeben hat. Die Strecken waren nach meinen Kenntnissen bereits nach einer Woche wieder befahrbar. Insofern ist diese in dem Beitrag erwähnte Mutmaßung nicht veröffentlichungswürdig oder hätte durch eine genaue Quellenangabe der britischen Forscher konkret belegt werden müssen.

Der 13. Februar ist für Dresden ein ganz besonders sensibler Termin. Ich persönlich habe auf dem Heidefriedhof mit ansehen müssen, wie bei einer Gedenkveranstaltung, bei dem der Landtagspräsident die Namen der Bombenopfer verlesen hat, die Antifa so massiv gestört hat, dass ein würdevolles Gedenken der Opfer nicht mehr möglich war.
Ich denke, dass die Akteure der Antifa unter anderem auch aus dem in der Kritik stehenden Bericht ihre Legitimation hernehmen, sich so ungebührlich verhalten zu können.

Ich bin überzeugt, dass der Tagesschau hierbei eine ganz besondere Verantwortung zu Teil wird.
Ungeachtet meiner Programmbeschwerde appelliere ich daher an Sie, zukünftig mit Ihrer Autorität darauf hinzuwirken, dass dieses Thema mit mehr Sorgfalt und schon gar nicht mit nicht belegbaren Mutmaßungen bearbeitet wird.

Gestatten Sie mir noch eine kleine Anmerkung.

Ich wollte ursprünglich keine Programmbeschwerde schreiben, vielmehr wollte ich der Redaktion auch die Möglichkeit einräumen, mir diese Quellen zu benennen, leider habe ich bis heute keine Antwort auf meine E-Mail vom 17.2.2020 (siehe Anlage) erhalten.

Ungeachtet des Ausgangs meiner Programmbeschwerde, bitte ich Sie als Intendant dafür Sorge zu tragen, dass es zumindest eine Eingangsbestätigung der E-Mail gibt.

Nichtreaktion ist immer ein Zeichen von Geringschätzung.


Mit freundlichen Grüßen

T. Küllig



Anlage

Gesendet: Montag, 17. Februar 2020 um 21:53 Uhr

An: zuschauerpost@tagesschau.de
Cc: Marcus.Bornheim@ard.de

Betreff: Nachfrage zum Beitrag „Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen“ vom 13.2.2020

Sehr geehrte Damen und Herren,

in dem Beitrag „Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen“ vom 13.2.2020 https://www.tagesschau.de/inland/dresde ... r-101.html schreiben Sie:

„Bei den Angriffen durch britische und amerikanische Bomber am 13. und 14. Februar 1945 starben nach Schätzungen etwa 25.000 Menschen. Große Teile des historischen Stadtkerns und angrenzender Wohnviertel wurden zerstört. Nach Einschätzung britischer Historiker war vor allem das Ziel, die Eisenbahn-Infrastruktur zu zerstören und so die Verlegung deutscher Truppen zur Ostfront zu stoppen.“

Ich bin Dresdner und historisch sehr interessiert, mir sind derlei Einschätzungen bisher aber nicht bekannt. Vielmehr bin ich im Besitz einer Luftaufnahme nach der Bombardierung vom 13. Februar, aus der klar hervorgeht, dass es kaum Beschädigungen der Bahnanlagen gegeben hat. Die Strecken waren nach meinen Kenntnissen bereits nach einer Woche wieder befahrbar.

Mich würden daher interessieren, welche Historiker diese Einschätzung vorgenommen haben. Könnten Sie mir bitte die Namen und die entsprechenden Studien/Einschätzungen inclusive der Quellenangabe nennen bzw. zusenden.

Freue mich auf Ihre baldige Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

T. Küllig
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Maren

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Re: Tagesschau.de: Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen

Beitrag22. März 2020, 18:14

Von: publikumsservice@tagesschau.de
Datum: 18. März 2020 um 18:58:53 MEZ
An:
Betreff: Ihr Schreiben vom 29.02.2020

Sehr geehrter Herr Küllig,

vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 29.02.2020, die uns vom Intendanten des Norddeutschen Rundfunks, Joachim Knuth, zur Beantwortung weitergeleitet wurde.

In Ihrem Schreiben kritisieren Sie den Artikel "Der Opfer gedenken, die Demokratie verteidigen" auf tagesschau.de über die Gedenkveranstaltung zur Bombardierung Dresdens 1945. Sie halten die im Artikel genannten Einschätzungen britischer Historiker, dass Ziel der Bombardierungen die Eisenbahn-Infrastruktur war, für "Mutmaßungen", die nicht veröffentlichungswürdig seien oder durch Quellenangaben konkret belegt hätten werden müssen.

Sie leiten Zweifel vom "Besitz einer Luftaufnahme nach der Bombardierung vom 13. Februar" her, aus der hervorgehe, dass es kaum Beschädigungen der Bahnanlagen gegeben habe. Außerdem schreiben Sie, dass "die Akteure der Antifa unter anderem auch aus dem in der Kritik stehenden Bericht ihre Legitimation hernehmen, sich so ungebührlich verhalten zu können" und sind "überzeugt, dass der Tagesschau hierbei eine ganz besondere Verantwortung zu Teil" werde.

Wir nehmen dazu wie folgt Stellung:

tagesschau.de hat korrekt die Aussage des britischen Historikers John Overy (Universität Exeter) zur Bombardierung Dresdens wiedergegeben. Im Hörfunk-Beitrag von ARD-Korrespondent Jens-Peter Marquardt sagt Overy: "Das Ziel war, die Eisenbahn-Infrastruktur zu zerstören und die Verlegung deutscher Truppen zur Ostfront gegen die Rote Armee zu stoppen." https://www.tagesschau.de/multimedia/au ... 84955.html Overys "The Bombing War" (2013) gilt neben Frederick Taylors "Dresden. Tuesday, 13 February, 1945 " (2004) unter Historikern als das wichtigste wissenschaftliche Standardwerk zu den Ereignissen von 1945.

Die von Ihnen genannte Historikerkommission hatte den Auftrag, den "aktuellen Forschungsstand zur Zahl der durch die Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 getöteten Menschen festzustellen". Es ist also methodisch folgerichtig, dass dort keine Forschungsergebnisse zu Zielen der Bombardierungen zu lesen sind. http://www.dresden.de/media/pdf/infobla ... V1_14a.pdf

ARD-aktuell hat den Programmauftrag, objektiv zu berichten, im speziellen Fall über den Stand historischer Forschung. ARD-aktuell wird deshalb nicht in einen wissenschaftlichen Dialog eintreten, im speziellen Fall kann ARD-aktuell sich nicht zu den genannten Luftaufnahmen äußern.

Quellenangaben, wie Sie einfordern, können selbstverständlich Teil nachrichtlicher Berichterstattung sein, müssen es aber nicht, erst Recht nicht bei einem erklärenden Seitenaspekt zu einer Hauptnachricht. Im kritisierten Artikel von tagesschau.de war der inkriminierte Satz einer von dreien, die Hintergründe lieferten zu dem eigentlichen Berichtsgegenstand: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief am 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens zum Widerstand gegen Anti-Demokraten auf.

Wir können keine Stellung nehmen zu Ihrer Überzeugung, dass eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe ("Antifa") aus einem tagesschau.de-Bericht eine Legitimation zum Handeln ableitet. ARD-aktuell sieht keine Verantwortung für das Handeln anderer.

Freundliche Grüße

Marcus Bornheim
Erster Chefredakteur ARD-aktuell

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