Und immer wieder Massagesitze: Die Vorverurteilungen im „Fall Schlesinger“
Patricia Schlesinger wurde von den Medien im Streit mit dem RBB als Schuldige vorverurteilt. Dabei merkt kaum jemand, dass nicht sie, sondern den Sender die Schuld trifft. […]
Patricia Schlesinger wurde 2016 als Intendantin des RBB angeworben, um den Hauptstadtsender sichtbarer und innerhalb der ARD-Anstalten relevanter zu machen. Zudem sollte sie das Fernsehprogramm reformieren, die Rolle des RBB in Berlin und Brandenburg stärken und die Multimedialität ausbauen.
Das waren Schlesingers Aufgaben. Und sie lieferte:
– Sie holte das ARD-Mittagsmagazin nach Berlin. Der Marktanteil stieg. Der Spiegel lobte sie: Es sei eine kleine Sensation, wenn der RBB das neue ARD-Mittagsmagazin im ZDF-Hauptstadtstudio produziere.
– „Kontraste“ vom RBB wurde zum erfolgreichsten Politikmagazin der ARD
– RBB-Produktionen bekamen Preise und wurden für Oscar und Emmy nominiert.
– Der RBB erhielt erstmals den Posten des stellvertretenden Chefredakteurs im Berliner Hauptstadtstudio.
– Brandenburg erhielt 14 neue Regionalkorrespondenten.
– Der RBB sollte vom WDR die Federführung des ARD-Studios in Warschau übernehmen: sein erstes eigenes Auslandsstudio.
– Schlesinger stärkte finanziell und personell die investigative Berichterstattung und schuf eine crossmediale Investigativredaktion.
– Im Netz wurde der RBB mit rbb24, rbbkultur und crossmedialen Sport-Angeboten deutlich präsenter.
– Der Marktanteil des RBB-Fernsehprogramms stieg von 5,4 Prozent im Jahr 2016 auf 6,3 Prozent im Jahr 2021. […]
Schlesingers Erfolge blieben nicht unbemerkt. Der NDR versuchte, sie als Intendantin abzuwerben. Auch die Leitung von SWR, BR und ZDF wurde ihr angetragen. Alle diese Posten waren deutlich besser dotiert als ihrer. Dem RBB waren die ständigen Abwerbeversuche nicht verborgen geblieben. Er appellierte an die Intendantin, in Berlin zu bleiben, denn unzufrieden mit ihrer Arbeit war man damals ganz und gar nicht – im Gegenteil: Sie wurde 2021 mit überragender Mehrheit für eine zweite Amtszeit wiedergewählt: „Patricia Schlesinger hat mit ihrem Team weitreichende Veränderungen klug und erfolgreich auf den Weg gebracht“, lobte die Vorsitzende des Rundfunkrates. Die Wiederwahl sei ein „gutes Signal für das Publikum des RBB“.
Und so entschied sich Patricia Schlesinger stets dafür, „ihre Aufgaben beim RBB zu Ende zu bringen“. „Karrieretourismus“ liege ihr nicht, so formulierte sie es. […]
Schließlich nahm sich die Intendantin eines besonders herausfordernden und zukunftsträchtigen Projekts an: Nach dem Vorbild von CNN sollte „tagesschau24“ endlich zu einem ernstzunehmenden 24/7- Nachrichtensender ausgebaut werden. Auch der Springer-Verlag versuchte, mit Welt TV und Bild TV auf dem Markt erfolgreich zu sein. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist bekanntermaßen seit langem ein Dorn im Auge des Springer-Konzerns. Nun galt dies erst recht.
Und dann begann die Berichterstattung des Springer-Verlages, die alles änderte. Business Insider und Bild- Zeitung starteten einen medialen Feldzug, der schnell von Medien jeglicher politischen Couleur aufgegriffen wurde.
Die Rede war von Korruption, Verschwendung und Gier beim RBB. […] Das konservative bis (sehr) rechte Lager schäumte sowieso vor Wut, als die Berichte über angebliche Korruption im RBB erschienen.
Doch auch ÖRR-freundliche linksliberale Medien nahmen das Narrativ von der angeblich so verschwenderischen Intendantin gerne auf: Durch die Umlenkung der Aufmerksamkeit weg vom RBB und der ARD hin zu einem persönlich verantwortlichen „Bauernopfer“ schützten sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor den beständigen Angriffen von rechts. […]
Doch ARD und RBB erkannten schnell, dass öffentliche Erregung unabhängig davon ein Problem ist, ob sie sachlich gerechtfertigt ist oder nicht. Es geschah also das, was Experten für Krisen-PR in solchen Fällen empfehlen: Wenn sich eine Reputationskrise auf eine einzelne Person konzentrieren lässt, soll man diese zum Sündenbock machen, sich von ihr trennen und auf sie eindreschen. So lenkt man von sich selbst ab. Und genau das tat der RBB: Nachdem Patricia Schlesinger ihr Amt bereits niedergelegt hatte, feuerte der Sender sie medienwirksam vor der Untersuchung der Vorfälle und strich ihr die in mehr als 30 ARD-Jahren erarbeitete Betriebsrente. Das DMH wurde gestoppt und der RBB auf einen personal- und kostenintensiv produzierenden, technisch kaum zukunftsfähigen Regionalsender zurückgestutzt, der in der „ARD-Familie“ niemanden bedroht. Das „Mittagsmagazin“ wurde an den MDR gegeben, der WDR führt nun wieder das ARD-Büro in Warschau. Die alte Machtverteilung innerhalb der ARD war wieder hergestellt.
Zur Begründung des Rauswurfs zeichnete der RBB von Schlesinger im Nachhinein das Bild einer skrupellosen, selbstoptimierenden, verschwenderischen und unfähigen Managerin.
